Wie sind ethnische Ökonomien in Deutschland strukturiert und welchen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beitrag leisten sie für Deutschland?


Hausarbeit, 2016
27 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis...i
Abbildungsverzeichnis...ii
1. Einleitung...4
2. Ethnische Ökonomie...5
2.1 Definitionen & relevante Konzepte...5
2.2 Merkmale...7
2.3 Ethnische Ökonomien in Deutschland...8
2.4 Motive für die Tätigkeit in ethnischen Unternehmen...16
3. Voraussetzungen für die Entstehung...18
3.1 Raum...18
3.2 Soziale Netzwerke...19
4. Chancen & Risiken der ethnischen Ökonomien...20
5. Fazit und abschließende Diskussion...23
Literaturverzeichnis...25

ii
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Verteilung und Anzahl selbständiger Migranten in Deutschland nach
Staatsangehörigkeit (2003)...9
Abbildung 2: Übersicht zur quantitativen Bedeutung ausländischer und
auslandsstämmiger
Selbständigkeit in
Deutschland...10
Abbildung 3: Entwicklung der Selbständigen in Deutschland nach Staatsangehörigkeit
(Index 1991=100%)...11
Abbildung 4: Übersicht zu den betrieblichen und gesamtwirtschaftlichen
Leistungspotenzialen auslandsstämmiger Selbständigkeit in
Deutschland...12
Abbildung 5: Anteil von Unternehmen mit Kunden gleicher ethnischer Herkunft
(%)...14
Abbildung 6: Zahl und Verteilung der Betriebsinhaber nach Wirtschaftszweigen
(Schätzung)...15
Abbildung 7: Stärke einzelner Motive für die Aufnahme einer selbständigen Tätigkeit
(Auswahl)...17

4
1. Einleitung
Im Jahre 2016 dominiert das Thema der Migrations- und Fluchtbewegungen die
politischen Debatten in Deutschland. Dabei ist es nicht ausreichend, nur über die Zahl
der Migranten und Flüchtlinge, sowie über die Kosten die auf Deutschland fallen zu
sprechen. Es muss zudem auf den Aspekt der ökonomischen Lebensgestaltung der
Migranten eingegangen werden und auf die Frage welchen Beitrag ihre wirtschaftliche
Aktivität für die Aufnahmegesellschaft und die deutsche Wirtschaft leistet. Migranten
bilden mit einem Anteil von 9% an der Gesamtbevölkerung einen festen Teil der
deutschen Gesellschaft. Insgesamt haben sogar 20,3% der Bürger in Deutschland einen
Migrationshintergrund
1
(S
TATISTISCHES
B
UNDESAMT
2014).
Das Untersuchungsobjekt dieser Arbeit stellt die ethnische Ökonomie in Deutschland
dar. Einleitend werden in dieser Arbeit zunächst die Grundbegriffe und relevanten
Konzepte, die sich mit dem Themenkomplex der ethnischen Ökonomie
auseinandersetzten, erläutert. Darauf folgt eine thematische Eingrenzung.
Für die Bestimmung der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und räumlichen
Bedeutung der ethnischen Unternehmen für Deutschland, die sich zum Beispiel durch
die Anzahl selbstständiger Migranten und deren Branchenorientierung, sowie deren
Beitrag für die Integration anderer Migranten ausdrückt (L
EICHT ET AL
.
2005:4), wird die
Struktur der ethnischen Ökonomien dargestellt. Diese strukturellen Aspekte, sowie die
Beweggründe der Migranten für ihre Gründungsaktivität, werden in dieser Arbeit mit
Fokus auf die drei stärksten selbstständigen Gruppen dargestellt. Dabei werden nicht
nur Menschen mit ausländischen Pass berücksichtigt, sondern auch diejenigen mit
deutscher Staatsbürgerschaft, dessen Eltern nicht-deutscher Herkunft sind.
Um die Forschungsfrage näher zu beantworten werden schließlich die Chancen und
Risiken der ethnischen Ökonomie aufgeführt. Nach einem abschließenden Fazit wird
eine kritische Reflexion auf die Arbeit gewährt.
1
,,
Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2016

5
2. Ethnische Ökonomie
Aufgrund der zunehmenden Relevanz des Themas Migration, ist es notwendig sich mit
der Frage zu beschäftigen, wie sich Migranten in ihrer Umgebung ökonomisch
entfalten. Um diese Frage beantworten zu können, ist es erforderlich zu bestimmen
was ethnische Ökonomien sind und welche Merkmale sie im Allgemeinen und
besonders in Deutschland aufweisen.
2.1 Definitionen und relevante Konzepte
Schuleri-Hartje definiert ethnische Ökonomie als ,,selbstständige Erwerbstätigkeit von
Personen mit Migrationshintergrund (...) und abhängige Beschäftigung in von Personen
mit Migrationshintergrund geführten Betrieben (...), die in einem spezifischen
Migrantenmilieu verwurzelt ist" (S
CHULERI
-H
ARTJE ET AL
.
2005:21). Diese Definition wurde
ausgewählt, da sie alle relevanten Aspekte des Themenkomplexes der ethnischen
Ökonomie, bis auf die räumliche Konzentration der ethnischen Ökonomie in
Metropolen (B
ARTRAM ET AL
.
2014:57), beinhaltet. ,,Ethnische Ökonomie ist eine Form
migrantischer Selbstorganisation" (H
ENN
2010:163). Ethnisch wird dabei als ,,Set an
Verbindungen, Kontakten, Kommunikationsmustern zwischen Personen mit gleichem
nationalem oder ethnischen Hintergrund bzw. gemeinsamen Migrationserfahrungen
verstanden" (H
ENN
2010:153). Die Ethnie
2
dient dabei als eine Möglichkeit für
Gewerbetreibende finanzielle Ressourcen, sowie Humanressourcen aus dem
ethnischen Netzwerk zu schöpfen und dadurch sich in den einheimischen Markt zu
etablieren und konkurrenzfähig zu bleiben" (B
ARTELS
2010:94).
Ethnische Ökonomie bzw. ethnische Unternehmen operieren dabei auf drei
unterschiedlichen Ebenen: Formell, informell und illegal (L
IGHT
2011:101).
Formelle Unternehmen bieten legale Waren und Dienstleitungen an und sind als
Unternehmen beim Staat registriert. Sie bezahlen dementsprechend Steuern, besitzen
2
,,Als Ethnie (griechisch: ethnos ­ Haufe, Menschenklasse, Volk) wird hier eine Anzahl von Menschen
bezeichnet, die sich aufgrund gemeinsamer kultureller Merkmale als Gemeinschaft empfindet und mit
einem Namen als solche bezeichnet und/oder von anderen Gemeinschaften als solche betrachtet wird."
(Gökce 2013:12).

6
Lizenzen für ihre Produktion und werden vom Staat abgesichert. Informelle
Unternehmen bieten ebenfalls legale Güter und Dienstleistungen an, bezahlen aber
keine Steuern, da sie nicht registriert sind und werden somit vom Staat nicht
kontrolliert. Ein Beispiel für eine informelle Tätigkeit ist der Schuhputzer auf der
Straße. Illegale Unternehmen bieten verbotene Waren und Dienstleistungen an und
sind auch beim Staat nicht registriert. Solche illegalen Unternehmen finden sich häufig
in der Glücksspielbranche und in der Prostitution (L
IGHT
2011:101).
Die ethnische Ökonomie lässt sich in ,,ethnic controlled economy" und ,,ethnic
ownership economy" unterteilen (B
ARTRAM ET AL
.
2014:57). Wenn man von der ethnic
controlled economy spricht, dann ist ein Wirtschaftszweig gemeint, der von einer
Ethnie dominiert wird. In diesem Fall hat die Ethnie zwar Einfluss auf das
Alltagsgeschäft und die Löhne, ,,besitzt" diesen Wirtschaftssektor im Gegensatz zur
,,ethnic ownership economy" aber nicht (B
ARTRAM ET AL
.
2014:60;
L
IGHT
2011:101). Ein
Beispiel für eine ,,ethnic controlled economy" ist der signifikanter Anteil indischer
Ärzte im Vereinigten Königreich, die den Wirtschaftszweig der Medizin ,,kontrollieren",
aber ihn nicht ,,besitzen" (P
OROS
2011
IN
B
ARTRAM ET AL
.
2014:58). ,,Ethnic ownership
economy" zeichnet sich durch ethnische Besitzer, co-ethnisches Personal und ethnisch
unspezifische Kunden aus (B
ARTRAM ET AL
.
2014:57). Die räumliche Konzentration spielt
dabei keine besondere Rolle.
Der Fokus dieser Arbeit liegt nicht auf der ,,ethnic controlled economy", sondern auf
der ,,ethnic ownership economy", genauer gesagt auf der ethnischen Enklave, die sich
mit der kleinräumlichen Ballung ethnischer Akteure befasst. Diese Arbeit setzt sich
nicht mit den Beziehungen zwischen den Unternehmen auseinander.
Die ethnische Enklave ist eine Type der ,,ethnic ownership economy", mit der
bestimmte ethnische Gruppen gemeint sind, die in segregierten Stadtregionen
konzentriert vertreten sind (B
ARTRAM ET AL
.
2014:57). Auslandsstämmige Selbstständige
führen in diesen Stadtregionen meist kleine Unternehmen in ausgewählten
Wirtschaftssektoren oder sind in einer Branche mit Mehrheit vertreten (B
ARTRAM ET AL
.
2014:57). Beispiele für ethnische Enklaven sind Chinatowns in einer Vielzahl von
amerikanischen Städten. Diese segregierten urbanen Teilräume werden von den
Migranten der jeweiligen Ethnie wirtschaftlich dominiert. Das Angebot richtet sich nur
nach der Nachfrage einer ethnisch spezifischen Kundschaft.

7
Eine ethnische Enklave zeichnet sich durch ethnische Besitzer, co-ethnisches Personal
und co-ethnische Kunden aus. Im Gegensatz zur ,,ethnic ownership economy" haben
einheimische Kunden keine Bedeutung für eine ethnische Enklave. Im Gegensatz zu
einem Ghetto ist eine ethnische Enklave eine freiwillige räumliche Segregation. Zudem
sind diese institutionell vollständig, denn sie können den Gesamtbedarf der Gemeinde
an Waren und Dienstleistungen abdecken (B
RETON
1964:376-386
IN
B
ARTRAM ET AL
.
2014:59).
Die ethnische Ökonomie unterscheidet sich ebenfalls zwischen Nischen- und
Ergänzungsökonomie. Die Ergänzungsökonomie orientiert sich an der Nachfrage der
ethnischen Kunden. Diese Produkte und Dienstleistung, die für die eigene Ethnie
geboten werden, stehen mit dem einheimischen Angebot nicht in Konkurrenz. Sie sind
als Erweiterung des Angebotsspektrums anzusehen. Die Nischenökonomie hingegen,
zielt bietet Waren und Dienstleistungen entsprechend der Nachfrage der
Mehrheitsgesellschaft an (B
ARTELS
2010:93). So können zum Beispiel auch Einheimische
die Gelegenheit ethnische Supermärkte oder Friseursalons besuchen.
Allerdings sind sie Übergänge sowohl zwischen der Nischen- und Ergänzugsökonomie,
als auch zwischen einer ,,ethnic ownership economy" und einer ethnischen Enklave
fließend, da das Angebot der ethnischen Unternehmen zwar auf eine ethnisch
unspezifische Kundschaft ausgerichtet ist, diese meist aber räumlich konzentriert sind
(L
EICHT ET AL
.
2005:11). Je nach Ethnie und je nach Unternehmen können entweder nur
co-ethnische oder co-ethnische und einheimische Kunden das Angebot des ethnischen
Unternehmens wahrnehmen.
2.2 Merkmale
Die Merkmale ,,der idealtypischen ethnischer Ökonomie" zu erfassen ist
problematisch. Es stellt eine Herausforderung dar, allgemeine Definitionsmerkmale der
aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten stammenden Gruppen zu identifizieren
(Henn 2010:156). Allerdings konnte Henn (Henn 2010:156 ff.) einige Charakteristika
ethnischer Ökonomien zusammentragen.
Allgemein sind ausländische Unternehmensgründer meist jünger als deutsche und
überwiegend männlich (Idik et al. 2004:172). Ethnische Unternehmen zeichnen sich

8
durch ihre kleine Betriebsgröße aus. 93% der ethnischen Unternehmen beschäftigen
nicht mehr als zehn Mitarbeiter, 45% haben sogar niemanden auf ihrer offiziellen
Gehaltsliste stehen (Henn 2010:156).
Ethnischer und familiärer Solidarität wird in der ethnischen Ökonomie eine hohe
Bedeutung zugeschrieben (Henn 2010:157). 80% der Arbeitnehmer in den ethnischen
Unternehmen stammen aus derselben Ethnie (L
EICHT ET AL
.
2005:15
FF
.
IN
H
ENN
2010:157). Darüber hinaus ist der Anteil an unentgeltlich mithelfenden
Familienmitgliedern in ethnischen Unternehmen meist höher als in den Unternehmen
des Aufnahmelandes (H
ENN
2010:157).
Die Kunden stammen meist ebenfalls aus derselben Ethnie wie die Gründer und
Besitzer der Unternehmen (L
EICHT ET AL
.
2005:15
IN
H
ENN
2010:157).
Migrantenunternehmen sind aufgrund ihrer Beschränktheit auf das eigene Netzwerk in
vielen Fällen nach außen hin geschlossen
(S
CHULERI
-H
ARTJE ET AL
.
2005:36). In der
ethnischen Ökonomie besteht typischerweise nicht nur der Großteil der Kundschaft
aus den eignen Landsleuten, sondern auch der Großteil der Mitarbeiter und der
Zulieferer (L
EICHT ET AL
.
2005:15).
Zudem lässt sich eine sektorale Konzentration der ethnischen Unternehmen
beobachten (H
ENN
2010:158). Aufgrund der Schwierigkeiten bei der Fremdfinanzierung
sind ethnische Unternehmen meist in Märkten mit geringen Markteintrittsbarrieren
vorzufinden (L
ÉO
-P
AUL ET AL
.
2011:152;
S
CHULERI
-H
ARTJE ET AL
.
2005:36). Man beobachtet
diese hauptsächlich im Bereich der Gastronomie und des Handels (H
ENN
2010:158).
A
BGESEHEN VON DER SEKTORALEN
K
ONZENTRATION HERRSCHT EINE RÄUMLICHE
K
ONZENTRATION
ethnischer Unternehmen vor. Aufgrund der höheren Nachfrage gründen Migranten
ihre Unternehmen meist in Ballungsgebieten. In dem Ballungsgebiet selbst sind
ethnische Unternehmen vor allem in Vierteln mit einer hohem Ausländeranteil zu
beobachten (I
DIK ET AL
.
2004:170;
S
CHULERI
-H
ARTJE ET AL
.
2005:32
IN
H
ENN
2010:158).
2.3 Ethnische Ökonomien in Deutschland
2003 arbeiteten 286.000 selbstständige Migranten in Deutschland
(L
EICHT ET AL
.
2005:4).
Zu diesem Zeitpunkt stellen die Italiener die größte Gruppe mit 46.000 Selbstständigen
Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Wie sind ethnische Ökonomien in Deutschland strukturiert und welchen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beitrag leisten sie für Deutschland?
Autor
Jahr
2016
Seiten
27
Katalognummer
V370400
ISBN (eBook)
9783668526235
ISBN (Buch)
9783668526242
Dateigröße
651 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ökonomien, deutschland, beitrag
Arbeit zitieren
Vladyslav Symonenko (Autor), 2016, Wie sind ethnische Ökonomien in Deutschland strukturiert und welchen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beitrag leisten sie für Deutschland?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370400

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