"Keine Liebe ist heiliger als die Liebe zum Vaterland" - Der Film Kolberg als Mittel der Propaganda


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Entstehung und Entwicklung des Kolberg-Motives
Historischer Hintergrund
Literarische Tradition

Entstehung und Produktion des Filmes
Kolberg wird in Auftrag gegeben
Handlung des Filmes
Produktionsbedingungen

Die Forderungen, die der Film zu erfüllen hatte
Was wollte Goebbels?
Propaganda
Geschichtstreue
Liebesgeschichte

Schlußwort

Literaturverzeichnis

Anhang: Die wichtigsten Produktionsteilnehmer

Einleitung

Am 30. Januar 1945, dem zwölften Jahrestag von Hitlers Machtübernahme, hatte der Film Kolberg im U-Boot Hafen La Rochelle vor deutschen Soldaten Premiere.[1] Weil die sogenannte „Atlantikfestung“ zu diesem Zeitpunkt schon völlig von alliierten Truppen eingeschlossen war, mußten die Filmrollen am Fallschirm über der bela­gerten Stadt abgeworfen werden.

La Rochelle war nicht ohne Grund als Premierenort gewählt worden, geht es in Kol­berg doch um das Schicksal einer belagerten Stadt, deren hartnäckiger Widerstand schließlich den Sieg über die zahlenmäßig überlegenen Angreifer bringt. Die Hand­lung des Filmes trug daher nicht nur Symbolcharakter für die umkämpfte Stadt La Rochelle, sondern für die Lage, in der sich ganz Deutschland am Beginn des Jahres 1945 befand.

Regisseur von Kolberg war Veit Harlan. Propagandaminister Goebbels hatte ihm den Auftrag gegeben, einen Film zu machen, der ganz im Dienste der „geistigen Kriegsführung“[2] stehen sollte. Am 7. Mai 1943[3] ließ Goebbels in sein Tagebuch notieren:

In diesem Film soll Harlan ein Beispiel des Mannesmuts und der Widerstandskraft einer Bürgerschaft auch unter verzweifelten Verhältnissen geben. Dieser Film wird vor allen in den Luftkriegsgebieten eine große Lehre darstellen. Er soll ganz auf historische Tatsachen aufgebaut werden. Harlan, der sich zuerst gegen den Film gesträubt hatte, weil er den Beet­hoven-Film machen wollte, ist jetzt ganz Feuer und Flamme. Er hat in acht Tagen ein glän­zendes Exposé zusammengebracht und will Ende Juli schon ins Atelier gehen. Die Premiere des Films verspricht er mir für Weihnachten. Dann werden wir ihn wahrscheinlich gut gebrauchen können.[4]

Bekanntermaßen gelang es Harlan nicht, sein Versprechen wahr zumachen. Die Premiere von Kolberg verzögerte sich um mehr als ein Jahr. Aber schon bevor der Film das erste Mal der Öffentlichkeit gezeigt wurde, konnten über seine Intentionen keine Zweifel bestehen. Veit Harlan hatte die Vorgaben Goebbels beherzigt; bereits im Dezember 1943 sagte der Regisseur auf einer Pressekonferenz: „Ich will dem Publikum von heute das Heldentum seiner Vorfahren vor Augen füh­ren, will ihm sagen: Aus diesem Kern seid Ihr geboren, und mit dieser Kraft, die Ihr von Euren Ahnen ererbt habt, werdet Ihr auch heute den Sieg erringen. Das Volk soll die Kraft bekommen, es seinen Vätern gleich zu tun.“[5]

Das Ziel war also klar und deutlich formuliert, und das, obwohl Goebbels noch 1941 vor der Reichsfilmkammer gesagt hatte: „... das ist die beste Propaganda, die sozu­sagen unsichtbar wirkt, das ganze Leben durchdringt, ohne daß das öffentliche Le­ben überhaupt von der Initiative der Propaganda irgendeine Kenntnis hat.“[6] Diese Zeiten waren nun vorbei, nie zuvor war Historie so direkt und unverblümt in den Dienst der Propaganda gestellt worden, wie es bei Kolberg der Fall war.[7]

In der Beschäftigung mit Kolberg wird der Film oft nur auf diese propagandistische Funktion reduziert. Im Jahr 1981 stellte Siegfried Zielinski in einer wissenschaftli­chen Arbeit zum Thema fest, daß die Auseinandersetzung mit Veit Harlan in der filmhistorischen Literatur der Bundesrepublik bisher „recht spärlich“ ist.[8] Zwar hat in der Zwischenzeit der Filmjournalist Frank Noack eine umfangreiche Harlan-Bio­graphie veröffentlicht,[9] aber im wesentlichen hat sich am Wahrheitsgehalt dieses Postulates nichts geändert.

Deshalb möchte ich in der vorliegenden Arbeit auf einige Elementen von Kolberg aufmerksam machen, die sich gegen eine Verwertung für propagandistische Zwecke sperren, und die teilweise sogar im offenen Widerspruch zu der von Goebbels ge­wünschten Wirkung stehen.

Um die nötigen Voraussetzungen für eine Beschäftigung mit dieser Aufgabenstel­lung zu schaffen, werde ich im ersten Teil der Arbeit zunächst die Tatsachen schil­dern, die über die historische Belagerung Kolbergs bekannt sind. Im Anschluß daran werde ich anhand einiger Beispiele belegen, daß das geschichtliche Ereignis schnell zum literarischen Stoff wurde, der sich bis zum Ende des Dritten Reiches ungebro­chener Beliebtheit erfreute und auch heute noch einige Menschen fasziniert.

Daran anschließend werde ich eine kurze Zusammenfassung des Filminhaltes geben.

Im zweiten Teil dieser Arbeit werden exemplarisch einige der propagandistischen Szenen, die in dem Film Einzug gehalten haben, vorgestellt. Anschließend wird die Frage zu klären sein, wie weit die Erwartungen, die Goebbels an diesen Film ge­knüpft hatte, auch tatsächlich umgesetzt wurden.

Entstehung und Entwicklung des Kolberg-Motives

Historischer Hintergrund

Nachdem die preußische Armee bei Jena und Auerstedt von den Truppen Napoleons geschlagen worden war, waren die Franzosen am 27. Oktober 1806 in Berlin ein­marschiert und hielten große Teile Preußens besetzt. Aber trotz dieser Serie von Niederlagen weigerte sich der preußische König, einen Waffenstillstand zu unter­zeichnen.[10]

In den letzten Kriegswochen leisteten noch drei preußische Festungsstädte Wider­stand gegen die Franzosen: Graudenz, Danzig und Kolberg.[11] Die Küstenstadt Kol­berg wurde seit März 1807 von französischen Truppen belagert. Der 65 Jahre alte Militärkommandant der Stadt – Oberst Locadou – geriet zunehmend in Konflikt mit den Einwohnern, denn er unternahm kaum etwas, um die desolaten Verteidigungs­anlagen in stand zu setzen. Es gab nur wenig Munition und kaum brauchbare Ge­schütze in der belagerten Stadt, auch fehlte es an Werkzeug für den Bau der Ver­teidigungsanlagen.

Sein Hauptkritiker war der Bürgerrepräsentant Nettelbeck, der auf eigene Faust und aus eigener Tasche den Aufbau der Verteidigung vorantrieb. Unterstützt wurde er dabei von Ferdinand von Schill, dem Kommandeur eines Freicorps, der häufig Überraschungsangriffe auf die französischen Stellungen unternahm.[12]

Am 29. April wurde der Posten Loucadous von Major Gneisenau übernommen.

Der neue Kommandant war nicht nur verantwortlich für das Militärische, er stand zugleich an der Spitze der Zivilverwaltung. In enger Kooperation mit Nettelbeck bezog er die Einwohner in die Verteidigungsbemühungen mit ein. Die Bürger be­kamen Brandschutzaufgaben übertragen, sie kümmerten sich um den Ausbau der Festungsanlagen und entluden die aus England und Schweden kommenden Schiffe, die mit Waffen und Lebensmitteln beladen waren. In der Hoffnung, einen Angriff zu erschweren, setzten sie sogar die vor der Stadt liegenden Wiesen und Bauernhöfe unter Wasser.[13]

Danzig kapitulierte am 25. Mai, der größte Teil der französischen Truppen, welche die Stadt belagert hatten, wurde daraufhin nach Kolberg verlegt.[14] Immer häufiger setzten die französischen Truppen nun auch schwere Geschütze ein, die große Zer­störungen verursachten. In seinen Memoiren beschreibt der Bürgerrepräsentant Nettelbeck die damalige Lage mit folgenden Worten:

[In der Stadt] gab es nirgends ein Plätzchen mehr, wo die zagende Menge vor dem drohen­den Verderben sich hätte bergen können. Überall zerschmetterte Gewölbe, einstürzende Bö­den, krachende Wände und aufwirbelnde Säulen von Rauch und Feuer. Überall die Gassen wimmelnd von ratlos umherirrenden Flüchtlingen, die ihr Eigentum preisgegeben hatten und die unter dem Gezisch der feindlichen Feuerbälle sich verfolgt sahen von Tod und Verstüm­melung. Geschrei von Wehklagenden, Geschrei von Säuglingen und Kindern, Geschrei von Verirrten, die ihre Angehörigen in dem Gedränge und der allgemeinen Verwirrung verloren hatten, Geschrei der Menschen, die mit dem Löschen der Flammen beschäftigt waren, Lärm der Trommeln, Geklirr der Waffen, Rasseln der Fuhrwerke – nein, es ist nicht möglich, das furchtbare Bild in seiner ganzen Lebendigkeit auch nur von ferne zu schildern.[15]

Bis zum zweiten Juli wurde die Bombardierung Kolbergs fortgesetzt. Nettelbeck schreibt über diesen Tag:

Es war drei Uhr nachmittags. Da, plötzlich, schwieg das feindliche Geschütz auf allen Batte­rien. Auf das Krachen eines Donners wie am Tage des Weltgerichts folgte eine lange, öde Stille. Jeder Atem bei uns stockte, niemand begriff diesen schnellen Wechsel, dies schauerli­che Erstarren so gewaltiger losgelassener Kräfte.

Da nahte ein feindlicher Parlamentär, und neben ihm ein Mann, den man [...] unter Zweifel und Verwunderung als einen preußischen Offizier erkannte.[16]

Der Offizier war der Überbringer einer wichtigen Botschaft. Atemlos teilte er den aufgeregten Kolbergern mit: „Friede! Kolberg ist gerettet!“ Friedrich Wilhelm III von Preußen hatte mit Napoleon in Tilsit einen vierwöchigen Waffenstillstand ge­schlossen, „welchem unverzüglich der Friede folgen sollte.“[17]

Was Nettelbeck nicht erwähnt, ist die Tatsache, daß dieser „Waffenstillstand“ de facto die Niederlage Preußens bedeutete. Genausowenig nennt er die Zahl der Opfer; es waren auf beiden Seiten mehrere tausend Gefallene zu beklagen.[18]

Literarische Tradition

Eine kriegsentscheidende Rolle hatte die Schlacht um Kolberg nicht. Denn schon lange vor ihrem Ende war abzusehen, daß Preußen die Auseinandersetzung mit Frankreich nicht mehr gewinnen können würde. Letztendlich war die Belagerung Kolbergs – genauso wie die Schlacht um Danzig – nur eine von vielen Episoden, die keine Bedeutung für den Ausgang des Krieges hatten.

Aber im Gegensatz zu vielen anderen Kriegsereignissen wurde die Erinnerung an diese Belagerung nicht vergessen. Zwar ist ihre historische Bedeutung als gering einzuschätzen, trotzdem lag in ihr eine symbolische Kraft, die noch viele Jahre spä­ter ihren Reiz nicht verloren hatte. Vermutlich war gerade die Aussichtslosigkeit, die allen Bemühungen der Verteidiger zu Grunde lag, eine wesentliche Ursache für die Faszination, welche die Kolberger Ereignisse noch auf nachfolgende Generationen ausüben sollte.

Einen Anteil für die dauerhafte Wirkung der Geschichte hat auch die Person des Bürgerrepräsentanten Nettelbeck. Bevor er mit 69 Jahren zum „Held von Kolberg“ wurde, war er lange Zeit zur See gefahren, hatte mit Gold und Sklaven gehandelt und war schließlich in seiner Heimatstadt wohlhabender Besitzer einer Schnaps­brennerei geworden . Im Jahr 1823 erschienen seine Memoiren, deren abenteuerlicher Inhalt offensichtlich den Nerv eines breiten Publikums traf, denn in den folgenden Jahrzehnten wurden sie immer wieder neu aufgelegt.[19]

[...]


[1] Vgl. Harlan (1966), S. 194.

[2] Brief Goebbels an Harlan vom 1. Juni 1943, abgedruckt in: Harlan (1966), S. 183. Vgl. auch S. 8f. in der vorliegenden Arbeit.

[3] Die Arbeiten an den Film begannen also schon bevor Goebbels am 1. Juni 1943 den offiziellen Auftrag erteilte.

[4] Zit. nach Moeller (1998), S. 298.

[5] Film-Kurier vom 21. 12. 1943, zit. nach Wulf (1989), S. 397.

[6] Zit. nach Leiser (1989), S. 112.

[7] Vgl. Donner (1995), S. 119.

[8] Vgl. Zielinski (1981), S. 83.

[9] Frank Noack: Veit Harlan. „Des Teufels Regisseur“, München 2000.

[10] Vgl. Courtade / Cadars (1975), S. 217.

[11] Vgl. Gudzent (1987), S. 15.

[12] Vgl. Gudzent (1987), S. 17.

[13] Vgl. Gudzent (1987), S. 16.

[14] Vgl. Gudzent (1987), S. 19.

[15] Nettelbeck (1925), S. 369f.

[16] Nettelbeck (1925), S. 374f.

[17] Nettelbeck (1925), S. 375.

[18] Vgl. Gudzent (1987), S. 20.

[19] Zum Beispiel in den Jahren 1845, 1913 und 1920

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
"Keine Liebe ist heiliger als die Liebe zum Vaterland" - Der Film Kolberg als Mittel der Propaganda
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Theaterwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V37007
ISBN (eBook)
9783638364812
ISBN (Buch)
9783638843027
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Keine, Liebe, Vaterland, Film, Kolberg, Mittel, Propaganda
Arbeit zitieren
Angela Kobelt (Autor), 2004, "Keine Liebe ist heiliger als die Liebe zum Vaterland" - Der Film Kolberg als Mittel der Propaganda, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37007

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