Auswirkungen und Spätfolgen für von sexueller Gewalt in der Familie betroffene Kinder und Jugendliche in physischer und psychosomatischer sowie in psychischer und psychosozialer Hinsicht


Hausarbeit, 2014

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sexuelle Gewalt
2.1 Definition
2.2 Besonderheiten sexueller Gewalt in der Familie

3. Folgen sexueller Gewalt für betroffene Kinder und Jugendliche
3.1 Mögliche direkte Auswirkungen
3.1.1 Physische und pyschosomatische Auswirkungen
3.1.2 Psychische und psychosoziale Auswirkungen
3.2 Mögliche Spätfolgen
3.2.1 Physische und psychosomatische Spätfolgen
3.2.2 Psychische und psychosoziale Spätfolgen

4. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jedes Jahr erfahren 200.000 bis 300.000 Kinder in Deutschland sexuelle Gewalt (Dunkelziffer), das bedeutet, durchschnittlich wird alle zwei Minuten ein Kind sexuell misshandelt. Im Durchschnitt befindet sich demnach in jeder Kindergartengruppe und in jeder Schulklasse ein betroffenes Kind (vgl. http://www.gegen-missbrauch.de [1], S. 3). Die Mehrzahl von ihnen wird im familiären Kontext sexuell misshandelt. „Familie ist leider nicht nur ein Ort von Sicherheit und Geborgenheit, sondern auch der von Gewalt, vor allem von Gewalt gegen Kinder“ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, S. 6). Sexuelle Gewalt in Familien ist ein hochaktuelles Thema, weit über die Hälfte aller Misshandlungsfälle geschieht innerhalb der Familien (vgl. http://www.gegen-missbrauch.de [2]). Dennoch wird das Thema nach wie vor zu sehr tabuisiert und es wird zu wenig darüber gesprochen. Entzündet wird die öffentliche Diskussion und Aufmerksamkeit an dem Thema leider meist immer noch nur durch spektakuläre Einzelfälle, die aufgedeckt werden. Es wird von vielen immer noch angenommen, Kinder seien vor allem Opfer fremder Männer, dabei gehören die Täter fast immer zum Familien- oder Bekanntenkreis (vgl. Enders 1998, S. 14).

Über die vielfältigen und weitreichenden Auswirkungen der sexuellen Gewalterfahrungen im Kindes- und Jugendalter, unter denen Betroffene teilweise ein ganzes Leben lang zu leiden haben, ist sich jedoch kaum jemand bewusst und es wird nicht ausreichend öffentlich thematisiert und Aufklärungsarbeit geleistet.

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit den möglichen Folgen sexueller Gewalterfahrungen bei Kindern und Jugendlichen in der Familie auseinander. Sie soll Antworten liefern auf die wichtige Frage: „Welche möglichen direkten Auswirkungen und Spätfolgen für von sexueller Gewalt in der Familie betroffene Kinder und Jugendliche bestehen in physischer und psychosomatischer sowie psychischer und psychosozialer Hinsicht?“ Hierzu wird sich zunächst dem Begriff der sexuellen Gewalt angenähert (2 und 2.1) und anschließend werden Besonderheiten der sexuellen Gewalterfahrung durch Familienmitglieder hervorgehoben (2.2). Darauf folgt der thematische Schwerpunkt „Folgen sexueller Gewalt für betroffene Kinder und Jugendliche“ (3), gegliedert in mögliche direkte Auswirkungen (3.1) und mögliche Spätfolgen (3.2) für Opfer sexueller Gewalterfahrungen. In den Unterkapiteln wird spezifisch auf physische und psychosomatische (3.1.1 und 3.2.1) sowie psychische und psychosoziale (3.1.2 und 3.2.2) Folgen, jeweils bezogen auf direkte und langfristige Folgen, eingegangen. Den Abschluss bildet ein Resümee (4).

2, Sexuelle Gewalt

Die Diskussion über die Definition von sexuellem Missbrauch, sexueller Gewalt und sexueller Misshandlung an Kindern ist kein neues Thema. „[...] Denn schon immer wurden sexuelle Übergriffe und Gewalt gegen Kinder vor dem Hintergrund kultureller und ideologischer Unterschiede verschieden bewertet. So waren beispielsweise bis zur Renaissance sexuelle Kontakte von Erwachsenen zu Kindern keinesfalls verpönt. Erst die Bereitschaft, sich Kindheit vorzustellen, und die Einsicht, daß Kinder keine „kleinen Erwachsenen“ sind, ließ das Verständnis dafür wachsen, daß Mädchen und Jungen besonderen Schutz brauchen“ (Enders 1998, S. 327). Doch darüber, ab welcher Schwelle genau das Kindeswohl durch sexuelle Grenzüberschreitungen vonseiten Erwachsener gefährdet wird, ist sich die (Fach-)Öffentlichkeit bis heute nicht einig und darauf wird sich auch keine universelle Antwort finden lassen (vgl. Enders 1998, S. 327).

2,1 Definition

Die Formulierung „sexuelle Gewalt“ (auch: sexualisierte Gewalt) ist nicht die verbreiteste. Häufiger wird von „sexuellem Missbrauch“ gesprochen, obwohl dieser Begriff suggeriert, dass es auch einen richtigen sexuellen Gebrauch bei Kindern - im Gegensatz zu dem Missbrauch - geben könnte (vgl. Mertens/Pankofer 2011, S. 34). Aus diesem Grund sind die Formulierungen „sexuelle Gewalt“ oder „sexuelle Misshandlung“ als korrekter und eindeutiger anzusehen, auch wenn sie häufig synonym zu „sexuellem Missbrauch“ verwendet werden. Obwohl der Ausdruck „sexueller Missbrauch“ der juristischen Terminologie entspricht und sich auch in der Wissenschaft durchgesetzt hat (vgl. Bange/Deegener 1996, S. 9), wird er in der vorliegenden Arbeit ausschließlich in Zitaten zu finden sein, ansonsten werden die Begriffe „sexuelle Gewalt“ und „sexuelle Misshandlung“ verwandt.

Es gibt nicht die eine allgemeingültige Definiton von sexueller Gewalt, allein schon durch die genannte Vielfalt der Begriffe hierfür, die durch die Begriffswahl unterschiedliche Schwerpunkte in der Bedeutung legen können. Sexuelle Gewalt lässt sich der Oberkategorie „Kindesmisshandlung“ zuordnen. Gemäß Birgit Mertens und Sabine Pankofer werden „grundsätzlich [...] vier verschiedene Formen der Kindesmisshandlung unterschieden:

- körperliche oder physische Misshandlung
- seelische oder psychische Misshandlung
- Vernachlässigung
- sexuelle Misshandlung oder sexuelle Gewalt“ (Mertens/Pankofer 2011, S. 26).

Allerdings ist diese Form der Einteilung idealtypisch und nicht trennscharf. Oftmals treten die verschiedenen Formen der Kindesmisshandlung in Kombination auf oder lassen sich nicht eindeutig einer der Katergorien zuordnen (vgl. Mertens/Pankofer 2011, S. 26).

Sexuelle Gewalt an Kindern meint „jede Form von sexueller Aktivität, die von Erwachsenen gegenüber einem Kind ausgeübt wird, also auch Sexualität, die ohne manifeste Gewalt und körperlichen Zwang oder Drohung und angeblich einverständlich mit den Kindern stattfindet“ (Hentschel. In: Heusohn/Klemm 1998, S. 23). Sexuelle Gewalt stellt immer eine Form der Kindesmisshandlung dar, auch wenn die sexuelle Aktivität noch so gewaltlos erscheinen mag (vgl. Hirsch. In: Finger-Trescher/Krebs 2000, S. 78). Kinder sind aufgrund ihres Unwissens, ihrer Unerfahrenheit und ihrer anderen psychosexuellen Entwicklungsstufe nicht in der Lage, beurteilen zu können, wer für sie der „richtige“ Sexualpartner ist. Kinder können in keinem Fall gleichberechtigte Sexualpartner von Erwachsenen sein, da sie in vielerlei Hinsicht (zum Beispiel emotional, rechtlich und finanziell) von diesen abhängig sind und daher ein großes Beziehungs- und Machtgefalle zwischen ihnen besteht, was die Kinder in eine Abhängigkeitsposition versetzt. Die gewaltausübende Person nutzt demnach seine Machts- und Autoritätsposition über das Kind aus (vgl. Deegener 1998, S. 22 f).

Man unterscheidet „weite“ und „enge“ Definitionen. Während „weite“ Definitionen alle für das Kind potentiell schädlichen Handlungen, als auch sexuelle Handlungen ohne direkten Körperkontakt wie Exhibitionismus oder das Zeigen von pornographischen Materialen zur sexuellen Gewalt zählen, beziehen die „engen“ Definitonen nur bereits als schädlich identifizierte Handlungen, also Handlungen mit Körperkontakt, ein (vgl. Wetzels 1997, S. 62). Sexuelle Misshandlung von Kindern und Jugendlichen meint also nicht nur den genitalen Koitus, sondern viel mehr jede Handlung eines Erwachsenen mit der Absicht, ein Kind zur eigenen sexuellen Erregung zu benutzen (vgl. Hirsch. In: Finger-Trescher/Krebs 2000, S. 78).

Für die Definition von sexueller Misshandlung ist auch der Altersunterschied zwischen Opfer und Täter von Bedeutung, um besser einschätzen zu können, ob sexuelle Handlungen gewollt sein können oder ungewollt sind bzw. die psychsosexuelle Entwicklung von Opfer und Täter weit auseinander liegt. In verschiedenen Untersuchungen wird ein Altersunterschied von fünf Jahren zwischen dem Opfer und dem Täter als Definitionskriterium angesehen. Demnach istjeder sexuelle Kontakt zwischen einem Kind und einer mindestens fünf Jahre älteren Person als sexuelle Gewalt zu definieren (vgl. Bange/Deegener 1996, S. 102). In der vorliegenden Arbeit soll es ausschließlich um die sexuelle Gewalt vonseiten erwachsener Familienmitglieder an Kindern gehen, weshalb der Altersunterschied in der Definiton hierfür irrelevant ist. Von Bedeutung ist jedoch die Schwelle zwischen Kindes- und Erwachsenenalter, da es in der Arbeit um die sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen gehen wird. Die Grenze zum Erwachsenen wird in den meisten Studien bei 16 Jahren gelegt, das heißt es werden nur sexuelle Übergriffe, die ein Mensch vor seinem 16. Lebensjahr erlebt, zur sexuellen Kindesmisshandlung gezählt (vgl. Bange/Deegener 1996, S. 105).

2,2 Besonderheiten sexueller Gewalt in der Familie

Insbesondere sexuelle Gewalterfahrungen durch die eigene Familie fuhren bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen zu vielfältigen Konflikten, Ängsten und emotionalen Belastungen. Intrafamiliäre sexuelle Misshandlung wird in den meisten Fällen durch Väter oder Stiefväter durchgefuhrt, aber es gibt auch Mütter als (Mit-)Täterinnen. In der vorliegenden Arbeit wird nur die männliche Form des „Täters“ der besseren Lesbarkeit halber verwendet, auch wenn man sich natürlich dessen bewusst sein muss, dass es auch Täterinnen gibt. Oft sind auch Verwandte, die nicht zur eigenen Kernfamilie gehören, wie ein Onkel oder der Großvater, die Täter. Im Kontext dieser Arbeit soll es schwerpunktmäßig um die sexuelle Misshandlung durch die eigenen Eltern oder ein Stiefelternteil gehen, da diese den Kindern normalerweise am nächsten stehen und sie gemeinsam in einem Haushalt leben.

Sexuelle Gewalt in der Familie „bedeutet eine Form von traumatischer Gewalt, die die körperlich­sexuellen sowie psychischen Grenzen des sich in der Entwicklung befindenden Kindes überrollt“ (Hirsch. In: Finger-Trescher/Krebs 2000, S. 77). Die Misshandlung durch eine Vertrauensperson stellt einen enormen Vertrauensbruch dar und führt zur Sexualisierung der Beziehung (vgl. Hentschel. In: Heusohn/Klemm, S. 33). Die Kinder erfahren dort einen schwerwiegenden Vertrauensbruch, wo sie eigentlich am meisten vertrauen und wo sie sich am sichersten fühlen sollten. Bei den betroffenen Kindern können starke Loyalitätskonflikte gegenüber dem missbrauchenden Elternteil entstehen. Für die Kinder ist der Elternteil eine Autorität, der sie gelernt haben, nicht zu widersprechen und das zu tun, was von ihnen verlangt wird. Der Täter spielt eine wichtige Rolle im Leben des Kindes, auch durch die emotionale und soziale Abhängigkeit des Kindes von seinen Eltern. Sexuell misshandelte Kinder können unter der Angst leiden, ihre Kernfamilie zu verlieren, da sie fürchten, in ein Heim oder eine Pflegefamilie zu kommen, wenn sie jemandem von den Misshandlungen erzählen. Besonders stark können solche Ängste nach bereits vorangegangenen Trennungserfahrungen, zum Beispiel die Scheidung der Eltern, ausgeprägt sein. Die Täter machen den Kindern oftmals so große Angst und setzen sie unter Druck, dass die Opfer oft lange Zeit über das schweigen, was ihnen angetan wird. Außerdem haben viele Missbrauchsopfer das Gefühl oder die Angst, mitschuldig zu sein, da sie sich nicht gewehrt haben oder vielleicht teilweise auch angenehme körperliche Gefühle dabei erlebt haben (vgl. Deegener 1998, S. 82 ff). Aus den genannten Gründen bleibt sexuelle Gewalt in Familien oftmals sehr lange oder für immer unentdeckt.

Insgesamt gibt es keine anderen Folgen für Opfer, die sexuelle Gewalt innerhalb der Familie erfahren haben, als solche die sie außerhalb erlebt haben. Deshalb sind die in den folgenden Kapiteln genannten Auswirkungen allgemein gültig und auch auf Opfer außerfamiliärer sexueller Gewalterfahrungen übertragbar. Jedoch kann, wie bereits erwähnt, die Misshandlung durch ein Familienmitglied besondere Konflikte und Ängste bei dem Betroffenen auslösen und kann somit psychisch möglicherweise schwerwiegender sein, als der Missbrauch durch einen Fremden. Auch ist die sexuelle Misshandlung durch Familienmitglieder fast immer ein längerandauernder Prozess, der sich oft über Jahre hinzieht, während es sich bei fremden Tätern in der Regel „nur“ um einen einmaligen Übergriff handelt (vgl. Bange/Deegener 1996, S. 133).

3. Folgen sexueller Gewalt für betroffene Kinder und Jugendliche

Die Auswirkungen sexueller Gewalterfahrungen können sehr unterschiedlich sein. Man kann bei den Folgen der sexuellen Gewalt in direkte Auswirkungen, die also unmittelbar durch die andauernde Misshandlung bei dem Kind auftreten und in Spätfolgen, die erst Jahre später im (frühen) Erwachsenenalter auftreten, unterscheiden.

Viele der im folgenden aufgeführten Symptome können auch Folgen anderer Ursachen sein, beispielsweise emotionaler Kindesmisshandlung, Kindesvernachlässigung oder Konflikte mit Spielkameraden. Im Einzelfall ist es natürlich äußerst wichtig, die genauen Ursachen derjeweiligen Auffälligkeiten genau zu ergründen und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen (vgl. Enders 1998, S. 75).

3.1 Mögliche direkte Auswirkungen

Die Folgen sexueller Gewalterfahrungen können sehr unterschiedlich sein. Es gibt keine spezifischen Auswirkungen, die mit aboluter Sicherheit die Folge sexueller Misshandlung sind, es besteht vielmehr eine große Spannweite möglicher Folgen. Bei etwa einem Drittel der missbrauchten Kinder werden laut wissenschaftlicher Untersuchungen keine Symptome gefunden.

[...]

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Details

Titel
Auswirkungen und Spätfolgen für von sexueller Gewalt in der Familie betroffene Kinder und Jugendliche in physischer und psychosomatischer sowie in psychischer und psychosozialer Hinsicht
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
13
Katalognummer
V370162
ISBN (eBook)
9783668475403
ISBN (Buch)
9783668475410
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexuelle Gewalt, Familie
Arbeit zitieren
Jennifer Siehms (Autor), 2014, Auswirkungen und Spätfolgen für von sexueller Gewalt in der Familie betroffene Kinder und Jugendliche in physischer und psychosomatischer sowie in psychischer und psychosozialer Hinsicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370162

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