Spectacula in römischer Dichtung. Der Faustkampf in der Aeneis im Vergleich zur Ilias


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

25 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Begründung der Textauswahl
1.2 Einordnung des Textes in das Gesamtwerk
1.3 Darstellung des Forschungsstandes

2 Der Faustkampf zwischen Dares und Entellus (Verg. Aen. 5,362-484)
2.1 Ankündigung und Beginn eines neuen Wettkampfes (Verg. Aen. 5,362-400)
2.2 Das restliche Kampfgeschehen (Verg. Aen. 5,401-484)
2.3 Zusammenfassung

3 Darstellung des Faustkampfes bei Homer (Hom. Il. 23,651-699)
3.1 Inhalt
3.2 Verhältnis zu Vergil (Verg. Aen. 5,362-484)

4 Ergebnisse

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einem Textausschnitt aus der Aeneis des römischen Dichters Vergil und untersucht den Faustkampf zwischen Dares und Entellus (Verg. Aen. 5,362-484) unter besonderer Berücksichtigung der Verse 362-400. Ziel ist es, einen Eindruck davon zu gewinnen, wie Vergil in seinem Text den Faustkampf nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich und stilistisch darstellt.

Dazu wird der gewählte Textabschnitt zu Beginn im Gesamtwerk des Autors positioniert. Damit einhergehend wird auch die Wahl dieses Ausschnittes begründet. Eine kurze Darstellung des bisherigen Forschungsstandes schließt sich an.

Der Hauptteil dieser Arbeit beschäftigt sich mit dem Text an sich. Um den gesamten Faustkampf zu besprechen, aber diese Arbeit dennoch nicht zu umfangreich zu gestalten, werden die Verse 362-400 in einem eigenen Kapitel betrachtet und eingehend sprachlich und stilistisch untersucht. Anhand dieser Untersuchung soll sich ein Überblick darüber ergeben, wie Vergil den Beginn des Kampfes beschreibt und wie er die Kämpfer charakterisiert. Ebenfalls soll die These, dass das Ergebnis des Kampfes bereits vor dem eigentlichen Beginn des Faustkampfes festgestanden hat, untersucht werden. Weiter wird der Frage nachgegangen, ob sich anhand dieser Merkmale Indizien finden lassen, die dafür sprechen, dass Vergil selbst eine Meinung zu den Faustkämpfern hat und sie in seiner Erzählung zum Ausdruck bringt. Inwiefern das Publikum durch sein Verhalten diese Ansicht Vergils unterstützt, wird ebenfalls besprochen.

Der restliche Abschnitt (401-484) wird in einem zweiten Kapitel dargestellt. Hier kann eine Betrachtung jedoch nicht über eine weitestgehend inhaltliche Behandlung und einen Verweis auf Sekundärliteratur in den Fußnoten hinausgehen.

Das daran anschließende Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, wie Faustkämpfe bei anderen Autoren dargestellt werden. Dazu wird eine Faustkampfdarstellung in Homers Ilias herangezogen, die mit den aus Verg. Aen. 5,362-400 herausgearbeiteten Merkmalen verglichen wird. Ziel der Betrachtung ist es einerseits, den Faustkampf inhaltlich und stilistisch zu beschreiben, und andererseits, Parallelen und Unterschiede in der Darstellung ebendieser im Vergleich von Homer und Vergil aufzuzeigen.

Damit einher geht im Anschluss die Frage, ob Vergil den Faustkampf in der Ilias gekannt haben könnte und in welchem Umfang er aus Homers Darstellung des Faustkampfes seinen eigenen Faustkampf nachgestaltet und diesen sogar verändert hat. Die Stichworte imitatio und aemulatio werden in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen, denn es werden Überschneidungen und Abweichungen zwischen beiden Darstellungen aufgezeigt und besprochen.

Den Abschluss dieser Arbeit bildet eine Zusammenfassung der Ergebnisse.

1.1 Einordnung des Textes in das Gesamtwerk

In seinem Werk Aeneis beschäftigt sich der römische Dichter Vergil mit der Irrfahrt des Aeneas von der Zerstörung Trojas bis hin zur Gründung Roms.

Auf seiner Reise trifft Aeneas in Karthago auf die Königin Dido, die sich in ihn verliebt. Angetrieben von Venus, die ihm sagt, er müsse weiterreisen, macht sich Aeneas auf den Weg nach Italien und lässt Dido zurück. Während der Reise nach Italien stirbt Anchises, der Vater des Aeneas, und ihm zu Ehren werden auf Sizilien Leichenspiele veranstaltet, die aus insgesamt fünf Spielen bestehen. Einem Schiffsrennen und einem Wettlauf folgt als dritter Wettkampf der in dieser Arbeit thematisierte Faustkampf zwischen Entellus und Dares. Mit einer Länge von knapp 120 Versen ist der Faustkampf nach dem Schiffsrennen die zweitlängste Beschreibung eines Wettkampfes innerhalb des fünften Buches der Aeneis.

An das Ende des behandelten Abschnitts schließt direkt der Wettkampf im Bogenschießen an. Das Reiterspiel zu Ehren des Ascanius ist der letzte der fünf Wettkämpfe und bildet zugleich den Abschluss der Leichenspiele für Anchises.[1]

1.2 Begründung der Textauswahl

Diese Stelle wurde aus mehreren Gründen gewählt. Einerseits bildet der in diesem Textausschnitt dargestellte Boxkampf einen wichtigen Teil der Leichenspiele für Anchises, indem er die Beziehung von jüngerer und älterer Generation thematisiert. Anhand der genaueren Untersuchung des Kampfgeschehens, der Interaktion der beiden Kontrahenten und des (un)erwarteten Ergebnisses des Kampfes soll deutlich werden, wie Vergil das Verhältnis von Jung und Alt darstellt, wie er in seinem Text allein durch die Verwendung unterschiedlicher Wörter gewisse Ereignisse erahnen lässt und wodurch sich eine Kampfbeschreibung durch Vergil auszeichnet. Andererseits kann an dieser Textstelle herausgearbeitet werden, wie sich Vergil an den Werken anderer Autoren orientiert. In diesem Zusammenhang kann auch der Frage nachgegangen werden, inwiefern Vergil diese Texte nicht nur als nachahmenswerte Vorbilder betrachtet, sondern auch versucht, sie zu übertreffen. Deshalb soll ein zweiter Schwerpunkt dieser Arbeit auf dem Vergleich der Faustkampfdarstellungen liegen.

Somit habe ich den Text hauptsächlich aus zwei Gründen ausgewählt. Erstens lässt sich an ihm Vergils literarische Technik bei der Darstellung eines Kampfes zeigen und zweitens kann gut ein Vergleich zwischen verschiedenen Autoren angestellt werden, der zum Ziel hat, den Grad zu beschreiben, in dem sich Vergil an Vorlagen orientiert.

1.3 Darstellung des Forschungsstandes

Der Faustkampf in Verg. Aen. 5,362-484 ist in der Forschung oft behandelt worden. Meist wird jedoch nicht der gesamte Kampf untersucht, sondern es werden kleinere Auszüge daraus verwendet, um z. B. die Funktion verschiedener Boxhandschuhe zu untersuchen, wie Theodore D. Papanghelis[2] oder Siegfried Mendner, die jedoch in ihren Aussagen teilweise zu weit gehen. So sagt Mendner, die metallenen Kampfriemen lösten die einfachen ledernen ab, um den Kampf grausamer zu gestalten.[3] Weiter benutzt Andrew Feldherr z. B. den Boxkampf, um auf das Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart hinzuweisen. Er geht davon aus, Vergil wolle mit dem Faustkampf zwischen Dares und Entellus frühere Faustkämpfe in Erinnerung rufen.[4] Als dritte Gruppe gibt es Autoren, die anhand der Kampfdarstellung Indizien für Vergils Sicht auf die Jugend ausmachen wollen. So sieht Lee Fratantuono im Kampf Entellus gegen Dares den ewigen Konflikt des Alters mit der Jugend.[5]

Dieser kurze Überblick soll genügen, um deutlich zu machen, dass der Faustkampf in Vergils Aeneis ein in der Forschung recht oft behandeltes Thema ist. Dabei wurde dieser meines Erachtens jedoch nie nach den in dieser Arbeit behandelten Kriterien und Merkmalen, welche im Folgenden näher bestimmt werden, untersucht. Diese Aufgabe soll die vorliegende Arbeit erfüllen.

2 Der Faustkampf zwischen Dares und Entellus (Verg. Aen. 5,362-484)

Im Folgenden wird der gewählte Textauszug in zwei Teilen eingehend inhaltlich, sprachlich und stilistisch untersucht. Aus Gründen der Übersichtlichkeit und des Umfangs wird der erste Abschnitt (Verg. Aen. 5,362-400) gesondert betrachtet. Die restlichen 84 Verse des Kampfes können nur inhaltlich und an markanten Stellen besprochen werden.

Diese Aufteilung wurde gewählt, da in den Versen 362-400 bereits die Merkmale der Kampfsituation vorhanden sind, die mit den Kampfdarstellungen in Homers Ilias verglichen werden sollen. Beide Kämpfer werden hier vorgestellt und charakterisiert und infolgedessen kann, so eine These dieser Arbeit, der Ausgang des Kampfes schon an diesen ersten Versen erahnt werden. Die übrigen Verse dienen demnach nur dazu, die in den vorigen Versen gemachten Aussagen zu verifizieren bzw. zu profilieren und können dementsprechend im Zuge dieser Arbeit vernachlässigt werden. In der Folge wird deshalb der restliche Abschnitt des Kampfes (401-484) nicht so eingehend betrachtet.[6]

2.1 Ankündigung und Beginn eines neuen Wettkampfes (Verg. Aen. 5,362-400)

Die folgenden 38 Verse wurden nochmals in insgesamt fünf Abschnitte aufgeteilt, um eine übersichtliche Darstellung liefern zu können. Kriterien, nach denen diese Abschnitte eingeteilt wurden, waren hauptsächlich inhaltlicher Art, sodass mit jedem neuen Abschnitt eine neue Person eingeführt oder eine Handlung eingeleitet wird.

Post, ubi confecti cursus et dona peregit,

‘nunc, si cui virtus animusque in pectore praesens,

365

adsit et evinctis attollat bracchia palmis’:

sic ait, et geminum pugnae proponit honorem,

victori velatum auro vittisque iuvencum,

ensem atque insignem galeam solacia victo.

Der Beginn dieses Wettkampfes ist gleichzeitig das Ende des vorherigen. Nachdem Ae-neas nach Ende des Wettlaufes die Preise an den Sieger verteilt hat, fordert er tapfere und mutige Männer (si cui virtus animusque in pectore praesens, Verg. Aen. 5,363) auf, sich zu melden und die Arme mit den umwickelten Händen zu erheben (adsit et evinctis attollat bracchia palmis, Verg. Aen. 5,364).

Im Anschluss daran setzt er die Preise für den Sieger und den Verlierer fest. So bekommt der Gewinner des Kampfes einen Stier, der mit Gold und Opferbinden geschmückt ist (victori velatum auro vittisque iuvencum, Verg. Aen. 5,366). Der Verlierer dagegen wird mit einem Schwert und einem verzierten Helm ausgezeichnet – ein Trostpreis, wie Ae-neas ausführt (ensem atque insignem galeam solacia victo, Verg. Aen. 5,367).

Die Verwendung von pugnae in diesem Zusammenhang allein drückt schon die Art des Kämpfens aus.[7] Mit dem Hendiadyoin in virtus und animus stellt Aeneas die für diesen Faustkampf wichtigste Eigenschaft heraus, die der Kämpfer haben muss: Er muss tapfer sein, sowie den Mut haben, sich seinem Gegner in einem blutigen Kampf zu stellen. Darauf, dass der Kampf grausam wird, verweist das im folgenden Vers eingebaute Hyperbaton evinctis […] palmis. Die beiden Wörter umgeben die bracchia und verweisen somit schon auf das Werkzeug, mit welchem die Kämpfer ihren Kampf bestreiten. Die abbildende Wortstellung verweist auf den einige Verse später auftauchenden caestus (Verg. Aen. 5, 379), eine Art Lederriemen, der die Hand des Faustkämpfers umgibt und durch den dieser in der Lage ist, mithilfe der eingearbeiteten metallenen Bestandteile heftige und schnelle Schläge auszuteilen.[8] Insgesamt wirkt die Schilderung der Kampfvorbereitung rasch und zügig. Die Häufung der Daktylen in Verbindung mit den vielen Alliterationen in den betrachteten sechs Versen ermöglicht eine gute Lesbarkeit der Erzählung. Im Zusammenhang mit der Tatsache, dass keine Sinnabschnitte innerhalb der einzelnen Verse zu beachten sind, ergibt sich eine verständliche, rasche und einprägsame Darstellung der Preisfestsetzung. Da in den Anfangsversen die umstehenden Männer dazu animiert werden sollen, am Kampf teilzunehmen, scheint dieser Charakter der betrachteten Verse beabsichtigt und sinnvoll.

Nach der Aufforderung, sich zum Kampf zu melden, tritt Aeneas in den Hintergrund und es erhebt sich sofort der erste Kämpfer aus den Reihen der Trojaner, kampfbereit und entschlossen, es mit jedem Kontrahenten aufnehmen zu können.

nec mora; continuo vastis cum viribus effert

ora Dares magnoque virum se murmure tollit,

solus qui Paridem solitus contendere contra,

idemque ad tumulum quo maximus occubat Hector

victorem Buten immani corpore, qui se

Bebrycia veniens Amyci de gente ferebat,

perculit et fulva moribundum extendit arena.

talis prima Dares caput altum in proelio tollit,

ostenditque umeros latos alternaque iactat

bracchia protendens et verbera ictibus auras.

Sofort und ohne Verzögerung (nec mora; continuo, Verg. Aen. 5,368) streckt Dares mit großem Mut sein Kinn heraus und steht unter lauten Rufen der Entrüstung der anderen Männer auf (vastis cum viribus effert / ora Dares magnoque virum se murmure tollit, Verg. Aen.5, 368 f.). Das Herausstrecken des Kinns in diesem Zusammenhang deutet auf das arrogante Auftreten des Dares hin und gibt somit einen Ausblick auf dessen zukünftiges Verhalten im Kampf.[9] Die Übersetzung von murmur mag erstaunen, denn auf den ersten Blick wirkt der Klang des Wortes onomatopoetisch für das leise Flüstern der Menge. Nimmt man jedoch diese Bedeutung für murmur an, wirkt die Formulierung mit magno schief. Gibt es lautes Geflüster? Würden dann aus diesem Geflüster nicht ein Gerede und ein Stimmengewirr werden?

In diesem Zusammenhang bietet sich ein Blick in den TLL an, um einen Überblick über das Bedeutungsspektrum dieses Wortes zu gewinnen. Das Wort murmur kann einerseits in Zusammenhang mit dem Geräusch von leblosen Dingen stehen und beschreibt dann z. B. das Tosen des Wassers[10] oder auch die Töne, die Musikinstrumente[11] von sich geben. Andererseits kann murmur auch den Tonfall ausdrücken, in dem Lebewesen bestimmte Dinge von sich geben. Hier findet sich auch die betrachtete Stelle in Verg. Aen. 5,369. Demnach bedeutet murmur keinesfalls Flüstern, sondern ist bedeutungsähnlich mit dem Wort indignatio, welches „Entrüstung“ oder „Unwille“ bedeutet.[12] Das Geschrei der umstehenden Männer bedeutet also nicht, dass sie Dares in seiner Entscheidung, sich zum Kampf zu melden, unterstützen, sondern dass sie sein Aufstehen eher mit Skepsis und Ablehnung betrachten. Nichtsdestotrotz zeigt sich Dares als starker und kräftiger Mann. Auf diese Tatsache weisen auch die vielen Alliterationen[13] hin.

Das Hendiadyoin nec mora; continuo knüpft inhaltlich und stilistisch an die daktylischen Verse im vorangegangenen Abschnitt an und verdeutlicht Dares’ sofortiges und unbedachtes[14] Aufstehen. Hier wird gleich durch den Auftritt des Dares dessen ungestümes und leidenschaftliches Temperament deutlich.

Die folgenden fünf Verse beschreiben Dares’ Hintergrund als Kämpfer. So war er es, der als Einziger gegen Paris kämpfte (solus qui Paridem solitus contendere contra, Verg. Aen. 5,370) und der den Kämpfer Butes am Grabhügel des Hektor besiegt und zu Boden gestreckt hat (idemque ad tumulum quo maximus occubat Hector / victorem Buten, […] perculit [15] et fulva moribundum extendit harena, Verg. Aen. 5,371-374). Letztere Handlung wirkt noch eindrucksvoller, da Butes einerseits einen riesigen Körper (immani corpore, Verg. Aen. 5,371) hatte und sich andererseits damit rühmte, aus dem Volk der Bebryker zu stammen, dessen König Amycus war (qui se / Bebrycia veniens Amyci de gente ferebat, Verg. Aen. 5,373). Dass Butes’ Herkunft erwähnt wird, erklärt sich daraus, dass der König Amycus selbst ein bekannter Faustkämpfer war.[16] Butes wird somit auf eine Stufe mit diesem sagenumwobenen Kämpfer gestellt. Hierdurch wird sein kämpferisches Können hervorgehoben. In diesem Zusammenhang stehen auch die Spondeen in victorem Buten, die Butes’ ungeheure Körpergröße nochmals hervorheben. Hier entwickelt sich nun ein Bild, das Dares als siegesverwöhnt[17] darstellt und das suggeriert, der Sieger des Kampfes stehe schon fest, ganz gleich, wer sich ihm als Gegner entgegenstellt.[18]

Nachdem die ruhmreiche Vergangenheit des Dares herausgestellt wurde, erhebt dieser seinen Kopf (prima Dares caput altum in proelia tollit, Verg. Aen. 5,375), zeigt seine breiten Schultern, streckt die Arme nach vorne und schlägt in die Luft (ostenditque umeros latos alternaque iactat / bracchia protendens et verberat ictibus auras, Verg. Aen. 3,376 f.). Die Geste des Reckens steht ebenso wie das provokante Zeigen seiner Muskeln wieder in Verbindung mit dem bereits festgestellten arroganten Auftreten des Dares. Indem er seine Arme nach vorne wirft und in die Luft schlägt, demonstriert er den Zuschauern seine Fähigkeiten im Faustkampf. Auffällig ist auch, dass nur Dares’ Kopf, Schultern und Arme beschrieben werden. Er scheint zu diesem Zeitpunkt nur aus diesen drei Körperteilen zu bestehen. Erklärbar ist dies mit der Tatsache, dass dies die für einen Faustkampf wichtigsten Körperstellen sind. Seine schnellen[19] Schläge, die Dares ohne Ende austeilt, werden in den Wörtern iactat und ictibus beinahe hörbar. Gleichzeitig bildet sich in verberat ictibus auras [20] die Schlagbewegung bildlich ab. Dies dient zum einen dazu, den Zuschauern seine Stärke zu demonstrieren. Zum anderen versucht er aber auch, seine potentiellen Herausforderer abzuschrecken und einzuschüchtern.[21] Diese Taktik scheint zu funktionieren, denn es findet sich keiner, der es mit Dares aufnehmen will.

[...]


[1] Aeneas’ Vater starb auf der Reise von Troja nach Italien. Ein Jahr nach dessen Bestattung veranstaltet Ae-neas zu dessen Ehren diese Leichenspiele. In diesem Zusammenhang kann auch die Antinomasie Anchisi ades (Verg. Aen. 5,407) erwähnt werden, durch welche Anchises nochmals geehrt werden soll.

[2] Papanghelis, Theodore D.: Aeneid 5.362-484: Time, Epic and the Analeptic Gaunlets, in: Grethlein, Jonas; Rengakos, Antonios: Narratology and Interpretation. The Content of Narrative Form in Ancient Literature, Berlin 2009, S. 321-336.

[3] Mendner, Siegfried: Boxhandschuhe im Altertum, Gymnasium 60 (1953), S. 20 f.

[4] Feldherr, Andrew: Stepping out of the Ring: Repetition and Sacrifice in the Boxing Match in Aeneid 5, in: Levene, D. S.; Nelis, D. P.: Clio and the Poets. Augustan Poetry and the Traditions of Ancient Historiography, Leiden 2002, S. 61-79.

[5] Fratantuono, Lee: Madness unchained: a reading of Virgil’s Aeneid, Lanham 2007, S. 141 f.

[6] Hier soll nicht der Eindruck erweckt werden, die Verse 401-484 wären für die Darstellung des Faustkampfes unnötig. Sie spielen nur für die Thematik dieser Arbeit eine untergeordnete Rolle, da ihr Inhalt in großen Teilen bereits in den Versen 362-400 vorkommt bzw. angesprochen wird.

[7] Die etymologische Verbindung von pugna und pugnus ist offensichtlich. Aus diesem Grund wurde an dieser Stelle sicherlich pugna verwendet, da die ursprüngliche Bedeutung von pugna einen Kampf mit den Fäusten zu meinen scheint.

[8] In der Frage der Wirksamkeit übertraf der caestus den griechischen Lederriemen, der noch in griechischen Faustkampfschilderungen auftauchte. Siehe dazu auch Decker, Wolfgang, DNP, Bd. 3, Stuttgart (u.a.) 1997, s.v. Faustkampf.

[9] Siehe dazu z. B. Williams, R. D.: The Aeneid of Virgil. Books 1-6, Basingstoke (u.a.) 1972, S. 424.

[10] Hierzu z. B. quae pater haud aliter quam cautes murmura ponti / accepit (Ov. met. 11,330 f.).

[11] Siehe hierzu z. B. sed ne relictis, Musa procax, iocis / Ceae retractes munera neniae (Hor. carm. 2,1,37 f.).

[12] Ein weiterer Beleg für die Bedeutungsgleichheit zu indignatio z. B. crede mihi, quamvis contemnas murmura famae / haec tibi pallori, Cynthia, versus erit (Prop. 2,4,29 f.).

[13] Besonders in Vers 368 lenken die Alliterationen in continuo vastis cum viribus den Fokus des Lesers auf diese Stelle. Der chiastische Aufbau des Verses trägt ebenfalls dazu bei.

[14] Unbedacht ist hier nicht negativ konnotiert gemeint, sondern als bloßer Ausdruck dessen, was man ohne große Vorüberlegung macht.

[15] Die diesem Textauszug zugrunde liegende Ausgabe setzt das Wort perculit, während bei anderen Handschriften percutit steht. Da hier jedoch von Faustkämpfern die Rede ist, und percutit eher mit „jemanden durchbohren“ übersetzt wird, ist die Auswahl des Verfassers zu bevorzugen.

[16] Amycus war ein König, der jeden Besucher, der auf seine Insel kam, zum Kampf herausforderte und besiegte, bis er jedoch von Polydeukes besiegt wurde. Siehe dazu z. B. Leigh, Matthew: Boxing and Sacrifice. Apollonius, Vergil, and Valerius, HSPh 105 (2010), S. 121 und Dräger, Paul, DNP, Bd. 2, Stuttgart (u.a.) 1997, s.v. Amycus.

[17] Hierzu z. B. Oswald, Marion: Gabe und Gewalt. Studien zur Logik und Poetik der Gabe in der frühhöfischen Erzählliteratur, Göttingen 2004, S. 197.

[18] Zur Funktion der Erwähnung von Butes siehe auch Feldherr, Andrew, Leiden 2002, S. 68.

[19] Das Enjambement alterna […] bracchia (Verg. Aen. 5,367 f.) verstärkt das Gefühl, Dares würde eine lange Zeit ununterbrochen Schläge austeilen. Hier greift Vergil auf die Technik der Zeitdehnung zurück und wechselt von einer narrativen zu einer deskriptiven Darstellung. Dies hat zum Ziel, den Moment des Schattenboxens in die Länge zu ziehen und damit eindringlicher zu gestalten. In diesem Zusammenhang steht auch die polysyndetische Reihung – que […] –que […] et (Verg. Aen. 5,376 f.), welche das Lesetempo an dieser Stelle reduziert und den Moment noch weiter in die Länge zieht. Zum narrativen und deskriptiven Erzählen siehe z. B. auch Kuhlmann, Peter: Narrative Texte, in: Kuhlmann, Peter (Hg.): Lateinische Literaturdidaktik, Bamberg 2010, S. 39 f.

[20] Eine Kombination ähnlicher Wörter auch in ventosque lacessit / ictibus (Verg. georg. 3,233 f.)

[21] Siehe hierzu Fortuin, Rigobert W.: Der Sport im augusteischen Rom. Philologische und sporthistorische Untersuchungen, Stuttgart 1996, S. 140 FN 13. Fortuin vergleicht diese Showeffekte des Dares mit dem zur Schau gestellten Selbstbewusstsein heutiger Boxkämpfe.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Spectacula in römischer Dichtung. Der Faustkampf in der Aeneis im Vergleich zur Ilias
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Jahr
2015
Seiten
25
Katalognummer
V369405
ISBN (eBook)
9783668472105
ISBN (Buch)
9783668472112
Dateigröße
830 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spectacula, Rom, Dichtung, Faustkampf, Aeneis, Vergil, Ilias, Homer, Griechenland, imitatio, aemulatio
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Spectacula in römischer Dichtung. Der Faustkampf in der Aeneis im Vergleich zur Ilias, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369405

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