Wer hat ein Recht auf Leben?


Hausarbeit, 2005

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Ethik allgemein
2.1 Utilitarismus
2.2 Ethik bei Peter Singer

3. Praktische Ethik
3.1 Das Prinzip der gleichen Interessenabwägung
3.2 Unterschied „Person“ und Mitglied der Spezies homo sapiens
3.3 Das Töten von Personen
3.4 Der Embryo und der Fötus – Abtreibung
3.5 Infantizid
3.6 Euthanasie

4. Problematiken
4.1 Tötung von gesunden Säuglingen?
4.2 Euthanasie für die Eltern?
4.3 Das Problem der Potentialität
4.4 Kritikzusammenfassung

5. Resümee

1. Einleitung

Abtreibung und Euthanasie sind zwei Themen, die zum Einem kontrovers diskutiert werden, da es die unterschiedlichsten Meinungen dazu gibt, zum Anderen werden sie aber auch all zu gern tot geschwiegen. Zwar hat das Thema Abtreibung in den letzten Jahrzehnten einen gewaltigen Sprung in die gesellschaftliche Diskussion geschafft, aber Euthanasie will nicht so recht in unser Bild der hoch entwickelten Gesellschaft hineinpassen, behandelt es doch Bereiche, die mit Krankheit, Leid und Schmerzen zu tun haben.

Es ist absolut notwendig, dass darüber geredet wird, wie man Menschen (welchen Alters auch immer) helfen kann, die keine Aussicht auf Heilung haben können und unter schmerzhaftesten Bedingungen leben müssen. Praktiken, die heutzutage durchgeführt werden um einen zumindest schnelleren Tod herbeizuführen, wie die passive Sterbehilfe, befinden sich nach wie vor im Graubereich der Illegalität, sodass Jeder, der sich an ihnen beteiligt, Gefahr läuft dafür belang zu werden. Auch das so viel beschworene Patiententestament bringt zum heutigen Zeitpunkt keine Sicherheit auf humanes Sterben, da auch die Ärzte nicht zu hundert Prozent darauf bauen können straffrei auszugehen, wenn ein solches Schreiben vorliegt.

In seinem Buch „Praktische Ethik“ geht Peter Singer auf diese Themen ein, indem er auf rationale Weise zu beschreiben versucht, warum und in welchen Fällen Euthanasie gerechtfertigt ist bzw. gerechtfertigt sein muss. Dabei entwickelt er neue Ansätze auf der Basis des Präferenzutilitarismus, um alten, konservativen Argumenten entgegensteuern zu können bzw. die bisherigen liberalen Ansätze zu korrigieren.

In dieser Arbeit soll es hauptsächlich um das Thema Euthanasie und Singers spezielle Sichtweise auf die Tötung behinderter Säuglinge gehen, da dies diejenigen Punkte sind, die den moralischen Auffassungen unserer Gesellschaft am meisten widerstreben dürften. Es soll geprüft werden, wie er (auf rationalen Weg) zu seinen Anschauungen kommt und ob das, was er als Ergebnisse vorzulegen hat tatsächlich brauchbar ist, um die Diskussion um Euthanasie zu bereichern.

2. Ethik allgemein

Im allgemeinen Sprachgebrauch oft miteinander verwechselt, stellen Moral und Ethik zwei verschiedene Begrifflichkeiten dar. Moral oder auch moralisches Handeln meint nichts weiter, als einen normativen Grundrahmen für das Verhalten der Menschen gegenüber ihren Mitmenschen, der Natur und sich selbst.[1] Dabei handelt es sich um gesellschaftlich verankerte Wertvorstellungen und Handlungsanweisungen, welche das Zusammenleben regulieren und im allgemeinen anerkannt sind. Moral kann (und ist) von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich sein und stellt eine Art Charakteristikum der Gesellschaft oder einer Gruppe dar. Über die Moral kann man sich als fremd oder dazugehörig definieren.[2]

Demgegenüber ist Ethik kein feststehendes Gebilde, sondern eine Art Kontrollmechanismus der sich verändernden Gesellschaft, welcher bestehende Moral kritisch prüft (normative Ethik), beschreibt (deskriptive Ethik) oder legitimiert (Metaethik) und gegebenenfalls ändert oder anpasst. Ethik ist zum Einen ein ständiger Prozess, da bestehende Moral nie endgültig sein kann. Zum Anderen ist Ethik vor allem dann gefragt, wenn Legitimationsformen der Moral ihre Gültigkeit verlieren und so neue Grundlagen für das menschliche Zusammenleben gefunden werden müssen. Man denke an politische Umbrüche (in Deutschland 1918, 1945, 1989) oder an „explosive“ Erfolge der Wissenschaft, die transzendente Legitimationen überflüssig machen.

2.1 Utilitarismus

Utilitarismus ist eine rational-empirische Form der Ethik, welche sich im Gegensatz zur Pflichtenethik (z.B. dem kategorischen Imperativ von Kant) nicht an der Handlung oder dem Handelnden orientiert, sondern immer die Folgen von Handlungen betrachtet. Dabei gilt (als grobe Umschreibung), dass der Nutzen einer Handlung danach bemessen wird, inwieweit sie für das Glück aller von ihr Betroffenen förderlich ist.[3] Daraus folgt, dass es keine grundsätzlich guten oder schlechten Handlungen gibt, sondern, dass eine Handlung, welche nach unseren Moralvorstellungen gut ist, in gewissen Situationen auch schlecht sein kann. Man denke an das berühmte Beispiel, dass eine Lüge durchaus moralisch gut sein kann, wenn man Flüchtlinge vor einem autoritären Regime versteckt. Der Utilitarismus ist also stark situationsbezogen, aber auf die Zukunft ausgerichtet.[4] Dabei lehnt der Utilitarismus jeden Paternalismus oder transzendente Abhängigkeit ab.[5]

Als diejenigen Utilitaristen, welche versuchten den Utilitarismus weg von einer erklärenden Theorie hin zu einer normativen Ethik zu bringen sind Jeremy Bentham und John Stuart Mill zu nennen. Für Bentham ist der Mensch unter die „Herrschaft zweier souveräner Herren gestellt“: Freude und Schmerz[6]. Im Hinblick auf diese zwei Herren richtet der Mensch sein Handeln aus, indem er den Schmerz so weit als möglich zu minimieren und die Freude so weit als möglich zu maximieren versucht. Dieses Streben nach Freude nennt Bentham „mechanistische Assoziationspsychologie“; es ist also die Assoziation der Lust, die uns etwas erstreben lässt und die Assoziation des Schmerzes, die uns von etwas abhält.[7] Schlussendlich richtet sich bei Bentham der Nutzen einer (oder mehrerer) Handlung(en) rein an der Quantität des Glücks aus: das größtmögliche Glück bei der größtmöglichen Zahl von Menschen.

Mill bringt neben der Quantität des Glücks auch die Komponente der Qualität in die Beurteilung des Nutzens einer Handlung mit ein. Nicht nur Dauer und Intensität von Glück, sondern auch das mehr oder weniger von Lust, wird ausschlaggebend. Dabei unterscheidet er zwischen der „niederen“, sinnlichen Lust und der „höheren“, geistigen Lust, welche nur dem höher entwickelten Menschen zur Verfügung steht und die ihm vom Tier unterscheidet.[8] Diese höhere geistige Lust wird dem Menschen zwar immer wieder vor Augen führen, dass er und die Welt in der er sich befindet unvollkommen ist und somit wird sich immer auch Unzufriedenheit im Menschen breit machen. Dennoch sagt er dass es besser sei ein unzufriedener Mensch zu sein, als ein zufriedenes Schwein.[9]

Ein letzter wesentlicher Aspekt sollte bei Mill noch erwähnt werden: Mill akzeptiert, dass der Mensch unmöglich in der Lage ist, jede Folge seiner Handlungen voraussehen zu können, so dass er dem höchsten utilitaristischen Prinzip auch sogenannte Sekundärregeln beiseite stellt. Das bedeutet, dass es für Mill allgemein gültige moralische Handlungsanweisungen gibt, die sich vor allem auf sich ständig wiederholende, alltäglich Handlungen beziehen und mit den herkömmlichen Moralansichten übereinstimmen.[10] Diese Form des Utilitarismus, der „Regelutilitarismus“, wird auch von Peter Singer vertreten[11], was aber unweigerlich zu der Frage führt, wer diese Regeln aufstellt und welche Handlungen dabei gemeint sind.

Bei den genannten Utilitaristen und später auch bei Peter Singer, ist dabei zu beachten, dass es sich bei der Frage nach Glück nicht um das Glück des Individuums oder kleiner Gruppen geht, sondern dass sich Glück immer auf alle, die von den Folgen einer Handlung betroffen sind, bezieht (Sozialprinzip).[12] Da sich Singer bei seinen Argumentationen immer auch auf verschiedene Formen des Utilitarismus bezieht, soll auf eine Ausdifferenzierung des Utilitarismus an dieser Stelle verzichtet werden.

2.2 Ethik bei Peter Singer

Etwas verwirrend bei Singer ist die Tatsache, dass er die Begrifflichkeiten Ethik und Moral miteinander vermischt und sie gegeneinander austauscht.[13] Ethik und Moral stellen für ihn also ein und denselben Sachverhalt dar, was evtl. damit erklärt werden kann, dass er eine sehr konsequente Sichtweise auf seine eigene Argumentation hat. Schon wie der Titel seines Buches „Praktische Ethik“ verrät, ist Ethik für Singer etwas absolut rationales, was einen praktischen Zweck erfüllen soll. Eine Ethik, die in der Praxis nicht anwendbar ist oder zu Konflikten führt, ist für Singer eine verfehlte Ethik, was aber nicht gleichbedeutend damit wäre, dass die Ethik im ganzen gescheitert wäre.[14] Moral muss logisch erklärbar sein und alles was sich dieser (seiner) Logik entzieht, ist für ihn nicht diskutabel.[15] Nach der Vorstellung Singers ist Ethik also der rationale Vorgang, logisch-moralische Maxime zu finden, die dann nicht mehr anfechtbar sind und eine Art Universalität besitzen.[16] Ethik ist logische Herleitung der Moral und somit ist beides ein- und derselbe Vorgang.

Singer selbst bezeichnet sich als Utilitarist und ist der Meinung, dass der Utilitarismus diejenige Ethik ist, die der Praxis am Nächsten ist, da Handlungen immer wieder aufs neue und auf die Situation angepasst überdacht werden müssen. Er vertritt die Meinung, dass der Utilitarismus mit Hilfe argumentativer Vernunft einige moralische Probleme lösen kann, wenn man aufhört die Religionen bei ethischen Fragestellungen mit einzubeziehen, da die „Beobachtung unserer Mitmenschen klar zeigt, dass ethisches (moralisches) Verhalten nicht den Glauben [...] verlangt.[17] So ist Ethik auch keine Verbotstafel und beschäftigt sich nicht ausschließlich mit Sexualität, wie so oft angenommen.[18]

Ethik ist für Singer nicht relativ. Die Annahme, dass bestimmte Handlungen in einer Gesellschaft als moralisch gut und in der anderen als moralisch schlecht gelten, nur aufgrund dessen, dass es sich um zwei verschiedene Gesellschaften handelt, lehnt er ab. Für ihn ist Ethik etwas universelles, durch die menschliche Vernunft erkennbares. Egal in welcher Gesellschaft wir aufwachsen und egal wie sehr wir durch diese Gesellschaft geprägt sind, spätestens wenn wir ein schwieriges ethisches Problem zu lösen haben, können wir uns entscheiden, ob wir den gesellschaftlichen Vorgaben folgen oder nicht.[19]

[...]


[1] Vgl. Höffe, Otfried S. 162

[2] Vgl. ebd. S. 163

[3] Vgl. Rohls, Jan S.374

[4] Vgl. Mo`n, Ryszard in Boloz, Wojciech u. Höver, Gerhart S. 34

[5] Zumindest in den Grundzügen, Für J.S. Mill und auch für Singer sind paternalistische Einschränkungen durchaus denkbar - Vgl. Mill, John Steward S. 103f. u. Singer, Peter S. 255

[6] Vgl. Rohls, Jan S.374

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. ebd. S. 347

[9] Vgl. ebd. S. 348

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. Singer, Peter S. 30 u. 126f.

[12] Vgl. Höffe, Otfried S. 247

[13] Vgl. Singer, Peter S. 15

[14] Vgl.ebd. S. 17 – Im Grunde beschreibt Singer hier unbrauchbare Handlungsanweisungen und befindet sich so schon wieder auf dem Gebiet der Moral.

[15] Vgl. ebd. S. 180

[16] Vgl. ebd. S. 31

[17] Singer, Peter S. 19

[18] Vgl. ebd.

[19] Vgl. ebd. S. 20f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Wer hat ein Recht auf Leben?
Hochschule
Universität Erfurt  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Bio- und Medizinethik. Problemstellungen, Grenzziehungen und Paradigmenwechsel im Christentum, Islam und Judentum
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V37011
ISBN (eBook)
9783638364843
ISBN (Buch)
9783638824149
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Rechtfertigung von Euthanasie nach der Argumentation Peter Singers
Schlagworte
Recht, Leben, Bio-, Medizinethik, Problemstellungen, Grenzziehungen, Paradigmenwechsel, Christentum, Islam, Judentum
Arbeit zitieren
Marko Tomasini (Autor), 2005, Wer hat ein Recht auf Leben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37011

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