Ethische Säuberung oder Genozid? Ein Versuch der Begriffsdifferenzierung


Essay, 2013
3 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Ethnische Säuberung oder Genozid?

Ein Versuch der Begriffs-Differenzierung

Betrachtet man das 20. Jahrhundert retrospektiv, so stellt man schnell fest, dass alle Ereignisse dieses Zentenniums von wenigen großen (und gleichfalls schrecklichen) Geschehnissen überschattet wurden. Gemeint ist damit an erster Stelle der Holocaust, dicht gefolgt von der menschenverachtenden Gulag-Maschinerie der Bolschewiken. Nicht umsonst nennt Zygmunt Bauman das 20. Jahrhundert „Das Jahhundert der Lager“.1 Auf den ersten Blick unterscheiden sich diese zwei furchtbaren Systeme nicht sehr voneinander. Millionen von Opfern, unvorstellbare Grausamkeiten und verwerfliche Ideologien sind nur ein paar der miteinhergehenden Merkmale. Wirft man jedoch einen zweiten, womöglich historisch-kritischen, Blick auf diese perversen Konstrukte, so erkennt man doch Unterschiede, welche teilweise von entscheidender Wichtigkeit für die Einstufung der Ereignisse sind. So stellt sich beispielsweise die Frage ob die Kriegsverbrechen, welche in Ex-Jugoslawien begangen wurden, auf die gleiche Ebene zu stellen und gleich zu sanktionieren sind, wie etwa der Holocaust. Klar ist, dass Völkermorde, Genozide und ethnische Säuberungen die Spitze der Rangliste der Verbrechen einnehmen.2 Doch die Unterscheidung dieser Tatbestände lässt sich nicht ohne Weiters durchführen. So herrscht auch in der gegenwärtigen Literatur Uneinigkeit darüber ab wann ein Verbrechen als Genozid und wann als ethnische Säuberung deklariert werden soll. Die Schwierigkeit dabei ist, dass die Grenzen und die Übergänge von einer ethnischen Säuberung zu einem Genozid oftmals fließend erscheinen können.

Diese Grenzen zu ermitteln und übersichtlich dazulegen ist da Ziel der vorliegenden Arbeit. Ein Vergleich der wichtigsten Argumente der gängigen Literatur soll Klarheit schaffen.

Während der Begriff „Genozid“ erstmalig, vom polnischen Juristen Raffael Lemkin 1944 formuliert wurde, wurde der Begriff „Ethnische Säuberung“ ursprünglich „von den Serben selbst benutzt um zu beschreiben, was ihrem eigenen Volk Anfang der achtziger Jahre im Kosovo geschah.“ (Naimark, S. 11). Es liegen also ca. 40 Jahre zwischen dem Auftauchen der zwei Begriffe. Auf den ersten Blick haben die beiden Termini viel gemeinsam. Interessant ist, dass beide Phänomene der Moderne angehören und mit neuen Mitteln und Technologien durchgeführt wurden. „Die Lager waren nicht einfach jene alte menschliche Grausamkeit (...) Die Lager sind eine moderne Erfindung, eine Erfindung die nur möglich war dank jener Errungenschaften, auf die die Moderne stolzer ist als auf alles andere (...)“ (Bauman, S. 83) Damit formuliert Bauman treffend, wie solche Gräueltaten überhaupt entstehen konnten.2 Das selbe gilt meiner Meinung nach auch für Ethnische Säuberungen, die in solch großen Ausmaßen niemals ohne Erfindungen, wie beispielsweise die Eisenbahn, bewältigbar gewesen wären.

Eine Ethnische Säuerung zeichnet sich nun durch die Absicht aus, eine Gruppe von Menschen, innerhalb eines bestimmten Gebietes, loszuwerden. Die Methoden mit denen solche Vorhaben umgesetzt wurden (und werden) reichen von Zwangsdeportation über psychische und physische Gewaltandrohung und –anwendung bis hin zum (Massen-)Mord. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass das Eliminieren von Personen bei einer Ethnischen Säuberung nicht im Vordergrund steht. Was durchaus vorkommen kann (ja, sogar leider üblich ist) ist, dass den Akteuren einer ethnischen Säuberung nichts am Wohlergehen der zu Vertreibenden liegt und es ihnen meistens gleichgültig ist, dass der zu vertreibenden Gruppe extremes Leid wiederfährt oder diese sogar zu einem Großteil stirbt. Die Hauptabsicht bleibt aber das Entfernen der betreffenden Gruppe aus einem Gebiet oder einer Region. Bei einem Genozid sehen die Absichten der Akteure anders aus. Das vorrangige Ziel eines Genozides ist es eine bestimmte ethische oder kulturelle Gruppe gezielt und systematisch zu vernichten. Dabei spielen Ländergrenzen oder sonstige Räume oftmals keine Rolle, da kurzerhand alle Mitglieder jener bestimmten Gruppe vernichtet, das heißt getötet, werden sollen. Dies halte ich für den wichtigsten und größten Unterschied, welcher auch am einfachsten überprüft werden kann. Wichtig dabei ist noch, dass die Zielgruppe der Vernichtung keine Chance hat aus der Gruppe auszutreten, da die Akteure die Zielgruppe scheinbar objektiv nach ethnischen oder kulturellen Maßstäbe festlegt, wie Heintze schon festgestellt hat.3

Ein weiterer Gegensatz zum Genozid findet man darin, dass ethnische Säuberungen rückgängig gemacht werden können. So wurde das Nehru-Liaquat Abkommen von 1950 getroffen, welches für Bengalen (heute Bangladesch) „eine Rückkehr der Flüchtlinge und eine Ko-Existenz von Muslimen und Hindus beiderseits“ (Ther, S. 278) ermöglichte. Ein anderes Beispiel für eine teilweise Rückgängigmachung einer ethnischen Säuberung wäre die Aufhebung der stalinistischen Deportationsbefehle.4

Differenzieren kann man die zwei Termini außerdem an den Raten der Todesopfer. Während bei strukturierten und kaltblütig geplanten Genoziden, wie beispielsweise die Vernichtung der polnischen Juden durch die NS-Terrormaschinerie, die Todesraten bei über neunzig Prozent liegen können und sogar hundert Prozent erreichen können, liegen die Todesraten bei ethnischen Säuberungen selten über zehn Prozent. Dies soll hier keineswegs verharmlost werden, aber ist dennoch aussagekräftig was das Vorgehen und die Ziele einer ethnischen Säuberung betrifft.

Ein anderer Ansatzpunkt ist die Betrachtung der Akteure. „Aus einer akteurszentrischen Sicht ist zu beachten, dass ein Völkermord nie mit dem Einverständnis einer Regierung oder einer anderen Institution einhergeht, die im Namen einer verfolgten Gruppierung agiert.“ (Ther, S. 272) Die größten ethnischen Säuberungen dagegen, erfolgten als Konsequenzen von kontraktuellen Abmachungen, waren also immer zweiseitig vereinbart. 5

Summa summarum kann man behaupten, dass sowohl Genozide als auch ethnische Säuberungen komplizierte und vielschichtige Prozesse sind, welche zunächst den Anschein erwecken mehr oder weniger das Gleiche zu bewirken. Und doch kann man, wenn man sich ein wenig intensiver mit der Thematik beschäftigt, sehr wohl eine eindeutige Unterscheidung treffen, ob es sich nun um das Eine oder das Andere handelt. Was allerdings eine Schwierigkeit darstellt ist, dass, wie Naimark schon festgestellt hat, im Rahmen einer ethnischen Säuberung durchaus extreme Methoden wie Massenmord angewendet werden und so die Differenzierung zwischen den beiden Bezeichnungen schwer fallen kann.6

Sanktionierung

Dabei sollte jedoch immer festgestellt werden, ob es sich um einen Völkermord oder eine ethnische Säuberung handelt. Die Sanktionierung hat mit der Feststellung des Tatbestandes noch nichts zu tun. Vielmehr muss zuerst festgestellt werden, um was es sich handelt (Genozid, ethnische Säuberung oder willkürlicher Massenmord) und anschließend eine treffende Bestrafung festgelegt werden. So kann die Bestrafung einer ethnischen Säuberung, in Zuge deren zahlreiche Menschen ihr Leben verloren und extreme Grausamkeiten an der Tagesordnung waren, beispielsweise im gleichen Umfang vollzogen werden wie im Falle eines Genozides, und doch handelt es sich natürlich um einen anderen Tatbestand und somit selbstredend auch um ein anderes historisches Phänomen.

[...]


1 Bauman, Zygmunt: „Das Jahrhundert der Lager“, in: ders.: Genozid und Moderne. Strukturen kollektiver Gewalt im 20. Jahrhundert. Hg. von Mihran Dabag und Kristin Platt. Opladen: Leske + Budrich 1998, 81-99

2 Barth, Boris: Genozid – Völkermord im 20. Jahrhundert - Geschichten – Theorien – Kontroversen, C.H. Beck. München 2006

3 Bauman, Zygmunt: „Das Jahrhundert der Lager“, in: ders.: Genozid und Moderne. Strukturen kollektiver Gewalt im 20. Jahrhundert. Hg. von Mihran Dabag und Kristin Platt. Opladen: Leske + Budrich 1998, 81-99

4 Heintze Hans-Joachim: „Gegenwärtige Bedeutung der UN-Völkermordkonvention“, in:Hummel, Hartwig (Hg.): Völkermord - friedenswissenschaftliche Annäherungen, Baden-Baden: Nomos 2001 135-151

5 Ther, Philipp: Die dunkle Seite der Nationalstaaten – „Ethnische Säuberungen“im modernen Europa, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011

6 Ther, Philipp: Die dunkle Seite der Nationalstaaten – „Ethnische Säuberungen“im modernen Europa, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011

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Details

Titel
Ethische Säuberung oder Genozid? Ein Versuch der Begriffsdifferenzierung
Hochschule
Universität Wien
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
3
Katalognummer
V370195
ISBN (eBook)
9783668480131
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethische Säuberung, Genozid, Zygmunt Bauman, Jahrhundert der Lager, Begriffsabgrenzung, Völkermord
Arbeit zitieren
Julian Moosbrugger (Autor), 2013, Ethische Säuberung oder Genozid? Ein Versuch der Begriffsdifferenzierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370195

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