Die Rezeption literarischer Werke im deutschen Rap


Bachelorarbeit, 2016

43 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Rezeption literarischer Werke im deutschen Rap..
1. Theoretischer Einstieg: Intertextualität und Hip-Hop Kultur.
1.1. Fünf Typen der Transtextualität nach Gérard Genette
1.2. Hypertextuelle Verfahren.
1.2.1. Differenzierung: Transformation und Nachahmung.
1.2.2. Register: Spielerisch, satirisch und ernst..
1.3. Einführung in die Hip-Hop Kultur
2. Rezeptionsbeispiel: hypertextuelles Verfahren in Prezidents Liedtext "Es heißt, dass sie heiß ist".
2.1 Hypotext Kafka - Kontextualisierung des Briefes...
2.2 Hypertext Prezident - Kontextualisierung und hypertextuelles Verfahren..

III. Fazit

IV. Quellenverzeichnis
Primärquellen.
Sekundärquellen.
Internetquellen

V. Abbildungsverzeichnis

VI. Anhang..
Anhang 1: Franz Kafka - Brief an Oskar Pollak (Prag, 8. November 1903).
Anhang 2: Liedtext: Prezident - Es heißt, dass sie heiß ist

I. Einleitung

Irgendwann hat es mich einfach irritiert, dass alle so taten, als wäre ich der erste Rapper, der mal ein Buch gelesen hat und das nicht verheimlicht. Das fand ich doof. » Literaturrapper « klingt ausserdem [sic!] so streberhaft und weckt bei mir Assoziationen zu so komischen Ottos, die den » Erlkönig « vorrappen - das ist immer todespeinlich. Ich hasse sowas. Dann bin ich mit in dieser Ecke und das ist furchtbar. 1

Rap ist im Feuilleton der deutschen Zeitschriften angelangt. Seien es Gangsta-Rapper, welche arabische Worte in der deutschen Sprache etablieren oder gesellschaftskritische Formationen, welche das aktuelle politische Geschehen in anhand ihrer Musik kommentieren. Rap ist im Jahre 2016 populärer, als es jemals zuvor der Fall war. Erstmals wird dem Genre ein Facettenreichtum anerkannt, welches allerdings schon seit Anbeginn der Hip-Hop Kultur existiert. Doch auch wenn mit jedem medialen Aufsehen einige Interpreten ihren Bekanntheitsgrad steigern, bleiben viele Künstler im Verborgenen. Der oben zitierte Künstler Prezident ist der zweiten Künstlergruppe zuzuordnen, auch wenn er sich ideal in aktuelle Feuilleton Artikel fügen könnte. Der "Literaturrapper", wie er des Öfteren von Hip-Hop Magazinen betitelt wird, schreibt nämlich Raptexte, welche sich an literarischen Werken orientieren. Doch wie genau rezipiert Prezident literarische Klassiker in moderner Musik? Die Aufgabe dieser Bachelorarbeit ist es zu illustrieren, wie sich diese scheinbaren Divergenzen fügen können. Dafür wird die Hip-Hop Kultur innerhalb einer literaturwissenschaftlichen Terminologie betrachtet, sodass sich bekannte Konzepte der Intertextualität auch auf die Lyrik der Rapmusik anwenden lassen können. Der leitende theoretische Ansatz dafür stammt von dem Strukturalisten Gérard Genette: Dieser hat in seinem Werk "Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe." eine umfangreiche Differenzierung des Intertextualitätsbegriffs vorgenommen, welche im ersten Teil dieser Arbeit detailliert erläutert wird. Im Anschluss daran knüpft eine Einführung in die Hip-Hop Kultur an, sodass bereits dort ersichtlich wird, wie sehr der Kosmos der Jugendkultur mit transtextuellen Mustern verknüpft ist. Nach diesem theoretischen Einstieg wird im Hauptteil ein Rapsong dem hypertextuellen Verfahren von Genette angenährt. Dort wird die dargestellte Theorie ihren Anwendungsbereich finden. Bei dem Rapsong handelt es sich um "Es heißt, dass sie heiß ist" von Prezident, welcher dort einen an Oskar Pollak adressierten Brief von Franz Kafka verarbeitet hat. Im Anhang dieser Arbeit finden sich sowohl Kafkas Brief als auch Prezidents Songtext. Beide wurden dort mit Zeilenangaben versehen, sodass innerhalb der Arbeit auf diese referiert werden kann.

II. Die Rezeption literarischer Werke im deutschen Rap

1. Theoretischer Einstieg: Intertextualität und Hip-Hop Kultur

1.1. Fünf Typen der Transtextualität nach Gérard Genette

Ein Text kann ohne Komplikationen lediglich für sich existieren. Wird ein Text als ein Text betrachtet, so kann er durchaus als eine isolierte und autarke Einheit aufgefasst werden. In Anbetracht der Literaturgeschichte und -praktik wird jedoch offensichtlich, dass Texte nicht selten im Kontext zu anderen Texten stehen. Diese Beobachtungen sind in der modernen und postmodernen Literaturtheorie fundamental und lassen sich als Text-Text-Beziehungen betiteln2. Eben diese Verbindungen finden sich allgemein unter dem Begriff der "Intertextualität" wieder. Im Hinblick darauf, dass die strukturalistische Typologie von Gérard Genette für diese Arbeit maßgebend ist, wurde die Differenzierung verschiedener Termini zu den Text-Text-Beziehungen von diesem entlehnt. Eine dieser Text-Text-Beziehungen benennt Genette als "Intertextualität", weshalb diese Bezeichnung hier nicht als Oberbegriff fungiert. Stattdessen wird die Transtextualität als leitender Überbegriff gewählt, da diese "über andere Arten transtextueller Beziehungen hinaus"3 geht.

Der Kosmos an Techniken der Text-Text-Beziehungen scheint unermesslich zu sein, wenn man die zahlreichen Bezeichnungen aus "der Rhetorik, der Poetik und der Ästhetik, [und] insbesondere aus der Gattungstheorie" betrachtet: Hier finden sich "Zitat, Anspielung (Allusion), Paralepse, Perilepse, Paraphrase, Periphrase, Cento, Motto, Kontrafaktur, Adaption, Imitation, Bearbeitung, Übersetzung, Parodie, Persiflage, Travestie, Pastiche, Collage, Montage, Fälschung oder Plagiat"4. Das ganze Spektrum agiert im selben Feld. Es handelt sich um verschiedenste Methoden und Gestaltungen, welche ausnahmslos einen neuen Text mit einem bereits vorhandenen verknüpfen. Genette trägt diese Phänomene so zusammen, dass er bei der Transtextualität bzw. bei der "textuellen Transzendenz des Textes" all das einbezieht, "was ihn in eine manifeste oder geheime Beziehung zu anderen Texten bringt"5.

Für die genaue Bestimmung dessen, wann welche Art einer transtextuellen Beziehung vorliegt, wird im Folgenden eine kurze Differenzierung der verschiedenen Termini vorgenommen. Genette geht dabei von fünf verschiedenen Typen transtextueller Beziehungen aus: Intertextualität, Paratextualität, Metatextualität, Architextualität und Hypertextualität. Die verschiedenen Begriffe sollen allerdings nicht bedeuten, dass fünf isolierte Einheiten vorliegen, welche strikt voneinander zu trennen sind, sondern dass sie ganz im Gegenteil viele Überschneidungen aufweisen können und zumeist fließende Übergänge besitzen6.

Entgegen dem allgemeinen Verständnis der Intertextualität, welches Julia Kristeva maßgeblich beeinflusst hat, versteht Genette dies lediglich als den ersten Typus seiner Intertextualitätstheorie, der damit eine enge Definition erhält. Während Kristeva 1969 unter der Intertextualität noch die Gesamtheit der "Einflußbeziehungen zwischen Texten"7 verstanden hat, definiert Genette sie "restriktiver als Beziehung der Kopräsenz zweier oder mehrerer Texte, d.h. [...] als effektive Präsenz eines Textes in einem anderen Text"8. Detaillierter gesprochen meint Genette damit Zitate, Plagiate und Anspielungen. Während ein Zitat vollkommen offensichtlich (durch die Kennzeichnung) in einen anderen Text einfließt , ist ein Plagiat die nicht deklarierte Form dessen, welche sich, ähnlich wie die Anspielung, nur dann erschließt, wenn der geistig entwindete Text bekannt ist. Entscheidend für die Anspielung ist jedoch, dass die ursprüngliche Aussage bzw. dessen Beziehung zum neuen Text bereits vertraut sein muss, damit die Anspielung als solche aufgefasst werden kann.

Den zweiten Typus bildet die Paratextualität: Betroffen sind davon "die im allgemeinen weniger explizite[n] und weniger enge[n] Beziehunge[n], die der eigentliche Text im Rahmen des von einem literarischen Werk gebildeten Ganzen mit dem unterhält, was man wohl seinen Paratext nennen muß [sic!]"9. Konkret handelt es sich dabei um Elemente wie den Titel und den Untertitel, Hinweise an den Lesenden, Vorworte und Nachworte sowie Anmerkungen, Illustrationen oder auch Schleifen. Allgemein subsummiert die Paratextualität also all das, was sich in die Kategorie der "auto- oder allographer Signale, die den Text mit einer (variablen) Umgebung ausstatten und manchmal mit einem offiziellen oder offiziösen Kommentar versehen, dem sich auch der puristischste und äußeren Informationen gegenüber skeptischste Leser nicht so leicht entziehen kann"10, fassen lässt.

Genette stellt mit der Metatextualität den dritten Typus auf. Diese liegt dann vor, wenn ein Text verfasst wird, welcher sich mit einem anderen Text auseinandersetzt, ohne dass eine Zitierung des ersten vorausgesetzt wird. Häufig ist dies eine "»als Kommentar« apostrophierte Beziehung zwischen einem Text und einem anderen"11, das heißt textuelle Relationen, welche beispielsweise bei der Literaturkritik vorzufinden sind. Fundamental ist dabei, dass ein Metatext nicht zwangsläufig im Rahmen einer Rezension existieren muss, sondern auch dann vorliegt, wenn ein fiktionaler Text einen anderen fiktionalen Text kommentiert (beispielsweise Phänomenologie des Geistes und Rameaus Neffe), was Genette als eine "kritische Beziehung par excellence"12 betitelt.

Entgegen der regulären Zahlenfolge definiert Genette als fünften Typus die Architextualität. Damit ist "die Gesamtheit jener allgemeinen und übergreifenden Kategorien - Diskurstypen, Äußerungsmodi, literarische Gattungen usw. -, denen jeder einzelne Text angehört"13, gemeint. Dabei liegt eine nicht übermittelte Beziehung vor, die häufig, aber nicht zwangsläufig, in einer paratextueller Art die taxonomische Zugehörigkeit des Textes suggeriert. Daraus lässt sich schließen, dass die Architextualität ausschließlich struktureller Natur ist. Eben diese Beziehung muss in der Regel deshalb nicht deklariert werden, da sich die Rezipienten des Textes darüber im Klaren sind, welche Gattung ihnen vorliegt. Architextualität zeigt sich, "ohne dass die Beziehung gesagt werden muss"14. Der Text selbst muss also sich nicht selbst definieren, da er seinen Architext bereits implizit vermittelt. Generell ist die Kenntnis über die Gattungszugehörigkeit essentiell, da der Rezipient seine Erwartungen über diese steuert. Die Gradierung der Architextualität kann dabei stark variieren: Manche Texte offenbaren ihren Architext auf eine wesentlich prägnantere, offensichtlichere Art und Weise, als es bei anderen Texten der Fall ist15. Diese architextuelle Klassifizierung ist dabei aus den genannten Gründen nicht gerade unwesentlich, denn ein offensichtlich deklarierter Architext kann eine völlig andere Wirkung haben, als es ein solcher, welcher nicht klar deklariert ist16.

Final wird der vierte Typus erläutert: die Hypertextualität. Unter dieser versteht Genette "jede Beziehung zwischen einem Text B (den ich als Hypertext bezeichne) und einem Text A (den [...] ich als Hypotext bezeichne), wobei Text B Text A auf eine Art und Weise überlagert, die nicht die des Kommentars ist"17. Genette meint damit, dass vielen Texten ein anderer Text zugrunde liegt. Ein Hypertext benötigt einen Hypotext, damit er überhaupt erst entstehen kann. Das vorliegende Verhältnis gestaltet sich so, dass der Hypertext vom vorherigen Hypotext abgeleitet worden ist und damit einige Elemente aufweist, welche auch im Hypotext vorhanden sind; er referiert zwangsläufig auf andere Texte. Im Zentrum der Hypertextualität steht also ebenfalls die Chronologie von Hypotext und Hypertext: Ein Text kann nur dann zum Hypotext werden, wenn er bereits vor dem Hypertext existiert. Dieser Umstand engt die Bezüge ein: "B kann ohne A nicht existieren, A aber sehr wohl ohne B; A beeinflusst die Existenz von B, aber nicht die von A"18. Der Modus der Ableitung kann dabei stark variieren: Es gibt sowohl Hypertexte, welche eine intellektuelle und deskriptive Ableitung besitzen, ähnlich einem Metatext, als auch Hypertexte, welche sich in einen subtilen Bezug zum Hypotext setzen, ohne ihn dabei direkt einzubetten. Damit lässt sich festhalten, dass die Hypertextualität einerseits strukturelle, andererseits aber auch inhaltliche Beziehungen beinhalten. Genette führt daran an, dass es keinen Text gäbe, der nicht an einen anderen erinnere, genauer gesagt bedeutet dies für ihn, dass alle Werke Hypertexte seien, wenn man dieser Konstruktion folge19.

Im Rückblick auf die Anmerkung, dass die fünf Typen textueller Transzendenz nicht als isolierte Einheiten, "die keinerlei Verbindungen oder wechselseitige Überschneidungen aufweisen"20, zu betrachten sind, wird offensichtlich, dass Genette mit seiner Differenzierung keine Klassen bestimmen möchte, sondern besondere Aspekte bzw. Funktionen der Textualität herausgearbeitet hat: "Die verschiedenen Formen der Transtextualität sind zugleich Aspekte jeder Textualität und, potentiell und in verschieden großem Ausmaß, von Textklassen"21. Konkret meint Genette damit, dass jeder Text zitiert werden könne und somit selbst zum Zitat werde, das Zitat als solches aber eine "wohldefinierte literarische Praxis"22 darstelle, die stets über die reguläre Ausführung hinaus gehe und generelle Merkmale aufweise. Ähnlich gestalte sich dies mit paratextuellen Funktionen: Eine Äußerung könne eine solche erhalten, wobei ein Vorwort oder der Titel allerdings immer Gattungen seien. Die Literaturkritik, welche Genette hier exemplarisch für den Metatext benennt, sei "selbstverständlich eine Gattung"23. Einzig und allein der Architext bilde laut Genette keine Klasse, da er "die (literarische) Klasseität selbst"24 sei.

1.2. Hypertextuelle Verfahren

1.2.1. Differenzierung: Transformation und Nachahmung

Die Transformation und die Nachahmung bilden die Leitdifferenz der hypertextuellen Verfahren. Sie unterscheiden dabei nicht das Register des Hypertextes, sondern seine Beziehung zum Hypotext.

Die Transformation bezeichnet die Art der Ableitung, in welche der Hypertext zwar nicht direkt den Hypotext referiert, aber dennoch nicht ohne den Hypotext existieren kann, da er sich erkennbar auf ihn bezieht, ohne dass ein eindeutiger Referenzpunkt im Sinne eines Zitates oder ähnlichem ausgemacht werden kann25. Die Transformation stellt kein komplexes hypertextuelles Verfahren dar, sondern agiert vielmehr auf einer einfacheren Ebene: So werden bestimmte Elemente des Hypotextes adaptiert und dabei um weitere Aspekte ergänzt. Im Hinblick auf Romane ist es beispielsweise denkbar, dass zwar die Handlungsschemata und die Figurenkonstellation vom Hypotext übernommen wird, für den Hypertext jedoch ein neuer Schauplatz gewählt wird. Genette selbst betitelt die Transformation als die "einfache oder direkte"26 Art der Hypertextualität, für die bereits "ein einfacher und mechanischer Eingriff ausreichen"27 kann. Zur Verdeutlichung dieses Sachverhaltes reduziert Genette beispielhaft die Komplexität mit Hilfe eines Sprichtwortes: Ändert man "Die Zeit ist ein großer Meister" zu "Die Zeit ist ein großer Magerer" erhält das Sprichwort eine völlig neue Bedeutung, knüpft jedoch nach wie vor an den eigentlichen Text an28.

Wesentlich komplizierter gestaltet sich das hypertextuelle Verfahren der Nachahmung, welches weit über eine simple Modifikation hinausgeht. Dabei ist der Begriff Nachahmung keineswegs negativ konnotiert, sondern soll lediglich repräsentieren, dass ein Konzept auf höherer Ebene adaptiert wird. Das hypertextuelle Verfahren der Nachahmung übernimmt beispielsweise den "formalen und thematischen Gattungstypus"29, ohne dass dabei die Rahmenstruktur des Hypotextes übernommen wird. Vielmehr erfasst die Nachahmung die Essenz des Hypotextes und überträgt diese in ein völlig neues Feld. Im Umkehrschluss zur "einfachen und direkten"30 Transformation stellt die Nachahmung also die "komplexe und indirekte"31 Transformation dar, womit klar wird, dass es sich bei der Nachahmung auch um eine Transformation handelt. Zur Vollziehung der Nachahmung ist es notwendig, dass im Hypotext die fundamentalen Eigenschaften entnommen werden, damit diese im Hypertext korrekt reproduziert werden können. Dafür ist "zunächst die Erstellung eines Modells der Gattungskompetenz"32 erforderlich, welches als Akteur zwischen Hypotext und Hypertext fungiert. Zur Verdeutlichung der Nachahmung reduziert Genette die Komplexität auch hier beispielhaft durch das vorherige Sprichwort: Betrachtet man die Redewendung "Die Zeit ist ein großer Meister" genauer, so lässt sich schnell der metaphorische Kern33 dessen erfassen. Während die Transformation ohne die Essenz des Sprichworts auskommt, stellt sie das Fundament der Nachahmung dar. In diesem Fall ist die "typische Manier"34 der Umstand, dass nichts ohne die entsprechende Zeit entstehen könne, woraus sich entsprechend ein weiteres Sprichwort bilden lässt: "Paris ist nicht an einem Tag erbaut worden". Es wurde also der Hypotext in seinem Inhalt erfasst, welcher für den Hypertext in einer neuen Form übermittelt worden ist.

1.2.2. Register: Spielerisch, satirisch und ernst

Nach einer groben Gliederung der hypertextuellen Verfahren lassen sich bereits die Beziehungen zwischen Hypotext und Hypertext weitestgehend klassifizieren. Die Differenzierung zwischen Transformation und Nachahmung zeigt bereits auf, wie der Hypotext zum Hypertext geformt wird, jedoch lassen sie noch keine Schlüsse darauf ziehen, auf welche Art und Weise der Hypertext gestaltet wird. Damit eine bessere Einordnung stattfinden kann, erweitert Genette das Modell um die drei Register "spielerisch", "satirisch" und "ernst". Explizit lässt sich nun definieren, wie welche Beziehung in welchem Register idealtypisch gestaltet ist. Betonenswert ist dabei, dass Genette Idealtypen geformt hat, welche in sehr wenigen Fällen in diesen klaren Ausprägungen vorzufinden sind. Ebenso wie bei den transtextuellen Klassen verlaufen auch in dieser Typologie die Grenzen fließend35. Darüber hinaus existieren zahlreiche Subformen zu den einzelnen Typen, welche an dieser Stelle jedoch nicht im Detail erläutert werden sollen.

Die spielerische Transformation betitelt Genette als eine Parodie. Eine Definition der Parodie ist weitaus komplexer, als sie zunächst wirkt. Der Begriff der Parodie hat in der Geschichte der Literaturwissenschaft bereits eine große Tradition und muss daher für Genettes Zwecke von ihrer extensiven Bedeutung abgrenzt und zugespitzt werden. Die Etymologie des Terminus zeigt den historischen Sinn der Parodie: Die Zusammensetzung aus "para" (neben) und "ô d è" (Gesang) lässt sich zum "Daneben- Singen" zusammenführen, was sich dementsprechend als "einen Gesang in einer anderen Stimme"36 interpretieren lässt. Genau diesen Sachverhalt determiniert Genette als die Minimalparodie. Sie sei die "strengste Form der Parodie"37 und zeichne sich dadurch aus, dass eine wortwörtliche Wiederholung des eigentlichen Textes gegeben sei, diese aber durch die Intonation oder die Einbringung in einen fremden Kontext eine gänzlich neue Bedeutung erhalten könne. So kann ein Zitat des Textes A in den Text B eingebracht werden und dort eine völlig entzweite Wirkung entfachen, welche im Kontext von Text A nicht gegeben ist. Laut Genette geht die Minimalparodie oder auch die Parodie an sich aus der minimalen semantischen Transformation eines Textes hervor, woraus sich schlussfolgern lässt, dass die Anwendung im Hypertext lediglich punktuell ausfällt, da eine Parodie immer der eigentlichen Textdiktion folgt. Dies legt auch die Praxis der Parodie dar: Sie wird "in diesem engen Sinn meist nur auf kurze Texte [...] angewandt"38 und bietet damit in der Regel einen geringen Umfang und wird daher nicht als eine eigene Gattung, sondern als eine rhetorische Figur verstanden39. Die Parodie in Genettes Sinne ist demnach eine fast identische Wiederholung des Hypotextes, welcher in ein anderes, zumeist modernes oder aktuelles, Thema versetzt wird. Der Stil im Hypertext bleibt wie im Hypotext.

Die spielerische Nachahmung hält Genette als Pastiche fest. Sie lässt sich als eine Abwandlung der Parodie verstehen, welche auf "einer stilistischen Nachahmung, die auf Kritik [...] oder Verspottung abzielt"40, basiert. Die Ausprägung dessen kann sowohl explizit als auch implizit erfolgen, ist in der geläufigen Praktik jedoch häufiger implizit. Dies hat zur Folge, dass der Rezipient selbst "vom karkaturistischen Aspekt der Nachahmung auf die spöttische Absicht"41 schließen muss, damit der Hypertext als ein Pastiche erfasst werden kann. Dies führt zugleich unweigerlich zu einem enormen Spannungsfeld: Wirkt das Pastiche selbst nicht lächerlich oder komisch auf den Rezipienten, kann es nicht als ein solches aufgefasst werden. Zwar betont Genette, dass dies äußerst selten vorkäme, jedoch existierten durchaus Pasticheuere, die sicherheitshalber darauf hinwiesen, dass es sich bei dem entsprechenden Hypertext um ein Pastiche handele. Geschieht dies, so spricht man von einem Pastichevertrag, welcher im gegebenen Fall durch den Paratext definiert wird42. Die "wesentliche Funktion ist [also] die der bloßen Zerstreuung"43 auf spielerischer Ebene. Eine denkbare Realisierung dessen kann so determiniert sein, dass Figuren eines späteren Werkes, also Figuren eines Hypertextes, die Sprache und die Wortwahl von Figuren eines früheren Werkes, also die eines Hypotextes, sprechen. Dies kann innerhalb des Pastiches darin übergehen, dass einzelne Dialoge wie ganze Zitate aus einem anderen Werk wirken. Entscheidend für das Pastiche ist dabei, dass solche Ausartungen "nur in den seltensten Fällen neutral bleiben"44, zugleich wird aber auch "auf jede negative zusätzliche Aussage"45, im Sinne eines begleitenden Metatextes verzichtet. Die Ausprägung dessen balanciert zwischen "Verspottung und bewundernder Anlehnung"46, sodass oftmals eine Vermengung zu einem mehrdeutigen Register.

[...]


1 Wörner, Lisa (2015): Prezident. »Ich habe einfach die bessere Wortwahl.«. In: allgood. Abrufbar unter: http://allgood.de/features/interviews/ich-habe-einfach-eine-bessere-wortwahl/ (zuletzt am 05.09.2016)

2 vgl. Berndt, Frauke; Tonger-Erk, Lily (2013): Intertextualität. Eine Einführung. Berlin: Erich Schmidt Verlag, S. 7

3 Genette, Gérard (1993): Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Aus dem Französischen von Wolfram Bayer und Dieter Hornig. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 9

4 Berndt/Tonger-Erk 2013, S. 7

5 Genette 1993, S. 9

6 vgl. Genette 1993, S. 18

7 Suchsland, Inge (1993): Julia Kristeva zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag, S. 82

8 Genette 1993, S. 10

9 Ebd., S. 11, Hervorhebung vom Autor

10 Genette 1993, S. 11f

11 Ebd., S. 13

12 Ebd., S. 13

13 Ebd., S. 9

14 Berndt/Tonger-Erk 2013, S. 124

15 vgl. Genette 1993, S. 19

16 vgl. Genette 1993, S. 14

17 Ebd. 1993, S. 14f

18 Berndt/Tonger-Erk 2013, S. 120

19 vgl. Genette 1993, S. 20

20 Ebd. 1993, S. 18

21 Genette 1993, S. 19

22 Ebd., S. 19

23 Ebd., S. 19

24 Ebd. S. 19

25 vgl. Ebd., S. 15

26 Ebd., S. 15

27 Ebd., S. 16

28 vgl. Genette 1993, S. 17

29 Ebd., S. 16

30 Ebd., S. 15

31 Ebd., S. 16

32 Ebd., S. 16

33 vgl. Ebd., S. 16f

34 Ebd., S. 17

35 vgl. Genette 1993, S. 45

36 Ebd., S. 21

37 Ebd., S. 29

38 Ebd., S. 30f

39 vgl. Genette 1993, S. 31

40 Ebd., S. 33

41 Ebd., S. 33

42 vgl. Ebd., S. 114

43 Ebd., S. 113

44 Ebd., S. 131

45 Ebd., S. 118

46 Ebd., S. 131

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Die Rezeption literarischer Werke im deutschen Rap
Hochschule
Universität Siegen
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
43
Katalognummer
V370304
ISBN (eBook)
9783668481862
ISBN (Buch)
9783668481879
Dateigröße
801 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rezeption, werke
Arbeit zitieren
Jens Paepke (Autor:in), 2016, Die Rezeption literarischer Werke im deutschen Rap, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370304

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