Robo Advisor im Vergleich zum klassischen Anlagegeschäft im Retail Banking


Bachelorarbeit, 2017

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Motivation
1.2. Zielsetzung und Vorgehen

2. Klassisches Anlagegeschäft im Retail Banking
2.1. Begriffsbestimmung
2.2. Charakterisierung

3. Robo Advisor
3.1. Grundlagen
3.2. Arten und Funktionsweisen
3.3. Marktsituation in Deutschland

4. Vergleich
4.1. Vorbemerkung
4.2. Kundenbedürfnisse
4.3. Gebühren und Transparenz
4.4. Aufsichtsrechtliche Regulierung

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1. Motivation

Startups aus dem Bereich der Finanztechnologie, sogenannte FinTechs, prägen den digitalen Wandel in der Bankwirtschaft derzeit entscheidend. So haben sich im Zahlungsverkehr längst digitale Alternativangebote wie PayPal etabliert. Aber auch in der Kreditvergabe sind zahlreiche Plattformen wie Kickstarter oder Auxmoney bereits seit einigen Jahren erfolgreich. Das Thema Vermögensanlage steht hingegen erst seit kürzerer Zeit im Fokus von FinTechs. Die Attraktivität dieses Markts zeigt sich am stetig wachsenden Geldvermögen deutscher Privathaushalte, welches über 5,7 Billionen Euro beträgt, wovon etwa 20% in Aktien oder Investmentfonds investiert sind.[1] Während bei Banken Vertriebsinnovationen im Anlagegeschäft ausblieben, gründeten sich FinTechs mit digitalen Geschäftsmodellen für die Vermögensanlage von Privatkunden. Diese sogenannten Robo Advisor haben das Ziel, den Banken Marktanteile im Anlagegeschäft streitig zu machen und dem Kunden eine attraktivere Alternative für seine Vermögensanlage zu bieten.

1.2. Zielsetzung und Vorgehen

Diese Arbeit möchte die Frage beantworten, ob Robo Advisor in Deutschland das Potential haben, das klassische Anlagegeschäft im Retail Banking zu verdrängen. Dazu wird zunächst im zweiten Kapitel definiert, was hier unter „klassisches Anlagegeschäft im Retail Banking“ verstanden wird und das entsprechende Geschäftsfeld anschließend knapp charakterisiert. Im dritten Kapitel werden die Robo Advisor vorgestellt. Dabei werden die derzeitigen Angebote im Robo Advice kategorisiert und insbesondere herausgearbeitet, wie sich diese voneinander unterscheiden. Es folgt ein Überblick über den aktuellen Markt für Robo Advice in Deutschland. Daraufhin wird im vierten Kapitel das Angebot durch Robo Advisor mit dem klassischen Anlagegeschäft im Retail Banking verglichen. Die Gegenübererstellung umfasst jeweils eine Betrachtung zur Erfüllung von Kundenbedürfnissen, zu den erhobenen Gebühren und der gebotenen Transparenz sowie zur aufsichtsrechtlichen Regulierung. Schließlich werden die wesentlichen Untersuchungsergebnisse im fünften Kapitel in einem Fazit zusammengefasst und die Untersuchungsfrage beantwortet.

2. Klassisches Anlagegeschäft im Retail Banking

2.1. Begriffsbestimmung

Als klassisches Anlagegeschäft im Retail Banking werden in dieser Arbeit die durch Kreditinstitute im Sinne des Art. 4 Abs. 1 Nr. 1 der Capital Requirements Regulation (CRR) im standardisierten Privatkundengeschäft erbrachten Finanzdienstleistungen in Form von Anlageberatung und Vermögensverwaltung verstanden.

Bei der Anlageberatung nach § 1 Abs. 1a Satz 2 Nr. 1a Kreditwesengesetz (KWG) erörtert der Kunde üblicherweise zunächst seine aktuelle Finanzsituation sowie seine Anlageziele mit einem Bankangestellten. Dieser gibt anschließend speziell auf den Kunden zugeschnittene Empfehlungen über Geschäfte mit konkret benannten Finanzinstrumenten. Ein wichtiges Merkmal der Anlageberatung in Abgrenzung zur Vermögensverwaltung ist, dass der Kunde selbst die letztendliche Anlageentscheidung trifft. Es handelt sich nicht um Anlageberatung im aufsichtsrechtlichen Sinne, wenn die Empfehlungen lediglich allgemeiner Natur sind und sich nicht auf die persönlichen Umstände des Kunden stützen, auch nicht bloß dem Anschein nach.[2]

Im Falle der Vermögensverwaltung im Sinne des § 1 Abs. 1a Satz 2 Nr. 3 KWG, welche aufsichtsrechtlich als Finanzportfolioverwaltung bezeichnet wird, gibt der Kunde dagegen lediglich Anlagerichtlinien vor. Er erteilt einem Vermögensverwalter das Mandat, sein Vermögen im Rahmen dieser Richtlinien im besten Sinne des Kunden zu verwalten. Der Vermögensverwalter trifft dabei die einzelnen Anlageentscheidungen selbst und führt diese in der Regel ohne weitere Konsultation des Vermögensträgers durch.[3] Von der individuellen Vermögensverwaltung zu unterscheiden ist die Anlage in Investmentfonds, da das Portfolio hier nicht gemäß den persönlichen Bedürfnissen des einzelnen Anlegers zusammengestellt wird.

Beim Privatkundengeschäft von Banken wird in Literatur und Geschäftspraxis regelmäßig zwischen zwei Segmenten unterschieden: dem Retail Banking (standardisiertes Privatkundengeschäft) und dem Private Banking. Als Retail-Banking-Kunden werden meist Personen mit einem liquiden Vermögen unter 500.000 Euro verstanden. Da das Retail Banking einen Anteil von knapp 99% der Kunden des gesamten Privatkundenmarkts ausmacht[4], wird in dieser Arbeit nur darauf eingegangen.

2.2. Charakterisierung

Die vorrangig im Retail Banking aktiven Banken sind die Großbanken, die Sparkassen und Landesbanken sowie die Genossenschaftsbanken. Ihre angebotenen Produkte und Dienstleistungen sind hierbei stark standardisiert. Der Vertrieb erfolgt im Wesentlichen über Filialen und das Onlinebanking. Das Hauptprodukt im Retail Banking sind Girokonten, die dem Zahlungsverkehr dienen. Typische Anlageprodukte sind Sparbücher, Tagesgeldkonten und Termineinlagen. Diese Produkte gelten zwar als ausgesprochen sicher, aber auch als relativ niedrig verzinst.

Da die Renditen dieser konservativen Anlageprodukte im momentanen Niedrigzinsumfeld zumeist nicht einmal die jährliche Inflationsrate ausgleichen, suchen Kunden nach attraktiveren Möglichkeiten für ihre Vermögensbildung. Aus den Massenmedien und den Gesprächen mit dem Bankberater erfährt der Verbraucher regelmäßig, dass wer anstrebt, „sein Geld für sich arbeiten zu lassen“, an Wertpapiergeschäften nicht vorbeikommt. Die finanzielle Allgemeinbildung der deutschen Bevölkerung weist jedoch vor allem im Bereich der Geldanlage erhebliche Defizite auf.[5] Vermutlich auch deswegen nehmen fast Zweidrittel der deutschen Anleger eine Anlageberatung in Anspruch, wie eine repräsentative Online-Befragung zeigt.[6]

Derselben Studie zufolge sind Banken für über die Hälfte der Privatanleger der bevorzugte Partner beim Erwerb von Anlageprodukten.[7] Für die Banken stellt die Anlageberatung gewissermaßen nur ein Mittel zum Zweck dar, denn sie verdienen in der Regel nicht direkt mit der Beratungsleistung, sondern durch die daraus resultierende Vermittlung von zur Geldanlage geeigneten Finanzinstrumenten, z. B. Aktien, Anleihen und Fondsanteile. Die Erträge hieraus werden in der Gewinn-und-Verlust-Rechnung von Banken unter der Position „Provisionsüberschuss“ erfasst. Der Provisionsüberschuss stellt mit einem Anteil von 23,8% an den operativen Erträgen deutscher Banken in 2015 nach dem Zinsüberschuss (75,0%) die zweitwichtigste Ertragsquelle für Banken dar.[8] Bei den Großbanken liegt der Anteil des Provisionsüberschusses höher (36,0%)[9], da für sie die Vermittlung von Anlageprodukten und damit auch die Anlageberatung eine besonders große Rolle spielen.

Die Vermögensverwaltung hingegen leistet im Retail Banking einen wesentlich geringeren Beitrag zum Provisionsüberschuss. Sie umfasst neben einer ausführlichen Beratung auch die laufende Überwachung des verwalteten Depots, ein aktives Risikomanagement sowie regelmäßige Berichte an den Kunden. Da eine solche Dienstleistung im Vergleich zur Anlageberatung wesentlich aufwendiger ist und die Vergütung in der Regel auf Basis des Depotwerts erfolgt, ist eine individuelle Vermögensverwaltung bei den geringen Vermögen im Retail Banking kaum rentabel leistbar. Die Vermögensverwaltung ist daher überwiegend im Private Banking bei Kunden mit liquiden Vermögen ab 500.000 Euro anzufinden.

3. Robo Advisor

3.1. Grundlagen

Als Alternative zum klassischen Anlagegeschäft der Banken drängen seit wenigen Jahren zunehmend Robo Advisor (im Fachjargon kurz „Robos“ genannt) auf den Markt. Zwar könnte die wörtliche deutsche Übersetzung „Beraterroboter“ bei einigen Menschen das Bild eines humanoiden Maschinenwesens in einer Bankfiliale hervorrufen. Es handelt sich dabei jedoch nach Definition der Deutschen Bundesbank und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) um „internetgestützte, automatisierte Dienste im Kontext der Anlageberatung, der Anlage- oder Abschlussvermittlung sowie der Portfolioverwaltung“[10]. Diese sollen vor allem einfach, bequem und kostengünstig sein.

Die ersten Robo-Advice-Startups wurden 2008 in den USA unter den Eindrücken der Finanzkrise gegründet, als das Vertrauen der Kunden in ihre Bankberater einen schweren Schlag erlitten hatte. Das Startup Betterment ist eines der Pioniere und verwaltet heute über 7,36 Milliarden US-Dollar Kundengelder. Die globalen Marktführer gemessen an dem Volumen an verwaltetem Kundenvermögen („Assets Under Management“, AUM) sind mittlerweile relativ junge Angebote der großen Finanzinstitute Vanguard Group (47 Milliarden US-Dollar AUM) und Charles Schwab (10,2 Milliarden US-Dollar AUM).[11] Bei beiden Angeboten handelt es sich aber eher um Hybridlösungen, bei denen immer noch der Kontakt zu einem menschlichen Berater vorgesehen ist, als um reine Robo Advisor.[12]

3.2. Arten und Funktionsweisen

Die derzeit am Markt verfügbaren Robo Advisor unterscheiden sich in verschiedenen Aspekten teils erheblich. Abhängig vom Aufwand für den Kunden werden sie häufig in drei Gruppen eingeordnet: In der öffentlichen Wahrnehmung dominieren die automatisierten Vermögensverwalter (nachfolgend: „Full-Service-Robos“). Weiterhin gibt es die Gruppe der Plattformen, bei denen der Kunde Anlagevorschläge erhält, denen er vor Ausführung durch die Plattform zunächst zuzustimmen hat (nachfolgend: „Half-Service-Robos“). Die letzte Gruppe bilden Angebote, die lediglich Vorschläge zur eigenständigen Umsetzung durch den Kunden unterbreiten (nachfolgend: „Self-Service-Robos“).[13]

Allen drei Gruppen ist gemein, dass die Anleger mit dem Ausfüllen eines Explorationsfragebogens auf der Webseite oder in einer App des Robo Advisors beginnen. Dadurch möchte der Anbieter erfahren, was die derzeitigen persönlichen Umstände des Kunden sind und wie seine finanzielle Gesamtlage aussieht. Der Kunde gibt weiterhin Auskunft über seine Anlageziele, seine Risikoaversion und seine anlagerelevanten Vorkenntnisse und Erfahrungen. Das erlaubt es der Plattform, die Risikotragfähigkeit des Kunden einzuschätzen und ihn einer Risikoklasse zuzuordnen.

Im nächsten Schritt ermittelt ein Algorithmus ein zu diesem Kunden passendes Musterportfolio oder eine Anlagestrategie. Im Falle der Self-Service-Robos kann es sich auch nur um Anlageempfehlungen handeln. In allen Fällen bilden in der Regel Exchange Traded Funds (ETFs) den Mittelpunkt der vorgeschlagenen Anlagen. Der entscheidende Vorteil von Anteilen an solchen passiv verwalteten Indexfonds liegt in den geringeren Gebühren dieser Wertpapiere verglichen mit Anteilen an aktiv gemanagten Fonds.

Die Umsetzung der Vorschläge erfolgt bei den Half-Service- und Full-Service-Robos automatisiert, nachdem der Kunde sich bei der Plattform registriert und ein Wertpapierdepot bei einer mit dem Robo Advisor kooperierenden Verwahrstelle im Sinne des § 68 Abs. 2 Kapitalanlagegesetzbuch eröffnet. Im Falle der Self-Service-Robos muss der Kunde aus den erhaltenen Empfehlungen selbst auswählen, welche konkreten Anlageprodukte er tatsächlich verwenden möchte. Es ist ihm freigestellt, welche depotführende Stelle er wählt. Die Umsetzung der gewählten Anlagestrategie hat er dort selbständig durchzuführen.

Bei den Half-Service-Robos werden dem Kunden in regelmäßigen Abständen Anpassungen am Portfolio vorgeschlagen, um eine eventuell durch Preisänderungen verzerrte Zusammensetzung des Depots wieder an die Struktur des Musterportfolios anzugleichen („Rebalancing“). Vor der automatischen Durchführung dieser Anpassungen muss der Kunde seine Zustimmung erteilen. Im Gegensatz dazu erhalten Full-Service-Robos vom Kunden eine sogenannte Dispositionsvollmacht, wodurch sie berechtigt werden, die fortlaufende Verwaltung des Anlagevermögens im Rahmen der vereinbarten Anlagerichtlinien ohne weiteres Zutun des Kunden zu übernehmen. Die Portfolioanpassungen der Full-Service-Robos beschränken sich dabei nicht ausschließlich auf das algorithmenbasierte Rebalancing, sondern können auch z.B. Reaktionen auf aktuelle Marktentwicklungen umfassen, die durch Investmentkomitees beschlossen werden.

[...]


[1] Vgl. Deutsche Bundesbank, 2017.

[2] Vgl. BaFin/Deutsche Bundesbank, 2013, S. 3f.

[3] Vgl. Cramer, 1995, S. 14f.

[4] Vgl. Sarnitz et al., 2016.

[5] Vgl. Friebel/Kaminski, 2012, S. 6ff.

[6] Vgl. Fidelity Worldwide Investment, 2011, S. 8.

[7] Vgl. ebd., S. 9.

[8] Vgl. Deutsche Bundesbank, 2016a, S. 71.

[9] Vgl. Deutsche Bundesbank, 2016a, S. 71.

[10] Deutsche Bundesbank, 2016b, S. 80.

[11] Vgl. Bohnhoff, 2017, S. 13.

[12] Vgl. Friedberg, 2015 und Neal, 2016.

[13] Die Benennung der drei Kategorien ist entlehnt aus Stiftung Warentest, 2017, S. 57ff.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Robo Advisor im Vergleich zum klassischen Anlagegeschäft im Retail Banking
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Veranstaltung
Bachelorseminar in Bankmanagement
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
23
Katalognummer
V370793
ISBN (eBook)
9783668483538
ISBN (Buch)
9783668483545
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
robo advisor, robo advice, fintech, retail banking, anlageberatung, vermögensverwaltung, mifid, provisionen, bank, digitalisierung, robo advisory
Arbeit zitieren
Shahnawaz Mian (Autor), 2017, Robo Advisor im Vergleich zum klassischen Anlagegeschäft im Retail Banking, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370793

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