Das wechselseitige Verhältnis beider Länder – der heutigen Tschechischen Republik und des nach der Wende wiedervereinigten Deutschlands – ist durch die verflochtene Geschichte vielseitig beeinflusst. Auf dieser Grundlage entstanden nicht nur greifbare kulturelle Gemeinsamkeiten, sondern auch viele Wahrnehmungsstereotypen, welche dann durch die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges vielfach verstärkt aufgetreten sind. Die Nachkriegsgeschichte unter dem Eisernen Vorhang konnte durch die mangelnde Kommunikationsmöglichkeit und ein teilweise bis vollkommen verzerrtes gegenseitiges Realitätsbild keine Korrektur der Wahrnehmung bringen.
Im ersten Teil der Seminararbeit werden theoretische Grundlagen und der methodologische Ansatz – v. a. die kritische Diskursanalyse – erörtert. Der zweite Teil fasst dann einen Rückblick auf die interkulturelle Beeinflussung im geschichtlichen Rahmen zusammen und beinhaltet auch einen Versuch das gegenseitige Bild in der Zeit des Kalten Krieges anhand der damals erschienenen literarischen Werke kurz zu erfassen. Im dritten Hauptteil wird die neueste Entwicklung – im Zeitrahmen von 1990 bis 2012 – untersucht. Es wird die Hypothese untersucht, ob die Grenzöffnung und der vermehrte gegenseitige Kontakt zum Abbau der Stereotypen und Normalisierung der jeweiligen Wahrnehmung im Sinne der Kommunikation mit einem objektiv wahrgenommenen Partner beigetragen haben.
Als Methode wird die kritische Diskursanalyse angewendet, als Datenkorpora wurden Zeitungsartikel führender tschechischer und deutscher Tageszeitungen aus den Jahren 1990 bis 2012, recherchiert nach einheitlichen thematischen Kriterien, ausgewählt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen
2.1 Zum Begriff „Diskurs“
2.2 Diskursbereiche und ihre Forschung
2.3 Die Kritische Diskursanalyse
2.4 Korpuslinguistik
3. Kulturgeschichtliche Gemeinsamkeiten und Differenzen
4. Entwicklung des gegenseitigen Wahrnehmungsbildes nach der Wende bis 2012
4.1 Spezifikation des methodischen Vorgehens und der Materialbasis (Korpusbasierte Analyse)
4.2 Statistische Untersuchung und Auswertung von thematischen Korpora (FAZ und Lidové noviny 1995-2012)
4.3 Qualitative Diskursanalyse anhand ausgewählter Texte (FAZ, SZ, Lidové noviny, MF Dnes in den Jahren 1993-2012)
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entwicklung der gegenseitigen interkulturellen Wahrnehmungsbilder zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik im Zeitraum von 1990 bis 2012. Ziel ist es zu analysieren, ob Grenzöffnung und verstärkter Kontakt zu einem Abbau von historischen Stereotypen und einer Normalisierung der Kommunikation beigetragen haben.
- Kritische Diskursanalyse als wissenschaftliche Methode
- Analyse von Zeitungsberichten führender Tageszeitungen (FAZ, SZ, Lidové noviny, MF Dnes)
- Kulturgeschichtliche Hintergründe der deutsch-tschechischen Beziehungen
- Korpusbasierte statistische Untersuchung der Themensetzung
- Qualitative Bewertung der öffentlichen Meinungsbildung und deren Wandel
Auszug aus dem Buch
4.2 Statistische Untersuchung und Auswertung von thematischen Korpora (FAZ und Lidové noviny 1995-2012)
In diesem Teil werden die untersuchten und erfassten Daten nach den oben genannten Kriterien in einer nummerischen Auflistung dargestellt. Anschließend folgt eine mathematisch-statistische Auswertung.
Um die Auswahl der Spalten zu begründen, muss man sich unbedingt ebenfalls bestimmte historische Gegebenheiten der modernen Geschichte vor Augen führen. Es war einerseits der Nationalsozialismus in Deutschland, der Zweite Weltkrieg und die Besatzung der Tschechoslowakischen Republik, der die selektive Wahrnehmung sowie eingeprägte Bilder und Stereotype auf der tschechischen Seite bestärkt haben, andererseits dann die Vertreibung von Deutschen aus den Sudetengebieten und die Beneš-Dekrete, die – im Gegensatz zum Thema des Verlaufs des eigentlichen Zweiten Weltkriegs – während der kommunistischen Diktatur in der Tschechoslowakei weitgehend tabuisiert und bis heute nicht aufgearbeitet wurde, und welche wiederum maßgebend die Wahrnehmung der Deutschen beeinflusst.
So kann nicht überraschen, dass in den ersten Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Ende der 90er Jahre zuerst diese so lange unterdrückten Themen in der Politik hervorkommen, in den Zeitungen angesprochen werden und in Folge dessen auch sehr oft der Stigmatisierung in diesem Sinne freier Lauf gelassen wird. Diese Tatsache kann man auch den oberen Spalten entnehmen – die hohe Zahl im Jahre 2002 ist dadurch erklärbar, dass in diesem Jahr über den Beitritt der Tschechischen Republik entschieden wurde.
Es stellt sich aber die Frage, ob und falls ja, in wie fern die angesprochenen tief greifenden Belastungs- und Beinflussungselemente in den nachfolgenden fast zwanzig Jahren, während deren beide Seiten unzählige Möglichkeiten hatten sich gegenseitig besser kennezulernen, zu diskutieren, miteinander reden und eigene Ansichten zu erklären, sich die historisch geprägten Wahrnehmungsmuster geändert haben und durch neue Erfahrungen und nicht zuletzt durch die Wirkung der Politik sowohl auf der nationalen als auch der europäischen Ebene modifiziert wurden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die historische Verflechtung beider Länder und formuliert die Forschungsfrage, ob der Abbau von Vorurteilen durch die Grenzöffnung in der medialen Berichterstattung nachweisbar ist.
2. Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe der Diskursforschung, wie den Diskurs nach Habermas und Foucault, und führt in die Methodik der Kritischen Diskursanalyse sowie der Korpuslinguistik ein.
3. Kulturgeschichtliche Gemeinsamkeiten und Differenzen: Es erfolgt ein Rückblick auf die wechselvolle Geschichte, die zur Entstehung von Wahrnehmungsstereotypen und Vorurteilen zwischen Deutschen und Tschechen führte.
4. Entwicklung des gegenseitigen Wahrnehmungsbildes nach der Wende bis 2012: Dieser Hauptteil analysiert statistisch und qualitativ Zeitungsartikel, um den Wandel der Themenwahl und Einstellungen im Zeitraum von 1993 bis 2012 aufzuzeigen.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass sich die Belastungen der Vergangenheit in der aktuellen Berichterstattung kontinuierlich verringern und eine positive, zukunftsorientierte Entwicklung in den gegenseitigen Beziehungen stattfindet.
Schlüsselwörter
Deutsch-tschechische Beziehungen, Kritische Diskursanalyse, Wahrnehmungsbilder, Stereotype, Korpuslinguistik, Tageszeitungen, historische Diskursanalyse, Medienanalyse, Beneš-Dekrete, Europäische Integration, grenzüberschreitende Kommunikation, nationale Identität, Kollektivsymbolik, Transformation, Nachbarschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Veränderung der wechselseitigen Wahrnehmung von Deutschen und Tschechen in den Medien nach der Wende 1990 bis zum Jahr 2012.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die diskursive Darstellung von Politik, Wirtschaft, Jugend und Kultur sowie der Abbau von historisch belasteten Stereotypen wie der Sudetenfrage.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Die Untersuchung zielt darauf ab, anhand von Medieninhalten zu verifizieren, ob eine Normalisierung der deutsch-tschechischen Beziehungen stattgefunden hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine Kombination aus Korpuslinguistik zur statistischen Datenerfassung und der Kritischen Diskursanalyse zur qualitativen Interpretation der Texte genutzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine quantitative Auswertung von Zeitungsarchiven (FAZ, Lidové noviny) und eine anschließende qualitative Analyse ausgewählter Diskursfragmente.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Diskursanalyse, Wahrnehmungsbilder, deutsch-tschechische Beziehungen, Stereotype und Transformation geprägt.
Warum spielt das Jahr 2002 in der statistischen Auswertung eine besondere Rolle?
Die erhöhte Artikelzahl in diesem Jahr ist primär auf die intensive mediale Berichterstattung im Kontext des EU-Beitritts der Tschechischen Republik zurückzuführen.
Wie unterscheidet sich die Berichterstattung in der „Lidové noviny“ von der FAZ?
Die tschechische Zeitung weist ein deutlich größeres Gesamtvolumen an Artikeln über das Nachbarland auf, was die hohe Relevanz Deutschlands als wichtigsten Wirtschaftspartner für die Tschechische Republik verdeutlicht.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der Zukunft?
Die Autorin geht davon aus, dass bei Fortsetzung des aktuellen Trends historische Belastungen für kommende Generationen an Bedeutung verlieren werden.
- Arbeit zitieren
- Eva Jansa (Autor:in), 2013, Entwicklung der deutsch-tschechischen interkulturellen Wahrnehmungsbilder nach der Wende 1990, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370346