In dieser Hausarbeit wird untersucht, inwiefern die Mythisierung der Person Ernst Thälmann zur Legitimation der SED beitragen konnte.
Der Philosoph Ernst Cassirer hielt es für offensichtlich, „daß große Massen viel leichter durch die Gewalt der Einbildung bewegt werden, als durch reine physische Gewalt.“ Die Einbildung speist sich aus dem Material der Erinnerung. Wer bestimmen kann, wer oder was auf welche Art und Weise zu erinnern ist, hält demnach ein bedeutendes Machtmittel in seinen Händen. Dieses Machtmittel anzuwenden, das heißt jede Handlung eines politischen Akteurs, die darauf abzielt, zur Beantwortung der Frage nach dem richtigen Objekt und dem angemessenen Modus der kollektiven Erinnerung einer sozialen Gruppe beizutragen, ist als geschichtspolitische Handlung zu betrachten. Eine solche Steuerung des Geschichtsbildes – einer Staatsbevölkerung zum Beispiel – kann zur Legitimation politischen Handelns beitragen, indem sie dieses Handeln als notwendige Reaktion auf die (konstruierte) Vergangenheit darstellt.
Die geschichtspolitische Aktivität der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ist aus zweierlei Gründen ein besonders interessantes Untersuchungsobjekt für eine Analyse geschichtspolitischer Strategien. Zum einen „verfügte die DDR über keine selbstverständliche, nationalstaatliche Grundlage“, die das Handeln ihrer Regierung oder überhaupt erst ihre Existenz als Staat hätte legitimieren können. Aus diesem Mangel erwuchs die Not nach einer alternativen identitätsstiftenden Narration, denn „Herrschaft braucht Herkunft.“ Um das nötige Verständnis von Einheit in einer sozialen Gruppe herzustellen, bedarf es einer Kontinuitätsnarration, die das Bestehen der Gruppe aus einer gemeinsamen Vergangenheit erklärt. Eine soziale Gruppe, also eine imaginierte Gemeinschaft wie eine Nation oder ein Volk, existiert nur, insoweit sie sich selbst als solche versteht.6 Zum anderen boten die Strukturen des totalitären Staates DDR der dort herrschenden Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) die Möglichkeit, eine solche Narration auf allen Kanälen zu verbreiten, um die entworfene kollektive Identität populär zu machen und im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der politische Mythos
2.1 Bedeutsamkeit: die Währung des Mythos
2.2 Der politische Mythos als Zeichensystem
3. Politischer Mythos in der DDR
3.1 Ernst Thälmann als sozialistischer Held
3.2 Die Arbeit am Ernst-Thälmann-Mythos im DEFA-Film
4. Schlussbetrachtung
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Konstruktion und Funktion des Ernst-Thälmann-Mythos als zentrales Element der geschichtspolitischen Strategie in der DDR. Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, inwiefern die mediale Inszenierung der KPD-Vorsitzenden-Biographie dazu diente, die Legitimität des DDR-Staates und die Politik der SED gegenüber der Bevölkerung zu rechtfertigen.
- Analyse politischer Mythen anhand theoretischer Konzepte (Cassirer, Blumenberg, Barthes).
- Untersuchung der Funktion von Ernst Thälmann als sozialistische Kultfigur und Identifikationsfigur.
- Dekonstruktion der filmischen Darstellung in den DEFA-Produktionen „Sohn seiner Klasse“ und „Führer seiner Klasse“.
- Aufdeckung von Mythenkonstruktionswerkzeugen wie Steigerung, Synchronisierung und Umtypisierung.
- Reflektion über das Spannungsfeld zwischen offizieller Geschichtspolitik und kollektivem Bewusstsein.
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Arbeit am Ernst-Thälmann-Mythos im DEFA-Film
Im Folgenden soll betrachtet werden, wie die Konstruktion des Ernst-Thälmann-Mythos als geschichtspolitisches Handeln geleistet wurde. Dazu soll die Narration, die in den Filmen Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse und Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse vorgestellt wird, auf Elemente der Mythenkonstruktion, im Besonderen auf mögliche Abweichungen von der historischen Wirklichkeit und Auslassungen von Stationen auf Thälmanns Lebensweg, hin untersucht werden. Der Zweiteiler war bereits dadurch, dass er die erste Verbildlichung der Geschichte des KPD-Vorsitzenden darstellte, prägend „für das offizielle Bild des KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann, das bis zum Ende der DDR Bestand hatte.“
Um dieses Bild möglichst populär zu machen, wurde die Werbung für den Film vom 1950 eigens für diese Filmproduktion ins Leben gerufenen Thälmannkollektiv, dem neben Vertretern „aller leitenden Gremien der DEFA“ stets auch ein Mitglied des Politbüros angehörte, bis ins kleinste Detail geplant. Der Film wurde in Betrieben gezeigt und eine Vorführung des Films war als Pflichtveranstaltung für alle Schulformen vorgesehen. Das Filmprojekt war für die politische Führung der DDR ein Unterfangen höchster Bedeutung. Besonders Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht, die selbst im Film dargestellt werden, waren intensiv an der Realisierung des Filmes beteiligt. Dabei hatten sie nicht nur auf die inhaltlichen Aspekte des Filmes, sondern auch auf die künstlerische Darstellung Einfluss. Als Vorbild sollte der Film Der Schwur dienen, in welchem Stalins Machtanspruch nach Lenins Tod gerechtfertigt werden sollte. Die Thälmann-Filme waren also auch Selbstinszenierung der politischen Elite der DDR, „die als Erbe das Vermächtnis des ehemals ersten Mannes der KPD zu übernehmen gedachte.“ Es ist also zu erwarten, dass die im Film dargestellten Vorgänge nur dann der historischen Wirklichkeit entsprechen, wenn dies zur Legitimation des SED-Regimes beiträgt, und dass Ereignisse, die dem entgegenwirken, in den Filmen nicht behandelt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung der geschichtspolitischen Steuerung durch die DDR-Regierung ein und erläutert die Forschungsfrage hinsichtlich der Legitimationsfunktion des Ernst-Thälmann-Mythos.
2. Der politische Mythos: Das Kapitel erarbeitet ein theoretisches Grundgerüst für das Verständnis politischer Mythen, indem es Konzepte von Cassirer zur Bedeutsamkeit und Barthes zur Semiotik von Mythen verknüpft.
2.1 Bedeutsamkeit: die Währung des Mythos: Hier wird analysiert, wie durch Mechanismen wie Steigerung und Umtypisierung Bedeutung generiert wird, um ein Objekt in das mythische Denken zu überführen.
2.2 Der politische Mythos als Zeichensystem: Dieses Kapitel erläutert die metasprachliche Funktion mythischer Aussagen, die den Rezipienten dazu drängen, die Welt in einem manichäischen System aus Gut und Böse zu betrachten.
3. Politischer Mythos in der DDR: Der Fokus liegt auf der Notwendigkeit einer Legitimationsnarration für die SED, wobei der Thälmann-Mythos als Identifikationsfigur für das DDR-System fungierte.
3.1 Ernst Thälmann als sozialistischer Held: Hier wird Thälmanns Rolle als „Kriegerheld“ und „politischer Führer“ untersucht, die fest mit den Legitimationsprinzipien der DDR verknüpft war.
3.2 Die Arbeit am Ernst-Thälmann-Mythos im DEFA-Film: Das Kapitel dekonstruiert die filmische Mythenbildung, indem es Abweichungen von der historischen Realität aufzeigt, um das politisch erwünschte Thälmann-Bild zu stützen.
4. Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert, dass die Manipulation der Thälmann-Geschichte wesentlich dazu beitrug, das SED-Regime zu legitimieren, auch wenn die Filme als Alibi-Narration durchschaut werden konnten.
5. Literaturverzeichnis: Hier werden alle verwendeten Filmquellen und die wissenschaftliche Fachliteratur aufgelistet.
Schlüsselwörter
DDR, Ernst Thälmann, SED, politischer Mythos, Geschichtspolitik, DEFA, Legitimationsnarration, Antifaschismus, Bedeutsamkeit, Ernst Cassirer, Roland Barthes, Identifikationsfigur, sozialistischer Held, Mythenkonstruktion, Zeitgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie die Regierung der DDR mithilfe des Ernst-Thälmann-Mythos ihre eigene Existenz und Ideologie geschichtspolitisch zu legitimieren versuchte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder umfassen die Theorie des politischen Mythos, die geschichtspolitische Strategie der SED sowie die mediale Inszenierung historischer Figuren in den DEFA-Spielfilmen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, inwiefern die Konstruktion, Kommunikation und Rezeption der Lebensgeschichte von Ernst Thälmann dazu beitrug, den DDR-Staat und die Politik der SED zu rechtfertigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die kulturwissenschaftliche und semiotische Analyse, insbesondere aufbauend auf den Theorien von Ernst Cassirer (Mythosbegriff), Hans Blumenberg (Bedeutsamkeit) und Roland Barthes (Mythen des Alltags).
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Herleitung des politischen Mythos und wendet diese Erkenntnisse konkret auf die DEFA-Filme „Sohn seiner Klasse“ und „Führer seiner Klasse“ an.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind DDR, Ernst Thälmann, SED, politischer Mythos, Geschichtspolitik, DEFA, Legitimationsnarration, Antifaschismus und Bedeutsamkeit.
Wie genau gehen die DEFA-Filme mit historischen Fakten um?
Die Arbeit zeigt, dass die Filme Fakten manipuliert haben, indem Ereignisse umtypiert, Lebensstationen ausgelassen oder historisch nicht belegte Begebenheiten konstruiert wurden, um das Bild des „heldenhaften Führers“ zu wahren.
Welche Rolle spielten SED-Funktionäre bei der Filmproduktion?
SED-Größen wie Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht waren intensiv an der inhaltlichen und künstlerischen Realisierung der Filme beteiligt, um sicherzustellen, dass das Ergebnis vollumfänglich der Parteilinie entsprach.
Wurde der Mythos von der Bevölkerung immer akzeptiert?
Die Arbeit führt aus, dass der Mythos zwar eine große Bedeutung für das System hatte, Rezipienten die Narration jedoch oft als Alibi-Konstrukt für die dahinterstehende Ideologie durchschauen konnten.
- Arbeit zitieren
- Julian Dressler (Autor:in), 2017, Die Konstruktion und Funktion politischer Mythen. Der Ernst-Thälmann-Mythos in der geschichtspolitischen Strategie der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369351