Durch eine Veränderung in den technischen und organisatorischen Arbeitsbedingungen haben psychische Belastungen und Beanspruchungen der Mitarbeiter in Betrieben stark an Bedeutung gewonnen. Als Beispiel nennen Uhle und Treier Verdichtungen der Arbeit und eine Informatisierung (u.a. Personalabbau, Mehrarbeit, stete Erreichbarkeit, Leistungsdruck etc.).
In diesem Zusammenhang ist auf eine Studie der europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (2015) hinzuweisen. Nach dieser Studie ist Abstinenz aufgrund von psychosozialen Erkrankungen nach Muskel- und Skeletterkrankungen der zweitgrößte Ausfallgrund in Betrieben.
Auf Grundlage dieses anhaltenden Trends wurde die Notwendigkeit einer Beurteilung der psychischen Belastung am Arbeitsplatz vom Gesetzgeber definiert. Zudem ist das Wohlbefinden und die Gesundheit der Mitarbeiter und der Mitarbeiterinnen neben Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit ein zentrales Anliegen der Unternehmen.
Im Rahmen dieser Arbeitsplatzbewertung hinsichtlich der psychischen Belastungen kann der Arbeitgeber psychische Erkrankungen zwar nicht therapieren, er kann jedoch die Wahrscheinlichkeit des Auftretens psychischer Erkrankungen, bedingt durch die belastenden Arbeitsfaktoren, minimieren.
Um sich diesem Ziel zu nähern, müssen diese Faktoren zunächst bestimmt werden. Diese und andere Fragestellungen, wie etwa was innerhalb der Gefährdungsbeurteilung abgebildet werden kann, sollen in den nächsten Kapiteln untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. GEFÄHRDUNGSBEURTEILUNG PSYCHISCHE BELASTUNG
2.1. AUSGANGSLAGE
2.2. RECHTSGRUNDLAGE
3. PSYCHISCHE BELASTUNG UND PSYCHISCHE BEANSPRUCHUNG
3.1. BEGRIFFLICHKEITEN
3.2. BELASTUNGS-BEANSPRUCHUNGSMODELL
3.3. BELASTUNGEN/BEANSPRUCHUNGEN IM ARBEITSKONTEXT
4. WAS BEDEUTET STRESS?
4.1. DEFINITION VON STRESS
4.2. TRANSAKTIONALES STRESSMODELL
4.3. STRESS IM ARBEITSKONTEXT
5. DISKUSSION
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen den Begriffen Belastung, Beanspruchung und Stress im Kontext der betrieblichen Gefährdungsbeurteilung. Ziel ist es, diese wissenschaftlichen Konzepte zu differenzieren und aufzuzeigen, wie eine Integration des Stressbegriffs in die Gefährdungsanalyse die Ableitung präventiver Maßnahmen am Arbeitsplatz verbessern kann.
- Grundlagen der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen.
- Differenzierung der Begriffe Belastung, Beanspruchung und Stress.
- Analyse des Belastungs-Beanspruchungsmodells.
- Diskussion des transaktionalen Stressmodells und seiner Anwendbarkeit.
- Ableitung von Handlungsempfehlungen für die betriebliche Praxis.
Auszug aus dem Buch
3.1. Begrifflichkeiten
In der arbeitsphysiologischen Literatur bei Lehmann (1953) werden erstmals die Begriffe Belastung und Beanspruchung verwendet. Die erste anschauliche und inhaltlich eindeutige Gegenüberstellung, im Sinne von verschiedenen Begriffen, findet sich in der arbeitsmedizinischen Literatur bei Valentin et al. (1971, S. 24): „Unter Belastung ist jede Einflussgröße zu verstehen, die am menschlichen Organismus eine Wirkung hervorrufen kann.“ Und weiter heißt es: „Als Beanspruchung bezeichnet man Veränderungen des Organismus, die durch Belastung hervorgerufen werden.“
In der Industrienorm zur psychischen Arbeitsbelastung (vgl. DIN EN ISO-10075:2000) wurden diese Begriffe auf der Grundlage arbeitsmedizinischer Literatur definiert. Hier wird der Begriff psychische Belastung als „[...] die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn wirken [...]“ beschrieben. Im Vergleich hierzu stellt diese Norm die psychische Beanspruchung als „[...]die unmittelbare (nicht die langfristige) Auswirkung der psychischen Belastung im Individuum in Abhängigkeit von seinen jeweiligen überdauernden und augenblicklichen Voraussetzungen einschließlich der individuellen Bewältigungsstrategien [...]“ dar.
Im Gegensatz zum alltäglichen Sprachgebrauch, wo die Begrifflichkeiten Belastung und Beanspruchung negativ konnotiert sind, werden diese in der Wissenschaft und in den bestehenden Normen als neutrales Wertepaar verwendet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Führt in die Relevanz psychischer Belastungen im modernen Arbeitsumfeld ein und begründet die Notwendigkeit einer präzisen Begriffsbestimmung für die Gefährdungsbeurteilung.
2. GEFÄHRDUNGSBEURTEILUNG PSYCHISCHE BELASTUNG: Erläutert die Ausgangslage steigender psychischer Anforderungen und die gesetzliche Verpflichtung zur Gefährdungsbeurteilung im Arbeitsschutz.
3. PSYCHISCHE BELASTUNG UND PSYCHISCHE BEANSPRUCHUNG: Definiert die zentralen Fachbegriffe und stellt Modelle vor, die das Zusammenspiel von äußeren Einflüssen und individuellen Reaktionen erklären.
4. WAS BEDEUTET STRESS?: Differenziert zwischen weit- und enggefassten Stressbegriffen und erläutert das transaktionale Stressmodell nach Lazarus sowie dessen Bedeutung für den Arbeitskontext.
5. DISKUSSION: Synthetisiert die behandelten Modelle und kommt zu dem Schluss, dass die Integration des Stresskonzepts eine präzisere Gefährdungsbeurteilung und zielgerichtetere Maßnahmen ermöglicht.
Schlüsselwörter
Psychische Belastung, psychische Beanspruchung, Gefährdungsbeurteilung, Arbeitsplatzbewertung, transaktionales Stressmodell, Fehlbeanspruchungsfolgen, Arbeitsschutzgesetz, Betriebliches Gesundheitsmanagement, Stressbewältigung, Coping-Strategien, Arbeitspsychologie, Ressourcen, Arbeitswelt, Prävention, Fehlbeanspruchung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die wissenschaftlichen Konzepte von Belastung, Beanspruchung und Stress und untersucht deren Bedeutung und Anwendung im Rahmen der betrieblichen Gefährdungsbeurteilung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die arbeitspsychologische Definition von Belastungsbegriffen, die gesetzlichen Rahmenbedingungen des Arbeitsschutzes sowie theoretische Modelle zur Stressentstehung und -bewältigung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Differenzierung der Begriffe und die Klärung, wie eine Integration des Stressbegriffs in die Gefährdungsanalyse die Prävention von psychischen Fehlbeanspruchungen unterstützen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und dem Vergleich arbeitswissenschaftlicher Modelle, die in einer Diskussion kritisch zusammengeführt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Erläuterung der gesetzlichen Grundlagen, die theoretische Herleitung der Belastungs- und Beanspruchungsmodelle sowie die detaillierte Betrachtung von Stress als Teilbereich der Fehlbeanspruchungsfolgen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind psychische Belastung, Gefährdungsbeurteilung, Stress, Beanspruchung und Bewältigungsstrategien.
Wie unterscheidet sich Belastung von Beanspruchung in der Wissenschaft?
In der Wissenschaft werden die Begriffe wertneutral verwendet: Belastung bezeichnet äußere Einflüsse, während Beanspruchung die unmittelbare individuelle Reaktion des Organismus auf diese Einflüsse beschreibt.
Welchen Stellenwert nimmt das transaktionale Stressmodell ein?
Es dient zur Erklärung der individuellen Stressentstehung, da es das dynamische Zusammenspiel zwischen Person und Umwelt durch Bewertungsprozesse in den Mittelpunkt stellt.
Warum ist die Messung psychischer Belastungen laut dem Autor schwierig?
Die Schwierigkeit liegt in der Komplexität der Begrifflichkeiten und dem hohen Einfluss des subjektiven Empfindens der betroffenen Mitarbeiter bei der Bewertung von Fehlbeanspruchungen.
Welches Fazit zieht der Autor für die Praxis?
Der Autor empfiehlt eine Konzepterweiterung der Gefährdungsanalyse, indem Stress als messbare Facette integriert wird, um gezieltere Maßnahmen zur Minimierung von Fehlbeanspruchungen zu entwickeln.
- Arbeit zitieren
- Stephan Schramm (Autor:in), 2016, Belastung, Beanspruchung und Stress am Arbeitsplatz. Arbeitsplatzbewertung und Gefährdungsbeurteilung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369721