Stressoren im (Schul-)Alltag (z. B. Leistungsanforderungen, Hausaufgaben, Streit und ungelöste Konflikte mit Freunden/Familie, Lärm, ...) sind vielfältig und können zur Belastung werden, wenn es keine adäquaten Bewältigungsstrategien gibt. Eine Sehbehinderung mit ihren spezifischen Auswirkungen auf physischer, psychischer und kognitiver Ebene kann neben den alltäglichen Stressoren zusätzlich Stress verursachen und für Schülerinnen und Schüler zu weiteren Belastungen im Schulalltag führen.
Entspannung ist eine mögliche Methode zur Stressbewältigung. Der Begriff Entspannung ist mit vielen Assoziationen verbunden: Wohlbefinden, Entschleunigung, Stress und Anspannung, Ruhe, Konzentration, Prävention oder gemeinsames Erleben. Die große Vielfalt um das Thema Entspannung eröffnet für den Schulbereich im Sinne der Gesundheitserziehung und eines gesundheitsorientierten Sportunterrichts Möglichkeiten, Entspannungsverfahren bzw. Spiel- und Übungsformen zur Entspannung einzusetzen und anzuwenden.
Eine Entspannungsmethode ist die Progressive Muskelrelaxation (PMR) nach Jacobsen, bei der Muskelgruppen abwechselnd angespannt und entspannt werden. PMR ist ein aktives, körperbezogenes Entspannungsverfahren, das auf optische Eindrücke und Erfahrungswerte verzichtet und dadurch einen barrierefreien Zugang für Menschen mit Sehbehinderung bietet.
PMR eignet sich aufgrund seines aktiven Charakters zur Umsetzung im Sportunterricht. Die gängige praktische Vorgehensweise zur Umsetzung von PMR mit Kindern und Jugendlichen in der Literatur eignet sich aus methodischer Sicht nicht für sehgeschädigte Schüler. Daher wurde ein eigenes Konzept entwickelt, mit dessen Hilfe PMR in einer Schulklasse mit sehenden und nicht-sehenden Schülern eingeführt und angewendet werden kann. Das Konzept besteht aus vier Bausteinen und beinhaltet die Eckpunkte eines erfahrungsorientierten Unterrichts, so dass ein adressatengerechter und eigenverantwortlicher Umgang mit der Entspannungsmethode angeregt wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Blindheit und Sehbehinderung
2.1 Definition nach der International Classification of Diseases (ICD-10)
2.2 Definition im schulischen Kontext
3. Entspannung
3.1 Allgemeine Grundlagen
3.2 Entspannungsverfahren
3.3 Entspannung im Schulsport
4. Progressive Muskelrelaxation
4.1 Entstehung und Konzept
4.2 Ablauf
4.3 Wirkungsweise und Anwendungsbereiche
5. Entspannung für blinde und sehbehinderte Menschen
5.1 Körperschema und Körperbewusstsein
5.2 Spezifische Aspekte der Zielgruppe auf psychischer und physischer Ebene
5.3 Eignung von Progressiver Muskelrelaxation als Entspannungsverfahren für diese Zielgruppe
6. Konzeptionelle Umsetzung im inklusiven Sportunterricht
6.1 Didaktisch-methodische Überlegungen
6.2 Progressive Muskelrelaxation im Sportunterricht
7. Zusammenfassung und Ausblick
8. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist die Entwicklung eines handlungs- und erfahrungsorientierten didaktischen Konzepts, um die Progressive Muskelrelaxation (PMR) erfolgreich in den inklusiven Sportunterricht mit blinden und sehbehinderten Schülern zu integrieren. Es wird untersucht, wie Schüler ohne Sehsinn die Methode erlernen können, um eigenständig Anspannungszustände abzubauen und ihre Körperwahrnehmung zu stärken.
- Grundlagen von Blindheit und Sehbehinderung im schulischen Kontext
- Bedeutung von Entspannung als Copingstrategie im Schulalltag
- Entwicklung eines didaktischen Konzepts für PMR im inklusiven Sportunterricht
- Förderung von Körperschema und Körperbewusstsein
- Methodik der Kleingruppenarbeit bei der Erarbeitung von Entspannungstechniken
Auszug aus dem Buch
3.1 Allgemeine Grundlagen
Stress kann belastend sein. Sind diese Belastungen dauerhaft, können sie körperliche Veränderungen hervorrufen. Negativer Stress führt zu somatischen Symptomen aufgrund einer erhöhten Stresshormonausschüttung (Glukokortikoide und Katecholamine), die während dieser Belastungssituation die Energiebereitstellung im Körper sicherstellen. Gleichzeitig wird der Sympathikus aktiviert. Eine erhöhte Aktivierung kann auf physiologischer, affektiver, motorischer oder in kombinierter Form vorliegen (vgl. Antonovsky, 1997; Petermann & Petermann, 2000, S. 398; Schwegler und Lucius, 2011, S. 81f.).
„Ziel jeder Stressbewältigung ist es, die gestörte Selbstregulation und Selbstorganisation des Organismus wieder aufzulösen und eine physiologische Reaktion wieder herzustellen. Dies geschieht durch: 1. Stärkung der Bewältigungskompetenz, 2. Rückgewinnung der Kontrolle, 3. Rückgriff auf positive frühere Erfahrungen bei der Stressbewältigung sowie 4. Lernen und Problemlösung in kleinen Schritten“ (Fritzsche, 2003, S. 138).
Entspannungsverfahren können der Person helfen, die Auswirkungen von Belastungen zu verringern, indem die physiologische Erregung reduziert und ein autonomes Gleichgewicht wiederhergestellt wird. Entspannung lässt sich, ausgehend von der professionellen Ebene, unterschiedlich definieren. Als Grundlage einer wissenschaftlichen Bestimmung wird zunächst die Definition im Dorsch – Lexikon der Psychologie herangezogen. Hier wird Entspannung als „kurzfristiger (phasischer) oder länger anhaltender (tonischer) Zustand reduzierter metabolischer, zentralnervöser und bewusster Aktivität“ beschrieben, der „auf subjektiv-verbaler, physiologischer und motorischer Ebene mess- und definierbar“ ist (Birbaumer, 2014, S. 485). Entspannung ist also nicht nur ein subjektives Gefühl einer Person, sondern wird objektivierbar durch körperliche Reaktionen, die messbar sind (z. B. durch Elektroenzephalografie (EEG), Elektromyografie (EMG)). Es treten zahlreiche allgemeine Veränderungen auf, die gut empirisch belegt sind. Allgemeine Veränderungen heißt, dass diese unabhängig vom Entspannungsverfahren sind und konstant auftreten. Es werden kurzfristige und langfristige Effekte unterschieden. Entspannungsreaktionen bestehen auf körperlicher Ebene, auf kognitiver (z. B. verbesserte Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedächtnisleistung, „freier Kopf“) und emotionaler (z. B. weniger ärgerlich, ängstlich, Distanzierung), die sich auf die Verhaltensebene auswirken können (vgl. Petermann & Menzel, 1997, S. 245ff.; Vaitl, 2000, S. 30f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Erläutert die Relevanz von Entspannung im Kontext von Gesundheit und Stress sowie die besondere Ausgangslage sehbehinderter Schüler.
2. Blindheit und Sehbehinderung: Definiert Sehschädigungen sowohl klinisch anhand der ICD-10-Klassifikation als auch bildungspolitisch im schulischen Kontext.
3. Entspannung: Liefert wissenschaftliche Grundlagen zu Stress und Entspannungsmechanismen sowie eine Übersicht gängiger Entspannungsverfahren.
4. Progressive Muskelrelaxation: Beschreibt die Entstehung, den Ablauf und die psychophysiologische Wirkungsweise der PMR nach Jacobson sowie gängige Modifikationen.
5. Entspannung für blinde und sehbehinderte Menschen: Analysiert, wie Sehbeeinträchtigungen das Körperschema beeinflussen und begründet die Eignung der PMR für diese Zielgruppe.
6. Konzeptionelle Umsetzung im inklusiven Sportunterricht: Stellt das praktische Konzept vor, unterteilt in methodische Bausteine von der Vorübung bis zur eigenständigen Anwendung.
7. Zusammenfassung und Ausblick: Resümiert die Arbeit und diskutiert den Stellenwert von Entspannung als Bildungsziel im inklusiven Schulsport.
8. Literaturverzeichnis: Listet sämtliche in der Arbeit verwendeten Quellen auf.
Schlüsselwörter
Progressive Muskelrelaxation, PMR, Inklusiver Sportunterricht, Sehbehinderung, Blindheit, Entspannung, Körperwahrnehmung, Stressbewältigung, Körperkonzept, Sportdidaktik, Selbstwirksamkeit, Körperschema, Gesundheitserziehung, Inklusion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Entwicklung eines didaktischen Konzepts zur Einführung und Umsetzung der Progressiven Muskelrelaxation in inklusiven Sportklassen mit sehbehinderten und blinden Schülern.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Arbeit?
Die zentralen Felder sind die physiologische Wirkung von Entspannung, die spezifischen Anforderungen der Zielgruppe (Körperwahrnehmung/Orientierung) und die methodische Umsetzung in einem erfahrungsorientierten Sportunterricht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, sehbehinderten Schülern eine eigenverantwortliche Methode zur Stressregulation und zur Stärkung des eigenen Körperbewusstseins an die Hand zu geben.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Erarbeitung genutzt?
Es handelt sich um eine theoretisch-konzeptionelle Arbeit, die auf der Aufarbeitung des aktuellen Forschungsstandes zur PMR sowie auf didaktischen Prinzipien der Inklusions- und Sportpädagogik basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen (Stress, PMR, Sehschädigung) und den praktischen Entwurf eines in Bausteine gegliederten Unterrichtskonzepts.
Welche Charakteristika definieren die Arbeit?
Die Arbeit zeichnet sich durch einen hohen Grad an Anwendungsorientierung aus, da sie barrierefreie Zugänge zur Entspannung schafft und den Fokus auf das selbsttätige Handeln der Schüler legt.
Warum ist das Körperschema für dieses Konzept so wichtig?
Das Körperschema dient als Grundlage für die Orientierung und Handlungssicherheit; die PMR nutzt gezielte Anspannung, um mentale Bezüge zu Körperteilen und räumlichen Dimensionen zu festigen.
Wie gehen die Schüler bei der Erarbeitung der Muskelgruppen vor?
In Anlehnung an ein erfahrungsorientiertes Modell erarbeiten sich die Schüler in Kleingruppen mittels taktiler Materialien selbstständig, wie die verschiedenen Muskelgruppen zur Entspannung kontrahiert werden können.
- Arbeit zitieren
- Felix Oldörp (Autor:in), 2015, Progressive Muskelrelaxation mit blinden und sehbehinderten Schülern. Didaktisches Konzept für den inklusiven Sportunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369420