Das Internet als Herausforderung. Die Theorie des journalistischen Feldes bei Pierre Bourdieu


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

22 Seiten, Note: 2,3

Sandra S. (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Felder bei Pierre Bourdieu

3. Das journalistische Feld

4. Die Herausforderung des Internets in der Theorie Pierre Bourdieus
Geschichte des Internets
Eigenschäften des Internets äls Medium

5. Schlussbetrachtungen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nahezu jede Information ist heute im Internet abrufbar, die meisten Menschen in der westlichen Welt haben einen Internetzugang und ein Großteil der Internetnutzer konsumiert nicht nur, sondern produziert auch selbst Internetinhalte. Diese Tatsachen stellen die Theorie des Journalismus bei Pierre Bourdieu vor neue Herausforderungen: Kann das Internet das Fernsehen ersetzen? Welche Effekte haben die neuen Funktionen und Möglichkeiten auf Machtposition, Wirklichkeitseffekt und Autoritätsverleih? Welche Rolle spielt der Intellektuelle im Internet?

Um diese Fragen beantworten zu können, soll im Folgenden zunächst die Feldtheorie Pierre Bourdieus sowie die spezifische Stellung des journalistischen Feldes innerhalb dieser dargestellt werden. Die Theorie des journalistischen Feldes sowie die Kritik Bourdieus sollen vorgestellt werden. Dabei soll im Einzelnen auf die Abhängigkeit des journalistischen vom ökonomischen Feld, die Wirkung von Konkurrenz sowie die symbolische Gewalt, die Monopolstellung des Journalismus und den Medienintellektuellen eingegangen werden.

Im Anschluss sollen die einzelnen Herausforderungen angesichts der Veränderungen des medialen Feldes durch das Internet aufgezeigt und erörtert werden. Dabei sollen die genannten Kategorien den Schwerpunkt bilden. Während in einem ersten Schritt diese Kategorien in der Theorie Bourdieus zum Fernsehen erläutert werden sollen, soll im analytischen Teil dieser Arbeit schließlich der Vergleich zum Internet gezogen werden, damit die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Fernsehen und Internet in der Theorie Bourdieus herausgestellt werden können.

So sollen in der Schlussbetrachtung die Fragen folgende Fragen geklärt sein: Ersetzt das Internet das Fernsehen? Wie ist seine Machtposition? Welchen Wirklichkeitseffekt gibt es? Verleiht das Internet Autorität? Wo steht der Intellektuelle im Internet?

2. Felder bei Pierre Bourdieu

Ursprünglich stammt der Feldbegriff aus der Physik, wo er in vielen verschiedenen Theorien und Ansätzen eine zentrale Rolle spielt. Diese Vorstellung von Feldern als Magnet-, Kraft- und Spielfeldern übernahm Pierre Bourdieu für seine soziologische Theorie der Felder. „Die Theorie der Felder beruht auf der Feststellung, dass in der sozialen Welt ein fortschreitender Differenzierungsprozess stattfindet.“ So beschreibt Bourdieu selbst seine Feldtheorie 1998.1

Damit meint er, dass immer mehr Bereiche innerhalb einer Gesellschaft entstehen, die immer autonomer werden, je „größer, komplexer und arbeitsteiliger“ die Gesellschaft wird. Diese Bereiche, die selbst differenziert, spezialisiert und relativ autonom sind, definiert Bourdieu als „soziale Felder“.2 Als Feld bezeichnet er hierbei diese spezifischen sozialen Einheiten und Einrichtungen, aus denen sich die Gesellschaft letztlich zusammensetzt.3

Bereits 1966 schrieb Bourdieu in seinem Aufsatz „Das intellektuelle Kräftefeld“ vom Begriff des Feldes, indem ein „System von Kraftlinien“ vorherrsche. Die verschiedenen Mächte innerhalb des Feldes seien Kräfte, die dem Feld in ihrem Miteinander eine Struktur verleihen.4 Bedeutung gewinnt der Feldbegriff schließlich in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre, als Bourdieu das Modell des sozialen Raumes durch die Vorstellung autonomer sozialer Felder ergänzt - auf diesen Feldern sollte sich in seiner Theorie der Großteil des sozialen Lebens abspielen.5

Bourdieu selbst beschreibt diese Felder wie folgt:

„Im Laufe ihrer Entwicklung bilden die Gesellschaften Universen aus (…), die eigene Gesetze haben und autonom sind. Ihre Grundgesetze sind oft Tautologien. Das Grundgesetz des ökonomischen Felds, das von den utilitaristischen Philosophen entwickelt wurde, lautet: Geschäft ist Geschäft; das des künstlerischen Felds, (…), heißt: Der Zweck der Kunst ist die Kunst, die Kunst hat keinen anderen Zweck als die Kunst.“6

Bourdieu grenzt seinen Feldbegriff allerdings auch ab. Er meint damit weder soziale Systeme, noch Milieus, Märkte, Wertsphären oder Lebensordnungen. Begriffe wie das System oder das Milieu würden seiner Meinung nach die Rolle von Macht, Herrschaft und Ungleichheit ausblenden und Spannungen und Konflikte im Alltag unterschätzen. Das soziale Feld ist für Bourdieu hingegen ein Kräftefeld, auf dem soziale Akteure strategisch um begehrte Positionen und Ressourcen kämpfen.7

Mit dem Feld, aber auch gegen das Feld entwickelt sich nach Bourdieu der Habitus. Wechselt man von einem Feld in ein anderes oder kommt neu zu einem bisher unbekannten Feld hinzu, muss man seinen Habitus anpassen. Gleichzeitig verewigen sich Erfahrungen in den Feldern „habituell“.8

Die engste Verbindung scheint der Feldbegriff Bourdieus zu Webers Vorstellung von Wertsphären und Lebensordnungen zu haben. Weber unterscheidet zwischen ökonomischer, politischer und religiöser Sphäre - später kommen die ästhetische, erotische und intellektuelle Sphäre dazu. Diese Sphären und Lebensordnungen lassen sich nicht mehr in andere Bereiche übersetzen, da sie derart autonom und heterogen sind.9

Bei Bourdieu nimmt sich die soziale Wirklichkeit als Ausgangspunkt, die „relational“ verfasst ist. Ein Feld wäre seiner Meinung nach als ein „Netz oder eine Konfiguration von objektiven Relationen zwischen Positionen“ zu definieren.10

Hans-Peter Müller erläuterte die sozialen Felder bei Bourdieu in zehn Punkten: Erstens umfasse der Gegenstand der Soziologie die Positionen in einer Gesellschaft und deren Relationen. Diese Positionen und Relationen existieren zwar objektiv, werden aber erst durch soziale Beziehungen erfahr- und sichtbar. Zweitens sei ein Feld nichts anderes als die „Konfiguration von objektiven Relationen zwischen Positionen“. Drittens grenzen sich Felder von anderen Feldern und der übrigen Gesellschaft dadurch ab, dass es in ihnen stets um etwas geht, eine „spezifische und spezielle Sache“, um die gestritten und für die gekämpft wird - ein Feld hat sein eigenes Grundgesetz. An vierter Stelle führt Müller aus, dass dieses Grundgesetz Ausdruck der „Auto-Nomie“, der Selbstgesetzgebung eines Feldes ist.

Dennoch agiere keines der Felder vollkommen autark - der Grad der Autonomie berechnet sich danach, welche externen Ereignisse Einfluss auf das Welt haben. Diese Konfiguration werde fünftens danach bestimmt, wie der aktuelle „Kräftestand“ in einem Feld ist. Dieser berechnet sich laut Müller nach den Strategien und Praktiken seiner Akteure und ihrer Kapitalausstattung. Sechstens erklärt Müller, dass Felder intern einer chiastischen Struktur folgen. Sie haben stets zwei entgegengesetzte Pole und eine entsprechende Akteurs- und Kapitalstruktur. An siebter Stelle führt er aus, dass Felder in Bourdieus Metaphorik „Magnetfelder, Kräftefelder, Spielfelder“ seien. Sie hätten selbst sogenannte „soziale Gravitationszentren“, in denen sich Energie, Zeit, Stärke, Macht, Kapital, Aufmerksamkeit und Einsatz konzentrieren.

Achtens herrsche in jedem Feld stets „Kampf“. Die sozialen Akteure kämpfen um Anerkennung, Positionen, Ressourcen, die Durchsetzung einer Klassifikation oder Sichtweise. Neuntens bedeute Feld auch Spiel und somit Spieler, Einsatz sowie Durchsetzungs- und Gewinnstrategien. Zum einen gehe es um ein „materielles Verteilungsspiel“ zur Distribution der Positionen und Ressourcen innerhalb des Feldes. Zum anderen gebe es das kulturelle Definitions- und Klassifikationsspiel um die Definition von Regeln. An zehnter Stelle steht bei Müller die Grenze eines Feldes. Neuankömmlinge müssten um die Zugehörigkeit zum Feld kämpfen, aber auch um die Akteure und deren Spielregeln wird gekämpft. So entstehen Grenzen nach außen und nach innen und ein Feld kann sich weiter in Subfelder und Sub-Subfelder ausdifferenzieren.11 Diese Felder sind für ihn Räume, autonome Sphären, in denen jeweils nach speziellen Regeln gespielt wird.12

Im Laufe der Zeit unterscheidet Bourdieu zahlreiche dieser Felder und Subfelder, beispielsweise das ökonomische, das politische, das religiöse sowie das Feld der Bildung, des Rechts, der Wissenschaft, der Kunst, des Sports und schließlich eben auch das Feld der Medien. Seine drei wichtigsten „institutionellen Komplexe“ sind Markt, Staat und Medien. Um diese Felder herum gruppieren sich all seine anderen Felder, sodass er von einem „Zentrum-Peripherie-Modell“ auszugehen scheint.13

Jedes dieser Felder bringt nach Bourdieu spezifische Kapitalsorten hervor, die sich nach Unterfeldern oder übergeordneten Feldern kategorisieren und bündeln lassen. Die Kapitalgrundformen nach Bourdieu sind das soziale, ökonomische und kulturelle Kapital, die sich gegenseitig substituieren können - ihr Wert ist jedoch je nach Feld unterschiedlich. Während ökonomisches Kapital alles umfasst, was unmittelbar oder direkt in Geld umsetzbar ist, existiert das kulturelle Kapital in drei Formen: dem inkorporierten Zustand, dem objektivierten Zustand und in institutionalisiertem Zustand. Das soziale Kapital besteht schließlich aus Ressourcen, die mit zwischenmenschlichen Beziehungen verbunden sind, die institutionalisiert sind und mit gegenseitigem Kennen und Anerkennen korrelieren. Eine hervorzuhebende Form des Kapitals ist schließlich das symbolische Kapital, das sich von den anderen Grundsorten klar unterscheidet. Es besteht weder aus gesammelter Arbeit, noch ist es als Investitionsmittel zu sehen. Es steht über den drei anderen Kapitalsorten und dient dazu, jene zu legitimieren. Es verleiht schließlich auch die Macht, bestehende Kräfteverhältnisse zu rechtfertigen.14

Neben den Beziehungen und Gemeinsamkeiten zwischen den Feldern bei Bourdieu gibt es allerdings auch Unterschiede. Sie entstehen unter anderem durch die Differenzierung, Spezialisierung und Verselbstständigung von Lebensbereichen. Bourdieu unterscheidet dabei hauptsächlich die materiellen und weltlichen Felder, in denen es um materielle Interessen geht und die symbolischen und heiligen Felder der kulturellen Produktion.15

Bourdieu sieht die Felder selbst schließlich als Ergebnis von Positions- und Machtkämpfen. Diese strukturieren die Felder sozial und bieten bevorzugte und benachteiligte Positionen innerhalb der Felder an. Die bevorzugten Positionen verfügen über Macht, während die benachteiligten Positionen sich dem Nomos der Mächtigen fügen müssen.16

Patricia Thomson stellte schließlich Problematiken der Feldtheorie Bourdieus fest: Zum einen ein Problem der Grenzen zwischen den Feldern, die immer wieder verschwimmen. Zweitens gebe es viel zu viele Felder und drittens gebe es zu viele Veränderungen innerhalb der Felder.17

Zusammengefasst lässt sich also feststellen, dass Bourdieu eine eigene Feldtheorie geschaffen hat, in der die einzelnen Felder Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufweisen und trotz ihrer Autonomie miteinander korrelieren. Das Feld des Journalismus ist gemeinsam mit dem ökonomischen und dem politischen Feld als Teil des Feldes der Medien eines der Hauptfelder Bourdieus und steht im Zentrum seines Modells. Im Folgenden soll daher näher auf die Theorie des Journalistischen Feldes bei Pierre Bourdieu eingegangen werden, um sie im Anschluss auf ihre neuen Herausforderungen durch das Internet hin zu untersuchen.

[...]


1 Bourdieu, Pierre: 1998b: 148

2 Vgl. Müller, Hans-Peter (2014): Pierre Bourdieu. S.72-73.

3 Vgl. Barlösius, Eva (2006): Pierre Bourdieu, S. 90.

4 Bourdieu, Pierre: 1966: S. 75-76.

5 Vgl. Müller, Hans-Peter (2014): Pierre Bourdieu. S.74.

6 Bourdieu, Pierre: 1998: 148.

7 Vgl. Müller, Hans-Peter (2014): Pierre Bourdieu. S.75.

8 Vgl. Barlösius, Eva (2006): Pierre Bourdieu, S. 91.

9 Vgl. Müller, Hans-Peter (2014): Pierre Bourdieu. S.76-77.

10 Vgl. Bourdieu/Wacquant (1996): S.127.

11 Vgl. Müller, Hans-Peter (2014): Pierre Bourdieu. S.78-80.

12 Vgl. Schwingel, Markus: Pierre Bourdieu, S. 83.

13 Vgl. Müller, Hans-Peter (2014): Pierre Bourdieu. S.82. Seite 4

14 Vgl. Barlösius, Eva (2006): Pierre Bourdieu, S. 109-111.

15 Vgl. Müller, Hans-Peter (2014): Pierre Bourdieu. S. 85.

16 Vgl. Barlösius, Eva (2006): Pierre Bourdieu, S. 97.

17 Vgl. Thomson, Patricia: Key Concepts, S. 77. Seite 5

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das Internet als Herausforderung. Die Theorie des journalistischen Feldes bei Pierre Bourdieu
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
22
Katalognummer
V370115
ISBN (eBook)
9783668479180
ISBN (Buch)
9783668479197
Dateigröße
1379 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Journalismus, Pierre Bordieu, Theorie des journalistischen Feldes, Internet, Medien
Arbeit zitieren
Sandra S. (Autor), 2016, Das Internet als Herausforderung. Die Theorie des journalistischen Feldes bei Pierre Bourdieu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370115

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