Diogenes-Syndrom und Messie-Syndrom werden häufig nicht nur miteinander verwechselt, sondern auch noch mit anderen pathologischen Zuständen. Man kann sie aber gut gegeneinander abgrenzen.
Letztlich sind solche Zustände und Gewohnheiten schon vor mehr als hundert Jahren beschrieben worden, aber immer wieder unter anderen Namen. Erst die Popularisierung durch Sandra Felton hat eine breitere Öffentlichkeit damit bekannt gemacht. Das hat wiederum zum Verwässern und Verwischen geführt.
Die Darstellung hier vermittelt eine Orientierung über die einzelnen Syndrome sowie deren Unterschiede und zitiert schwer erreichbare Quellen wörtlich.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Einführung
Das Diogenes-Syndrom selbst
Vorläufer zum Diogenes-Syndrom in der psychiatrischen Literatur
Die heutigen Diogenes-Anachoreten
War Diogenes auch vom Leben verlassen worden?
Vorläufer und Nebenläufer des Messie-Syndroms
Sammlernaturen unter uns
Sammeltrieb
Sammelsucht
Das Messie-Syndrom
Als Folge der Popularisierung breitete sich Messie aus
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die begriffliche und klinische Abgrenzung zwischen dem Diogenes-Syndrom und dem Messie-Syndrom wissenschaftlich zu fundieren, um der heute verbreiteten Tendenz entgegenzuwirken, diese grundlegend verschiedenen Phänomene fälschlicherweise in einen gemeinsamen Kontext zu stellen.
- Differenzierung zwischen Diogenes-Syndrom und Messie-Syndrom
- Historische Einordnung des Diogenes-Phänomens und der Anachoreten
- Psychopathologische Analyse des krankhaften Sammeltriebs und der Sammelsucht
- Kritische Betrachtung der Popularisierung des Messie-Begriffs
- Psychologische Untersuchung von Lebensgestaltung und Selbstbestimmung
Auszug aus dem Buch
Die heutigen Diogenes-Anachoreten
Ähnlich handelt es sich bei den heutigen Diogenes-Anachoreten um Menschen, die durchaus jederzeit in der Lage sind, als liebenswürdige und kontaktfreudige Menschen in der Öffentlichkeit zu leben und dies oft auch über viele Jahre ihres Lebens tun. Dann aber entscheiden sie sich für ein Leben in der Zurückgezogenheit, gewöhnlich allerdings nach einem einschneidenden Lebensereignis. Aber ohne Depression tun sie dies, ohne Bedauern oder Trauer, sondern innerlich heiter und geistig rege. Dies, obwohl man es ihnen nicht unbedingt anmerkt, da sie auch nicht große Freude erkennen lassen. Wenn man ein solches Leben lebt, wird allerdings das materielle Leben ziemlich unwichtig. Man ernährt sich, man tut auch für Hygiene und Ordnung das, was absolut unumgänglich ist, aber nichts darüber hinaus.
Durch dieses Verhalten entfernen sich die Diogenes-Einsiedler allerdings von ihrer bürgerlichen Mitwelt und deren Vorstellungen von einem anständigen Leben. Sie wirken krank und hilfsbedürftig und man fühlt, wenn man mit ihnen zusammen ist, einen Impuls, ihnen zu helfen. Sie lehnen das aber beharrlich ab, weil sie sich nicht krank fühlen und es auch nicht sind. Wenn dann Unordnung, Schmutz und Hygienemängel anwachsen, wenn sich um das Bett herum die Zeitungen stapeln, die Bücher nicht wieder fortgeräumt werden und es überhaupt nach und nach an jeder Ordnung fehlt, dann entsteht bei äußerer Betrachtung eine Ähnlichkeit mit dem Messie-Syndrom. Beim Diogenes-Anachoreten handelt es sich aber um die als unvermeidlich so hingenommenen Folgen des selbstgewählten Lebens. Es ergibt sich, ohne dass die Betroffenen aktiv damit befasst sind, ohne dass sie es angestrebt hätten oder sich auch nur viele Gedanken darüber gemacht hätten. Wenn man zu ihnen kommt, kann man sich jederzeit mit ihnen unterhalten und sie erzählen auch, was sie innerlich beschäftigt, was meistens ziemlich viel ist. Wenn man sie nach ihrem seltsamen Verhalten befragt, bekommt man allerdings keine befriedigende Erklärung dafür.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Der Autor erläutert die Ausgangslage und die häufige, fachlich unkorrekte Vermischung des Diogenes- mit dem Messie-Syndrom in der heutigen Zeit.
Einführung: Es wird die historische und philosophische Analogie zwischen dem Diogenes-Syndrom und dem Eremitentum bzw. Anachoretentum hergestellt.
Das Diogenes-Syndrom selbst: Dieses Kapitel definiert das Syndrom als einen Zustand der zurückgezogenen Einsamkeit nach eigener Wahl und grenzt es von pathologischen Krankheitsbildern ab.
Vorläufer zum Diogenes-Syndrom in der psychiatrischen Literatur: Anhand einer Fallschilderung aus dem Jahr 1783 wird aufgezeigt, dass entsprechende Verhaltensweisen bereits historisch dokumentiert wurden.
Die heutigen Diogenes-Anachoreten: Der Autor beschreibt das Profil moderner Betroffener, die sich nach einschneidenden Lebensereignissen bewusst aus der Gesellschaft zurückziehen.
War Diogenes auch vom Leben verlassen worden?: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Legende des Diogenes und deren Bedeutung als Idealbild der Bedürfnislosigkeit.
Vorläufer und Nebenläufer des Messie-Syndroms: Dieses Kapitel widmet sich der Psychologie des Sammelns, differenziert zwischen Sammeltrieb und Sammelsucht und beleuchtet die historische Betrachtungsweise.
Das Messie-Syndrom: Der Autor grenzt das Messie-Verhalten vom krankhaften Sammeln ab und charakterisiert es als oft selbstgewählte Lebensgestaltung.
Als Folge der Popularisierung breitete sich Messie aus: Ein kritischer Blick darauf, wie populärwissenschaftliche Literatur und Medien den Messie-Begriff überdehnten und pathologisierten.
Schlüsselwörter
Diogenes-Syndrom, Messie-Syndrom, Psychiatrie, Anachoret, Sammelsucht, Sammeltrieb, Syllogomanie, soziale Isolation, Verwahrlosung, Lebensgestaltung, Psychopathologie, Patientenbetreuung, medizinische Diagnostik, Selbstbestimmung, Ordnung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Werk grundsätzlich?
Das Buch untersucht die wesentlichen Unterschiede zwischen dem Diogenes-Syndrom und dem Messie-Syndrom, um eine fachlich präzise Differenzierung dieser häufig verwechselten Zustände zu ermöglichen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die psychiatrische Phänomenologie des freiwilligen Rückzugs, die psychologische Einordnung von Sammelverhalten und eine kritische Analyse der medialen Aufbereitung beider Syndrome.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, aufzuzeigen, dass es sich bei Diogenes-Betroffenen um Anachoreten handelt, während Messies primär durch Schwierigkeiten bei der Alltagsordnung auffallen, ohne zwingend an einer psychiatrischen Krankheit zu leiden.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor stützt sich auf kasuistische Darstellungen, historische Literaturvergleiche und seine langjährige klinische Erfahrung als Psychiater und Psychotherapeut.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Definitionen beider Syndrome, historische Fallbeispiele von Anachoreten, die Abgrenzung von Sammelsucht sowie die Auswirkungen gesellschaftlicher Popularisierung auf diese Diagnosen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Die Arbeit wird maßgeblich geprägt durch Begriffe wie Diogenes-Syndrom, Messie-Syndrom, Anachoretentum, Sammelsucht und die psychosoziale Differenzierung von Verhaltensweisen.
Wie bewertet der Autor die moderne Bezeichnung des Messie-Syndroms?
Der Autor sieht darin eine kritische Entwicklung, da der Begriff zunehmend auf Menschen angewendet wird, die schlicht unordentlich sind, was zu einer ungerechtfertigten Pathologisierung normaler Lebensentwürfe führen kann.
Welche Rolle spielt die Biografie in Bezug auf das Diogenes-Syndrom?
Der Autor verdeutlicht anhand von Fallbeispielen, dass dem Rückzug in die Einsamkeit häufig einschneidende biographische Ereignisse vorausgehen, die den bisherigen Lebenssinn infrage gestellt haben.
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- Uwe H. Peters (Author), 2017, Diogenes war kein Messie. Zur Unterscheidung zwischen Diogenes-Syndrom, Messie-Syndrom und anderen ähnlichen Zuständen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369726