Moderne französische Lyrik. Eine kleine Tour de France der Poesie von Rimbaud bis Houllebecq


Essay, 1999

43 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhalt

Kopfwelten. Die verwirrende Vielfalt der modernen französischen Lyrik

Französische Lyrik wie nie zuvor

Oh Reinheit! Reinheit! Zum 100. Todestag von Arthur Rimbaud

Träume, Krisen, Scheitern. Die Reisen des Arthur Rimbaud

Chiffren einer gefährdeten Existenz. Anmerkungen zu Charles Juliet

Lebende Asche / Das Fest des Lebens. Gedichte von Michel Leiris

Michel im Glück? Anmerkungen zu zwei neuen Büchern Houellebecqs

Signale des Surrealen. Zu Yves Bonnefoy

Saint-Pol-Roux: Der Dichter ist radioaktiv

Saint-Pol-Roux über das Meer und die Bretagne

Kopfwelten. Die verwirrende Vielfalt der modernen französischen Lyrik

Poesie am Rande

”Die Verleger von Lyrik - zumindest von solcher Lyrik, die neue Wege einschlägt - waren hauptsächlich die Opfer der großen Buchproduktion. Man muß dickleibige Kinder produzieren, mit einer Auflage von einigen tausend Exemplaren (das Büchlein des Dichters erregt Mitleid gegenüber manchen voluminösen Romanen).” Dies schreibt der französische Verleger René Rougerie in seinem 1985 erschienenen pamphletären Buch La fête des ânes ou La mise à mort du livre (Das Fest der Esel oder Der Todesstoß für das Buch). Er muß es wissen, denn er veröffentlicht in seinem kleinen Verlag in Mortemart bei Limoges seit fast vierzig Jahren in erster Linie Lyrik: nüchtern-weiße Bücher, meist im Bleisatz gedruckt, die man zum Lesen noch aufschneiden muß.

Neben der respektablen Lyrik-Zeitschrift Poésie présente findet man in seinem Programm sowohl große Namen (Pierre Albert-Birot, Joe Bousquet, Max Jacob, Pierre Reverdy, Saint-Pol-Roux, Victor Segalen und andere) als auch eine Reihe unbekannter, junger und alter, Lyriker, die alle durch Qualität bestechen. Der Verlag Rougerie ist eine Ausnahme von der Regel, er kann sich nur durch bewundernswerte Eigeninitiative des Verlegers und seiner ganzen Familie halten. Große Verlage wie Gallimard haben zwar oft eine Lyrikreihe, doch darin findet man nur die Klassiker, auch noch die der Moderne bis zum Surrealismus, neue Experimente auf dem Gebiet der Lyrik haben hier nur selten eine Chance.

Der Markt der Poeten

Paris, Ende Juni 1989: noch vor den pompösen Revolutionsfeiern kann man auf der Place Saint-Sulpice ein anderes Spektakel erleben. Zum siebten Mal findet dort der ”Marché de la Poésie” statt, diesmal wieder auch mit einigen Kleinverlagen aus der Bundesrepublik. Es sind über 250 Verleger, die ihre Bücher präsentieren, für die meisten von ihnen gibt es beim offiziellen ”Salon du livre” keinen Platz, sie würden auch dort hinter der protzigen Publicity der Großverlage verschwinden. Es gibt sie also noch, die französischen Poeten, und hier scheint es, als hätten sie die Straße, das große Publikum, wiedergewonnen. Aber der Schein trügt, denn es gibt - so schrieb René Rougerie in der ersten Nummer seiner Zeitschrift - in Frankreich höchstens tausend Leser von Gedichten, und das ist noch eine optimistische Schätzung. Übrigens: der “Marché de la Poésie” findet immer noch jedes Jahr statt. Wenn es nun in Frankreich, diesem Land mit seiner großen Lyriktradition, die man stolz sogar in Jugendbuchreihen verbreitet, so schlecht steht, wird man sich fragen dürfen, ob es die Mühe lohnt, diese moderne Lyrik bei uns vorzustellen. Hierzulande ist es doch um die Lyrik genauso, wenn nicht schlechter bestellt, und die französischen Dichter der letzten vierzig Jahre, deren Werke ins Deutsche übersetzt worden sind, kann man wohl an zwei Händen abzählen.

Eine “Tour de France der Poesie”

Der Münchner Kirchheim-Verlag wagt den Versuch. Zur Buchmesse erscheint in seinem Programm das 300 Seiten starke Buch Résonances. Französische Lyrik seit 1960 (herausgegeben von Eugen Helmlé), und diese Initiative muß auf jeden Fall lobend begrüßt werden. Zeigt sie doch, daß in Frankreich, wenn auch nur von wenigen bemerkt, eine lyrische Entwicklung stattfindet, in Zeitschriften wie Action poétique, PO&SIE und anderen. Das Buch ist also zu begrüßen, wenn man auch über Eugen Helmlés Vorwort streiten kann. Da liest man Sätze wie ”Lyrik ist die Spiegelung persönlicher Augenblicksstimmungen” oder ”Sie scheint das älteste Beruhigungsmittel der Welt zu sein, der Tranquilizer par excellence”. Nach dem eingangs angeführten Aragon-Zitat - ”Man muß verrückt sein, um über Poesie zu schreiben. Poesie macht man, man erklärt sie nicht” - hätte man doch weniger banale Äußerungen erwartet.

Helmlé hat dies wohl selbst bemerkt, denn ansonsten enthält er sich in seinem Vorwort solcher Statements. Man kann es auf zweierlei Weise lesen: als hilflosen Versuch, diese Vielzahl von Formen und Themen unter einen Hut zu bringen, oder als sympathisches Eingeständnis, daß ein klarer Überblick nicht mehr möglich ist, daß es zwar einige namhafte Zeitschriften und die um sie gruppierten Dichter gibt, aber letztlich nur Individualisten der Sprache, von denen jeder seine eigenen Wege geht. Helmlé gibt zwar einen brauchbaren historischen Abriß, kann und will sich dann aber nicht festlegen, weder bezüglich seiner ”subjektiven” Auswahl noch bezüglich der Übersetzungskriterien. Der Leser steht ratlos vor einem dicken Buch voller Worte. Wenn er über keine Erfahrung in der Lektüre moderner Dichtung verfügt, muß er sich noch hilfloser fühlen.

Helmlé nennt seine Auswahl eine ”Tour de France der Poesie”, doch dem Leser werden weder Etappen noch Wegmarken an die Hand gegeben. Auch der Rezensent ist hilflos, er kann dem Leser keine Hilfen geben, nicht schreiben, was Helmlé in seinem Vorwort hätte schreiben müssen, nur wenige Anhaltspunkte kann er geben.

Konstruierte Wirklichkeiten

Helmlé erwähnt die 1985 erschienene, 1500 Seiten starke Anthologie Das surrealistische Gedicht (Zweitausendeins). Die darin vertretenen Dichter (Surrealisten und Postsurrealisten), schreibt Helmlé, finde man nicht in seiner Auswahl, auch wenn auf viele der von ihm ausgewählten Autoren der Surrealismus zu irgend einer Zeit ihres Lebens einen Einfluß ausgeübt habe. Dies wäre im Einzelfall zu überprüfen, die den Surrealisten nachgesagte Dunkelheit erschwert dem Leser jedenfalls bei vielen dieser Gedichte das Verständnis.

Hier wäre zu bemerken, daß die Texte der Dichter, die man gemeinhin zu den Surrealisten der ersten Stunde zählt - André Breton, Philippe Soupault, Robert Desnos, Louis Aragon, Paul Eluard - gar nicht so dunkel und schwer verständlich sind, wenn man von ihren automatischen Erstversuchen einmal absieht. Sie sind oft von kindhafter Klarheit; wohlgemerkt: kindhaft, was nicht unbedingt in den engen Kopf eines vernünftigen Erwachsenen gehen muß. Pierre Berger schrieb in seiner Biographie über Robert Desnos. ”die Dichter von heute produzieren nur Literatur, nichts als Literatur. Sie leben nicht. Sie verachten sogar die, die leben”. Und Desnos selbst hat gesagt: ”Ich bin kein Philosoph, ich bin kein Metaphysiker. Und ich liebe den reinen Wein.”

Ich zitiere dies nur, weil wir es bei den von Helmlé ausgesuchten Autoren mit vielen studierten Männern zu tun haben (unter den siebenundzwanzig Lyrikern findet man nur drei Frauen). Maurice Regnault lehrt in Straßburg vergleichende Literaturwissenschaft, Pierre Garnier hat ein Studium der Germanistik absolviert, Jacques Réda studierte Philosophie und Jura, Michel Deguy ist Professor für französische Literatur in Paris, und die Liste ließe sich fortsetzen. Das ist ja auch nicht weiter schlimm. Warum sollen Akademiker keine Gedichte schreiben? Der Leser muß nur wissen, was ihn in erster Linie erwartet: nicht mehr die einfachen, aber doch hintergründigen Paroles eines Jacques Prévert (1945), sondern konstruierte Wirklichkeiten, die ohne die Kenntnis linguistischer und semiotischer Theorien oft nicht mehr zu verstehen sind, Kopfwelten von gelehrten Dichtern, die nicht jeder so einfach nachverfolgen kann, gewiß keine ”Tranquilizer”.

Was soll man anfangen mit Pierre Garniers ‘Semantischen Gedicht’ (”Poème sémantique”), das folgendermaßen beginnt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein anderer Text von ihm - ”Ilses Garten” (”Le jardin d’Ilse”) - ist dagegen von frappierender Einfachheit (S. 44/45). Hier werden nur einige Blumennamen kreisförmig angeordnet. Nein, ein Vogel ist auch dabei, der Distelfink, und die Rose wird zweimal genannt, und bei der ”pensée” stoßen wir auf Übersetzungsprobleme, denn damit kann der Gedanke (bzw. das Denken) und das Stiefmütterchen gemeint sein (die Übersetzung nennt nur das Stiefmütterchen).

Gewagte Bilder, Dichtung über Dichtung

Pierre Garnier ist einer der wenigen Vertreter der Konkreten Poesie in Frankreich, andere Texte von ihm zeigen das noch deutlicher. Doch er hat auch schon anders geschrieben. Ein titelloses Gedicht aus seiner Sammlung Perpetuum mobile (1968) beginnt folgendermaßen: ”Der Tod / ist so still / auf hoher See. // Heute morgen singt die Amsel / und Christus erscheint im Schlaf der Dinge. // Der Mond / gleicht er nicht unserer Poesie / so tot / so klar?” (S. 41). Diese Zeilen stehen für viele in dieser Anthologie und sie zeigen folgendes: Pierre Reverdys zu Beginn unseres Jahrhunderts formuliertes Diktum, ein poetisches Bild sei um so schöner, je weiter voneinander entfernt die darin enthaltenen Bausteine seien, ist auch heute noch gültig. Der Tod, die hohe See, die Amsel, Christus und der Mond: sie bilden eine Assoziationskette von funkelnder Vielschichtigkeit. Doch sie steht nicht allein, sondern verbindet sich mit Gedanken über die Dichtung selbst. So wie im modernen Roman auch über den Roman als erzählerische Gattung geredet wird, so enthält die moderne Lyrik nicht selten poetologische Überlegungen.

Grundsätzlich sind diese Zeilen dazu geeignet, die anfängliche Zurückhaltung gegenüber diesen nicht immer leicht zugänglichen Gedichten aufzugeben. Man muß sich diesen artifiziellen Welten überlassen, in sie hineinsteigen wie in eine phantastische Tropfsteinhöhle. So zum Beispiel in die manieristischen Texte von Jude Stefan, der von manchen Kritikern als ein moderner Nachfolger des Barocks gesehen wird. Sein Gedicht ”Die alten Frauen” (”Les vieilles”) beginnt mit den folgenden Zeilen: ”wildgänse vom schnee geblendet / du den ihre schambergfinsternisse verrückt gemacht haben / und ihr falsches lächeln für spaziergänge / blumentöter in der ordnung der zeit” (S. 71). Schulmeisterliche Interpretationsversuche sind hier fehl am Platz.

Poetologische Überlegungen dagegen wieder bei Bernard Noël, der versucht, sich in einer ”Körperschreibweise” (Helmlé) auszudrücken. In seinem Prosagedicht mit dem Titel ”Weißer Rost” (”Rouille blanche”) liest man: ”Man schreibt, um das letzte Wort zu erreichen, doch die Bewegung des Schreibens schiebt es immer wieder hinaus. Das letzte Wort ist in Wahrheit irgendwo im Text. Oder vielleicht ist es der ganze Text. So laufe ich schreibend einen Schatten hinterher - einem Schatten, den allein mein Lauf unbeständig macht” (S. 75). Solche Gedanken über die Dichtung im Gedicht haben in Frankreich eine lange Tradition, man findet sie bei den Romantikern, bei Baudelaire, bei den Symbolisten und allen folgenden Gruppierungen, und wenn man die von Pierre Seghers 1972 herausgegebene Anthologie Le livre d’or de la poésie française contemporaine (Das goldene Buch der zeitgenössischen französischen Poesie) durchblättert, findet man auf jeder zweiten oder dritten Seite eine ”Art poétique” oder ein ähnliches programmatisches Gedicht.

Auf der Suche nach einem anderen Alltag

Solche Gedichte zeigen aber auch mehr als andere die poetische Beschäftigung mit dem eigenen Ich, das auf diesem Weg wieder aus einer konstruierten Wirklichkeit hinausfindet. Das Ich wird in seiner alltäglichen Umgebung gezeigt, die aber oft zu einem traumhaften, phantastischen Hintergrund gerinnt; so zum Beispiel in Michel Deguys Gedicht ”Cardiogramme (mai)” (Kardiogramm (Mai)) -, das so beginnt: ”Die Seine war grün an deinem Arm / Weiter weg als der Pont Mirabeau unter / den Hügeln wie ein Atemholen” (S. 99). Eines der wenigen Liebesgedichte in diesem Band, als ”Kardiogramm” getarnt, der Autor erinnert geschickt an Guillaume Apollinaires berühmtes melancholisches Liebesgedicht ”Le pont Mirabeau” (1913).

Die Welt der Riesenstadt Paris mit ihren monotonen Vorstadtsiedlungen bildet die Szenerie, wie auch in Jacques Rédas Gedichtband Beauté suburbaine (1985), aus dem Helmlé einige Gedichte ausgewählt hat. ”Überstädtische Schönheit” könnte man übersetzen, eine Schönheit, die Réda in den tristen Häusermeeren zu finden versucht. In den Straßen mit den ‘kleinen Häusern voll verlorner Stunden’ entdeckt er auf einmal ‘das wahrhafte Licht’, ”Das ich im Schlaf einst schon einmal entdeckte. / Und jeden Weg und Stein erkenn ich wieder, / Doch alles sehe ich zum ersten Mal” (S. 57).

”Wege eines ‘neuen Realismus’”, so nannten Charles Dobzynski und Alain Lance diese Strömung in der modernen französischen Lyrik (im Vorwort zu der von ihnen vor zehn Jahren in der DDR herausgegebenen Anthologie ”Französische Lyrik der Gegenwart”). Meines Erachtens überwiegen die traumhaften Züge, so zum Beispiel in Jacques Rédas Gedicht ”Zwei Träume” (”Deux songes”), das so beginnt: ”Ich schlief in einem Haus, das ganz im Nebel lag. / Von einem Traum, vielleicht wars meiner, war der Garten hell. / Ich tastete mich in dem nebelschweren Schlaf vergebens / Hinein in dieses ferne, wahre Licht” (S. 59). Die Wahrheit liegt in traumhaft-weiter Ferne, eindeutige Worte zum Zeitgeschehen sind selten, wie beispielsweise zum Algerienkrieg in den Gedichten von Henry Deluy und Maurice Regnault. Der 1959 verstorbene Boris Vian steht in dieser Sammlung mit seinen satirisch-phantasievollen Gedichten und Chansons ziemlich allein. Die Pariser Mairevolte von 1968 hat nur bei wenigen Dichtern dieser Sammlung ihre Spuren hinterlassen: Christian Prigent, Mitbegründer der Zeitschrift ”TXT” übernahm Comic Strips, Dialoge aus Fotoromanen, Fäkalsprache und andere Sprachebenen in seine Texte, andere Autoren haben der bürgerlichen Syntax den Krieg erklärt.

Sprache und Stil

Es ist schwer, Sprache und Stil der hier versammelten Texte klar einzuordnen. Helmlé macht es sich einerseits leicht, wenn er im Vorwort schreibt: ”Alles in allem ist das Stilrepertoire ziemlich breit gefächert”. Andrerseits ist er wieder sehr genau und verwendet Fachbegriffe (der ”stehengebliebene Alexandriner” oder ”der freie Vers mit Quasi-Silbenzählung”), mit denen ein nicht geschulter Leser wenig anfangen kann. Dobzynski und Lance wenden sich in ihrem Vorwort mehr an den ‘einfachen’ Leser. Sie sprechen von der ‘lapidaren Rede’, weisen darauf hin, daß vielfach die Sprache auf der ganzen Seite ‘zerstreut’ wird, daß Prosa und Lyrik vermischt werden. Formale Experimente, so schreiben sie, zielen anscheinend häufig ”- über die Fragen der Funktionsweise der Sprache hinaus - auf die allgemeinen Fragen der Sinngebung der Dichtung für das Denken und Handeln”. Hinweise, die auch für viele der von Helmlé ausgewählten Texte gelten.

Die moderne französische Lyrik bietet sprachlich, stilistisch und thematisch eine überwältigende Vielfalt. Der an Lyrik interessierte Leser kann sich auf eine spannende Entdeckungsreise begeben. Es wäre leicht, weitere Autoren für eine solche Sammlung zu nennen, Helmlé selbst schreibt in seinen Vorwort, daß eine ”Auswahl französischsprachiger Dichter unter Einschluß der Schweizer, Belgier, Kanadier, Maghrebiner und Afrikaner anders ausgesehen haben würde als dieser ausschließlich Frankreich und seinen Poeten vorbehaltene Lyrikband”. Mit dieser Einschränkung hat Helmlé jedoch eine repräsentative Auswahl getroffen, die einzelnen Autoren werden knapp aber informativ vorgestellt, und den verschiedenen Übersetzern ist es im großen und ganzen gelungen, diese Texte in ein äquivalentes Deutsch zu übertragen.

Résonances. Französische Lyrik seit 1960. Zweisprachig. Herausgegeben und übersetzt von Eugen Helmlé unter Mitarbeit von Felicitas Frischmuth, Ludwig Harig, Hinrich Schmidt-Henkel und Simon Werle. München.

P. Kirchheim Verlag. 1989.

Französische Lyrik wie nie zuvor

Zur vierbändigen, zweisprachigen Anthologie französischer Dichtung aus sechs Jahrhunderten

Frankreich gilt hierzulande für viele als das große Land der Dichter. Das hängt mit manchem zusammen, nicht zuletzt mit einer massiven Kulturpolitik unseres Nachbarn jenseits des Rheins, der gerade in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg versucht hat, uns seine Dichter näher zu bringen. Aber auch mit einer oft naiven Frankophilie, die Poesie schon in Rotwein und Käse entdecken will, und mit einer sehr verbreiteten geistigen Trägheit, die nach der Dichtung der Italiener, Spanier oder gar Portugiesen wenig fragt. Das gilt auch bis zu einem gewissen Grad für unsere eigenen Dichter, gerade dieses Jahrhunderts, die allzu gerne den Blick über den Rhein gerichtet haben. Die Folge ist, das wohl aus keiner anderen Sprache so viele Lyriker, einzeln oder im Kreis ihrer Zeitgenossen, übersetzt worden sind, und doch haben diese Übersetzungen nur ein kleines Publikum erreicht.

Zumindest kam man auf einer Tagung an der Düsseldorfer Universität 1986 zu dieser Einsicht, und man beschloß, unter Führung und Förderung der Robert-Bosch-Stiftung dem Abhilfe zu schaffen. Das Ergebnis liegt nun vor: vier dickleibige, schön gestaltete Bände, die zur letztjährigen Buchmesse erschienen sind. Das Werk wurde bisher mit Hochachtung vor der großartigen Leistung der Herausgeber und Übersetzer aufgenommen, es wurde zum Buch des Monats erklärt. Selbst der ”Spiegel”, der ansonsten mit Lyrik nicht viel am Hut hat, brachte eine kleine Notiz unter der Überschrift ”Galgenvögel und Poeten” (Nr. 48/1990), mit einem winzigen Wermutströpfchen allerdings: ”Für die zweisprachige Edition [...] wurden eigens einige (nicht immer geglückte) Neuübertragungen bestellt.” Doch ansonsten auch hier nur Lob: ”eine vielschichtige Annäherung an das Originalwerk.”

Die literarische Übersetzung, gerade von Lyrik, ist ein weites und schwieriges Feld und kann leicht kritisiert werden. Um dem vorzubeugen, hat sich Friedhelm Kemp, einer der Herausgeber (selbst ein renommierter Übersetzer), in seiner Einführung zum einen gegen eine ”äußere Formtreue” gewandt: sie habe aufs ganze gesehen die dürftigsten Resultate geliefert. Zum anderen gibt er den Weg frei zu einer ‘möglichst großen Vielfalt von «Sorten» der Übersetzung’, wodurch einem eventuellen Kritiker von vornherein der Wind aus den Segeln genommen wird. Da gibt es beispielsweise ein recht berühmtes Gedicht (genauer: einen Gedichtausschnitt) von Théophile de Viau (1590-1626), das vor Jahren schon der Surrealist Paul Eluard in seine Schule machende Anthologie französischer Lyrik (1951) aufgenommen hat. Der Ausschnitt, der auch für unsere hier zur Debatte stehende Anthologie ausgewählt wurde, beginnt mit dem Vers ”Je veux faire des vers qui ne soient pas contraints”; es folgt eine Aufzählung über sieben weitere Verse von dem, was das lyrische Ich alles machen (tun) möchte, um die zum Schreiben notwendige Stimmung zu erlangen. Werner von Koppenfels, Mitherausgeber dieses ersten Bandes, übersetzt den ersten Vers folgendermaßen: ”Zwanglos wolln [sic] meine Verse sich bewegen”; wörtlich müßte man aber (unter Vernachlässigung des Relativsatzes) übersetzen: Ich will ungezwungene Verse machen. Koppenfels verschiebt den Sinn des ganzen Gedichtes vom Ich, das etwas ‘macht’ (griechisch poeisis: das Machen), auf die Verse, die sich bewegen, und auf die Dinge, mit denen sich das Ich beschäftigt. Ist das nun ein grober Fehler, über den man sich aufregen müßte, oder darf man sich hier auf die Freiheit des Übersetzers berufen? Anders gefragt: Sind das Probleme für Spezialisten, die an anderer Stelle gelöst werden müßten?

Damit verbunden ist die prinzipielle Frage, für wen nun diese vier Bände bestimmt sind. Rüdiger Stephan sagt es ganz klar in seinem Geleitwort: ”Nicht dem Eingeweihten, nicht dem Wissenschaftler gilt das Werk, es ist vielmehr bestimmt für ein breites gebildetes Publikum, sollte aber auch in Schule und Hochschule Verwendung finden.” Dem darf widersprochen werden: Gibt es dieses breite gebildete Publikum, das sich ausführlich mit der französischen Dichtung aus sechs Jahrhunderten beschäftigen möchte? Sind es nicht doch die Eingeweihten, zu denen auch die Herausgeber gehören? Und der hohe, allerdings durchaus gerechtfertigte Preis der Bücher wird Schüler und Studenten abschrecken. Allerdings ist bereits eine Taschenbuchausgabe angekündigt, auf die werden die weniger wohlhabenden Freunde der Dichtung warten müssen. Schade, denn die vier Bände bieten wirklich einiges, was bisher in dieser Fülle nicht geboten wurde.

Der erste Band bietet Gedichte vom ausgehenden Mittelalter bis zur Renaissance, von François Villon bis Théophile de Viau. Bis auf Villon, dürften alle Dichter dieses Bandes für das breite Publikum unbekannt sein. Es empfiehlt sich (wie bei allen vier Bänden), zuerst das Nachwort der Herausgeber und dann die Dichterbiographien zu lesen, um sich von dort aus den einzelnen Dichtern zuzuwenden. Darin wird aber eine gewisse Bildung vorausgesetzt, nicht jeder wird beispielsweise den folgenden Satz in seiner ganzen literaturgeschichtlichen Tragweite verstehen: ”Doch bei vielen Dichtern der Zeit, allen voran bei Ronsard, erscheint das Erbe Petrarcas ovidianisch temperiert, wird die ideale Geliebte auf den französischen Boden herabgeholt, ihre grundsätzliche Unerreichtheit wenigstens im Kuß relativiert.” (S. 477) Solche Ausflüge in die Fachwissenschaft widersprechen den wiederholten Beteuerungen, diese Sammlung richte sich an Jedermann: ”Die Gedichte und Gedichtauszüge des vorliegenden Bandes wollen keine archäologischen Ausgrabungen sein, kein Museum zur ‘Mentalitätsgeschichte’ einer fremden Kultur, sondern Einladung und Verlockung zum entdeckenden Lesen.” (S. 481)

[...]

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Moderne französische Lyrik. Eine kleine Tour de France der Poesie von Rimbaud bis Houllebecq
Note
1,8
Autor
Jahr
1999
Seiten
43
Katalognummer
V369895
ISBN (eBook)
9783668512603
ISBN (Buch)
9783668512610
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rimbaud, Leiris Saint-Pol-Roux, eugen helmlé, literaturkritik, houllebecq, yves bonnefoy, charles juliet, lyrik
Arbeit zitieren
Joachim Schultz (Autor), 1999, Moderne französische Lyrik. Eine kleine Tour de France der Poesie von Rimbaud bis Houllebecq, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369895

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