Chancen und Herausforderungen von polyamoren Familien

Konzepte nicht monogamer Beziehungen


Hausarbeit, 2017

19 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Monogamie - ein Erfolgsmodell?

2. Das Konzept der Polyamorie
2.1 Formen polyamorer Beziehungen
2.2 Verbreitung polyamorer Beziehungen

3. Polyamore Elternschaft
3.1 Kinder in polyamoren Familien
3.2 Eltern in polyamoren Familien

4. Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten

5. Probleme und Herausforderungen

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Monogamie - ein Erfolgsmodell?

Die Vorstellung der einen, großen Liebe ist in vielen westlichen Ländern auch heute noch weit verbreitet. Eng verknüpft damit, ist die Erwartung der sexuellen und emotionalen Ex- klusivität, d.h. ein monogamer Lebensstil, in dem der Partner oder die Partnerin, die einzige Person ist, mit der man sexuelle sowie romantische Intimität auslebt. Im Zuge des gesell- schaftlich-kulturellen Wandels seit Ende der 1960er Jahre, hat sich auch die Illusion der lebenslangen Paarbindung geändert, hin zu einer Entwicklung, die sich „serielle Monoga- mie“ nennt. Menschen haben nicht mehr eine Beziehung über ihren gesamten Lebenszeit- raum hinweg, sondern mehrere, die zeitlich aufeinanderfolgen. Niedrige Heiratsraten bei gleichzeitig hohen Scheidungsraten, sowie hohe Untreueraten sind die Folgen dieser Ent- wicklungen (Hradil 2006: 90 f.). In den letzten Jahrzehnten haben jedoch immer mehr Men- schen auch das Konzept der Monogamie als solches in Frage gestellt und vertreten die An- sicht, der Mensch könne von Natur aus nicht treu sein und haben deshalb mehrere sexuelle und/oder romantische Beziehungen gleichzeitig. Diese Lebens- bzw. Liebesform nennt sich „Polyamorie“. Menschen, die diese praktizieren, sind „polyamor“. Die Anzahl der selbst- identifizierten „Polyamoristen“ ist innerhalb der letzten zwei Dekaden signifikant angestie- gen und immer mehr Menschen schließen sich zu Netzwerken und Gemeinschaften zusam- men und gründen Familien mit mehreren Partnern, Partnerinnen und Kindern. Wie auch an- dere sexuellen Minderheiten, sind polyamor lebende Eltern mit Vorurteilen behaftet. Ihnen wird oftmals die Erziehungskompetenz abgesprochen und nachgesagt, sie seien zu sehr mit sich selbst beschäftigt, priorisieren ihr Sex- und Liebesleben, vernachlässigen oder miss- brauchen ihre Kinder (Herbert/ Radeva/ Zika 2013: 43).

Um diese polyamoren Familien soll es in der vorliegenden Hausarbeit gehen. Ziel ist es spezifische Chancen, aber auch Herausforderungen herauszuarbeiten, die mit polyamoren Familienkonstellationen verbunden sind. Hierfür möchte ich zunächst den Begriff Poly- amorie definieren und über Ausprägungen sowie die Verbreitung dieser Lebensform aufklä- ren. Im dritten Kapitel soll es um polyamore Elternschaft gehen, wobei zunächst auf Er- kenntnisse über die Kinder und Eltern in diesen Familien eingegangen werden soll, um im Anschluss darauf basierend, die spezifischen Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten, aber auch die potentiellen Probleme und Herausforderungen eines polyamoren Familienlebens zu diskutieren. Die Arbeit schließt mit einem Fazit und einem Ausblick.

An dieser Stelle erachte ich es zudem als sinnvoll, darauf hinzuweisen, dass der For- schungsstand auf diesem Gebiet defizitär ist. Es gibt bisher kaum (sozialwissenschaftliche)

Untersuchungen zu Polyamorie und deren Auswirkung auf die Beteiligten. Zudem sind die bestehenden Stichproben allesamt eher klein und die Studien eher explorativer Natur, wes- halb nicht von Repräsentativität im wissenschaftlichen Sinne gesprochen werden kann. Die existierende Literatur stammt bisher fast ausschließlich aus dem anglo-amerikanischen Raum. Die Erkenntnisse sind im Allgemeinen zwar aufgrund der gesellschaftlichen Ähn- lichkeit dieser Länder hinsichtlich familialer Leitbilder und Familienformen auf Deutsch- land übertragbar, jedoch lassen sich keine spezifischen Angaben für die BRD machen. Diese Arbeit kann daher keine umfassende repräsentative Analyse polyamorer (Familien-) Bezie- hungen leisten, sondern versucht vielmehr, einen adäquaten Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu liefern und darauf basierend, Überlegungen fortzuführen und neue An- satzpunkte für zukünftige Forschung zu geben.

2. Das Konzept der Polyamorie

Das Wort „Polyamorie“ ist ein Neologismus, der sich aus dem griechischen „poly“, was „viele, mehrere“ bedeutet und „amore“, aus dem Lateinischen, was „Liebe“ heißt, zusam- mensetzt. Die Mischung von griechischen und lateinischen Wörtern spricht gegen die lingu- istische Tradition, was das Tabu des unkonventionellen Beziehungsmodells widerspiegelt (Anapol 2010: 1). Unter Polyamorie versteht man „… ein Beziehungskonzept, das es er- möglicht, sexuelle und/ oder Liebesbeziehungen mit mehreren PartnerInnen gleichzeitig ein- zugehen.“ (Klesse 2007: 316). Essentielle Voraussetzung dafür ist, dass alle Beteiligten um den nicht monogamen Charakter der Beziehung(en) wissen und damit einverstanden sind. Um dieser Beziehungsphilosophie gerecht zu werden, verlangt es von den beteiligten Perso- nen einen hohen Reifegrad, beachtliche Kommunikationsfähigkeit, emotionale Stärke, viel Toleranz und große Flexibilität (ebd.). Ganz allgemein, verfolgt das Konzept der Polyamorie die Idee, den Spielraum des Begehrens zu erweitern und liberalisierte Formen der Liebe in Beziehungen zu ermöglichen (Csef 2014: 2). Ausgangspunkt ist dabei der Zweifel an dem Bestand und der Sinnhaftigkeit monogamer Vereinigungen. Der Anspruch, allen emotiona- len, mentalen, physischen und spirituellen Bedürfnissen seines Partners/ seiner Partnerin ge- recht zu werden, erscheint unrealistisch, weshalb Anhänger der Polyamorie in ihr eine Mög- lichkeit sehen, mehr Bedürfnisse befriedigt zu bekommen und gleichzeitig mehr Bedürfnisse Anderer zu erfüllen (Herbert/ Radeva/ Zika 2013: 33; Howe 2012: 195). Sie unterscheidet sich vom monogamen Liebesideal hauptsächlich darin, dass keine Treue-, Besitz- oder Aus- schließlichkeitsansprüche der beteiligten Personen bestehen. Besonders feministische Auto- rinnen und Aktivistinnen sehen Polyamorie als Kritik und Provokation an der traditionellen nuklearen Familie und glauben, dass diese Lebensform insbesondere heterosexuellen Frauen das Potential gibt, bestehende Machtverhältnisse der Geschlechter zu durchbrechen, ihnen zu mehr Autonomie verhilft und somit zu mehr Geschlechtergleichheit beiträgt (Baker 2005: 83).

Polyamorie wird gesellschaftlich fälschlicherweise oftmals mit Promiskuität, One- Night-Stands, Swingerclubs sowie heimlichen Affären und Seitensprüngen assoziiert. Für monogam lebende Personen ist es manchmal schwierig nachzuvollziehen, dass Polyamorie auf Verantwortung, Vertrauen und Liebe basiert, weshalb polyamor liebende Menschen von der Öffentlichkeit immer wieder als „beziehungsunfähig“ diskreditiert werden und die Be- ziehungsform als „keine echte Partnerschaft“ abgewertet wird (Herbert/ Radeva/ Zika 2013: 41 f.).

Neben der Misskonzeption, Polyamorie sei eine Form unverbindlicher, sexueller In- teraktion, wird sie irrtümlich auch häufig für ein Synonym für Polygamie gehalten. Polyga- mie jedoch bedeutet Mehrfachehe, welche fast ausschließlich in Form der Polygynie auftritt, d.h. ein Mann hat die Erlaubnis mehrere Frauen zu heiraten, während es den Frauen untersagt ist miteinander oder mit außenstehenden Personen Beziehungen einzugehen oder Ge- schlechtsverkehr zu haben. Das Gegenstück dazu - die Polyandrie - ist hingehen auf einen kleinen geographischen Raum in Indien und im Himalayagebiet beschränkt und findet zah- lenmäßig kaum Bedeutung (Sheff 2014: 1). Auffällig ist, dass Polyamorie, wie oben be- schrieben, ausschließlich in westlichen, emanzipierten Ländern vorkommt, da (zumindest idealisierte) Gleichberechtigung der Frau Voraussetzung für das Zustandekommen von po- lyamoren Beziehungsgefügen ist und damit unweigerlich an deren globale Vorkommnis ge- bunden ist. Demnach finden sich Polybeziehungen ausschließlich in der westlichen Welt, am häufigsten kommen sie in den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien und West- bzw. Mitteleuropa vor (ebd.: 2).

2.1 Formen polyamorer Beziehungen

Das Hauptcharakteristikum der polyamoren Beziehungsgestaltung ist, dass dieser normativ keine konkreten Grenzen hinsichtlich der Anzahl an sexuellen oder romantischen Beziehun- gen unterliegen. In der Umsetzung kann Polyamorie verschiedene Formen annehmen. Eli- sabeth Sheff bezeichnet dies mit dem Begriff „Poly-Geometrie“ (2014: 5). Die häufigste Ausprägung polyamorer Verbindungen ist die offene Beziehung, in der ein (meist heterose- xuelles) Paar außerhalb der bestehenden Partnerschaft weitere Beziehungen zu anderen Per- sonen eingeht oder zumindest die Möglichkeit dazu hat. Dies kann individuell, d.h. die Part- ner suchen sich jeweils unabhängig voneinander weitere Personen oder als Paar, das nur gemeinsam mit einer/einem Dritten eine Beziehung eingeht, geschehen (ebd.: 6). Eine wei- tere Form sind sogenannte „Vees“, welche Beziehungen zwischen drei Mitgliedern, die je- weils durch eine Person miteinander verbunden sind, beschreiben. Diese sind von den „Tri- aden“ zu unterscheiden. Triaden bestehen ebenfalls aus drei Personen, allerdings führen diese jeweils alle miteinander eine sexuelle und/ oder romantische Beziehung. Eine seltenere Konstellation sind sogenannte „Quads“, Gruppen aus vier Personen. Meistens setzen sich diese aus zwei bereits bestehenden Paaren oder einer Triade, die ein zusätzliches Mitglied aufnimmt, zusammen. Quartette sind jedoch nicht sehr häufig vertreten, da sie eher unstabil sind (ebd.: 13). Gruppen aus fünf oder mehr Mitgliedern, sog. „Moresomes“ sind noch fra- giler und komplexer als Quads und bestehen deshalb auch meist nicht länger als ein paar Monate.

Neben den genannten polygeometrischen Formen, gibt es in Einzelfällen weitere, nicht genannte Ausprägungen, was in der Natur der „unbegrenzten“ Möglichkeiten der Po- lyamorie liegt. Die hier genannten stellen jedoch die am weitesten verbreiteten Konstellati- onen dar. Eine zusätzliche Kategorisierung polyamorer Beziehungen erfolgt darüber hinaus häufig über das Level von Intimität, Treue und Dauer. Polyamoristen und Polyamoristinnen benutzen oft die Begriffe „primär, sekundär und (seltener) tertiär“ um die variierenden Ebe- nen ihrer Bindungen zu beschreiben (Howe 2012: 195). Primäre Partner befinden sich ge- wöhnlich in langfristigen Beziehungen, sind häufig verlobt bzw. verheiratet, treffen wichtige Lebensentscheidungen gemeinsam, wohnen zusammen und manche von ihnen haben Kinder miteinander. Sekundärpartner hingegen, wohnen meist nicht zusammen, haben getrennte Konten und ihre emotionale Nähe kann weniger stark ausgeprägt sein als in Primärbezie- hungen. Dennoch teilen sie den Großteil ihres Lebens miteinander und diskutieren wichtige Entscheidungen zusammen (Sheff 2014: 17). In Tertiärbeziehungen investieren die Betei- ligten weniger Zeit und Energie, vermehrt sind diese zudem hauptsächlich sexueller Natur und weniger ernsthaft als primäre und sekundäre Bindungen. Allerdings können sie der Be- ginn einer tieferen emotionalen Beziehung oder der Zustand einer langanhaltenden Fernbe- ziehung sein (ebd.).

2.2 Verbreitung polyamorer Beziehungen

Aufgrund der relativen Unbekanntheit des Phänomens Polyamorie ist die genaue Anzahl polyamor lebender Personen nicht empirisch erfasst. Schätzungen der US-amerikanischen Non-Profit-Organisation „Loving More“ zufolge, ist eine/r aus 500 erwachsenen Personen polyamor orientiert (Fleckenstein/ Bergstrand/ Cox 2012). Andere Spekulationen nehmen an, dass ca. 3,5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung zwischen 18 und 80 Jahren polyamore Beziehungen monogamen Dyaden vorziehen (Anapol 2010: 44). Auf Deutschland übertra- gen entspricht das demzufolge knapp 2 900 000 Personen. Allerdings ist davon auszugehen, dass sich die Zahl bis zu dem Zeitpunkt, an dem großflächigere Untersuchungen stattfinden, erhöhen wird. Dafür spricht u.a. der stetige Zuwachs der Mitglieder des 2008 gegründeten ersten Vereins für Polyamorie-Interessierte „Polyamores Netzwerk e.V.“ (PAN). PAN ist das erste offizielle Netzwerk für Polyamorie-Anhänger in Deutschland und veranstaltet re- gelmäßig Informationsveranstaltungen, Workshops und Gesprächskreise zum Thema Poly- amorie an denen bis zu 2000 Menschen teilnehmen (PAN 2016).

Hinsichtlich soziodemographischer Merkmale existieren aktuell lediglich zwei ame- rikanische und eine britische Untersuchung. Diese basieren alle auf Klumpenstichproben in polyamoren Netzwerken (Anapol 2010: 42). Die Studie unter der Leitung von „Loving More“, welche ein Sample von 430 selbstidentifizierten Polyamoristen umfasste, konstatiert, dass der Großteil der polyamor lebenden Personen über einen gehobenen sozioökonomi- schen Status verfügt. Dies äußert sich in einem überdurchschnittlichen Bildungsniveau, ho- hen beruflichen Positionen und einem Monatseinkommen, das häufig weitaus über dem na- tionalen Median liegt (Fleckenstein/ Bergstrand/ Cox 2012). Zudem sind die meisten poly- amor lebenden Menschen weiß und leben in urbanen Räumen. Des Weiteren finden sich unter polyamor lebenden Menschen mit mehr als 40 Prozent auch überdurchschnittlich viele bisexuelle Frauen. Etwa 50 Prozent haben mindestens ein Kind (ebd.).

Hadar Aviram berichtet weiterhin, dass Polyamorie-Anhänger neben ihrer alternati- ven Beziehungsphilosophie auch „unkonventionelle“ Personen im weiteren Sinne sind. Die Polyamorieszene hat demnach auch Überschneidungen mit anderen Subkulturen, v.a. der BDSM-Szene1 und der Bi-Bewegung2.

[...]


1 BDSM ist ein urspr. englischer Sammelbegriff für „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“. Die Bezeichnung umfasst eine Vielzahl an meist sexuellen Vorlieben, die u.a. mit Dominanz und Unterwerfung, spielerischen Bestrafungen und Fesselspielen in Verbindung stehen können.

2 Bi-Bewegung steht für eine soziale Bewegung, die es zum Ziel hat, sowohl die individuelle als auch die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Bisexualität zu fördern.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Chancen und Herausforderungen von polyamoren Familien
Untertitel
Konzepte nicht monogamer Beziehungen
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,00
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V369947
ISBN (eBook)
9783668478329
ISBN (Buch)
9783668478336
Dateigröße
645 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alternative Familienformen, Polyamorie, Pluralisierung der Lebensformen, Liebe, Partnerschaft, Beziehung, Chancen, Herausforderungen
Arbeit zitieren
Anna Fuß (Autor), 2017, Chancen und Herausforderungen von polyamoren Familien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369947

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