Mit Amokläufen, Völkermorden, Terroranschlägen und unverschuldetem Leiden – zusammengefasst das Böse bzw. das Schlechte – ist scheinbar notwendig die Frage des „Warum?“ und „Woher?“ verbunden. Das Problem des malum weckt nicht nur das Interesse von Philosophen und Theologen, sondern beschäftigt alle Menschen, die sich mit der Natur der Dinge auseinandersetzen.
"Das Böse" - schon das Wort an sich stößt ab und zieht an, erschreckt und fasziniert. Kaum ein anderer Begriff kann die Ambivalenzen des menschlichen Daseins mitsamt seinen Abgründen so sehr fassen, kaum einer die menschliche Phantasie derart beschäftigen wie der des "Bösen". Das Gute erscheint demgegenüber eigentümlich blass [...]. (Frey/ Oberhansli-Widmer 2012).
Besonders mit der christlichen Theologie scheint das Böse bzw. das Schlechte unvereinbar zu sein: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe es war sehr gut“ (Gen 1, 31). Thomas von Aquin – christlicher Theologe, Philosoph und Mitglied des Dominikanerordens – beschäftigte sich mit der Frage nach dem Bösen im christlichen Kontext. Sein Werk Summa contra gentiles1 (1261-1274) schrieb er für seine Dominikanerbrüder, die sich der Bekämpfung der Ketzerbewegung und Heidenmission hingaben. Dementsprechend lautet die deutsche Übersetzung des Titels Summe gegen die Heiden, welcher das Ziel seines dreibändigen Werkes bereits antizipiert, nämlich „die Wahrheit, die der katholische Glaube benennt, [...] darzulegen und dabei entgegenstehende Irrtümer auszuschließen.“ (Scg I, 2, S. 7). Die Auseinandersetzung mit dem Begriff des Bösen bzw. des Schlechten hat eine lange Tradition und ist bis heute nicht abgeschlossen. Doch wie lässt sich das malum in einer auf das Gute hingeordneten Welt – wie Aquin sie annimmt – integrieren und ist das Problem der Theodizee ein zu lösendes?
Inhaltsverzeichnis
1. Hinführung
2. Augustinus – Wegbereiter der Privationstheorie
3. Das malum nach Thomas von Aquin
3.1. Das malum ist unbeabsichtigt
3.1.1. Gründe dagegen und ihre Widerlegung
3.2. Das malum als non ens
3.2.1. Gründe dagegen und ihre Widerlegung
3.3. Implikationen
4. Thomas malum und die Theodizee
5. Kritische Betrachtung
6. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit untersucht das thomistische Verständnis des malum, wie es in der Summa contra gentiles III dargelegt wird. Das primäre Ziel ist es, die ontologischen Eigenschaften des Bösen oder Schlechten zu bestimmen, die Argumentationsstruktur von Thomas von Aquin zu analysieren und kritisch zu prüfen, ob seine Theorie eine konsistente Antwort auf das Theodizee-Problem liefern kann.
- Die Privationstheorie des malum bei Thomas von Aquin.
- Die Abgrenzung und der Vergleich zur Privationstheorie des Augustinus.
- Die ontologische Bestimmung des malum als "non ens" und sein Status als unbeabsichtigte Folge.
- Die Vereinbarkeit der Existenz des Bösen mit der Güte und Allmacht Gottes.
- Die Differenzierung zwischen malum physicum und malum morale.
Auszug aus dem Buch
3.1. Das malum ist unbeabsichtigt
Das Fliehen vor dem Schlechten und das Streben nach dem Guten sind im Grunde dasselbe, so wie auch die Bewegung von unten und die Bewegung nach oben im Grunde dasselbe sind. Es zeigt sich aber, daß (sic) alles vor dem Schlechten flieht (Scg III, 3, S. 15).
Dies ist eins der vielen Argumente, die Aquin gebraucht, um im dritten Kapitel des dritten Buches der Summa contra gentiles zu zeigen, dass „alles um eines Guten willen tätig ist“ (Scg III, 3, S. 15). Darüber hinaus verdeutlich diese Textstelle, dass Thomas von Aquin das Böse bzw. das Schlechte nicht negiert. Für die folgende Betrachtung ist wichtig, dass „Thomas [...] hier also den Begriff des Guten als Implikat des Strebensbegriffs ein[führt]“ (Schönberger 2001, S. 121).
Davon ausgehend, dass alles Tätige nach dem Guten strebt und dass dies nicht zufällig ist – wie Aquin darlegt (vgl. Scg III, 3, S. 17) – ergibt sich für den Theologen und Philosophen die logische Schlussfolgerung, „daß (sic) sich das Schlechte in den Dingen ohne Absicht des Tätigen einstellt“ (ebd., 4, S. 17). Diese These begründet er darin, dass das Gute und das malum konträr sind und wenn mit jeder Tätigkeit nicht zufällig das Gute intendiert wird, kann das Böse bzw. das Schlechte nur unbeabsichtigt sein (vgl. ebd.). Dies gilt nicht nur für natürliche Tätigkeiten, sondern auch für willentliche Tätigkeiten, denn für Thomas ist die Absicht bzw. das angestrebte Ziel ausschlaggebend. Wird dieses verfehlt, beispielsweise aufgrund einer falschen Einschätzung, so geschieht dies nicht mit Absicht: „Da nun dem durch den Verstand und dem durch den Naturtrieb Tätigen gemeinsam ist, nach einem Guten zu Streben, geht ein Schlechtes aus der Absicht eines Tätigen unbeabsichtigt hervor“ (ebd., S. 19).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Hinführung: Diese Einleitung führt in die historische und theologische Relevanz der Frage nach dem Bösen ein und erläutert die Zielsetzung sowie das methodische Vorgehen der Arbeit anhand der Summa contra gentiles III.
2. Augustinus – Wegbereiter der Privationstheorie: Das Kapitel beleuchtet den Einfluss Augustinus’ auf Thomas von Aquin, insbesondere wie er den Übergang vom manichäischen Dualismus zur Privationstheorie des Bösen vollzieht.
3. Das malum nach Thomas von Aquin: Dieser Kernabschnitt analysiert die thomistische Lehre, dass das malum unbeabsichtigt ist, keine eigene Substanz besitzt (non ens) und als akzidentelles Phänomen in einer auf das Gute ausgerichteten Welt zu verstehen ist.
3.1. Das malum ist unbeabsichtigt: Hier wird dargelegt, dass alles Streben auf das Gute ausgerichtet ist und das Schlechte lediglich als unbeabsichtigte Folge bei Zielverfehlungen oder natürlichen Vorgängen auftritt.
3.1.1. Gründe dagegen und ihre Widerlegung: Das Kapitel setzt sich kritisch mit Einwänden auseinander, die die Absichtlichkeit des Bösen unterstellen, und widerlegt diese auf Grundlage der thomistischen Begrifflichkeit.
3.2. Das malum als non ens: Es wird untersucht, warum dem malum nach Thomas kein eigenes Wesen zukommt und es somit als privative Beraubung des Seins definiert werden muss.
3.2.1. Gründe dagegen und ihre Widerlegung: Die Gegenargumente zur Wesenslosigkeit des malum, etwa bezüglich moralischer Laster oder aristotelischer Gattungsbegriffe, werden hier entkräftet.
3.3. Implikationen: Dieser Abschnitt zieht die logischen Schlussfolgerungen aus den bisherigen Thesen, insbesondere im Hinblick auf die Kausalität und die Rolle des Guten als Träger des Bösen.
4. Thomas malum und die Theodizee: Hier wird diskutiert, wie sich das Vorkommen des Schlechten mit der Allmacht und Güte Gottes vereinbaren lässt, wobei Gott das malum im Bereich der Natur zulässt und im Bereich der Moral lediglich gestattet.
5. Kritische Betrachtung: Die Arbeit unterzieht Thomas’ Argumentation einer kritischen Würdigung, wobei Inkonsistenzen in der Definition der Potentialität und die Grenzen der Privationstheorie bei der moralischen Sünde aufgezeigt werden.
6. Schlussbemerkung: Die Arbeit resümiert die wesentlichen Erkenntnisse und stellt fest, dass Thomas’ Theorie zwar die ontologische Statusfrage des malum umfassend klärt, aber keine abschließende Lösung für das Theodizee-Problem bietet.
Schlüsselwörter
Thomas von Aquin, Summa contra gentiles, malum, Böses, Privationstheorie, Theodizee, Ontologie, Naturfinalität, bonum, Nicht-Sein, Kausalität, Willenstätigkeit, Gott, Schöpfungslehre, Privation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Thomas von Aquins Verständnis des Bösen (malum) innerhalb seiner Ontologie und sein Bemühen, dieses in ein theologisches Weltbild einzuordnen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Privationstheorie, die Frage nach der Absichtlichkeit des Bösen, die Bestimmung des Bösen als Nicht-Sein (non ens) und die Auseinandersetzung mit dem Theodizee-Problem.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Thomas das malum als unbeabsichtigtes und wesensloses Phänomen in eine auf das Gute ausgerichtete Schöpfung integriert und ob dies seine Theodizee-Argumentation stützt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine textanalytische Untersuchung der Argumentationsstruktur in ausgewählten Kapiteln der Summa contra gentiles III, ergänzt durch eine kritische Rezeption aktueller Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Unabsichtlichkeit des malum, seine ontologische Bestimmung als Privation, die Widerlegung gegenteiliger Thesen sowie die Untersuchung der Theodizee-Frage.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Thomas von Aquin, Privationstheorie, malum, ontologischer Status, Theodizee und Naturfinalität charakterisieren.
Wie unterscheidet Thomas zwischen malum physicum und malum morale?
Während das malum physicum eine Privation natürlicher Ordnung darstellt, verortet Thomas das malum morale in der menschlichen Willenstätigkeit, die dem Ziel der Vernunft widerspricht.
Gilt die Privationstheorie nach Thomas für alle Bereiche der Wirklichkeit?
Die kritische Betrachtung der Arbeit stellt heraus, dass die Privationstheorie bei Thomas an ihre Grenzen stößt, da er das malum morale nicht mehr rein als Privation, sondern als konträres Verhältnis zum sittlichen Guten beschreibt.
Warum schließt Thomas ein höchstes Schlechtes (summum malum) aus?
Ein höchstes Schlechtes würde der thomistischen Lehre widersprechen, dass alles Sein auf Gott zurückzuführen und somit im Kern gut ist; zudem würde es den manichäischen Dualismus stützen, was Thomas explizit ablehnt.
- Quote paper
- Lisa Maria Hoffmann (Author), 2017, Thomas von Aquins Ontologie des "malum". Eine Betrachtung "des Bösen" auf Grundlage der "Summa contra gentiles III", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370273