Der Einfluss somatischer Marker auf die Entscheidungsfindung


Masterarbeit, 2015
59 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis … IV

Abstract … V

1 Einleitung … 1

2 Grundlagen der Entscheidungstheorie … 4

3 Aufbau und Funktion des Gehirns - ein Überblick … 9

4 Theoretische Grundlagen und ausgewählte Ansätze der Emotionspsychologie … 13
4.1 Grundbegriffe … 13
4.2 Die JAMES/LANGE-Theorie … 15
4.3 Die CANNON/BARD-Theorie … 19
4.4 Die Zwei-Faktoren-Theorie nach SCHACHTER/SINGER … 21

5 Die Theorie der somatischen Marker … 26
5.1 Emotionen und Gefühle … 26
5.2 Historische Fälle - Phineas Gage und Elliot … 28
5.3 Somatische Marker und Entscheidungsfindung … 29
5.4 Die Iowa-Gambling-Task … 33

6 Kritische Würdigung … 36

7 Rationalitätssicherung und somatische Marker … 39

8 Fazit … 42

Literaturverzeichnis … 45

1 Einleitung

"Sei es die Angst vor Abrutschen der Aktienkurse, der Ärger über die jüngste Erhöhung der Gaspreise, die Trauer angesichts der im Spendenaufruf erwähnten Erdbebenopfer, oder das Bedauern nach dem Kauf oder Nicht-Kauf eines Produktes – ökonomische Entscheidungssituationen sind häufig mit Emotionen verbunden." [1]

Jeden Tag treffen Menschen[2] Entscheidungen. Einige davon sind bedeutender für den Rest des Lebens, wie z.B. der Kauf eines Hauses oder der Arbeitgeberwechsel, als Andere. Das Modellieren und Lösen von Entscheidungsproblemen ist ein zentrales Thema verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen. Die Entscheidungstheorie, als interdisziplinäres Forschungsfeld, befasst sich in systematischer Weise mit dem Entscheidungsverhalten von Individuen und Gruppen. [3] Die Theorie der somatischen Marker (auch Somatic Marker Hypothesis genannt und daher im Folgenden abgekürzt: SMH), von Antonio DAMASIO, ein portugiesischer Neurowissenschaftler, behauptet, dass Emotionen und Gefühle einen direkten Einfluss auf Entscheidungen haben. Da sie das menschliche Entscheidungsverhalten, die zugehörigen biologisch-neurologischen Prozesse und die dabei zum Tragen kommende Rolle von Emotionen und Gefühlen untersucht, lässt sie sich in den Bereich der Neuroökonomie einordnen. Die Neuroökonomie, die ihre Wurzeln in den Neurowissenschaften, der experimentellen Ökonomie und der Konsumentenverhaltensforschung hat, beschreibt und erklärt menschliches Verhalten in ökonomischen Entscheidungssituationen mit methodischer Unterstützung der Neurowissenschaften. Die Ansätze auf dem Gebiet der Neuroökonomik zeigen, wie kognitive und emotionale Verhaltenskomponenten miteinander zusammenhängen.[4]

In klassischen ökonomischen Modellen spielten Emotionen und Gefühle keine tragenden Rollen. Erst mit der Disappointment- und Regret-Theorie wurden sie indirekt berücksichtigt. Es wird meist angenommen, dass Entscheidungen nicht rational getroffen werden, sondern unter direkter oder indirekter Mitwirkung von Emotionen beeinflusst werden. Dies ist der Ausgangspunkt der Problemstellung dieser Arbeit. Das Argument impliziert, dass Emotionen eine Art Störgröße sind, die die rationale Entscheidung in eine bestimmte Richtung lenkt.[5] DAMASIO behauptet, dass rationale Entscheidungen ohne Emotionen und Gefühle gar nicht möglich sind. Er stützt seine Theorie auf zahlreiche Untersuchungen mit Patientengruppen, die an bestimmten Hirnregionen, welche für die Verarbeitung von Emotionen zuständig sind, Schädigungen aufwiesen. Sie waren nicht mehr in der Lage, für sie vorteilhafte Entscheidungen zu treffen, da ihre somatischen Marker nicht mehr richtig funktionierten. Eine Zielsetzung dieser Arbeit ist, die SMH und deren Funktionsweise darzustellen und ihren Einfluss auf die Entscheidungsfindung kritisch zu hinterfragen. Ein weiteres Ziel dieser Arbeit ist es, die emotionstheoretischen Grundlagen zusammenhängend und kompakt aufzubereiten. Als letztes Ziel wird ein Bezug zum Controlling aufgezeigt, indem auf den Rationalitätssicherungsansatz nach WEBER/SCHÄFFER eingegangen wird.

Zunächst wird die Entscheidungsfindung als Situation und als Prozess näher betrachtet und ihre einzelnen Phasen vorgestellt. Im zweiten Kapitel wird der Begriff der Rationalität näher beschrieben. Danach erfolgt im dritten Kapitel ein Überblick über das menschliche Nervensystem und den Aufbau des Gehirns. Dieses Grundlagenwissen wird benötigt, um die neuroanatomische Argumentation der SMH zu verstehen. Im vierten Kapitel werden drei Emotionstheorien vorgestellt: die JAMES/LANGE-Theorie ist die grundlegende Emotionstheorie dieser Arbeit. Sie ist insofern wichtig, da sie die Grundlage für weitere Emotionstheorien ist und die SMH von DAMASIO als eine daran angelehnte Theorie gesehen werden kann. Im Anschluss daran wird die CANNON/BARD-Theorie vorgestellt, welche einen gegensätzlichen Ansatz zur Entstehung von Emotionen vorschlägt. Als letzte Emotionstheorie wird die Zwei-Faktoren-Theorie nach SCHACHTER/SINGER vorgestellt. Sie nimmt die Grundidee der JAMES/LANGE-Theorie wieder auf und erweitert sie. Im fünften Kapitel wird die SMH von DAMASIO ausführlich erläutert. Dafür werden zuerst die zentralen Begriffe Emotion und Gefühl, sowie deren Entstehung untersucht. Danach erfolgt eine übersichtliche Darstellung zweier berühmter Krankenfälle, welche Schädigungen an bestimmten Hirnregionen aufwiesen. Als Folge dieser und zahlreicher anderer Patienten entwickelte DAMASIO die SMH. Danach werden die Funktionsweise von somatischen Markern und ihr Einfluss auf die Entscheidungsfindung untersucht. Um die SMH empirisch zu bestätigen, wurde eine eigens dafür entwickelte Aufgabe, die Iowa-Gambling-Task (im Folgenden abgekürzt: IGT) durchgeführt. Da die Forscher um DAMASIO auf Basis der IGT die SMH als bestätigt ansehen, wird dieser Test näher untersucht. Im sechsten Kapitel erfolgt eine kritische Würdigung der SMH. Das siebte Kapitel widmet sich dem Rationalitätssicherungsansatz nach WEBER/SCHÄFFER, als Konzept des Controllings. Es wird gezeigt, inwiefern somatische Marker in diesem Ansatz eine Rolle spielen und welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. Eine Zusammenfassung rundet diese Arbeit ab.

2 Grundlagen der Entscheidungstheorie

Wie bereits in der Einleitung beschrieben wurde, ist die Entscheidungstheorie ein interdisziplinäres Forschungsfeld. Die Entscheidungstheorie untersucht mit verschiedenen Forschungsansätzen die Probleme, die bei der Entscheidungsfindung auftreten. Im normalen Sprachgebrauch liegt eine Entscheidung vor, wenn ein Problem von besonderer Bedeutung ist. Im Gegensatz dazu, verwendet die Entscheidungstheorie den Begriff der Entscheidung sehr allgemein und bezeichnet damit eine Situation, bei der eine Handlung aus mehreren möglichen Alternativen vollzogen wird. Sie kann somit von großer, aber auch geringer Bedeutung sein. Unter einer Entscheidung wird auch ein Prozess verstanden, der aus verschiedenen Teilschritten besteht. [6]

Eine Entscheidungssituation besteht grundsätzlich aus dem Entscheidungsfeld und der Entscheidungsregel. Das Entscheidungsfeld setzt sich aus drei Elementen zusammen. Diese sind: Alternativen (auch: Optionen), Umweltzustände und Ereignisse (auch: Ergebnisse). Der Entscheider kann zwischen verschiedenen Alternativen wählen. Den Status-quo aufrechtzuerhalten, kann ebenfalls eine Alternative darstellen. Dies können z.B. Handlungen, Objekte, Pläne oder Strategien sein. Sie erhalten ihren Wert für den Entscheider über die Ereignisse, die durch sie herbeigeführt werden. Ob die Wahl einer Option zu einem bestimmten Ergebnis führt, hängt von den Umweltzuständen ab. Umweltzustände können nicht unmittelbar vom Entscheider beeinflusst werden. Die Entscheidungsregel legt fest, wie im Rahmen des Entscheidungsproblems die beste Alternative ausgewählt wird. Entscheidungen, deren Ereignisse mit einer nicht bestimmbaren Wahrscheinlichkeit eintreffen, werden als Entscheidungen unter Unsicherheit bezeichnet. Sind sie stattdessen bekannt, wird von einer Entscheidung unter Sicherheit gesprochen. Bei Entscheidungen unter Risiko können den Ereignissen konkrete Wahrscheinlichkeiten zugeordnet werden. Ferner gibt es die Möglichkeit, dass die Wahrscheinlichkeiten der Ereignisse nicht bekannt sind. In solchen Situationen wird unter Unwissenheit entschieden. [7]

Die Entscheidungsfindung kann ebenso als Prozess (siehe Abbildung 1), der sich in einzelne Phasen gliedert, dargestellt werden. In der präselektionalen Phase werden Handlungsoptionen generiert und nach entscheidungsrelevanten Informationen gesucht. In der selektionalen Phase werden die Ereignisse bewertet und anschließend eine Entscheidung getroffen. Die Handlungsalternativen sind endlich und überschaubar. Die Ereignisse werden explizit genannt und unterscheiden sich in ihren Werten. Nach der eigentlichen Entscheidung beginnt die postselektionale Phase, in der die eingetroffenen Konsequenzen mit den Erwartungen abgeglichen werden. Aus den Rückmeldungen der Umwelt wird Wissen erworben, welches bei einer neuen Entscheidungssituation genutzt werden kann. Die Konsequenzen früherer Entscheidungen erweitern somit den Erfahrungsschatz für zukünftige Entscheidungen.[8]

[Abbildungen werden in dieser Leseprobe nicht angezeigt]

Abbildung 1: Rahmenmodell für den Entscheidungsprozess

Quelle: in Anlehnung an Betsch et al. (2011), S. 75.

Die Entscheidungstheorie, welche in die Teilgebiete der normativen und deskriptiven Entscheidungstheorie gegliedert werden kann, liefert verschiedene Forschungsansätze zur Entscheidungsfindung. Die normative Entscheidungstheorie, auch präskriptive Entscheidungstheorie genannt, gibt Verhaltensempfehlungen, um sich dem Ideal normativ rationaler Akteure anzunähern. Sie versucht nicht die Realität zu beschreiben. [9]

In der normativen Entscheidungstheorie wird von einem streng rationalen Entscheider ausgegangen, der auch als Homo oeconomicus bezeichnet wird. Dieser dient dazu, ökonomische Zusammenhänge auf einer aggregierten Ebene zu betrachten. Der Homo oeconomicus strebt nach Maximierung seines eigenen Nutzens, verfügt über vollkommene Informationen bezüglich aller relevanten Aspekte und entscheidet nach streng logischen und rationalen Gesichtspunkten. Emotionales Verhalten wird in diesem Modell nicht näher betrachtet.[10] Das bedeutendste Konzept in diesem Teil der Entscheidungstheorie ist die Erwartungsnutzentheorie von VON NEUMANN/MORGENSTERN [11]. Sie wird vorwiegend für die Analyse, Erklärung und Vorhersage der Ergebnisse der selektionalen Phase genutzt. VON NEUMANN/MORGENSTERN schlugen ein System von Axiomen vor, mit dem das Bernoulli-Prinzip in normativen Entscheidungssituationen erfolgreich angewendet werden kann. Das Bernoulli-Prinzip löst das Problem des St.-Petersburger-Spiels, einem Glücksspiel mit einem unendlichen Erwartungswert. Dieser würde dazu führen, dass der Preis, der für die Teilnahme an der Lotterie zu zahlen ist, ebenfalls unendlich wäre. BERNOULLI löste dieses Problem, in dem er die Nutzenfunktion einführte. [12]

Eine eindeutige Definition von Rationalität ist nur schwer zu geben, da es absolute Rationalität nicht gibt. [13] Je nach Wissenschaftsdisziplin gibt es unterschiedliche Auffassungen. Während der Begriff innerhalb der Wirtschaftswissenschaften enger gefasst wird, herrscht in der Psychologie ein umfassenderes Verständnis von Rationalität. Innerhalb der Wirtschaftswissenschaften ist der Erfolg oder Misserfolg einer Entscheidung jedoch kein sinnvolles Kriterium dafür, ob eine Entscheidung rational ist. Wie bereits zuvor beschrieben, haben externe Umweltzustände, die vom Entscheider nicht verändert werden können, einen Einfluss auf das Ergebnis. EISENFÜHR ET AL führen zwei Anforderungen ein, an denen Entscheidungsprozesse ausgerichtet sollten. Unter dem Begriff der prozeduralen Rationalität wird der Prozess der Entscheidungsfindung verstanden. Dieser besagt, dass der Entscheider sich vorab überlegen muss, wie seine Ziele und Präferenzen aussehen und welches Problem gelöst wird. Die für die Bildung von Erwartungen relevanten Wahrscheinlichkeiten sollten auf objektiven Daten beruhen und nur so viel Aufwand in die Informationsbeschaffung investiert werden, wie es der Bedeutung der Entscheidung angemessen ist. Vereinfachungen sind somit unverzichtbar. Diese können jedoch zu signifikanten Verzerrungen führen. Die zweite Anforderung ist die Konsistenz der Prämissen, die für die Entscheidungsfindung herangezogen wird. Eine Entscheidung, die auf widersprüchlichen Anforderungen basiert, kann als weniger rational bezeichnet werden.[14]

Demgegenüber steht die deskriptive Entscheidungstheorie. Sie untersucht empirisch die Frage, wie Entscheidungen in der Realität getroffen werden. [15] An dieser Stelle lassen sich die Erkenntnisse aus dem Zweig derBehavioral Economics (auch: Verhaltensökonomik) und der Neuroökonomie einordnen. Die Verhaltensökonomik ist im Gegensatz zum Modell des Homo oeconomicus kein in sich abgeschlossenes Theoriegebäude, sondern eine Ansammlung von Forschungsergebnissen. Es wurden Abweichungen von der Annahme der Rationalität und der Eigennutzorientierung des Homo oeconomicus festgestellt, die sich zudem als unrealistisch erwiesen haben. [16] Individuen schätzen Wahrscheinlichkeiten systematisch falsch ein. Bei Entscheidungen unter Unsicherheit werden zum Teil Heuristiken benutzt, um zu einer Entscheidung zu gelangen. Heuristiken sind vereinfachte Lösungsstrategien, um eine schnelle Lösung eines Problems herbeizuführen. Diese können jedoch zu signifikanten Verzerrungen in der Entscheidungsfindung führen. [17] Ein bekanntes Beispiel für eine solche Verzerrung ist der Ankereffekt. Ein Anker ist eine vorausgeschickte Information, die unbewusst als Ausgangspunkt im Entscheidungsprozess dient. Obwohl sie für die Entscheidung nicht relevant ist, beeinflusst sie dennoch die Entscheidungsfindung.[18] Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: im Rahmen einer Studie wurde 60 Experten (Autohändler oder Mechaniker) bezüglich des Wertes eines 10 Jahre alten Autos befragt. Die Ankerinformation in ihrer Frage lag für die Gruppe A bei 2 800 DM und für die Gruppe B bei 5 000 DM. Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass die Gruppe B einen signifikant höheren Wert für das Auto geschätzt haben, als die andere Gruppe. [19] Eine weitere Verzerrung ist der Framing-Effekt. Dieser besagt, dass unterschiedliche Formulierungen bei gleichem Informationsgehalt das Entscheidungsverhalten beeinflussen.[20] Die bekannteste Theorie, die in die deskriptive Entscheidungstheorie einzuordnen ist, ist die kumulative Prospekt-Theorie von TVERSKY/KAHNEMAN[21]. Sie ist in der Lage eine Vielzahl von real beobachtbaren Entscheidungssituationen zu beschreiben und zu erklären. [22] Emotionen spielen in ihr jedoch keine direkte Rolle. [23] Emotionen und Gefühle werden sowohl in den Disappointment-Theorien[24], als auch in der Regret-Theorie[25] indirekt berücksichtigt. [26] Die Theorie der somatischen Marker von DAMASIO, welche sich in den Bereich der Neuroökonomie einordnen lässt, behauptet, dass Gefühle einen direkten Einfluss auf Entscheidungen haben. Sie untersucht das menschliche Entscheidungsverhalten, die zugehörigen biologisch-neurologischen Prozesse und die dabei zum Tragen kommende Rolle von Emotionen und Gefühlen.

Mit Hilfe neuroökonomischer Methoden können Vorgänge im Gehirn beobachtet werden. Bei den bildgebenden Verfahren wird die Gehirnaktivität von Menschen untersucht, die verschiedene Aufgaben durchführen sollen. Die derzeit bevorzugte Methode ist die funktionelle Kernspintomographie, welche den Blutfluss im Gehirn misst. In der traditionellen Hirnforschung wird zudem das Verhalten von Personen mit Hirnschäden mit dem Verhalten von gesunden Personen verglichen. Bei psychophysischen Messmethoden werden Körperfunktionen wie Blutdruck, Hautwiderstand oder Verengung der Pupillen gemessen, um Rückschlüsse auf den Zustand der Patienten zu ziehen. Bei neuropsychologischen Methoden werden Patienten daraufhin untersucht, wie gut sie bestimmte Aufgaben lösen können. Dies lässt Rückschlüsse auf die Konzentrationsfähigkeit, Intelligenz, Problemlösungsfähigkeit oder das Gedächtnis zu.[27]

Um für den weiteren Verlauf dieser Arbeit ein grundlegendes Verständnis für die neurowissenschaftlichen Zusammenhänge zu schaffen, werden im kommenden Kapitel verschiedene Bereiche des Gehirns und ihre Funktionsweisen vorgestellt, die im Laufe dieser Arbeit eine wichtige Rolle einnehmen werden.

3 Aufbau und Funktion des Gehirns - ein Überblick

Im Laufe des Lebens werden unzählige Informationen von der Umwelt und aus dem Inneren des Körpers aufgenommen, Entscheidungen getroffen und die Informationen wieder zurück an den Körper gesendet. All dies wird erst durch das Nervensystem möglich. Das Nervensystem gliedert sich in das periphere Nervensystem und das zentrale Nervensystem (siehe Abbildung 2). Das periphere Nervensystem sammelt Informationen und leitet die Entscheidungen des zentralen Nervensystems über Rezeptoren weiter.[28] Es besteht aus zwei Teilsystemen: dem somatischen Nervensystem und dem vegetativen Nervensystem. Während das somatische Nervensystem die Skelettmuskulatur kontrolliert, ist das vegetative Nervensystem für die Muskeltätigkeit der inneren Organe (Viszera), wie z.B. Herzschlag und Verdauung verantwortlich. Da es die meiste Zeit eigenständig arbeitet, wird es auch als autonomes Nervensystem bezeichnet. Das vegetative Nervensystem besteht aus dem sympathischen und dem parasympathischen Nervensystem. [29] Das sympathische Nervensystem versetzt den Organismus bei Gefahr- bzw. Stresssituationen oder Herausforderungen in Erregung und verbraucht dabei Energie, um die Aufmerksamkeit hoch zu halten. Lässt der Stress nach, ruft das parasympathische Nervensystem die umgekehrten Effekte hervor. [30] Die Verarbeitung von Informationen, die aus der Umwelt oder vom Körper wahrgenommen werden, übernimmt das zentrale Nervensystem. Dieses gliedert sich in Gehirn und Rückenmark. Informationen, die zum Gehirn und Rückenmark laufen, funktionieren über afferente Nervenimpulse. Informationen, die vom Gehirn und Rückenmark weg in den restlichen Organismus fließen, funktionieren über efferente Nervenimpulse. Das Rückenmark fungiert als eine Verbindungslinie zwischen peripherem Nervensystem und dem Gehirn, auf dem Informationen hin und her fließen.[31]

[Abbildungen werden in dieser Leseprobe nicht angezeigt]

Abbildung 2: Funktionelle Aufteilung des menschlichen Nervensystems

Quelle: in Anlehnung an Myers (2014), S. 59.

Das menschliche Gehirn besteht aus sechs Teilen: das verlängerte Mark, die Brücke, das Kleinhirn, das Mittelhirn, das Zwischenhirn und das Großhirn. Das verlängerte Mark, die Brücke und das Mittelhirn werden zum Hirnstamm zusammengefasst. Weiterhin ist das Gehirn in zwei Hälften, genannt Hirnhemisphären, geteilt. Der Hirnstamm ist der älteste Teil des Gehirns und beginnt dort, wo das Rückenmark in den Schädel eintritt und dicker wird, wie in Abbildung 3 zu sehen ist. Der Hirnstamm ist für die automatische Aufrechterhaltung lebensnotwendiger Funktionen zuständig. Über dem Hirnstamm sitzt der Thalamus, der als eine Art Knotenpunkt fungiert. Am hinteren Teil des Hirnstamms liegt das Kleinhirn (Cerebellum), was für die Verarbeitung der sensorischen Signale, sowie für die Koordination zwischen motorischen Reaktionen und dem Gleichgewichtssinn zuständig ist. Der Hirnstamm, der Thalamus und das Kleinhirn gehören zu den älteren Hirnstrukturen. Ihre Funktionen laufen unbewusst ab. [32]

[Abbildungen werden in dieser Leseprobe nicht angezeigt]

Abbildung 3: Medianansicht des menschlichen Gehirns

Quelle: in Anlehnung an Roth (2008), S. 44.

Die Großhirnrinde (Kortex bzw. Neokortex) besteht aus vier Lappen: Stirnlappen (Frontallappen), Scheitellappen (Parietallappen), Schläfenlappen (Temporallappen) und Hinterhauptslappen (Okzipitallappen). Während kortikal in diesem Zusammenhang die gesamte Großhirnrinde meint, bezeichnet subkortikal Regionen unterhalb der Hirnrinde. Der Hinterhauptslappen ist u.a. für die Verarbeitung der visuellen Reize zuständig. Der Schläfenlappen sorgt für die Informationsverarbeitung von akustischen Reizen. Weiterhin befindet sich im Schläfenlappen das Wernicke-Areal, welches das Sprachverständnis steuert. Der Scheitellappen ist hauptsächlich für Aufmerksamkeitsprozesse und sensorische Empfindungen, Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten zuständig. Im vorderen Teil des Scheitellappens liegt der sensorische Kortex, der die Empfindung für Körperberührungen und Bewegungen registriert und verarbeitet. Je sensibler der Bereich eines Körpers ist, desto größer ist der in dieser Region repräsentierende Abschnitt des sensorischen Kortex. Der Stirnlappen hat viele verschiedene Aufgaben. Der motorische Kortex im Stirnlappen steuert die willkürlichen Bewegungen verschiedener Muskelgruppen. Andere Teile des Stirnlappens sind für die Sprachproduktion zuständig. Der vordere und zugleich auch jüngste Teil des Stirnlappens ist der präfrontale Kortex, der sich aus dem orbitofrontalen, medialen und lateralen Kortex gliedert. Schädigungen in diesem Bereich können zu Schwierigkeiten führen, ethische und moralische Entscheidungen zu treffen. Der ventromediale präfrontale Cortex ist wesentlich für Emotionen und Gefühle und wird im Laufe dieser Arbeit noch eine wichtige Rolle spielen. Das limbische System besteht aus der Amygdala, dem Hypothalamus und dem Hippocampus. In der Amygdala werden Informationen daraufhin überprüft, ob sie für den Organismus gefährlich sind. Insbesondere bei der Verarbeitung von Angst und Furcht spielt sie eine wichtige Rolle. Der Hypothalamus liegt unterhalb des Thalamus und steuert das Essen, Trinken und die Körpertemperatur. Der Hippocampus verarbeitet bewusste Erinnerungen und überführt Inhalte vom Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis.[33]

Nachdem in diesem Kapitel grundlegendes Wissen über den Aufbau und die Funktionsweise bestimmter Hirnregionen kompakt vorgestellt wurde, erfolgt im nächsten Kapitel eine systematisch aufbereitete Darstellung von ausgewählten Ansätzen der Emotionspsychologie. Diese Ansätze bilden die Basis für das Verständnis der Theorie der somatischen Marker, welche zum Teil bestimmte Grundgedanken aufnimmt.


[1] Scheibe, S. (2011), S. 61.

[2] Im nachfolgenden Text wird für das bessere Leseverständnis die männliche Form benutzt. Selbstverständlich ist hiermit immer auch die weibliche Form gemeint.

[3] Vgl. Laux et al. (2014), S. 3.

[4] Vgl. Beck (2014), S. 318f.; vgl. Reimann/Weber (2011), S. 5.

[5] Vgl. Cacioppo/Gardner (1999), S. 194.

[6] Vgl. Laux et al. (2014), S. 3-12.

[7] Vgl. Ebd. (2014), S. 30-34.

[8] Vgl. Betsch et al. (2011), S. 68-76; 109f.

[9] Vgl. Laux et al. (2014), S. 16-20.

[10] Vgl. Nippa (2001), S. 217; vgl. Loewenstein (2000), S. 426-432.

[11] Vgl. Von Neumann/Morgenstern (1944), S. 1ff.

[12] Vgl. Laux et al. (2014), S. 113-115; vgl. Betsch et al. (2011), S. 80; vgl. Eisenführ et al. (2010), S. 245-261.

[13] Vgl. Schäffer/Weber (2004), S. 461.

[14] Vgl. Eisenführ et al. (2010), S. 4-10.

[15] Vgl. Laux et al. (2014), S. 16-20.

[16] Vgl. Jolls et al. (1998), S. 1471.

[17] Vgl. Tversky/Kahneman (1973), S. 207-232.

[18] Vgl. Tversky/Kahneman (1974), S. 1124-1131.

[19] Vgl. Mussweiler et al. (2000), S. 1142ff.

[20] Vgl. Kahneman/Tversky (1984), S. 341-350.

[21] Vgl. Tversky/Kahneman (1992), S. 297ff.

[22] Vgl. Betsch et al. (2011), S. 88.

[23] Vgl. Eisenführ et al. (2010), S. 423-444.

[24] Vgl. Loomes/Sugden (1986), S. 271ff.; vgl. Bell (1985), S. 1ff.

[25] Vgl. Bell (1982), S. 961ff.; vgl. Loomes/Sugden (1982), S. 805ff.

[26] Vgl. Eisenführ et al. (2010), S. 445-450.

[27] Vgl. Beck (2014), S. 320-323; vgl. Weber (2011), S. 41-55.

[28] Vgl. Myers (2014), S. 58.

[29] Vgl. Ebd. (2014), S. 59.

[30] Vgl. Ebd. (2014), S. 59f.

[31] Vgl. Ebd. (2014), S. 60-64.

[32] Vgl. Myers (2014), S. 64-70.

[33] Vgl. Myers (2014), S. 72-82.

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss somatischer Marker auf die Entscheidungsfindung
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Juristische und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät)
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
59
Katalognummer
V370342
ISBN (eBook)
9783668477599
ISBN (Buch)
9783668477605
Dateigröße
764 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entscheidungstheorie, Emotionspsychologie, JAMES/LANGE-Theorie, CANNON/BARD-Theorie, Zwei-Faktoren-Theorie nach SCHACHTER/SINGER, somatische Marker, Gefühl, Emotion, Phineas Gage, Iowa-Gambling-Task, Rationalitätssicherung
Arbeit zitieren
Sebastian Gothe (Autor), 2015, Der Einfluss somatischer Marker auf die Entscheidungsfindung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370342

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