Wahrnehmung sozialer Rollen im Konflikt mit dem Polizeiberuf

Der Mensch in Polizeiuniform


Hausarbeit, 2014
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Einleitung

3. Der Mensch in Polizeiuniform
3.1 Aspekte der Identitätsdarstellung
3.2 Der Identitätskonflikt im Polizeidienst

4. Fazit

5. Literatur

1. Vorwort

Was erwarten Sie von einem Polizeibeamten?

Bevor Sie diese Hausarbeit lesen, möchte ich Sie bitten, einen Moment inne zu halten und sich diese Frage selbst zu beantworten.

Polizisten treten nahezu ausschließlich in Notsituationen auf. Wenn eine Person ein dringendes Problem hat, etwas passiert ist, womit sie nicht rechnete, etwas, das zu Unrecht geschehen ist, so kontaktiert sie die Polizei. Es ist die Aufgabe der Polizeibeamten, die diesen Notruf wahrnehmen, den vorliegenden Fall kompetent zu lösen, das Recht wieder gerade zu rücken. Kompetenz ist dabei ein wichtiges Stichwort: Sollten die zuständigen Beamten selbst nicht weiterwissen, geht das Vertrauen in diese verloren und die hilfesuchende Person steht weiterhin alleine da.

Polizisten sollen freundlich sein, entgegenkommend und sich Zeit nehmen. Zeit, dem aufgebrachten Bürger zuzuhören, ihn zu beruhigen, jedoch keine Minute verstreichen lassen, das Unrecht zu beseitigen und Probleme zu lösen. Tatsächlich stehen Polizisten jedoch oft in massiver Kritik. In den Medien wird über Freiheitsbeschränkung berichtet: Personen werden (unrechtmäßig) festgehalten, festgenommen und verletzt.

Der Mensch ist ein sensibles, soziales Lebewesen, welches auf das Zusammenleben mit anderen Menschen angewiesen ist. Dennoch ist er individuell, entwickelt eine bodenständige Persönlichkeit und vertritt seine Interessen.

Meine Hausarbeit diskutiert die Frage, wie eine individuelle Persönlichkeit, die emotional-affektiv beeinflusst wird, die eigenen Interessen und Grundsätze mit der Rolle als Polizeibeamter vereinbaren kann.

2. Einleitung

Ein Mensch nimmt in seinem Alltag viele verschiedene Rollen ein. Jede dieser Rollen stellt unterschiedliche Ansprüche an ihn, verlangt unter anderem Antizipation, Empathie und die Fähigkeit, sich von einen auf den anderen Moment in unterschiedliche Kontexte zu versetzen. Auf der anderen Seite haben wir situationsbezogene Erwartungen an bestimmte Rollen[1]. Der Mensch als Freund beispielsweise kann je nach Situation die Ansprechstelle für Probleme und Sorgen sein, das Ventil für Ärger oder der Kumpel, mit dem man lachen und Spaß haben kann. Der Mensch als Liebhaber, Sohn, Student oder Ausübender in seinem Beruf verlangt hingegen völlig differente Verhaltensmuster, steht in einem anderen Zusammenhang und ruft im Gegenüber divergente Erwartungen hervor.

Die Ausübung des Polizeidienstes erfordert die Einnahme einer besonderen Rolle: Polizeibeamte bilden die Exekutive des Staates; sie sind befugt, unter besonderen Umständen in die Grundrechte der Bürger einzugreifen, notfalls auch körperlichen Zwang anzuwenden. Es ist daher unumgänglich, sich mit dieser Rolle zweifelsfrei zu identifizieren, um kompetent auftreten und Probleme professionell lösen zu können. Einer der wichtigsten Grundsätze für Polizeibeamte ist die Neutralität: Jeder, egal welche Rolle er einnimmt, welche Ansichten er vertritt oder auf welche Grundeinstellungen er seine Persönlichkeit stützt, muss gleich behandelt und seine Rechte geschützt werden. Die Identifikation seiner selbst, die Wahrnehmung und das Ausleben seiner Interessen und Grundsätze, also die situationsadäquate Einnahme verschiedener Rollen, steht dem Neutralitätsprinzip in vielen Situationen entgegen. Das Schützen von Demonstranten, welche gänzlich kontroverse Ansichten zu den eigenen besitzen, das Kontrollieren von engen Freunden in Verkehrssituationen oder die Beweisermittlung zur Unschuld von Verbrechern sind Beispiele aus dem Alltag der Beamten.

Im Folgenden sollen die Begriffe der „sozialen Rolle“ oder der „sozialen Identität“ wissenschaftlich erläutert werden, um Steuerungsprozesse in der Rollenwahrnehmung zu erklären und so die Problematik zu verdeutlichen.

3. Der Mensch in Polizeiuniform

3.1 Aspekte der Identitätsdarstellung

Wie ich bereits veranschaulicht habe, sind wir Menschen auf das Zusammenleben mit anderen Menschen angewiesen. Wir leben mit dem Drang, soziale Bedürfnisse zu erfüllen. Die Kontaktaufnahme mit Menschen sind Interaktionsprozesse, die einen gewissen Konsens sozialer Normen verlangen. Vereinfacht gesagt, wird sich darauf geeinigt, wie man sich einander gegenüber verhält, um Interaktion zu ermöglichen. Diese Einigung führt zu gesellschaftlich anerkannten Denkmustern und dem Umgang mit Emotionen. Die Individuen müssen sich diesen Mustern und Normen anpassen: Es finden Sozialisationsprozesse statt. Es kann also festgehalten werden, dass Interaktionsprozesse zwangsweise zu Sozialisationsprozessen führen[2]. Diese Erkenntnis ist sehr wichtig, um zu verstehen, dass die Gesellschaft Einfluss auf unsere Identitätsbildung hat.

Der Konsens sozialer Normen bildet die Grundlage für Interaktion. Die Rolleneinnahme, welche ich bereits in der Einleitung allgemein erläutert habe, definiert spezielle Konstanten in der Interaktion. Das bedeutet zwangsweise, dass sich das Gegenüber auf eine sozial normierte Rolle einstellt, deren Verhaltens- und Gefühlsmuster einschätzbar sind, und gemäß dieser handelt. In diesem Prozess schreiben wir Personen in verschiedenen Situationen bestimmte Rollen zu, welche in der Wissenschaft als „ soziale Identität[3] bezeichnet wird. Die beiden Interaktionspartner nehmen mehr oder weniger bewusst wahr, welche konkrete Rolle sie zugeschrieben bekommen und folglich, welche Handlungen von ihnen erwartet werden. Es kommt hier zu einer Auseinandersetzung des Individuums mit sich selbst: Bin ich mit der Rollenzuschreibung zufrieden, oder fühle ich mich in meiner Identität auf diese Rolle reduziert? Hier liegt also die Trennung zwischen Identität und Rolle. Durch sog. „Verhaltensbrüche“[4] kann man eine Distanz zur Rolle einnehmen, und dem Gegenüber damit ein Signal zusenden. Andererseits kann sich das Individuum gezielt auf eine Rolle reduzieren lassen, um den Interaktionsprozess zu vereinfachen (sog. „Advocatus diaboli“)[5]. Hieran sieht man, dass die Identität im Interaktionsprozess ausgehandelt wird: Die Frage ist, inwieweit sich die zugeschriebene, soziale Identität mit der tatsächlichen deckt, bzw. wie groß der Toleranzspielraum ist.

Die tatsächliche Identität eines Menschen wird allerdings nicht nur durch die Menge an angenommenen Rollen und die damit zusammenhängenden, verschiedenen sozialen Identitäten definiert, sondern auch dadurch, wie groß seine Erfahrung mit Prozessen der Zuschreibung bzw. Identifizierung ist und welche Ziele er bei der Rollenbildung verfolgt: Durch die Einnahme bestimmter Rollen kann der Mensch die Zuschreibung einer „sozialen Identität“ lenken und somit bestimmte Identitätszuschreibungen erreichen[6]. Es geht hierbei darum, die soziale Identität möglichst deckungsgleich mit der tatsächlichen zu gestalten, um seine eigene Persönlichkeit tatsächlich darstellen und vertreten zu können, oder aber Menschen durch das Konstruieren bestimmter sozialer Rollen zu beeinflussen, welche aber nicht zwangsweise mit der tatsächlichen Identität übereinstimmen müssen.
Um die Theorie der sozialen Rolle und Identität lebhafter zu machen, möchte ich nun ein kleines Fallbeispiel anbringen:

Polizeikommissar (Pk) Breda führt eine allgemeine Verkehrskontrolle durch. Der Betroffene Prange beschwert sich lauthals über die Maßnahme und wirft Pk Breda wüste Beleidigungen an den Kopf, welche auf eine Herabsetzung des Polizeiberufes hinzielen.

Pk Breda erfährt hier eine Reduzierung auf eine bestimmte soziale Rolle und Identität. Betrachten wir zwei Reaktionsmöglichkeiten des Polizeikommissars:

a. Pk Breda nimmt die Beleidigungen hin und konzentriert sich auf die Durchführung der Kontrolle.

b. Pk Breda erklärt dem Betroffenen Prange, dass er lediglich seiner

Arbeit nachginge und bittet ihn, zu kooperieren.

Bei Reaktionsmöglichkeit a nimmt Pk Breda die Reduzierung auf seine Rolle als Polizeibeamten hin, um den Interaktionsprozess mit dem Betroffenen Prange zu vereinfachen, möglichen Diskussionen aus dem Weg zu gehen und sich selbst zu „entlasten“.

Bei Reaktionsmöglichkeit b distanziert sich Pk Breda von seiner Rolle als Reaktion auf die Rollenreduzierung. Er fühlt sich durch die Zuschreibung der sozialen Identität in seiner tatsächlichen nicht ausreichend bestätigt und macht dies durch einen Verhaltensbruch kenntlich.

3.2 Der Identitätskonflikt im Polizeidienst

3.2.1 Die Darstellung des Konfliktes

Die Wahrnehmung von Polizeibeamten durch die Gesellschaft fällt sehr unterschiedlich aus und hängt stark von der Einstellung ihnen gegenüber ab. Ein simples Beispiel hierfür ist die einfache Fußstreife einer Streifenbesetzung: Fühle ich mich durch diese belästigt und in meiner Freiheit eingeschränkt, überprüfe ich mich bezüglich Fehlverhaltens und meide den Kontakt, oder stärkt die Präsenz der Beamten mein Sicherheitsgefühl? Medialer Einfluss, politische Einstellung und die eigene Erfahrung mit dem Kontakt zur Polizei sind große Einflussfaktoren hierbei. Die dadurch entstehende Voreinstellung ist sehr wichtig für die individuelle Zuschreibung der sozialen Identität, da je nach dem unterschiedliche Verhaltensmuster erwartet werden.

Bislang wurden drei große Komponenten dargestellt, die nun in einen Kontext gebracht werden müssen: Die tatsächliche Identität der Beamten, die zugeschriebene, soziale Identität[7] und die Voreinstellung der Bürger. Die Voreinstellung der Betroffenen vor der Interaktion mit dem Polizeibeamten beeinflusst die Zuschreibung einer sozialen Rolle. Die Verhaltensweisen der Beteiligten während der polizeilichen Maßnahme werden genutzt, um die jeweilige Identität auszuhandeln. Hier kommt es darauf an, inwieweit der Polizeibeamte die Zuschreibung der sozialen Identität hinnimmt und sich auf diese reduzieren lässt, oder ob er die bereits beschriebenen Verhaltensbrüche nutzt, sich von dieser Rolle zu distanzieren. Natürlich gilt es, dieses Muster nicht nur auf die Identität der Polizeibeamten zu beschränken: Auch der Betroffene hat das Verlangen, in seiner tatsächlichen Identität wahrgenommen, und nicht in seiner Persönlichkeit missverstanden zu werden. Die Zuschreibung einer sozialen Identität des Betroffenen durch den Polizeibeamten kann das Verhalten und die Kooperationsbereitschaft dessen beeinflussen. Nutzt der Beamte des Vollzugsdienstes beispielsweise seine authentische Stellung und die Macht, Grundrechte bei Vorliegen von Ermächtigungsgrundlagen verletzen zu dürfen, um ein Überstellungsverhältnis zu begründen und den Bürger herablassend zu behandeln, kann dies eine große Unzufriedenheit des Betroffenen in Bezug auf die Reduzierung auf eine bestimmte soziale Rolle im Interaktionsprozess führen.

[...]


[1] Goffman, Erving: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag (1959). München 1998, S. 5-34.

[2] Abels, Heinz & Stenger, Horst (1984). Grundkurs Soziologie. Gesellschaft lernen. Drei­fachkurseinheit. Hrsg. von der FernUniversität - Gesamthoch­schule Hagen, Fachbereich Erziehungs-, Sozial- und Geisteswissenschaf­ten.

[3] Vgl. Abels & Stenger 1984, S. 147

[4] Vgl. Abels & Stenger 1984, S. 147

[5] Vgl. Abels & Stenger 1984, S. 147.

[6] Vgl. Abels & Stenger 1984, S. 148.

[7] Vgl. Abels & Stenger 1984, S. 147.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Wahrnehmung sozialer Rollen im Konflikt mit dem Polizeiberuf
Untertitel
Der Mensch in Polizeiuniform
Hochschule
Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen; Köln
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
12
Katalognummer
V370269
ISBN (eBook)
9783668476691
ISBN (Buch)
9783668476707
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethik, Soziale Rollen, Psychologie, Polizei, Uniform, Identität, Soziale Identität, Soziologie, Polizeigewalt
Arbeit zitieren
Christoph Schmitz (Autor), 2014, Wahrnehmung sozialer Rollen im Konflikt mit dem Polizeiberuf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370269

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