Das Gewissen. Gerechtigkeitsmaßstab mit unbedingtem Verbindlichkeitsanspruch?


Seminararbeit, 2016

10 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Relevanz für den Menschen; Problemkonstellationen

3. Historische Skizze
3.1 Antike
3.2 Mittelalter
3.3 Neuzeit/ Aufklärung
3.4 19.-20. Jahrhundert

4. Das Gewissen als Grundrecht

5. Inhalt des Gewissens

6. Fazit

1. Einleitung

Zwei Polizisten führen im Rahmen ihres Spätdienstes eine Verkehrsüberwachung an einer stark frequentierten Bundesstraße durch. Sie haben sich mit ihrem Streifenwagen so posi­tioniert, dass sie die Verkehrsteilnehmer gut beobachten können. Nach einigen Minuten fällt ihnen der Fahrer eines alten Opel Corsa auf, da dieser während des Autofahrens tele­fonierte. Während der Verkehrskontrolle fällt den Beamten auf, dass der Fahrer augen­scheinlich in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen lebt. Zudem gibt er an, seine Frau sei verletzt und er habe sich auf dem Weg zu ihr informieren wollen, wie es um ihr steht. Während die Polizisten die Personalien des Fahrers überprüfen und die Daten für die Ord­nungswidrigkeiten Anzeige notieren, haben sie mit ihrem Gewissen zu kämpfen. Einer von ihnen denkt: „Warum konnte der Fahrer nicht finanziell besser dran sein und sich frech gegenüber uns verhalten? Das würde es definitiv einfacher machen, mit dem schlechten Gewissen zu leben, ihm trotz der Umstände Geld abzunehmen. Außerdem habe er selbst auf dem Weg zur Dienststelle telefoniert. Zu seinem Glück wurde er nicht er­wischt; das wäre peinlich geworden.“. Nichts desto trotz erledigen die Polizisten ihre Ar­beit. Das Argument, dass alle Bedenken übertrumpft, vor dem Gesetz seien alle gleich, erleichtert das Gewissen der Beamten.

Das Gewissen scheint in jedem Menschen verankert zu sein. Was es jedoch genau bedeu­tet, wie es von der Antike bis heute bewertet wurde und zu welchen Problem Konstellationen es für den Menschen und insbesondere den Polizisten im Dienst führen kann, soll im Folgenden geklärt werden.

2. Relevanz für den Menschen; Problemkonstellationen

Bevor der Mensch eine Entscheidung trifft, wägt er diese mit möglichen Alternativen ab. Solche Prozesse finden in jedem Menschen bewusst und unbewusst am laufenden Band statt. Eine wesentliche Komponente, die bei der Entscheidungsfindung wirkt, ist die moralische Vertretbarkeit. Die Ethik räumt dem Menschen Rechte und Pflichten ein: Das Recht, Werte wie Freiheit oder Würde in seinem Leben zu verwirklichen bringt automatisch die Pflicht mit sich, diese auch anderen Menschen einzuräumen. Tun wir dies nicht, so plagen uns Schuldgefühle – wir haben ein schlechtes Gewissen. Wenn sich das Gewissen also an der Moral der Menschen und ihrer Fähigkeit, zwi­schen Gut und Schlecht zu entscheiden, orientiert und dadurch Entscheidungen lenkt, so ist es von großem Interesse zu klären, woher das Gewissen kommt und welche Faktoren den Entwicklungsprozess beeinflussen. Dadurch kann auch geklärt werden, warum Straftäter sich dafür entscheiden, in Rechte Dritter einzugreifen, ohne dass ihr Gewissen dies verbietet. Empfinden solche Menschen keine Schuldgefühle, weil sie ihr Handeln nicht als „falsch“ betrachten, oder ist das Ausmaß des schlechten Gewis­sens so schwach, dass andere Gründe überwiegen?

Polizisten geraten in besonderem Maße in Konflikt mit ihrem Gewissen, da diese oft Entscheidungen treffen müssen, die sich auf das Leben von Bürgern auswirken. Es gibt Situationen, in denen ein Polizist unter Beachtung der persönlichen Moral anders handeln würde, als der Beruf es von ihm verlangt. Hier ist es von besonderer Bedeu­tung zu klären, ob das Gewissen nicht grundsätzlich für das „richtige“ einsteht.

Es stellen sich die zentralen Fragen, ob man dem Gewissen folgen muss, ob es sich ir­ren kann und ob wir die Gewissensentscheidungen anderer berücksichtigen müssen. Dafür ist es wichtig, herauszustellen, was das Gewissen ist und wovon es abhängt.[1]

3. Historische Skizze

(Der historische Überblick wird nur kurz skizziert, da der Umfang der Arbeit eine aus­führliche Darstellung nicht erlaubt.)

3.1 Antike

In der Antike existiert die Bezeichnung des „Gewissen“ noch nicht. Es ist jedoch ein Phänomen bekannt, dass das Bewusstsein über das eigene Versagen oder die eigene Schuld umfasst.

Das griechische Wort „syneidäsis“ hatte mehrere Bedeutungen, stand jedoch u.a. für das Bewusstsein über das eigene Handeln und die Fähigkeit, dieses zu kritisieren. Das Phänomen des Gewissens wird als moralische Selbstwahrnehmung von Sokrates als innere Stimme Gottes bezeichnet.[2]

Die römische Bezeichnung „conscientia“ hatte ebenfalls mehrere Bedeutungen wie Wahrnehmung oder Bewusstsein und kam dem Gewissen sehr nahe. Der römische Politiker und Philosoph Cicero verstand unter dem o.g. Begriff eine innere Ausstat­tung des Menschen, welche angeboren ist und die Verpflichtung an sittliche Werte meint. Dadurch wird der Mensch an seine Tugend und Verfehlung erinnert.[3]

3.2 Mittelalter

Der Begriff des Gewissens wird erstmals um 950-1022 in einer Glosse zum Psalm 68,20 verwendet. Er basiert auf den eben beschriebenen lateinischen und griechischen Begriffen der Antike. Die Scholastik des Hochmittelalters entwickelte die Unterschei­dung zwischen „Synteresis“, eine angeborene moralische Instanz, und „Conscientia“, die ureigentliche Urteilsinstanz, welche das Gewissen ausmachen. Somit fällt „Conscientia“ die Entscheidung, welche vorher durch „Synteresis“ mit anderen Alter­nativen verglichen wurde.[4]

Die Patristik wird insbesondere durch Augustinus und Aquin geformt. Aquin unterteilt das Gewissen in ein Ur- und Situationsgewissen. Das Urgewissen ist von Gott gege­ben und existiert im Inneren des Menschen. Das Situationsgewissen erlaubt den Men­schen auf Basis von persönlichen Erfahrungswerten zu entscheiden.[5] Die Aufgabe des Gewissens ist im Allgemeinen das prüfen und beurteilen einer Sache oder eines Verständnisses auf religiös-sittlichem Gebiet.[6]

3.3 Neuzeit/ Aufklärung

In der Zeit der Aufklärung, welche mit dem Thesenanschlag durch Luther 1517 be­gann, sind, im Gegenteil zum Mittelalter, viele neue Denkströme entstanden. Luther reformiert den christlichen Glauben, das Gewissen wird allerdings auch in Religions­kriegen im 16.-17. Jahrhundert thematisiert und der Religionsfreiheit gleichgesetzt. Descartes bezeichnet das Gewissen als moralisches Bewusstsein, Rousseau spricht von einer Stimme der Seele, welche von der Natur gegeben ist.[7]

Der wohl einflussreichste Beitrag zu diesem Thema, der auch bis in unsere Gegenwart reicht, wurde von Immanuel Kant formuliert. In seinen Werken „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ und „Kritik der praktischen Vernunft“ entwickelt Kant das Sittengesetz und den kategorischen Imperativ, welche die Bedeutung des Gewissens maßgeblich formten. Kant sieht im Gewissen demnach das „Bewusstsein eines inneren Gerichtshofs“. Die Regel des kategorischen Imperativs, immer nur nach der Maxime zu handeln, von der man auch wollen kannst, dass sie als allgemeines Gesetz gilt, setzt gewissenhaftes Handeln einem moralischen gleich. Das Gewissen ist von Natur gege­ben und kann nicht angeschafft werden. Es ist ein Bewusstsein, „das für sich selbst Pflicht ist“.[8]

3.4 19.-20. Jahrhundert

Auf Grund des limitierten Ausmaßes der Ausarbeitung wird auf die Sichtweisen von Ludwig Feuerbach (1804-1872), Friedrich Nietzsche (1844-1900), Sigmund Freud (1844-1900) und Erich Fromm (1900-1980) verzichtet.

4. Das Gewissen als Grundrecht

Artikel vier, Absatz eins:

Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltan­schaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.[9]

Grundrechte sind Abwehrrechte des Bürgers gegenüber staatlicher Gewalt. Menschen, die staatliche Gewalt ausüben, wie etwa Polizisten, steht das in Artikel vier des Grundgesetzes geschriebene Recht auf die Freiheit des Gewissens jedoch auch zu. Das Recht auf Gewissensfreiheit steht nicht unter einem Gesetzesvorbehalt, weswegen es nicht auf Grund eines Gesetzes eingeschränkt werden darf. Der Einzelne erfährt Gren­zen dieses Grundrechts nur, wenn er dasselbe Recht Dritter dabei einschränkt; das Prinzip der praktischen Konkordanz. Der Schutz des Gewissens bedeutet gleichzeitig, dass Entscheidungen die auf Basis des Gewissens getätigt werden, auch geschützt werden müssen. Das Bundesverfassungsgericht hat folgende Definition konstruiert: „Als eine Gewissensentscheidung ist somit jede ernste sittliche, d.h. an den Kategorien von ‚Gut‘ und ‚Böse‘ orientierte Entscheidung anzusehen, die der einzelne in einer be­stimmten Lage als für sich bindend und unbedingt verpflichtend innerlich erfährt, so dass er gegen sie nicht ohne ernste Gewissensnot handeln könnte“.[10] Nach dieser Definition wird der Weg zur Entscheidungsfindung geschützt, jedoch nicht die Ent­scheidung als solche. Die Reichweite des Schutzes umfasst jedoch neben dem Denken und Äußern auch das Handeln. Interessant an dieser Stelle ist insbesondere der staatli­che Einfluss durch Institutionen auf die Gewissensbildung, maßgeblich durch Schulen, da man argumentieren kann, die Integrität des Gewissens würde hier eingeschränkt werden. Beschränkungen des Grundrechts sind wie bereits gesagt nur auf Grundlage kollidierenden Verfassungsrechts zulässig. Beamte der Polizei genießen trotz des be­sonderen „Gewaltverhältnisses“ das Recht auf Gewissensfreiheit. Die in §33 Be­amtStG konkretisierten Dienst- und Treuepflichten sowie die in §35 S.2 BeamtStG bestimmte Weisungsgebundenheit gegenüber Vorgesetzten können mit den Grund­rechten der Beamten kollidieren. Verweigert ein Beamter eine Weisung unter Beru­fung auf seine Gewissensfreiheit, so riskiert dieser eine Dienstpflichtverletzung sowie einen Verstoß gegen die verfassungskräftige Treuepflicht. Kann der Beamte eine Wei­sung mit seinem Gewissen nicht vereinbaren, weil er vermutet, dass die erforderliche Maßnahme rechtswidrig ist, so greift gleichzeitig die in §36 Abs.2 normierte Remonst­rationspflicht. Der bloße Schutz der Gewissensfreiheit entbindet jedoch grundsätzlich nicht von der Gesetzesbindung. Die Gewissensfreiheit findet ihre Wirkung im Beam­tenverhältnis darin, dass der Dienstherr dem Beamten Handlungsalternativen vor­schlagen muss. Droht eine Gefahr, kann die zeitliche Verzögerung jedoch nicht in Kauf genommen werden – der Beamte muss handeln. Eine Handlungsalternative be­steht exemplarisch in der Versetzung in einen Bereich, in denen der Gewissenskonflikt nicht herrscht.[11]

[...]


[1] Giersch, Christoph (2015). Das Gewissen als Bestandteil der Polizeiausbildung. In: Barwasser, Carsten; Giersch, Christoph; Röckinghausen, Marc; Borzymski, Markus; & Freitag, Marcus (Hg.). Das Gewissen - moralischer Kompass mit unbedingtem Verbindlichkeitsanspruch? Eine interdisziplinäre Annäherung. Frankfurt am Main.S.101-105

[2] Barwasser, Carsten (2015). Das Gewissen – aus philosophischer Sicht. In: Barwasser, Carsten; Giersch, Christoph; Röckinghausen, Marc; Borzymski, Markus; & Freitag, Marcus (Hg.). Das Gewissen - moralischer Kompass mit unbedingtem Verbindlichkeitsanspruch? Eine interdisziplinäre Annäherung. Frankfurt am Main.S.19-21

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. Barwasser (2015) S. 22-23

[5] Vgl. Giersch (2015). S.99

[6] Vgl. Barwasser (2015) S. 22-23

[7] Vgl. ebd. S.23-29

[8] Vgl. ebd.

[9] Polizei-Fach-Handbuch Band 1:Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Vom 23.5.1949, zuletzt geändert durch Gesetz vom 11.7.2012, Verlag Deutsche Polizeiliteratur GMBH, S.2

[10] Röckinghausen, Marc (2015). Der grundgesetzliche Schutz der Gewissensentscheidung. In: Barwasser, Carsten; Giersch, Christoph; Röckinghausen, Marc; Borzymski, Markus; & Freitag, Marcus (Hg.). Das Gewissen - moralischer Kompass mit unbedingtem Verbindlichkeitsanspruch? Eine interdisziplinäre Annäherung. Frankfurt am Main. S.76

[11] ebd. S. 55-87

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Das Gewissen. Gerechtigkeitsmaßstab mit unbedingtem Verbindlichkeitsanspruch?
Hochschule
Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen; Köln
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
10
Katalognummer
V370266
ISBN (eBook)
9783668476813
ISBN (Buch)
9783668476820
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewissen, Moral, Ethik, Gerechtigkeit, Grundrechte, Philosophie
Arbeit zitieren
Christoph Schmitz (Autor), 2016, Das Gewissen. Gerechtigkeitsmaßstab mit unbedingtem Verbindlichkeitsanspruch?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370266

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