Die Darstellung ausländischer Figuren in der Kinderliteratur


Bachelorarbeit, 2016
64 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Eine Definition des Begriffes „fremd“

2 Das Fremde als Thema in der Kinderliteratur
2.1 Fremdheit im literaturgeschichtlichen Kontext
2.2 Multikulturalität in der Kinderliteratur

3 Kinderliteratur für den interkulturellen Austausch

4 Figurentypen des Fremden
4.1 Der Fremde als Gast
4.2 Der kulturell Fremde

5 Ausländische Figuren in heuristischen Beispielen
5.1 Ben liebt Anna
5.2 Im Land der Schokolade und Bananen
5.3 Milchkaffee und Streuselkuchen
5.4 Der Junge, der Gedanken lesen konnte
5.5 Mein Freund Salim

6 Fazit

Bibliographie

Einleitung

Vermeintlich scheint im aktuellen politischen Diskurs kein Thema derartig präsent zu sein, wie das der Flüchtlinge, welche seit Monaten nach Deutschland emigrieren, was auch aus dem folgenden Zitat des Statistischen Bundesamtes hervorgeht: „Zahl der Zuwanderer in Deutschland so hoch wie noch nie“[1].

Unsere moderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist dementsprechend von immer enger werdenden, internationalen Verflechtungen geprägt, sodass die Begegnung mit dem Fremden, wie sie auch in dieser Arbeit dargestellt werden soll, zu den Grunderfahrungen des Menschen gezählt werden kann. Damit scheint eine kulturelle Differenz nicht länger als eine Ausnahme, sondern als ein Normalfall aufzutreten, weshalb ein angemessener Umgang mit dem Fremden entwickelt werden muss.[2]

Aufgrund dieser Tatsache empfinde ich eine Förderung des interkulturellen Bewusstseins der Menschen als notwendig, um ein positives Miteinander vollziehen zu können.

„Er stellt sich vor, wie es wäre, wenn seine Eltern weiße Haut hätten. Dann würden sich die Leute auf der Straße nicht mehr nach ihm umgucken. Dann würden sie sich nicht mehr wundern, dass er ohne Fehler Deutsch spricht. Klar, was soll er sonst auch sprechen?“[3]

Aus diesem Zitat geht besonders deutlich hervor, dass Fremdheit und Andersheit leider noch immer „einen gesellschaftlichen Problembereich mit enormem Konfliktpotenzial“[4] darstellen, was hier in fiktiver Weise aufgegriffen wurde. Damit Rassismus allerdings in Zukunft unterbunden werden kann, beurteile ich den Erwerb der interkulturellen Kompetenz bei Kindern als besonders bedeutsam, welcher mit dem Beginn der Kompetenz des Hörens und Verstehens der Literatur vermittelt werden kann, indem die Literatur einen Beitrag zu dieser Entwicklung leistet.

Die moderne Kinderliteratur zeigt sich als ein Spiegelbild dieser kulturell komplexer werdenden Gesellschaft, indem sie konkrete Beispiele für die Konstruktion des Fremden sowie die subjektiven Seiten von Fremdheitserfahrungen, in Form des literarischen Innenblickes, aufzeigt.[5]

Aus diesem Grund gestaltet es sich als naheliegend, dass ich im Rahmen dieser Arbeit mit dem Titel „Die Darstellung ausländischer Figuren in der Kinderliteratur“ herausstellen möchte, wie in der Kinderliteratur das Thema der interkulturellen Begegnung verfasst wird, wobei ich den Schwerpunkt auf die Darstellung der jeweils nicht-deutschstämmigen Figuren legen möchte, die im Verlauf der Arbeit oftmals als „ausländisch“ betitelt werden, womit ich jegliche Implikationen bezüglich spezieller Wertungen ausschließen will.

Der benannte Schwerpunkt begründet sich durch die Annahme, dass eine Vielzahl der Leserinnen und Leser mit der deutschen Kultur vertraut sind, wodurch die ausländische Figur als fremd abgegrenzt wird. Um eine kulturelle Synthese herstellen zu können, muss die jeweils fremde Prägung, die durch die Darstellung der ausländischen Figur repräsentiert wird, dementsprechend reflektiert werden. Diese Form der Synthese entspricht zudem den Vorgaben für interkulturelle Kompetenz nach dem Beschluss der Kultusministerkonferenz der Bundesrepublik Deutschland aus dem Jahre 1996, indem sie die Fähigkeit „sich selbstreflexiv mit den eigenen Bildern von Anderen auseinander und dazu in Bezug zu setzen“[6] in den Vordergrund stellt. Für diese Arbeit ist es somit in besonderem Maße bedeutsam, herauszuarbeiten, wie „das Andere“, stets hinsichtlich der Annahme einer deutschen Leserschaft, dargestellt wird.

Des Weiteren möchte ich herausstellen, ob, beziehungsweise inwiefern sich die Darstellungen des Ausländers im Wandel der Zeit in der Kinderliteratur verändert haben, weshalb ich mich für Werke entschied, die aufgrund ihres Ersterscheinungsdatums den zeitlichen Rahmen von 1979 bis 2015 umfassen. Darunter fällt zunächst das Buch mit dem Titel „Ben liebt Anna“ von Peter Härtling, welches das älteste meiner heuristischen Beispiele darstellt und mit dem Zürcher Kinderbuchpreis „La vache qui lit“ ausgezeichnet wurde.[7]

Das nächste von mir ausgewählte Werk wurde im Jahre 1987 von Karin Gündisch verfasst und trägt den Titel „Im Land der Schokolade und Bananen. Zwei Kinder kommen in ein fremdes Land“. Dies wurde 1992 mit dem Preis der Ausländerbeauftragten des Senats der Stadt Berlin ausgezeichnet und beschreibt, so Gündisch im Vorwort, „die Geschichte vieler Spätaussiedlerfamilien“[8], zu denen sie auch ihre eigene Familie zählt.[9]

Als drittes Beispiel suchte ich das Buch „Milchkaffee und Streuselkuchen“ von Carolin Philipps aus dem Jahr 1996 aus, für welches der Autorin der „Mentioning Award des UNESCO Prize for Peace and Tolerance 2000“ verliehen wurde.[10]

Das nächste Werk wurde erstmals 2012 mit dem Titel „Der Junge, der Gedanken lesen konnte. Ein Friedhofskrimi“ veröffentlicht. Verfasst wurde es von Kirsten Boje, einer vielfach ausgezeichneten Autorin, was beispielsweise an der Ehrung ihres Gesamtwerkes durch den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises deutlich wird.[11]

Das Ende dieses zeitlichen Rahmens setzt das Buch „Mein Freund Salim“ von Uticha Marmon, dessen Erstveröffentlichung im Jahre 2015 stattfand. Bislang hat dieses Werk allerdings noch keine Auszeichnung erlangt, was möglicherweise durch die Aktualitätt begründet werden kann.

Als Grundlage für die Analysen, der in diesen Büchern auftretenden ausländischen Figuren, beginnt diese Arbeit mit einem theoretischen Teil, in dem zunächst die Frage „Was ist ‚fremd‘?“ beantwortet werden soll, da im Volksmund der Begriff „Ausländer“ mit dem des Fremden oftmals gleichbedeutend verwendet zu werden scheint. Durch den Versuch einer Definition des Fremden wird dessen Dialektik in Bezug auf das Eigene herausgestellt, was wiederum die Notwendigkeit einer interkulturellen Auseinandersetzung mit diesem Thema unterstreichen soll.

Im darauffolgenden Kapitel 2 wird das Thema „Das Fremde in der Kinderliteratur“ behandelt, womit ich die Relevanz, die „das Andere“ in der Literatur bereits seit mehreren hundert Jahren besitzt, aufzeigen möchte, um anschließend die Multikulturalität als Teil des Fremden aufgreifen zu können, welche durch die ausländischen Figuren, die im praktischen Teil dieser Arbeit analysiert werden, einen besonderen Stellenwert inne hat.

Da, wie zu Beginn geschildert, aufgrund dieser Multikulturaltät der interkulturelle Austausch zwischen den Menschen verschiedener, aufeinandertreffender Kulturen gefördert werden soll, möchte ich im dritten Kapitel darstellen, weshalb sich in besonderem Maße die Kinderliteratur für eben diesen Austausch eignet.

Das Kapitel 4 soll, die Theorie abschließend, beispielhaft aufzeigen, wie fremde Figuren in der Literatur genutzt werden können, womit ich bereits auf den praktischen Teil dieser Arbeit verweisen möchte.

Somit werden im fünften Kapitel die ausländischen Figuren aus den bereits aufgeführten Literaturbeispielen in der Reihenfolge ihrer Ersterscheinung dargestellt, in dessen Rahmen ich sowohl auf die äußere Erscheinung als auch auf die Innenwelt der fiktionalen Charaktere eingehen werde.

Im abschließenden Fazit werde ich meine Ergebnisse zusammenführen und ein persönliches Resümee daraus ableiten.

1 Eine Definition des Begriffes „fremd“

Den Begriff des Fremden genauer zu erläutern scheint eine Notwendigkeit darzustellen, da in Deutschland aktuell, wie in der Einleitung geschildert, zahlreiche Überlegungen zum Umgang mit dem Fremden, vor allem in Bezug auf die Flüchtlingssituation, angestellt werden. Da eine Vielzahl der Debatten um die Änderung des Asylrechts, Diskussionen über Deutschland als Einwanderungsland und ähnliche Themen allerdings negativ behaftet zu sein scheinen, zeichnet sich der Umgang mit dem Fremden innerhalb dieses Rahmens als etwas zwangsläufig negativ konnotiertes ab, als ob das Fremde an sich schon ein Problem sei.[12]

Bei dem Versuch, diesem entgegenzuwirken, werden oftmals die positiven Seiten des Fremden dargestellt, sodass sich das furchterregende Fremde in sein Gegenteil, den sanftmütigen Fremden, der neue Aspekte in die Gesellschaft einbringt und freundlich behandelt werden soll, umkehrt. Zwar ist diese Fremdenfreundlichkeit im Vergleich zu einer Fremdenfeindlichkeit die positivere oder ethisch wertvollere Reaktion, jedoch sind beide Verhaltensmuster dahingehend identisch, dass sie den oder das Fremde bewerten.[13]

Aus diesem Prinzip wird deutlich, dass die Nutzung des Begriffes „fremd“ meistens weder objektiv noch neutral umgesetzt wird. Stattdessen fließen individuelle Emotionen oder Bewertungen in den Gebrauch mit ein, „die den Umgang mit dem Fremden zu einer »Gesinnungsfrage« machen“.[14]

Die ansteigende Anwesenheit von Menschen, die aus einem anderen Land oder einer anderen Kultur stammen, löst ebenfalls einen inflationären Gebrauch des Wortes „Fremdheit“ aus, welcher, wie zuvor erläutert, zusätzlich emotional behaftet ist. Es scheint, als hätten die Sprecher die Implikationen dieses Begriffes zuvor nicht in ausreichendem Maße reflektiert, sodass keine einheitliche Semantik zustande kommen kann.

Eine allgemeine Definition wurde bislang sogar in der Wissenschaft vermieden, obwohl sich die einzelnen Bereiche stets darüber bewusst sind, was innerhalb ihres Faches gemeint ist, wenn das „Fremde“ betitelt wird. Dies lässt sich damit begründen, dass der Begriff in den jeweiligen Wissenschaftsbereichen immer in Abhängigkeit des dazugehörigen Forschungsstandes gebraucht wird, woraus eine einheitliche Vorstellung des Fremden innerhalb der einzelnen Disziplinen vorherrscht.[15]

Corinna Albrecht versucht dennoch diesen Begriff in ihrem Aufsatz „Der Begriff der, die, das Fremde“ einzugrenzen. Zunächst gelte es, so Albrecht, festzuhalten, dass die Eigenschaft des Fremdseins stets der als fremd bezeichneten Person zugehörig zu sein scheint. Beispielsweise würde ein Deutscher im Ausland in einer Vielzahl der Fälle als ein Fremder eingestuft werden, da er diese Eigenschaft, durch seine, im Vergleich zu seinem besuchten Land, konträre Kultur, durch den Eintritt in ein anderes Land zugesprochen bekomme. Befindet sich dieser Deutsche hingegen in seinem Heimatland, ist er kein Fremder mehr, woraus hervorgehe, dass das Fremde stets in Abhängigkeit zu den jeweiligen Konstellationen bestehe, was Karl Valentin wie folgt zusammenfasst: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“[16]. Somit drückt die Kategorie des Fremden ein Verhältnis aus, das sich durch zwei Blickwinkel erfassen lässt: Einerseits sehe sich eine Person selbst im Verhältnis zu einer anderen Person, Sache oder Situation als fremd an, andererseits könne eine Person im Verhältnis zu seinem derzeitigen Umfeld als fremd angesehen werden.[17]

Mit dieser Erkenntnis stellt Albrecht eine Dialektik zwischen dem Eigenem und dem Fremden heraus, da das Fremde eine Beziehung zwischen diesen beiden Parametern hervorruft, die auf dem Prinzip beruht, dass durch den Gebrauch des Begriffes „fremd“ ein Verhältnis zwischen dem Eigenen und dem jeweils nicht dazugehörörigen Fremden kategorisiert wird. Gemäß dem Falle, dass eine Person an einer anderen fremde Eigenschaften beobachtet, sind diese lediglich subjektive Zuschreibungen, sofern sie als „fremd“ interpretiert wurden, was aus dem Vergleich mit dem eigenen Selbstbild folgt. Alle Merkmale, die an dem Gegenüber als fremd wahrgenommen werden, setzen sich schließlich zu einem Fremdheitsprofil zusammen, welches nie real sein kann, da es stets von der eigenen Perspektive, welche wiederum dem Kontext der eigenen Kultur, der eigenen Sprache sowie den überlieferten Normen und Werten unterworfen ist, sowie der anderen Person abhängig ist.[18]

Harald Weinrich betitelt dieses dialektische Phänomen, welches die Fremdheit inne hat, als „Interpretament der Andersheit“[19], da auch er den breiten Spielraum erkennt, der einen Unterschied zwischen der Andersheit von Personen, die nicht als fremd wahrgenommen und denen, die als fremd wahrgenommen werden, hervorruft. Welcher dieser beiden Fälle bei einer einzelnen Person schließlich eintritt, entscheidet sich, wie auch Albrecht behauptet, im Prozess des Wahrnehmens, Deutens und Interpretierens, wobei das Fremde, welches einem gegenübersteht, in Beziehung zum Eigenen gesetzt und letztendlich daraus geschlussfolgert wird.[20]

Des Weiteren ist die Wahrnehmung dessen, was der Einzelne als fremd bezeichnet, von individual- sowie sozialpsychologischen Wahrnehmungsmustern geprägt, welche im Zuge der Persönlichkeitsentwicklung und der Sozialisation herausgebildet werden. Aus ihnen wird individuell abgeleitet, ob etwas Fremdes beispielsweise als eine Bereicherung oder eine Bedrohung angesehen wird.[21]

„Daraus folgt, dass das, was als fremd wahrgenommen wird, in unterschiedlichen geschichtlichen, sozialen und kulturellen Zusammenhängen jeweils verschieden konstruiert wird“[22], weshalb es beispielsweise für viele Schülerinnen und Schüler heutzutage „normaler“ erscheint, neben einem Kind anderer ethnischer Herkunft zu sitzen, als es noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war.[23]

Zusammenfassend lässt sich das Fremde schließlich als das wahrgenommene Andere definieren, da die Andersheit, im Verhältnis zum Eigenen, als Abgrenzungsinstrument fungiert. Es wird deutlich, dass eine klare Definition nicht möglich zu sein scheint, da eine Abgrenzung zum gegensätzlichen Eigenen für mein Empfinden keine ausreichende Begriffsbestimmung darstellt. Dennoch kann sie als eine implizite Definition gelten sowie als ein Instrument genutzt werden, so der Vorschlag Albrechts, mit dem eigens gemachte Erfahrungen mit dem Fremden reflektiert werden können.[24]

2 Das Fremde als Thema in der Kinderliteratur

Seit dem Beginn des Mediums der Literatur wird auch das Thema des Fremden in dieser behandelt, da es für fiktionale Literatur charakteristisch zu sein scheint, die Leserinnen und Lesern dazu aufzufordern, sich mit den ästhetisch dargestellten Erfahrungen eines ihnen fremden Bewusstseins auseinanderzusetzen. In einem eingeschränkteren Kontext allerdings wird die Darstellung des Fremden durch die Gestaltung von Fremdheitsverhältnissen ausgedrückt, welche sich in Form einer Differenz zwischen einer oder mehreren Personen einer Minderheit sowie den jeweils herrschenden Normen äußern.[25]

Diese literarische Gestaltung des Fremden lässt sich bereits in der Kinderliteratur auffinden, um damit auch den jüngsten Leserinnen und Lesern ein Verständnis davon vermitteln zu können, dass Multikulturalität oftmals von solchen Fremdheits- beziehungsweise Dominanzverhältnissen geprägt ist. Diese sollten schon von Kindern entschlüsselt werden, um die interkulturelle Funktion derjenigen Literatur, die sich thematisch mit dem Fremden befasst, verstehen und somit aus ihr lernen zu können.[26]

Im folgenden Kapitel 2.1 wird in Anlehnung dessen zunächst die Geschichte der Thematik des Fremden in der Kinderliteratur geschildert und im darauffolgenden Unterkapitel explizit auf die Multikulturalität, die bei dieser Arbeit im Vordergrund steht, bezogen.

2.1 Fremdheit im literaturgeschichtlichen Kontext

Zwar hat die Literatur seit Anbeginn ihrer selbst das Motiv des Fremden aufgegriffen, jedoch hat sich die Umsetzung sowie die Schwerpunktsetzung im Laufe der Geschichte stark verändert.

Die ersten Unbekannten wurden bereits in den klassischen Sagen des Altertums durch Figuren wie Prometheus oder Herakles thematisiert, indem diese den Werten widersprachen, die zu jener Zeit geboten waren.[27] So brachte die Figur des Prometheus den Menschen beispielsweise das Feuer, woraufhin er von den Göttern verstoßen und an einen Felsen gebunden wurde, bis Herakles ihn befreit hat, sodass sie schließlich einen Wandel vom Fremden zum Helden durchlebten.[28]

Historisch folgte in der Literatur den antiken Sagen der Märchenheld, welcher oftmals als Einzelgänger dargestellt wird und als isoliert und allverbunden gilt.[29] Des Weiteren kommt er oftmals in die Lage, außergewöhnliche Aufgaben lösen zu müssen, was seine Andersartigkeit unterstreicht, die aber in der Literaturgeschichte, ungeachtet dessen, dass die Leselektüre erhalten bleibt, darauffolgend „durch die Ritter in Romanen, Sagen, Legenden“[30] abgelöst wird. Den vermeintlich größten Bekanntheitsgrad bekommt dabei der unverwundbare Siegfried aus dem Nibelungenlied[31] zugesprochen, dessen Taten bis heute in verschiedene Variationen adaptiert werden, unter denen sich allerdings auch ideologisch fragwürdige oder auch falsche Ideale befinden.[32]

Als im 19. Jahrhundert die Kinder- und Jugendliteratur entstand, nachdem sich auch junge Leserinnen und Leser einige Werke, die zuvor publiziert worden sind, zu eigen machten, änderte sich damit einhergehend auch die Darstellung des Fremden, da die bisherigen Außenseiter nun in die Gemeinschaft integriert werden sollten. Sie

„[...] werden in die bürgerliche Welt aufgenommen mit dem Ziel vollständiger Assimilation. Nicht selten stellt sich irgendwann heraus, daß ihre Herkunft nur scheinbar zigeunerisch ist, daß sie vielmehr [...] bürgerlicher, wenn nicht gar adliger Geburt sind.“[33]

Gundel Mattenklott verweist hierbei auf die zu dieser Zeit erschienenen Werke, wie beispielsweise Theodor Storms „Pole Poppenspäler“, welche die fremde Welt als ein Werkzeug gebrauchen, mit dem abenteuerliche Handlungen erzählt werden können. Dabei ist die Literatur stets von der Romantik geprägt, mit Hilfe derer sie eine andere Welt sowie fremde Menschen abbilden möchte.[34]

Ein derartig romantischer Umgang änderte sich jedoch gegen Ende des 19. und mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts, der nun Menschen mit einer weißen Hautfarbe als dominant auswies. Nach außen wurde die Kinder- und Jugendliteratur als ein Abenteuerroman dargestellt, inhaltlich behandelte sie aber imperialistisch-kolonialistische Vorstellungen, sodass häufig der Eindruck des Schwarzen dem weißen Herren gegenüber „als das häufig faule, träge, hinterlistige und den schuldigen Gehorsam verweigernde Subjekt“[35] vermittelt wurde.[36]

Es folgte im Zuge der Arbeiterbewegung wieder eine Abwendung dieses einschichtigen Fremdenbildes in der Kinder- und Jugendliteratur. Durch die Vereinigung aller proletarischen Schichten reflektierten nun auch Werke wie zum Beispiel „Ede und Unku“ von Alex Wedding[37] eine Solidarität derjenigen Menschen, die es in dem Konstrukt der Gesellschaft am schwersten haben. In besonderem Maße wurden Bücher mit Themen über Bettler, Landstreicher und Zigeuner publiziert, die sich von negativen Vorurteilen abwandten. Diese positive Entwicklung wurde allerdings mit dem Beginn des Nationalsozialismus unterbrochen. Fremde bekamen die Eigenschaft des Fremdseins in der Literatur erstmals allein aufgrund ihrer Abstammung oder Religion zugesprochen, dessen rassistische Ideologie der Herrenrasse sich, vermutlich zum Zwecke einer indoktrinären Beeinflussung der jungen Leserinnen und Leser, bis in die Kinderliteratur erstreckte. Diese Fremdendarstellung endete schließlich im Zuge des nationalsozialistischen Niederganges.[38]

In den 1970er Jahren des zweigeteilten Deutschlands nahm es sich ein Kinderbuchverlag der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (kurz: DDR) zur Aufgabe, antike Mythen nacherzählen zu lassen, wodurch den Fremden erneut Individualität, Grenzüberschreitungen und Selbsthilfe zugeschrieben wurde, was, wie bereits oben erwähnt, den Fremden eine positive Konnotation durch die Heroisierung zukommen ließ. In der alten Bundesrepublik (kurz: BRD) hingegen behandelte die Kinder- und Jugendliteratur verstärkt die Thematik der Gastarbeiter und Arbeitsimmigranten, welche zu dieser Zeit schon den Grundstein der noch heute aktuellen Debatte um das Verhältnis der Gesellschaft zu den Fremden gelegt hatte.[39]

In der heutigen Kinder- und Jugendliteratur wird die Darstellung des Fremden oftmals dazu genutzt, bestimmte Normen der Gesellschaft zu hinterfragen, was auch anhand der ausgewählten Beispiele erkennbar werden soll.[40]

2.2 Multikulturalität in der Kinderliteratur

Der Begriff „Multikulturalität“ entstand zunächst innerhalb einer wissenschaftlichen Kategorie, welche im Zusammenhang der „cultural studies“ eine Definition ableitete, die „das hybride Geflecht unterschiedlicher kulturübergreifender, kulturspezifischer und subkultureller Überlieferungskontexte“[41] beschrieb. In Deutschland wurde dies schließlich von Fachkreisen, die sich mit der amerikanischen Kanon-Debatte beschäftigten, übernommen.[42]

Bezogen auf die Kinder- und Jugendliteratur wird der Begriff der Multikulturalität hingegen eher umgangssprachlich verwendet. Ein derartiger Gebrauch entstand in den frühen 1980er Jahren in der BRD und charakterisiert sich durch eine Verallgemeinerung, welche den Zustand der Durchmischung nationaler Bevölkerungen nicht ausschließlich auf die klassischen Einwanderungsländer des 19. Jahrhunderts beschränkt. Des Weiteren geht mit dieser Erkenntnis, dass sich Menschen unterschiedlicher nationaler Herkunft vereinen, die Forderung nach kultureller Toleranz und der Wunsch eines Dialoges zwischen den differenten Kulturen einher. Dementsprechend befasst sich die Kinderliteratur nunmehr mit der kinderliterarischen „Fiktionalisierung von Sachverhalten, Einstellungen und Deutungsmustern im Zusammenhang mit dem ‚Programmwort‘ Multikulturalität“[43]. Die Nutzung dieser umgangssprachlichen Auffassung ist allerdings oftmals mit einer „Kulturalisierung“ verbunden, wodurch zu einer stereotypisierenden Verwendung gängiger Elemente fremder Kulturen geneigt wird.[44]

Wird ein solcher Begriff für die Kinder- und Jugendliteratur übernommen, gilt es demnach stets zu beachten, dass der Aufgriff des Themas der Multikulturalität aus dem Kontext des Tagesjournalismus sowie aktuellen politischen Diskursen entstammt, im Gegensatz zu den klassischen Kanonthemen, wie beispielsweise Reiseerzählungen oder Abenteuerbüchern, welche zwar auch etwas Fremdartiges beinhalten, jedoch eines allgemeinliterarischen Ursprungs sind. Die einer politischen Debatte entspringende Literatur kann unter dem Begriff der „Problembücher“ zusammengefasst werden, welche in Form narrativer Texte „als Beiträge zu einem aktuellen gesellschaftlichen Problem präsentiert werden“[45]. Das Kinderbuch, welches die Multikulturalität aufgreift, gilt somit als ein problemorientiertes Buch, da es aufgrund seiner debattierenden Grundlage ebenfalls eine kommunikative Funktion beinhaltet. Über die ästhetische Funktion des entsprechenden Textes, die Gattungszugehörigkeit oder über die verwendeten stilistischen Merkmale kann aufgrund dieser Tatsache jedoch keine Aussage getroffen werden.[46]

Als eine grobe Unterteilung der problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur, welche die Multikulturalität thematisiert, nennt Gina Weinkauff folgende drei Grundarten: Literatur über Gastarbeiterkinder, über die „Kopftuchmädchen“ sowie zuletzt die Migrantenliteratur, die im Folgenden genauer erläutert werden.

2.2.1 Multikulturalität in Form der Gastarbeiterkinder

Anhand der Beispiele „Benvenuto heißt willkommen“ von Hans-Georg Noack[47] sowie „Ülkü, das fremde Mädchen“ der Autorin Renate Welsh[48] schildert Weinkauff in ihrem Aufsatz „Multikulturalität als Thema der Kinder- und Jugendliteratur (KJL)“ die charakteristischen Merkmale dieser Thematik innerhalb narrativer Texte.[49] Diese befassen sich primär mit den Lebensumständen derjeniger Menschen, die als ausländische Arbeiter samt ihrer Familien nach Deutschland emigrieren und dabei oftmals, so suggeriert es in vielen Fällen die entsprechende Literatur, mit der Problematik, sich im Zwiespalt zweier Kulturen zu befinden, konfrontiert werden. Meist sind die geschilderten Erinnerungen an die ursprüngliche Heimat mit positiven Assoziationen verbunden, hingegen der Eintritt in die neue, deutsche Kultur negativ behaftet ist.[50] Beispielsweise betont der jugendliche Protagonist des Werkes „Benvenuto heißt willkommen“, in seiner neuen Lebenswelt, welche die deutsche Stadt Wolfsburg darstellt, keineswegs „willkommen“ zu sein und erkennt dabei in seiner ursprünglichen Heimat ein verlorenes Paradies.[51]

[...]


[1] Statistisches Bundesamt: Migrationshintergrund.

[2] Büker, Petra/ Kammler, Clemens: Das Fremde und das Andere in der Kinder- und Jugendliteratur. 2003, S. 7.

[3] Philipps, Carolin: Milchkaffee und Streuselkuchen. 2001, S. 122.

[4] Büker, Petra/ Kammler, Clemens: Das Fremde und das Andere in der Kinder- und Jugendliteratur. 2003, S. 7.

[5] Ebd.

[6] Kultusministerkonferenz: Interkulturelle Bildung und Erziehung in der Schule.

[7] Härtling, Peter: Ben liebt Anna. 1997, S. 4.

[8] Gündisch, Karin: Im Land der Schokolade und Bananen. 1990, S. 5.

[9] Ebd. S. 4f.

[10] Philipps, Carolin: Milchkaffee und Streuselkuchen. 2001, S. 2.

[11] Boie, Kirsten: Der Junge, der Gedanken lesen konnte. 2015, S. 2.

[12] Albrecht, Corinna: Der Begriff der, die, das Fremde. 1997, S. 80.

[13] Ebd.

[14] Ebd. S. 81.

[15] Ebd. S. 83.

[16] Karl Valentin: Zitiert nach: Albrecht, Corinna: Der Begriff der, die, das Fremde. 1997, S. 85.

[17] Albrecht, Corinna: Der Begriff der, die, das Fremde. 1997, S. 85.

[18] Ebd. S. 87.

[19] Weinrich, Harald: Fremdsprachen und fremde Sprachen. Zitiert nach: Büker, Petra / Kammler, Clemens: Das Fremde und das Andere in der Kinder- und Jugendliteratur. 2003, S. 8.

[20] Büker, Petra/ Kammler, Clemens: Das Fremde und das Andere in der Kinder- und Jugendliteratur. 2003, S. 8.

[21] Albrecht, Corinna: Der Begriff der, die, das Fremde. 1997, S. 88.

[22] Büker, Petra/ Kammler, Clemens: Das Fremde und das Andere in der Kinder- und Jugendliteratur. 2003, S. 8.

[23] Ebd.

[24] Albrecht, Corinna: Der Begriff der, die, das Fremde. 1997, S. 93.

[25] Büker, Petra/ Kammler, Clemens: Das Fremde und das Andere in der Kinder- und Jugendliteratur. 2003, S. 12.

[26] Rösch, Heidi: Entschlüsselungsversuche. 2000, S. 130.

[27] Schulz, Gudrun: Außenseiter als Thema der Kinder- und Jugendliteratur. 2005, S. 749.

[28] Fühmann, Franz: Prometheus. 2005, S. 749.

[29] Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen. Zitiert nach: Schulz, Gudrun: Außenseiter als Thema der Kinder- und Jugendliteratur. 2005, S. 749.

[30] Schulz, Gudrun: Außenseiter als Thema der Kinder- und Jugendliteratur. 2005, S. 749.

[31] Fühmann, Franz: Das Nibelungenlied. 1971, S. 749.

[32] Schulz, Gudrun: Außenseiter als Thema der Kinder- und Jugendliteratur. 2005, S. 749.

[33] Mattenklott, Gundel: Fremde Kinder im Kinderbuch. Zitiert nach: Schulz, Gudrun: Außenseiter als Thema der Kinder- und Jugendliteratur. 2005, S. 752.

[34] Schulz, Gudrun: Außenseiter als Thema der Kinder- und Jugendliteratur. 2005, S. 752.

[35] Haas, Gerhard: Eigene Welt - Fremde Welt - Eine Welt. 1998, S. 213.

[36] Ebd.

[37] Wedding, Alex: Ede und Unku. 2005, S. 753.

[38] Schulz, Gudrun: Außenseiter als Thema der Kinder- und Jugendliteratur. 2005, S. 753f.

[39] Ebd. S. 755f.

[40] Ebd.

[41] Weinkauff, Gina: Multikulturalität als Thema der Kinder- und Jugendliteratur (KJL). 2005, S. 766.

[42] Ebd.

[43] Ebd.

[44] Ebd. S. 767.

[45] Ebd. S. 768.

[46] Ebd.

[47] Noack, Hans-Georg: Benvenuto heißt willkommen. 2005, S. 769.

[48] Welsh, Renate: Ülkü das fremde Mädchen. 2005, S. 770.

[49] Weinkauff, Gina: Multikulturalität als Thema der Kinder- und Jugendliteratur (KJL). 2005, S. 769.

[50] Ebd. S. 769f.

[51] Noack, Hans-Georg: Benvenuto heißt willkommen. 2005, S. 769f.

Ende der Leseprobe aus 64 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung ausländischer Figuren in der Kinderliteratur
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
64
Katalognummer
V370649
ISBN (eBook)
9783668485808
ISBN (Buch)
9783960951162
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinderliteratur, Multikulturalität, Das Fremde, interkultureller Austausch, Interkulturalität, Ben liebt Anna, Im Land der Schokolade und Bananen, Milchkaffee und Streuselkuchen, Der Junge der Gedanken lesen konnte, Mein Freund Salim
Arbeit zitieren
Ina Knop (Autor), 2016, Die Darstellung ausländischer Figuren in der Kinderliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370649

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