Die digitale (Arbeits-)Welt und ihre Anforderungen an die Bildung


Hausarbeit, 2017
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1.0. Einleitung

2.0. Industrie 4.0
2.1. Die smarte Gesellschaft
2.2. Die smarte Fabrik
2.3. Mensch-Roboter-Kooperation in der maschinellen Fertigung

3.0. Der Wandel von Produktionsarbeit: Auswirkungen auf die Beschäftigungszahlen

4.0. Lernen und bilden im digitalen Zeitalter

5.0. Diskussion und Fazit

Literaturverzeichnis

1.0. Einleitung

1:0. Das ist das Ergebnis einer der berühmtesten Schachpartien der Welt. Man kann sich die Anspannung der Beobachter vorstellen, als der damals amtierende Weltmeister des Schachs Garri Kasparow 1996 die Herausforderung seines Gegners Deep Blue annahm - und in der ersten von sechs Partien verlor. Besonders an diesem Zweikampf ist, dass Deep Blue ein von IBM entwickelter Computer ist. Heute ist aus Deep Blue Watson geworden. Anders als sein Vorgängermodell ist Watson in der Lage, die natürliche Sprache des Menschen zu verstehen und zu analysieren. So gewann Watson 2011 das Fernsehquiz „jeopardy“ in den USA. Damit wurde die Basis geschaffen für intelligente, selbst lernende Computersysteme, die sich den kognitiven Fähigkeiten des Menschen annähern (IBM, 2017). Weiter geht die Entwicklung des japanischen Professors Hiroshi Ishiguro. Seine, mit Künstlicher Intelligenz ausgestatteten Roboter sehen dem Menschen in Gestalt, Gestik und Mimik zum Verwechseln ähnlich. Sie können sich mit dem Menschen unterhalten und werden, wenn es nach Herrn Ishiguro geht, lernen, Bedürfnisse zu entwickeln und Emotionen zu empfinden. (Hugendick, 2016)

Ob man dies nun als revolutionären oder evolutionären Prozess bezeichnen möchte, liegt wohl im Auge des Betrachters (Sendler, 2013). Fest steht, die vergangenen industriellen Revolutionen haben die jeweils gegenwärtigen Gesellschaftssysteme allumfassend verändert. So war die Erfindung der Dampfmaschine Ende des 18. Jahrhunderts Auslöser der ersten industriellen Revolution und bildete durch die Einführung des mechanischen Webstuhls den Übergang von der Agrar- hin zur Industriegesellschaft. Dem folgte Ende des 19. Jahrhunderts die zweite industrielle Revolution, geprägt durch den Taylorismus oder auch Fordismus. Massenproduktion, Fließbandarbeit und eine Häufung gering qualifizierter, und damit nicht-wissensbasierter, Tätigkeiten kennzeichnen diese Zeit (Bolder, 2010). Durch Standardisierung von Arbeitsabläufen sanken die Herstellungskosten und gleichzeitig verringerten sich die Produktpreise. Der Arbeiter wurde zum Konsumenten. Als dritte industrielle Revolution kann man die Zeit ab Mitte der 1970er Jahre bezeichnen, in welcher die IT Einzug in die Arbeitswelt hielt, zu einer fortschreitenden Automatisierung der Produktion (Sendler 2013) und zu einem Anstieg des tertiären Sektors und der Flexibilisierung von Arbeit führte (Schmidt, 2010). Heute, ca. 40 Jahre später, stehen wir mit CPS-Systemen, dem Internet der Dinge, BigData und dem Informationszeitalter erneut vor gesellschaftlichen Veränderungen, was ich in vorliegender Arbeit beispielhaft an der industriellen Fertigung erläutern werde.

Zwar wäre die Analyse von vermeintlichen Vorteilen in Hinblick auf ökologische Nachhaltigkeit und den effizienten Einsatz von Ressourcen interessant. Auch die Abschätzung von Risiken, angesichts noch zu schließender Lücken in Datensystemen oder Bedrohungen durch sogenannte Exploits (Programme, zum unberechtigten Zugang in z.B. Netzwerke) oder Social Bots (z.B. „Fake-Profile“) im Social Media werfen spannende Fragen auf. Eine eingehende Diskussion von Pro und Contra der Digitalisierung kann aus Platzgründen jedoch nicht stattfinden. Ich möchte mich an dieser Stelle der Frage widmen: Was macht unsere Welt so „smart“? Wie verändern intelligente Systeme nicht nur unseren Alltag, sondern auch und vor allem unsere Arbeit? Wie steht es um die Sicherheit unserer Arbeitsplätze, bzw. welche Anforderungen werden zu bewältigen sein? Auch, bzw. gerade die Interaktion von Mensch und Computer, bzw. von Mensch und Maschine wird künftig unsere Gesellschaft in ihren Systemen prägen und einen bedeutsamen Status in der Art und Weise, wie wir arbeiten, lernen und sozial interagieren, einnehmen. Durch die Automatisierung und Digitalisierung manueller und repetitiver „Handwerksarbeiten“ bekommt die Produktion von Wissen und der Umgang mit Informationstechnologien eine immer größere Bedeutung. Die Bildung als Kompetenzvermittler muss ihre Ziele und ihre Didaktik dem Informations- und Kommunikationszeitalter anpassen, um ihre Adressaten optimal vorzubereiten - und das ein Leben lang.

2.0. Industrie 4.0

2.1. Die smarte Gesellschaft

Während die Debatte um Industrie 4.0 gerade ihren Kinderschuhen entwächst, ist sie in unserem Alltag längst angekommen. Nach Smartphones und Smart-Watches werden nun Smart-Homes mit smarten Haushaltsgeräten, sowie smarte Autos gebaut – künftig in smarten Fabriken (Kollmann & Schmidt, 2016). Smarte Technologien sollen unseren Alltag erleichtern. Es gibt kaum ein Problem, welches wir nicht mit einer App lösen könnten. Gesundheitsapps unterstützen uns bei unseren Trainings- und Ernährungsplänen, messen unseren individuellen Schlafzyklus und wecken uns außerhalb der REM-Phase. Einkäufe erledigen wir mithilfe von Banken-Apps oder mittlerweile sogar durch Bestätigung mittels unseres Fingerabdrucks auf unserem mobilen Endgerät. Bezahlt wird mit unseren Benutzerdaten, bzw. durch personifizierte Werbung. Aller Voraussicht nach werden unsere Kühlschränke Milch bestellen, noch bevor sie verbraucht wurde, das Haus von morgen wird als Energieerzeuger fungieren, diese nur dann verbrauchen, wenn sie wirklich benötigt wird und in der Lage sein, überschüssige Energie in den Energiekreislauf (wieder) einzuspeisen. In China werden mittlerweile Pflegeroboter eingesetzt und zum Autofahren wird vermutlich kein Führerschein im klassischen Sinn mehr benötigt – es fährt autonom (Kollmann & Schmidt, 2016). So ein selbstfahrendes Auto ist vernetzt mit der Verkehrsinfrastruktur, um bei einer roten Ampel anzuhalten, es erkennt Objekte in der Umgebung, um Unfälle zu vermeiden, über GPS berechnet es die Route zum gewünschten Ziel und die Fahrzeugwartung wird über die Verbindung zum Hersteller organisiert, der seinerseits über Technologien verfügt, die automatisch evtl. benötigte Ersatzteile in Produktion geben oder eine Werkstatt beauftragen. Wahrscheinlich wird das Auto sogar selbst einen Mechaniker kontaktieren und einen Termin vereinbaren (Sendler, 2016b). Um derart funktionieren zu können, bedarf es eines stetigen Kommunikations- und Informationsaustausches, also einer Vernetzung, zwischen und unter den jeweiligen Technologien, die somit gleichzeitig auch Datenträger sind. Diese sogenannten Cyber-Physical-Systems (im Folgenden CPS) bilden die Schlüsseltechnologie für die vierte industrielle Revolution, bzw. der Industrie 4.0, und verfügen jeweils über einen Internetzugang, dem Internet der Dinge, oder auch, in Verbindung mit der Bereitstellung und Vernetzung von Dienstleistungen, dem Internet der Dienste, der den Austausch, das Sammeln und die Auswertung von Daten in einer Cloud ermöglicht. Dabei handelt es sich sowohl um Maschinen-, als auch um Nutzungsdaten der Konsumenten. Dieser Austausch findet nicht nur in der Anwendung und Nutzung bereits produzierter Güter statt (Sendler, 2016a). Laut Umsetzungsstrategie der Bundesregierung steht „Der Begriff Industrie 4.0 [steht] für die vierte industrielle Revolution, eine neue Stufe der Organisation und Steuerung der gesamten Wertschöpfungskette über den Lebenszyklus von Produkten. Dieser Zyklus orientiert sich an den zunehmend individualisierten Kundenwünschen und erstreckt sich von der Idee, dem Auftrag über die Entwicklung und Fertigung, die Auslieferung eines Produkts an den Endkunden bis hin zum Recycling, einschließlich der damit verbundenen Dienstleistungen.“ (ebd., S. 17). Somit wird auch die Produktion smarter Güter selbst zunehmend digitalisiert und automatisiert und CPS werden in den Herstellungsprozess implementiert und sich größtenteils selbst organisieren (Dombrowski, Riechel, & Evers, 2014).

2.2. Die smarte Fabrik

Betrachtet man die heute immer wichtiger werdende Produktindividualität, entstand mit Beginn der maschinellen Fertigung ein Verlust von Individualität der Produkte zugunsten von Massenanfertigung (Gürtler, 2015). Oder, um es mit den Worten des Automobilherstellers Henry Ford zu sagen: „Jeder kann sein Auto in einer beliebigen Farbe lackiert bekommen, solange die Farbe, die er will, schwarz ist.“ Vorteil dieser Art von Produktion waren die fallenden Preise, das dadurch entstandene Produkt war ein „Auto für Jedermann“. Die „smarte Fabrik“ fungiert nicht mehr als bloßer Hersteller bestimmter, vorher festgelegter Produkttypen (Dombrowski, Riechel, & Evers, 2014). Sie ist effizient, wandlungsfähig und ausgelegt auf die Individualisierungswünsche der Kunden, ob es nun selbst Industrielle sind oder Endkonsumenten. Das alles zu Produktpreisen, die wir aus der Massenanfertigung gewohnt sind und Produktionspreisen, die unter denen liegen, die wir aus der bisherigen Automatisierung/Herstellung (Erol, Schumacher, & Sihn, 2016). Möglich macht dies der Einsatz bereits oben erwähnter CPS in modernen Produktionsanlagen: „Es entsteht ein sich selbst organisierendes Netzwerk von Maschinen, Lagersystemen und Betriebsmitteln, die internetbasiert eigenständig und wechselseitig Informationen in Echtzeit austauschen und sich gegenseitig steuern.“ (Russwurm, 2013) Hier handelt es sich also um eine sehr umfangreiche und komplexe Interaktion von Systemen, was unweigerlich die Frage aufwirft, welche Rolle der Mensch in der Industrie 4.0 spielen und inwiefern seine Arbeitskraft (noch) benötigt wird. Klar scheint zu sein: Viele Beschäftigungsverhältnisse in der hiesigen Form wird es künftig nicht mehr geben.

2.3. Mensch-Roboter-Kooperation in der maschinellen Fertigung

Wie später in Kapitel 3 zu lesen ist, sind Aussagen über die Häufigkeit und Gestaltung von Beschäftigungsverhältnissen schwierig. Verständlich, wenn man bedenkt, dass Prognosen über (nicht-) wahrscheinlich eintretende Ereignisse getroffen werden sollen. Eine hohe Einigkeit darüber, dass die Fabrik von morgen nicht menschenleer sein wird, herrscht dennoch (Grote, 2015) (Russwurm, 2013) (Botthof, 2015). Als eine mögliche Konsequenz daraus könnte folgen, dass die Arbeit von Menschen und Maschinen in sozio-technischen Systemen komplementär zusammenwachsen wird (Grote, 2015). Wo die Arbeitsplätze beider heute noch weitestgehend getrennt werden, wird es in der Fabrik von morgen vor allem darum gehen, eine Vereinbarkeit zwischen Mensch und Maschine zu schaffen (Grote, 2015). Im Folgenden soll die Mensch-Roboter-Kooperation näher erklärt werden:

Aktuell ist der Arbeitsplatz eines (Industrie-) Roboters in automatisierten Arbeitsumgebungen eine ausgewiesene Gefahrenzone und darf nur unter bestimmten Bedingungen vom Menschen betreten werden (wobei die Zutrittsbeschränkungen variieren können und sich unterscheiden durch Zäune, Lichtgitter, o. ä.). Sollte ein Betreten dieser Zone notwendig sein, gibt es Sicherheitsmaßnahmen, welche die Bewegungsabläufe des Roboters verlangsamen, bzw. diesen zum (sofortigen) Stillstand bringen. Das geschieht zum Beispiel entweder über den Mitarbeiter selbst oder über Sensoren, die den kompletten Arbeitsbereich überwachen und auf menschliches „Eindringen“ reagieren. Eine Interaktion zwischen Mensch und Roboter findet nicht statt. Modernere Roboter hingegen verfügen selbst über Sensoren, die erkennen, wenn beispielsweise die Hand eines Mitarbeiters zwischen jenen und dem herzustellenden Produkt gerät und reagieren entsprechend. Der große Unterschied zwischen dem klassischen Industrierobotor und solchen, die selbst mit Sensoren ausgestattet sind, liegt nicht nur in der Verringerung von Größe und Gewicht, sowie dem abgerundeten Design, welche die Schwere der Folgen einer Kollision mit dem Menschen auf ein Minimum reduzieren und somit die Aufhebung des Schutzraumes, bzw. die Beseitigung der Gefahrenzonen, ermöglichen. Solch ein moderner Roboter erlaubt den (unbeabsichtigten) Kontakt mit dem Menschen während des Produktionsprozesses und lässt sich weiterdenkend auch als Assistent des Menschen einsetzen. Die nächste Etappe bildet nun die Kollaboration zwischen Mensch und Roboter, bzw. der „Kollege Roboter“. Er ermöglicht ein gemeinsames und komplementäres Arbeiten an einer Aufgabe. So ist es möglich, die Vorteile von menschlichen und maschinellen Fähigkeiten zu vereinen. (Haag, 2015). Diesem komplementären Automatisierungsansatz steht ein technologiezentriertes Automatisierungskonzept gegenüber, in welchem der Mensch lediglich eine kompensatorische Arbeitskraft ist, die aus ökonomischen oder technologischen Gründen „nur schwer oder nicht zu automatisieren[de]“ (Hirsch-Kreinsen, 2015, S. 96) Aufgaben übernimmt. Eine vollständige Automatisierung, und damit auch eine (nahezu) menschenleere Fabrik wäre eine mögliche und wahrscheinliche Folge (ebd.). Jedoch gibt es einige Gründe, die gegen den letzten Ansatz sprechen. Zum einen müssen Maschinen und Roboter entworfen, programmiert und gewartet werden (Russwurm, 2013). Zum anderen erfordern unvorhersehbare Situationen das Reagieren und Eingreifen des Menschen (Dombrowski, Riechel, & Evers, 2014), sowie die „Überwachung und Optimierung der Produktion“ (Michels, 2016, S. 248).

3.0. Der Wandel von Produktionsarbeit: Auswirkungen auf die Beschäftigungszahlen

In den letzten Jahren haben sich mehrere Studien mit dem Thema, was gegenwärtig als „Arbeit 4.0“ diskutiert wird, beschäftigt. Laut einer Studie von Strategy&PriceWaterhouseCooper aus dem Jahr 2014, hat bereits knapp ein Fünftel der 235 befragten deutschen Industrieunternehmen zum Thema „Industrie 4.0“ die Schlüsselprozesse entlang ihrer Wertschöpfungskette digitalisiert (Geissbauer, Schrauf, Koch, & Kuge, 2014, S. 3), bis zum Jahr 2020 wird die deutsche Industrie jährlich 40 Milliarden Euro in Industrie 4.0 – Lösungen investieren (ebd., S. 14) und für 2019 wird ein Digitalisierungsgrad von durchschnittlich 86% entlang der horizontalen und 80% für die vertikale Wertschöpfungskette prognostiziert. Um anhand eines Beispiels aus der industriellen Fertigungstechnik konkreter zu werden: In der Automobilindustrie bedeutet dies einen voraussichtlichen Digitalisierungsanstieg auf durchschnittlich 84% entlang der gesamten Wertschöpfungskette in 2019 (ebd., S. 16). Die digitale Transformation spiegelt sich auch in einer IfD-Umfrage (Institut für Demoskopie Allensbach) vom April 2016 wider. Von 1.437 Befragten, darunter 827 Beschäftigte sowohl mit, als auch ohne Führungsfunktion und Beamte, gaben 48% an, dass digitale Technologien für ihre Arbeit mittlerweile unverzichtbar geworden sind, für 24% habe sich ihr Arbeitsplatz sogar stark verändert (IfD, 2016, S. 7) und 79% der Befragten sind der Meinung, dass in den nächsten 10 Jahren immer mehr Arbeit von Maschinen, bzw. Computern übernommen wird (ebd., S. 14). Die Einschätzungen der Zukunft betreffend variieren je nach Branchenzugehörigkeit. Während in der Industrie 49% der Befragten der Meinung sind, die Digitalisierung würde starke Veränderungen ihrer beruflichen Tätigkeit bewirken, sind im Dienstleistungssektor 35% dieser Meinung, im Gesundheitssektor lediglich 21% (ebd., S 20). Die Aussagen könnten allerdings auch darauf zurückzuführen sein, dass der aktuell (empfundene) Digitalisierungsgrad je nach Branche unterschiedlich ausgeprägt ist (ebd., S. 10). Was bedeutet dies aber nun für zukünftige Beschäftigungsverhältnisse? In einer internationalen Delphi-Studie mit dem Titel „2050: Zukunft der Arbeit“ wird ein Anstieg der globalen Arbeitslosigkeit (von heute ca. 6%) auf 16% in 2030 und auf 24% in 2050 prognostiziert (Daheim & Wintermann, 2016, S. 12). Zwar vermuten die Experten, dass die negativen Auswirkungen zunächst eher auf geringer qualifizierte Beschäftigungen zutreffen. Jedoch sei spätestens am Ende des betrachteten Zeitraumes damit zu rechnen, dass aufgrund der Fortschritte u.a. im Bereich der Künstlichen Intelligenz, auch zunehmend wissensbasierte Tätigkeiten betroffen sein werden. Ferner wird davon ausgegangen, dass wir uns derzeit in einer bis zu zwei Dekaden anhaltenden Transformationsphase der Arbeit befinden, welche durch „weniger feste Anstellungsverhältnisse und mehr freiberufliche und selbstständige Tätige“ geprägt ist und „dass sich die Formen und Inhalte von Arbeit wesentlich rascher wandeln als heute und in den letzten Jahrzehnten“ (ebd., S. 15). Auch Minssen (2012) beobachtet eine „Krise des Normalarbeitsverhältnisses“ (ebd., S. 71) als Folge der Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen, welches seit den 80er Jahren beobachtbar sei und bis dato nicht nur anhält. Beck prägte u.a. in diesem Zusammenhang den Begriff der „Risikogesellschaft“, in welcher sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen unaufhaltsam sinken und der Lohnerwerb stattdessen von prekären Arbeitsverhältnissen geprägt sei (Beck, 1986). Weitere Ergebnisse liefert die unter dem Namen „Oxford-Studie“ bekannt gewordene Arbeit von Frey und Osborne aus dem Jahr 2013 mit dem Titel “The future of employment: How susceptible are jobs to computerisation?“ (Frey & Osborne, 2013). Frey und Osborne nehmen an, dass, im Gegensatz zu vergangenen industriellen Revolutionen, die von dem sogenannten „Kapitalisierungseffekt“ (Bonin, Gregory, & Zierahn, 2015, S. 3), also von mehr Arbeit durch mehr Wachstum, profitierten, künftig mit einem hohen Anstieg an Arbeitslosigkeit zu rechnen ist. So würden 47% der US-Amerikaner derzeit in Berufen arbeiten, die bis 2033 zugunsten von Maschinen rationalisiert würden (Bonin, Gregory, & Zierahn, 2015, S. 6). Wie die Experten der Delphi-Studie sehen auch sie den Grund u.a. in den schnellen Entwicklungen im „Machine-Learning“ oder der Künstlichen Intelligenz. Vorerst nicht betroffen würden allerdings Berufe, die sozial- und kreativ-intelligente Tätigkeiten, sowie „Tätigkeiten, die darauf beruhen, sich in komplexen und unstrukturierten Umgebungen zurechtzufinden“ (Bonin, Gregory, & Zierahn, 2015, S. 3) voraussetzen. Im Rahmen einer vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales in Auftrag gegebenen Übertragung dieser Studie auf Deutschland durch das ZEW (Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH) im April 2015 wird u.a. kritisiert, dass Frey und Osborne nicht in Berufe und tatsächlich ausgeübte Tätigkeiten unterscheiden. Eine Differenzierung würde bedeuten, dass „in den USA 9% der Arbeitsplätze Tätigkeitsprofile mit einer relativ hohen Automatisierungswahrscheinlichkeit auf[weisen]. In Deutschland trifft dies auf 12% der Arbeitsplätze zu.“ (Bonin, Gregory, & Zierahn, 2015, S. i). Vor allem aber würde nicht berücksichtigt werden, dass eine Veränderung des Arbeitsprozesses durch Maschinen nicht zwangsweise bedeute, dass Arbeitsplätze wegfallen. Vielmehr würde sich das Arbeitsumfeld verändern und die Tätigkeiten entsprechend angepasst werden (Bonin, Gregory, & Zierahn, 2015). Auf der operativen Arbeitsebene in modernen Fabriken kann von einer Rationalisierung repetitiver Arbeiten ausgegangen werden. Auch die Aufgaben des qualifizierten Facharbeiters können, bis auf einige anspruchsvollere oder manuell auszuführende Arbeiten, die implizites Wissen und Expertenwissen voraussetzen, automatisiert werden. Für diese Berufsgruppe gibt es u.a. folgende denkbare Szenarien: Erstens, sie werden durch kostengünstigeres, geringer qualifiziertes Personal ersetzt. Zweitens, sie erfahren eine Qualifikationsaufwertung in Form eines Facharbeiteringeneurs, der über ein umfangreiches Überblickswissen über den gesamten Produktionsprozess und soziale Kompetenzen verfügt, da durch die vernetzte Produktion auch die jeweiligen unterschiedlichen Funktionsbereiche miteinander interagieren und die Grenzen hier verschwimmen werden. Dadurch könnte es zu einem „Dezentralisierungsschub“ auf der hierarchischen Ebene kommen. Viele Arbeiten des Facharbeiteringenieurs sind traditionell auf der Leitungsebene angesiedelt. Hier könnte der „Fahrstuhleffekt“ (Beck, 1986. Zitiert nach Bilder, 2010, S. 817) greifen und, beziehungsweise oder, denkbar wäre auch eine Wandlung von hierarchisch organisierten Unternehmensstrukturen hin zu welchen mit flachen Strukturen (Hirsch-Kreinsen, 2015, S. 93). Somit würde die Gewichtung von Verantwortung ebenfalls neu verteilt werden. Der Bundesverband Digitale Wirtschaft e.V. definiert auf Grundlage einer Mitgliederumfrage 60 Berufe aus der Digitalen Wirtschaft. Neben bereits etablierten Berufen, wie dem „Content Manager“ finden sich Berufsbezeichnungen wie „Programmatic Advertising Manager“ oder „UX Designer“. Auch, wenn sich die insgesamt 60 Berufe in ihren Tätigkeiten unterscheiden, so haben sie gemeinsam, dass sie alle digitale Kompetenzen erfordern (BVDW, 2016).

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Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die digitale (Arbeits-)Welt und ihre Anforderungen an die Bildung
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Bildungs- und Erziehungstheorien
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V369704
ISBN (eBook)
9783668472976
ISBN (Buch)
9783668472983
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mensch-Maschine Mensch Roboter CPS Forschung Kompetenz Lernen Digitalisierung Arbeit Industrie 4.0 Bildung Erziehung Sozialwissenschaft Arbeit 4.0 Bildung 4.0, Zukunft lebenslanges Lernen
Arbeit zitieren
Astrid Kösters (Autor), 2017, Die digitale (Arbeits-)Welt und ihre Anforderungen an die Bildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369704

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