Funktionsweise und Anwendung der Lebenszyklusrechnung


Seminararbeit, 2017

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Relevanz der Lebenszyklusrechnung

2. Der Lebenszyklus
2.1 Produktlebenszyklus
2.2 Kundenlebenszyklus

3. Produktlebenszyklusrechnung
3.1 Grenzen der traditionellen Kostenrechnung
3.2 Konzept der Produktlebenszyklusrechnung
3.2.1 Allgemein
3.2.2 Aus Kundensicht
3.2.3 Aus Herstellersicht
3.2.4 Mögliche Berechnungsmethoden

4. Kundenlebenszyklusrechnung
4.1 Konzept der Kundenlebenszyklusrechnung aus Anbietersicht
4.2 Mögliche Berechnungsmethoden
4.3 Ermittlung des Customer Lifetime Value (CLV)

5. Kritische Würdigung der Lebenszyklusrechnung

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Relevanz der Lebenszyklusrechnung

Unternehmen befinden sich zunehmend in einem sich stets veränderndem Umfeld, welches insbesondere durch kürzere Technologie- sowie Marktlebenszyklen und damit verbundenen, hohen Innovationsanforderungen als auch Produktentwicklungskosten geprägt ist.[1] Neben höheren Anforderungen an die Zuverlässigkeit und Umweltverträglichkeit der Produkte (der Begriff ‚Produkt‘ wird in dieser Arbeit als Synonym für alle Arten betrieblicher Leistungserstellung verwendet) sollen deren Gesamtkosten geringer und kalkulierbarer werden. Insbesondere in Zeiten steigender Energiepreise und Personalaufwendungen sowie verstärkter Umweltauflagen, rücken die damit verbundenen Kosten vermehrt in den Fokus von Konsumenten und Unternehmen. Neben den Produkten können auch Kunden durch ihren Wert zur Erreichung der Unternehmensziele Liquidität, Erfolg sowie Nachhaltigkeit und damit zur Existenzsicherung beitragen.

Diese Anforderungen stellt auch das interne Rechnungswesen eines Unterneh­mens vor neue Herausforderungen. Es wird empfohlen, das traditionelle interne Rechnungswesen durch ein strategie- und informationsorientiertes Rechnungswesen zu ergänzen. Die Lebenszyklusrechnung, auch Life Cycle Costing (LCC) genannt, ist eine Methode der strategieorientierten Kostenrechnung, welche die traditionelle Kosten- und Erlösrechnung sinnvoll ergänzen soll.[2]

Stellvertretend für weitere mögliche Bezugsobjekte (Unternehmen, Technologien, Branchen etc.) werden im Rahmen dieser Arbeit zwei praxisrelevante Varianten, die Produkt- und Kundenlebenszyklusrechnung, betrachtet.[3] Ziel dieser Arbeit ist es, anhand vorgestellter Konzepte sowie Funktionsweisen, das Instrument Lebenszyklusrechnung zu erläutern und durch ein Beispiel zu verdeutlichen. Nach grundlegender Betrachtung des Lebenszyklus werden zunächst die Grenzen der traditionellen Kostenrechnung aufgezeigt und das Konzept der Produktlebens-zyklusrechnung erläutert. Im Anschluss wird die Kundenlebenszyklusrechnung als weitere Variante vorgestellt um abschließend beide Varianten der Lebenszyklusrechnung einer kritischen Betrachtung zu unterziehen.

2. Der Lebenszyklus

2.1 Produktlebenszyklus

Im Gegensatz zur traditionellen, periodenbezogenen und produktübergreifenden Kostenrechnung wird bei der Produktlebenszyklusrechnung entweder eine ein­zelne Einheit (üblicherweise ein Stück) einer Produktart oder die ganze Produktart selbst über alle Phasen des gesamten Lebenszyklus betrachtet.[4]

Der klassische Marktlebenszyklus (siehe oberer Teil von Abb. 1), auch Markt- bzw. Branchenzyklus genannt, stellt den gesamten Absatz-, Umsatz- oder Gewinnverlauf einer Produktart über die Zeitspanne von der Markeinführung bis zum Marktaustritt dar. Dabei wird der Zyklus standardmäßig in die Phasen Einführung, Wachstum, Reife/Sättigung (Durchdringung) und Degeneration unterteilt.[5]

Der integrierte Produktlebenszyklus (siehe unterer Teil von Abb. 1), auch Produktstückzyklus genannt, betrachtet hingegen den Lebenszyklus einer einzelnen Einheit von der Konzeption bis zur Produktentsorgung – also über die Marktphase hinaus.[6] Er integriert und erweitert damit den klassischen Marktlebenszyklus um eine vor- und nachgelagerte Phase.[7] Auf Grund seiner Aktualität und Besonderheit wird im Folgenden das Produktlebenszykluskonzept nach Joos-Sachse näher betrachtet. Der klassischen Marktphase wird eine Entstehungsphase vorangestellt. Diese besteht aus Konzeption, Forschung und Entwicklung, Produktions- sowie Absatzvorbereitung und bildet zusammen mit der Marktphase den Produktionszyklus. Nachfolgend wird der Marktphase eine Nachsorgephase angeschlossen, in welcher die Serviceleistungen sowie die Entsorgung beachtet werden. Die Besonderheit im Vergleich zu anderen wissenschaftlichen Konzepten ist die Definition des Konsumentenzyklus.[8] Nach Joos-Sachse umfasst er alle nach Verkauf der Produkte anfallenden Leistungen, also die Markt- und Nachsorgephase, einschließlich der Entsorgung.[9] Wird bei der Produktlebenszyklusrechnung, z. B. im Zuge einer Neuentwicklung, eine ganze Produktart betrachtet, muss das zeitliche Überlagern der individuellen Produkt(stück)lebenszyklen berücksichtigt werden.

Nachfolgende Abbildung verdeutlicht zum einen den Zusammenhang von Markt- und Produktlebenszyklus und zum anderen den Phasenverlauf bei einer Produkteinheit sowie das Überlagern der Phasen bei einer gesamten Produktart:[10]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abb. 1: Zusammenhang Markt- und integrierter Produkt(stück)lebenszyklus [11]

2.2 Kundenlebenszyklus

Der Kundenlebenszyklus stellt den Verlauf einer Geschäftsbeziehung zwischen Unternehmen und Kunden oder Kundengruppen dar. Somit ist der Kunden- beziehungs lebenszyklus im Vergleich zum Kunden bedarfs lebenszyklus von primärer Relevanz und wird nachfolgenden Ausführungen unterstellt.[12] Vergleichbar mit dem Produktlebenszyklus wird der Kundenlebenszyklus in typischerweise drei Kernphasen unterteilt. In der ersten Phase wird versucht neue Kunden zu akquirieren um dadurch seinen Kundenstamm zu vergrößern. Zur Intensivierung der Geschäftsbeziehung mit neuen und bestehenden Kunden, folgt in der zweiten Phase die Kundenbindung. Abschließend wird auch im Kundenlebenszyklus eine dem Ende der Geschäftsbeziehung nachgelagerte Phase angeschlossen. Sie dient zur Wiederherstellung der Kundenbeziehung und verfolgt das Ziel der Rückgewinnung von unternehmenswertsteigernden Kunden oder Kundengruppen.[13]

3. Produktlebenszyklusrechnung

3.1 Grenzen der traditionellen Kostenrechnung

Hinsichtlich Produkten betrachtet die traditionelle Kosten- und Erlösrechnung den Leistungserstellungsprozess, bei welchem die Erlöse eines Produktes spätestens zum Verkaufszeitpunkt und die Kosten spätestens zum Auslieferungszeitpunkt an den Kunden entstanden sind. Diese Kosten/Erlöse werden dann periodenbezogen (z. B. Jahr) und ohne Berücksichtigung des Zeitwertes des Geldes aggregiert, weshalb man auch von einer statischen, einperiodigen Rechnung spricht. Anschließend werden sie auf die hergestellten und verkauften Produkte innerhalb der bewerteten Periode zugerechnet, wobei sie teilweise auch Einheiten anderer Perioden zuzuordnen sind. Beispielhaft können Beschaffungskosten für Einheiten anfallen, welche erst nach der Bewertungsperiode hergestellt/verkauft werden. Dieser Umstand wird besonders für Produkte mit erheblichen Kosten/Erlösen in der Entstehungs- und/oder Nachsorgephase relevant. Sie werden Vorlaufkosten/-erlöse bzw. Nachlaufkosten/-erlöse oder Folgekosten/-erlöse genannt. Zu den Vorlaufkosten gehören bspw. Produkterst-/weiterentwicklungskosten oder Marketingmaßnahmen. Vorlauferlöse können sich z. B. aus staatlichen Entwicklungssubventionen ergeben. Nachlaufende Kosten (Gewährleistung, Wartung etc.) und Erlöse (Beratung, Reparaturen etc.) fallen nach der Auslieferung zum Kunden an.[14] Die vor-/nachlaufenden Kosten/Erlöse sind in der Form in der Kostenrechnung nicht bekannt und werden üblicherweise über Zuschlagssätze auf die Produkte verteilt.[15] Eine periodenbezogene Kalkulation ohne Berücksichtigung der vor- oder nachlaufenden Kosten/Erlöse ist nicht empfehlenswert, da die Gesamtvorteilhaftigkeit eines Produktes nur durch Einbezug dieser periodenübergreifenden Kosten/Erlöse beurteilt werden kann. Eine periodenübergreifende Rechnung, in welcher jedoch lediglich von durchschnittlichen Kosten/Erlösen ausgegangen wird, ist ebenfalls nicht zielführend. Häufigkeiten und Bewertungen einzelner Positionen können sich im Zeitverlauf verändern. Wird bspw. ein Produkt zum Zwecke der Reduzierung von Gewährleistungsfällen weiterentwickelt, so können sich die Gewährleistungskosten in den Folgeperioden reduzieren. Es befinden sich jedoch in späteren Perioden noch Produkte am Markt, welche vor der Weiterentwicklung hergestellt wurden und für höhere Gewährleistungskosten sorgen können.[16]

3.2 Konzept der Produktlebenszyklusrechnung

3.2.1 Allgemein

Das Konzept der Produktlebenszyklusrechnung, auch Product Life Cycle Costing (PLCC) genannt, wurde in Deutschland erstmals 1969 thematisiert und bis heute permanent ergänzt und weiterentwickelt.[17] Die Produktlebenszyklusrechnung versucht, einem Produkt alle Kosten/Erlöse zuzurechnen, welche während seines Lebenszyklus entstanden sind (‚von der Wiege bis zur Bahre‘).[18] In jüngerer Literatur scheint einheitliches Verständnis darüber zu existieren, dass sie neben dem Target Costing und der konstruktionsbegleitenden Kostenrechnung eine weitere Form der produktorientierten, dynamischen Methode des strategischen Kostenmanagements ist. Die Rechnung verfolgt einerseits das Ziel die gesamten Produktlebenszykluskosten zu reduzieren und andererseits zu jedem Zeitpunkt des Produktlebenszyklus die Rentabilität angeben sowie das Optimierungspotenzial feststellen zu können.[19] Bei ihrer Anwendung unterscheiden sich die Fragestellungen hinsichtlich der Betrachtungsperspektive. Hierbei ist zum einen die Sichtweise des Kunden und andererseits die des Herstellers einzunehmen.[20]

3.2.2 Aus Kundensicht

Im Allgemeinen interessiert sich der Kunde für Fragestellungen, welche ihm Ant­worten für oder gegen den Kauf eines Produktes (einer Einheit) liefern. Entlang des Konsumentenzyklus, also gemäß Joos-Sachse vom Zeitpunkt der Nutzung bis zur endgültigen Entsorgung, ergeben sich für den Kunden somit diverse Überlegungen.[21] Es gilt dabei herauszufinden welche Kosten wann, in welcher Höhe und vor allem wie lange anfallen (können). Insbesondere bei langlebigen Investitionsgütern (z. B. Automobilen) aber auch bei einfacheren, ebenfalls langlebigen Konsumgütern (z. B. Druckern oder sogar Glühbirnen), sind Höhe und Dauer der Folgekosten in die Kaufentscheidung mit einzubeziehen, da diese oftmals die ursprünglichen Anschaffungskosten übersteigen. Deshalb sollte der Trade-Off von Anschaffungs- und Folgekosten Beachtung finden: Durch höhere Anschaffungskosten können die Folgekosten unter Umständen wesentlich verringert werden.[22]

3.2.3 Aus Herstellersicht

Für den Hersteller ist primär die Gesamtheit aller hergestellten Produkte einer Pro­duktart über den gesamten Produktlebenszyklus relevant. Zu den produktartbezo­genen Produktionsentscheidungen gehören Grundentscheidungen über die Pro­duktentwicklung und Aufnahme in das Produktionsprogramm sowie ggf. spätere Weiterentwicklungs- und Beendigungsentscheidungen.[23] Speziell die Produktent­wicklungsphase ist maßgeblich für den späteren Erfolg des Produktes, der Produktart und somit des Unternehmens. In dieser Phase werden bereits 80-90 % der später nur noch schwer zu beeinflussenden Folgekosten festgelegt. Insbesondere bei langlebigen Investitionsgütern sind die Folgekosten elementar für die Kaufentscheidung der Kunden und den eigenen Unternehmenserfolg.[24]

Daraus wird auch deutlich, dass der Hersteller die unter Kapitel 3.2.2 geschilderten Überlegungen des Kunden ebenso in sein Kalkül mit einbeziehen muss und sei­nerseits den Trade-Off von Vorlauf- und Folgekosten berücksichtigen sollte. Als Faustregel gilt, dass eine Kostenerhöhung um eine Geldeinheit für die Produkt­konzeption, -konstruktion und -entwicklung acht bis zehn Geldeinheiten Kosten­einsparung im Produktions- und Vertriebsbereich erwirkt. Um derartige Zahlungs­wirkungen erkennen, planen, steuern und kontrollieren zu können, sollten zu Be­ginn einer Produktlebenszyklusrechnung die Einflussgrößen, deren Werte und be­einflusste Zahlungspositionen festgelegt sowie den Produktlebenszyklusphasen zugeordnet werden. Die anfänglich festgelegten Größen und Werte können im wei­teren Zeitverlauf Veränderungen unterliegen und damit ursprünglich geplante Zah­lungsströme beeinflussen. Dieser Umstand macht ein effizientes Kostenmanagement, auch zwischen den einzelnen Produktlebenszyklusphasen, notwendig.[25]

3.2.4 Mögliche Berechnungsmethoden

Die Produktlebenszyklusrechnung soll im Allgemeinen dazu dienen, unternehme­rische Entscheidungen für oder gegen eine Investition (eine Einheit oder eine ganze Produktart) zu treffen. Statische, einperiodige Verfahren der Investitionsrechnung tragen bereits der Hauptanforderung einer mehrperiodigen Lebenszyklusbetrachtung keine Rechnung. Exemplarisch für eine Vielzahl von in der Literatur behandelter Berechnungsmethoden soll im Folgenden der Ansatz nach Troßmann beschrieben werden. Seiner Meinung nach ist die Produktlebenszyklusrechnung eine Mischung aus dynamischer Investitionsrechnung (Kapitalwertmethode) und kostenrechnerischer Deckungsbeitragsrechnung mit Spezifika, auf welche nachfolgend eingegangen wird.[26]

Um eine entsprechende Gesamtrechnung über den Produktlebenszyklus aller Einheiten einer Produktart vornehmen zu können, bedarf es zunächst produktstückbezogener Einzelrechnungen. Die Produktlebenszyklusstückrechnung folgt zwar dem Prinzip der Stückdeckungsbeitragsrechnung, wird jedoch um folgende jahrgangsdifferenzierenden Besonderheiten erweitert: Anstatt mit leistungsverbundenen Rechengrößen ‚Kosten und Erlöse‘ wird mit den Zahlungsgrößen ‚Ein- und Auszahlungen‘ gerechnet.[27] Alle zahlungsrelevanten Positionen werden zeitlich unterschieden, erhalten also einen Zeitindex als Periodenangabe. Die Verkaufsperiode, für welche die jeweilige Einzelrechnung erstellt wird, ist die Basisperiode, d. h. alle Zeitangaben werden relativ als Abstand zur Basisperiode gemessen. Eine wesentliche Neuerung, welche speziell den Anforderungen der Produktlebenszyklusrechnung dienen soll, ist die Zuordnung eines Verweilzeitfaktors. Durch sie können auch Zahlungen berücksichtigt werden, welche in ihrer Häufigkeit oder ihrem Entstehungszeitpunkt unsicher sind.[28] Sie werden pro Verkaufsjahrgang prozentual zur Verkaufsmenge prognostiziert und bestimmen den relativen, zeitlichen Abstand eines Zahlungsereignisses zur Verkaufsperiode (Basisperiode). Ein Kalkulationszinssatz i ermöglicht es, die einzelnen Zahlungspositionen gemäß ihrem Zeitindex auf den Barwert zur Verkaufsperiode abzuzinsen (Diskontierung). Als Ergebnis erhält man den Stückdeckungsbeitragsbarwert einer Einheit der Produktart für die untersuchte Verkaufsperiode. Aus Kundensicht kann die Einzelrechnung zur Alternativenauswahl in Betracht kommen. Aus Herstellersicht können damit der Deckungsbeitrag einer Verkaufsperiode berechnet und somit jahrgangsbezogene Entscheidungen über die Produktionsweiterführung getroffen werden.[29] Um Antworten zu grundsätzlicheren, die Produktart betreffenden Fragestellungen zu erhalten, bedarf es einer auf den Einzelrechnungen aufbauenden, produktartbezogenen Gesamtrechnung.

Die Gesamtrechnung folgt ebenfalls dem Grundprinzip der Gesamtdeckungsbeitragsrechnung ergänzt um die Kapitalwertmethode.[30] Die Gesamtdeckungsbeiträge der Verkaufsperioden können, nach Abzinsung auf das Basisjahr, addiert werden. Das Zwischenergebnis ist ein kapitalisierter Gesamtdeckungsbeitrag über alle Verkaufsperioden hinweg. Die ursprünglichen produktartbezogenen Entwicklungs- als auch die späteren Weiterentwicklungskosten können dem Gesamt-deckungsbeitrag gegenübergestellt und die Investition in seiner Ganzheit, über den gesamten Lebenszyklus, beurteilt werden.[31] Ist der Kapitalwert K als Endergebnis der Rechnung > 0, so ist die Investition vorteilhaft.

4. Kundenlebenszyklusrechnung

4.1 Konzept der Kundenlebenszyklusrechnung aus Anbietersicht

Mittels der Kundenlebenszyklusrechnung, auch Customer Life Cycle Costing (CLCC) genannt, soll ein Kunde oder eine ganze Kundengruppe über den gesamten Verlauf des Kundenlebenszyklus (siehe Kapitel 2.2) hinsichtlich seines/ihres Wertes und somit seiner/ihrer Vorteilhaftigkeit für das Unternehmen untersucht werden. Diese Kundenwertermittlung dient, neben vielfältigen weiteren Anwendungsmöglichkeiten im Marketing, zur Optimierung der Kundenstruktur.[32] Allgemein formuliert ist das Ziel der Kundenwertermittlung und somit auch der Kundenlebenszyklusrechnung, seine Bestimmungsparameter (z. B. Investitionskosten zur Kundengewinnung, Kundenbindungs- und Kundenentwicklungskosten etc.) so zu steuern, dass die einzelnen Kundenwerte und infolgedessen der Kundenstammwert insgesamt positiv werden. Mit einem positiven Kunden(stamm-)wert soll ein Beitrag zur Steigerung des eigenen Unternehmenswertes geleistet werden.[33]

4.2 Mögliche Berechnungsmethoden

Kunden werden ebenfalls als Investitionsobjekte angesehen, weshalb bei der Kundenlebenszyklusrechnung – analog zur Produktlebenszyklusrechnung – in der Regel die dynamischen (mehrperiodigen) den statischen (einperiodigen) Verfahren der Investitionsrechnung vorgezogen werden. Aus diesem Grund konzentrieren sich die folgenden Ausführungen auf Verfahren der dynamischen Kundeninvesti-tionsrechnung.[34] Analog zur Produktlebenszyklusrechnung wird bei der Kundenlebenszyklusrechnung ebenfalls in Kundeneinzelrechnung (Berechnung des einzelnen Kundenwerts) und in Kundengesamtrechnung (Ermittlung des Kundenstammwerts) unterschieden. Des Weiteren wird zur Ermittlung eines für das Unternehmen nachhaltigen Kundenwerts die Einbeziehung von monetären und nichtmonetären Faktoren empfohlen. Der monetäre Kundenwert, auch Customer Lifetime Value (CLV) genannt, wird als Barwert aller kundenspezifischen Ein- und Auszahlungen über den Kundenbeziehungslebenszyklus verstanden.[35] Damit wird, im Gegenzug zu statischen Rechnungen, auch das zukünftige Kundenpotenzial berücksichtigt. Nichtmonetäre Faktoren, wie z. B. die Kundenzufriedenheit, können mittels der Ermittlung eines Referenzwertes in die Rechnung mit einfließen.[36] Die Addition der monetären und nichtmonetären Kundenwertbestandteile ergibt den nachhaltigen Kundenwert. Durch Kumulation aller aktuellen und potenziellen nachhaltigen Kundenwerte ergibt sich der Kundenstammwert, auch Kundenkapitalwert oder Customer Equity (CE) genannt.[37]

Anhand eines Rechenbeispiels soll im Folgenden die Vorgehensweise zur Ermittlung des monetären Kundenwerts/Customer Lifetime Value (CLV) eines Kunden veranschaulicht werden. Auf Grund der Komplexität zur Ermittlung des nichtmonetären Referenzwertes, beschränkt sich das Rechenbeispiel auf den monetären Kundenwert. Auch auf die anschließende Berechnung des Customer Equity (CE) wird verzichtet, da es sich lediglich um die Addition der Kundenwerte handelt.

4.3 Ermittlung des Customer Lifetime Value (CLV)

Zu Beginn der Berechnung des Customer Lifetime Value (CLV) sind einige Annahmen zu treffen. Dazu zählen insbesondere die Gesamtdauer der Geschäftsbeziehung, alle anfallenden Ein- und Auszahlungen über diese prognostizierte Dauer sowie ein kunden(risiko)spezifischer Kapitalkostensatz als Grundlage für die Diskontierung der Ein- und Auszahlungen.[38]

[...]


[1] Vgl. Joos-Sachse, T. (2014), S. 94; vgl. Brunn, H.G. (2009), S. 67 ff.

[2] Vgl. Coenenberg, A.G./Fischer, T.M./Günther, T. (2016), S. 8 ff.

[3] Vgl. Geißdörfer, K. (2008), S. 74 f.; vgl. Schild, U. (2005), S. 156 ff.; vgl. Kajüter, P. (2005), S. 91 f.; vgl. Coenenberg, A.G./Fischer, T.M./Günther, T. (2016), S. 635.

[4] Vgl. Coenenberg, A.G./Fischer, T.M./Günther, T. (2016), S. 614; vgl. Joos-Sachse, T. (2014), S. 295.

[5] Vgl. Joos-Sachse, T. (2014), S. 296.

[6] Vgl. Friedl, G./Hofmann, C./Pedell, B. (2013), S. 495.

[7] Vgl. Coenenberg, A.G./Fischer, T.M./Günther, T. (2016), S. 614 f.; vgl. Riezler, S. (1996), S. 8 f.

[8] Vgl. Troßmann, E./Baumeister, A. (2015), S. 249 ff.

[9] Vgl. Joos-Sachse, T. (2014), S. 296 ff.

[10] Vgl. Riezler, S. (1996), S. 10; vgl. Coenenberg, A.G./Fischer, T.M./Günther, T. (2016), S. 614;
vgl. Joos-Sachse, T. (2014), S. 296 f.

[11] Eigene Darstellung in Anlehnung an: Troßmann, E./Baumeister, A. (2015), S. 250; Coenenberg,
A.G./Fischer, T.M./Günther, T. (2016), S. 615; Joos-Sachse, T. (2014), S. 296 f.

[12] Vgl. Burmann, C./Hundacker, S. (2003), S. 5.

[13] Vgl. Simon, H./Gathen, A.v.d. (2010), S. 189 ff.

[14] Vgl. Troßmann, E./Baumeister, A. (2015), S. 249 ff.; vgl. Troßmann, E. (2013), S. 423 ff.

[15] Vgl. Joos-Sachse, T. (2014), S. 295 ff.

[16] Vgl. Troßmann, E. (2004), S. 59.

[17] Vgl. Geißdörfer, K. (2008), S. 55.

[18] Vgl. Joos-Sachse, T. (2014), S. 295.

[19] Vgl. Kremin-Buch, B. (2007), S. 84.

[20] Vgl. Coenenberg, A.G./Fischer, T.M./Günther, T. (2016), S. 613.

[21] Vgl. Joos-Sachse, T. (2014), S. 296.

[22] Vgl. Coenenberg, A.G./Fischer, T.M./Günther, T. (2016), S. 616 ff.

[23] Vgl. Troßmann, E./Baumeister, A. (2015), S. 249 ff.

[24] Vgl. Coenenberg, A.G./Fischer, T.M./Günther, T. (2016), S. 568 ff.

[25] Vgl. Coenenberg, A.G./Fischer, T.M./Günther, T. (2016), S. 614 ff.; vgl. Friedl, G./Hofmann, C./

Pedell, B. (2013), S. 496 ff.

[26] Vgl. Troßmann, E./Baumeister, A. (2015), S. 251 ff.

[27] Vgl. Riezler, S. (1996), S. 102 f.; vgl. Troßmann, E./Baumeister, A. (2015), S. 251; vgl. Joos-

Sachse, T. (2014), S. 94.

[28] Vgl. Troßmann, E. (2013), S. 429 ff.

[29] Vgl. Troßmann, E. (2004), S. 59 ff.

[30] Vgl. Coenenberg, A.G./Fischer, T.M./Günther, T. (2016), S. 615.

[31] Vgl. Troßmann, E./Baumeister, A. (2015), S. 251 ff.

[32] Vgl. Homburg, C./Daum, D. (1997), S. 57 ff.

[33] Vgl. Coenenberg, A.G./Fischer, T.M./Günther, T. (2016), S. 630.

[34] Vgl. Homburg, C./Daum, D. (1997), S. 96 ff.; vgl. Coenenberg, A.G./Fischer, T.M./Günther, T.
(2016), S. 626 ff.; vgl. Helm, S./Günter, B. (2006), S. 9.

[35] Vgl. Friedl, G./Hofmann, C./Pedell, B. (2013), S. 501;vgl. Weber, J./Lissautzki, M. (2006), S. 278 f.

[36] Vgl. Coenenberg, A.G./Fischer, T.M./Günther, T. (2016), S. 621 ff.

[37] Vgl. Burmann, C./Hundacker, S. (2003), S. 12; vgl. Weber, J./Lissautzki, M. (2006), S. 278.

[38] Vgl. Coenenberg, A.G./Fischer, T.M./Günther, T. (2016), S. 627 ff.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Funktionsweise und Anwendung der Lebenszyklusrechnung
Veranstaltung
Seminar "Ausgewählte Fragestellungen des internen Rechnungswesens"
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V370879
ISBN (eBook)
9783668486232
ISBN (Buch)
9783668486249
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lebenszyklus, Lebenszyklusrechnung, LCC, CLCC, Lifecycle
Arbeit zitieren
Sarah Rein (Autor:in), 2017, Funktionsweise und Anwendung der Lebenszyklusrechnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370879

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