Über die Funktion von Widersprüchen und Ambivalenzen im und am Text "Der Pfaffe Amis" des Stricker


Seminararbeit, 2010

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Vorwort und Fragestellung

2. Erläuterungen zu Dichter und Werk

3. Unklarheiten bei der Zuordnung des Text ins Gattungssystem und bei der Einheit des Textes an sich
3.1 Welche Stellung hat der Text im Gattungssystem?
3.2 Zur Einheit des Textes

4. Widersprüche, Unklarheiten und offene Fragen im Text selbst
4.1 Widersprüche in der Figur des Amis selbst
4.2 Widersprüche zwischen den Aussagen des Erzählers und den erzählten Begebenheiten
4.3 Widersprüche auf der Handlungsebene

5. Mögliche Lösungsansätze, Schlussfolgerungen und Schluss

6. Quellen

1.Vorwort und Fragestellung

Der Stricker hat mit seinem „Pfaffen Amis“ den ersten deutschen Schwankroman niedergeschrieben und damit eine Gattungsgeschichte begründet, die auf zahlreiche Nachahmungen blicken kann. Bis ins 16. Jahrhundert hinein ist er abgeschrieben, gedruckt und bearbeitet worden, unter anderem von Herman Bote, der den legendären Ulenspiegel schuf. Wie weiter unten im Text beschrieben, zeigt sich die Entstehungsgeschichte des Textes als überaus vielfältigen Vermutungen unterzogen, und in nichts steht dem die textzugehörige Deutungsgeschichte entgegen: Sofern als Schwankliteratur nicht mit dem Vorwurf der derben, groben und unappetitlichen Anmaßung und Flegelei konfrontiert, wurde der Text im 19. und frühen 20. Jahrhundert als harmlose Spaßmacherei aufgefasst, als einzig dem humoristischen Zeitvertreib des Publikums genügende Zerstreuungsliteratur, wobei die Bemerkungen des Erzählers im Prolog, die von Werte- und Weltverfall künden, entweder nicht wahrgenommen oder aber als nicht ernstzunehmend abgetan wurden. Zeitgleich mit der Erneuerung und Änderung eines überholt scheinenden Ulenspiegelbildes in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts sind zunehmend auch die negativen Charakterzüge des Pfaffen Amis entdeckt worden, ebenso wurde auch der Text an sich einem Paradigmenwechsel unterzogen: er wurde nicht länger als Ansammlung lustiger Streiche angesehen, jetzt vermutete man hinter der Erzählung eine konkrete Handlungsaufforderung, unklar schien jedoch, wie diese aussah: Wahlweise wähnte man hinter dem Text ein Programm des neuen bürgerlichen Verhaltens, wahlweise aber auch Hilfestellung für ein adliges Publikum, welches sich zu diesem Zeitpunkt bereits in einer tiefen Legitimationskrise befand. Bereits zuvor war die list des Pfaffen Amis als Sieg der Vernunft und des Verstandes über die Dummheit gedeutet worden.

Später unterzog man den „Pfaffen Amis“ einer sozialgeschichtlichen Deutung, Amis´ Verstand, seine Fähigkeit zu kluger Vorausschau wurden entweder als bürgerliche Tugend oder aber als Wiederherstellung eines funktionierenden (Wirtschafts-)Systems gedeutet. Beide Deutungen sahen die Figur des Amis als eine Projektionsfläche für das jeweilig gedachte Publikum an - Amis als „Bestätiger“, als „Bekräftiger“, als Bewahrer einer bürgerlichen oder feudaladligen Moral und Ethik. Völlig unbesehen blieb dabei, dass einer solch positiven Interpretation der Figur die textinternen Beschreibungen, Amis sei der, der das Lügen und Trügen in die Welt gebracht habe, aber auch der, der vor offener Gewaltanwendung anderen Menschen gegenüber nicht zurückschreckt, wie im Schwank von den Kaufleuten in Konstantinopel, widersprechen, zum Teil wurden diese Widersprüche auch abgeschwächt, indem Amis´ unmoralisches Handeln als aus lauteren Motiven geschehend dargestellt wird.

Gleich welcher bisherigen Interpretation man folgen mag, sie gehen doch alle von einem in sich stimmigen, einwandfrei und einheitlich bewertbaren Charakter des Protagonisten aus: entweder ist er gut oder böse, klug oder töricht, handelt er im Dienste der Werte oder aber gegen sie.[1]

Wie und ob überhaupt nach der neueren und neuesten Forschung ein Protagonist sowie ein Text zu handhaben ist, der voller Widersprüche steckt, und zu welchem möglichen Lösungsansatz man kommen könnte, verdrängte man diese nicht, sondern integrierte sie in eine mögliche Deutung, die dann unter Umständen genauso ambivalent ausfällt wie Protagonist und Text es sind, soll Thema dieser Seminararbeit sein. Welche konkrete Handlungsaufforderung, welches moralische Programm lassen sich aus dem „Pfaffen Amis“ ableiten, wenn man sich mit den Widersprüchen in Text und Hauptfigur auseinandersetzt?

2. Erläuterungen zu Dichter und Werk

An der Schwelle zum Spätmittelalter, in dem Jahrzehnt um 1220, als Liebe und Abenteuer am Hofe des Königs Arthur die Themen des modernen Romans stellen, als die alte Heldendichtung mit Nibelungenlied und Dietrichepik eine kleine Renaissance geniesst und die Legende den irdischen Heroen die ihrigen entgegensetzt, tummelt sich unter seinen Zeitgenossen Wolfram von Eschenbach, Hartmann von Aue, Walther von der Vogelweide, Neidhart, Freidank und Rudolf von Ems ein weiterer Sänger an den Höfen des heutigen Deutschlands und Österreichs, einer, der zwei große Werke – „Karl der Große“ und „Daniel von dem Blühenden Tal“ - schreibt, der Nachwelt jedoch zumeist seiner Kleinepik wegen im Gedächtnis verhaftet bleibt: Er nennt sich selbst schlicht „der Stricker“.

Sein Name, der mittelhochdeutsch für Verknüpfer, Flechter, Binder, Schnürer steht, lässt zwei mögliche Rückschlüsse auf den vermutlich fahrenden Sängers zu: Entweder war er Handwerker, nämlich Seiler, also bürgerlicher Herkunft oder er sah sich als jemanden, der sein Publikum zu fesseln versteht. Vor allem in Oberösterreich und Franken scheint er seine Kunst ausgeübt zu haben, die Zeit seines Wirkens hingegen lässt sich nur ungefähr ermitteln, sicher aber scheint, dass er der nachklassischen Generation zuzurechnen ist, also jenen Literaten, die die Welt und ihre Ordnung als im Zerfall begriffen sahen und ihr die konservierende, bewahrende, göttliche Ordnung, die ordo divinus entgegensetzten. Die nachklassische Lyrik war also weder klassen- noch kulturkämpferisch ausgeprägt, auch der Stricker preist in seinen Werken stets den, der „bei seinem Leisten bleibt“. Als fahrender Sänger war der Stricker von Mäzenen abhängig, auch scheinen seine Werke hauptsächlich für adliges Publikum geschrieben worden zu sein, dessen Rang allerdings wir nicht kennen. Aber auch der Vortrag auf städtischen Märkten und im religiösen Raum ist denkbar, wenngleich die Texte von allein volkstümlicher Unterhaltung doch weit entfernt sind. Weit bis zur Tradition der äsopischen Fabel reichen seine Stoffe zurück, Liebe und Abenteuer werden in seinen Werken zu Gunsten des Lobpreis einer neuen, urban wirkenden Vernunft hintan gestellt. Und doch zeigt die Verwendung des aus dem Kloster stammenden allegorisierenden Blickes auf die Welt, der sie in gut und böse, ergo in eine duale respektive polare Struktur teilt, dass trotz allem Vernunftpreis hier kein Frühaufklärer seine Worte und Werke strickte, sondern ein Mann, der sich der volkstümlichen, mit sämtlichen patriarchalen Mustern behafteten Theologie verbunden glaubte. Viel scheint dem Stricker an der Betonung der naturgemäßen Art gelegen zu haben, eine Affinität zum Utilitarismus, also dem Gleichsetzen des Nützlichen, Erfolgreichen mit dem Guten an sich, kann ihm ebenso zugesprochen werden. Seine Lehre vom angemessenen, vernünftigen Handeln hat der Stricker vor allem in den kleinen Erzählformen ausgebaut, in kurzer Verserzählung, Fabel und Exempel.[2]

Der Stricker, der als bedeutendster Autor deutschsprachiger Kleinepik des 13. Jahrhunderts gelten kann, hat mit dem „Pfaffen Amis“, dessen Motive im später entstandenen „Ulenspiegel“ teilweise adaptiert wurden, den ersten deutschen Schelmenroman erschaffen und kann ergo als Wegbereiter der Gattung deutschsprachiger Schwankdichtung gelten. Doch nicht nur bei der Zuordnung zu einer Gattung, auch rein sprachlich gibt sich der „Pfaffe Amis“ innovativ, so steht zwar fest, dass der Text für ein adliges, höfisches Publikum geschrieben wurde (höfische Wertbegriffe wie ere, milte, zuht, tugent, vröude,… legen davon Zeugnis ab, ebenso die Verwendung des arturischen Romanstrukturschemas von Auszug, aventiure und Heimkehr), es zeigt sich jedoch eine Tendenz zur Öffnung des Publikums in der Verwendung volkstümlicher, teilweise mundartlicher Ausdrucksweise.[3]

„Der Pfaffe Amis“ ist uns erhalten in neun Handschriften, zwei Bruchstücken und einem alten Druck; die Textüberlieferung selbst ist uneinheitlich, eine Fassung reduziert den Text um den Schwank von Messe[4], auch variiert die Reihenfolge der Schwänke, deren Held Amis, der buchgelehrte, belesene, freigebige Seelsorger der englischen Stadt Tramis ist, untereinander.[5]

Nachdem im Prolog der vergangenen Zeiten mit einem temporis laudatio actis gehuldigt wurde, stellt der Erzähler die Hauptfigur des Textes näher vor; er bezeichnet Amis als gelehrten, freigebigen, gastfreundlichen Mann, aber eben auch als den, der „liegen triegen aneviench“[6], der Betrug und die Lüge also in die Welt hineinbrachte.

Im ersten Schwank bekommt Amis Besuch vom Bischof, dessen Missgunst die Freigebigkeit Amis´ erregt hat. Dieser unterstellt Amis, überschüssiges Gut zu besitzen, von welchem er dem Bischof abgeben solle. Amis erwidert, Überschuss sei bei ihm nicht zu finden, der Bischof könne jedoch gerne sein Gast sein. Da der Bischof befindet, Amis mache größeren Hof als er selbst, was unbillig sei, droht er ihm mit Entzug seiner Pfründe, Amis jedoch überlistet den Lehnsherren, indem er ihm anbietet, seine theologischen Kenntnisse und die Eignung für die Pfarrstelle vom Bischof prüfen zu lassen. Nun stellt der Bischof ihm gesamt mehrere Fragen (wie viel Wasser im Meer sei, wie viele Tage seit Adams Zeiten vergangen sind, wo die Mitte der Welt sei und wie groß die Entfernung zwischen Himmel und Erde, wie hoch der Himmel sich ausdehne), die Amis allesamt klug aber verschwommen beantwortet – der Bischof weiß, dass die Antworten nicht stimmen, kann aber das Gegenteil nicht beweisen bzw. die Antworten selbst an sich gar nicht erst überprüfen. Der erzürnte Bischof verlangt von Amis die Erfüllung einer letzten Aufgabe: er möge einem Esel das Lesen beibringen. Auch hier hilft eine List, die den Bischof glauben macht, der Esel mache Fortschritte, wo er doch in Wirklichkeit nur Futter zwischen den Seiten eines Buches sucht. Dreißig Jahre hat Amis sich für die Erfüllung dieser Aufgabe ausbedungen, doch vorher stirbt der Bischof. Nachdem bekannt gemacht wird, Amis habe dem Esel wirklich das Lesen beigebracht, kennt sein Ruhm bald keine Grenzen mehr und die Menschen kommen von überall her, um bei ihm zu speisen und ihn kennenzulernen. Um die Gastfreundschaft, die er auf keinen Fall aufgeben will, finanzieren zu können, begibt Amis sich auf Wanderschaft, um sein Vermögen, das zunehmend schwindet, zu mehren und mit Gut und Geld seine Großzügigkeit zu erhalten.

Amis Weg führt ihn in ein Dorf, in welchem gerade eine Kirchweih stattfindet. Dort predigt er unter Zuhilfenahme einer Reliquie, die er „Sant Brandanes houbet“[7] nennt und gibt vor, Geld für einen Dombau zu sammeln, allerdings sei es so, dass Brandans Haupt ihm aufgetragen habe „ (…) daz ich des opphers niht neme / daz hat es mir verboten an den lip / daz mir gebe dehein wip / die zu irem elichen man / ie keinen andern gewan. / Die so getan han man, / den gebeut ich, daz sie stille stan, / und geben sie mir icht, / swaz des si, das nem ich niht.“[8] Um nicht öffentlich als Ehebrecherinnen dazustehen, geben also alle Frauen, auch die, die keinen Liebhaber je ihr Eigen nannten, fleißig Geld und Wertgegenstände in die Kollekte. Sein Reichtum mehrt sich, andere Frauen laden ihn in ihre Dörfer uns Städte, um jeden Zweifel an ihrer Ehrbarkeit auszuräumen. In der dritten Episode nun reist Amis zum König Frankreichs, dem er weismacht, er sei Maler, seine Bilder jedoch könne nur der sehen, der von ehrlicher, d.h. ehelicher Geburt sei. Dies kommt dem König gelegen; er gedenkt, den Lehnsleuten, die unehelicher Geburt sind, das Lehen wieder zu entziehen (das Lehnsverhältnis, welches auf beiderseitiger Treue beruhen sollte, ist also bereits von vornherein gestört), sieht allerdings zu seinem Schrecken dann selbst kein einziges Bild (was daran liegt, dass Amis keinen einzigen Pinselstrich getan hat). Dennoch preist der König die Bilder in den höchsten Tönen – und alle Lehnsleute folgen seinem Beispiel, bis ein endlich ein „tumber“[9] dem Spuk ein Ende bereitet und spricht: „Ich weiz niht, wes kunnes ich si, / ob ich vater ie gewan. / Hie ist niht gemalet an. / Hie siht nimant baz dan ich.“[10], woraufhin alle im Raum den Betrug erkennen, und Amis bald für seine vortreffliche Lüge loben. Dieser allerdings befindet sich bereits in Lothringen, wo er sich bei einem anerkannten Herzog (der es scheinbar Leid ist, nicht wenig Geld für die Krankenpflege auszugeben, obwohl dies eigentlich zu seinen herrschaftlichen Pflichten gehört) als der beste Arzt der Welt (kundiger sei nur Gott) vorstellt und ihm verspricht, alle die Kranken zu heilen, die weder Aussatz noch äußerliche Verletzungen haben. Der Lohn, den er begehrt, solle ihm erst nach der Genesung der Siechenden zuteil werden. Und so nimmt er den Kranken das Versprechen ab, eine Woche lang über seine Behandlungsmethoden zu schweigen und eröffnet ihnen, das Blut des Kränksten unter ihnen nehmen zu wollen, um sie alle von ihren Leiden zu befreien. Freilich will nun keiner mehr der Kränkste sein, und so heucheln die Leidenden ihre Genesung und tragen dies auch dem Herzog vor. Amis selbst wird mit 300 Silbertalern belohnt und ist längst hinfort geritten, als die Kranken (deren mangelnden Gemeinschaftssinn, welcher bekanntlich den Nutzen für eine Gesellschaft vor den Eigennutz stellt, hier kritisiert wird) nach einer Woche die Wahrheit zu erkennen geben. Dennoch sind sich alle in Lothringen einig: „(…) der pfaffe Ameis / wer mit kargen listen weis“[11].

Amis, dessen Ruf als Heiler ihm nun vorauseilt, gerät an eine Bäuerin, der er mit Hilfe ihres „wiederauferstandenen“, in Wirklichkeit nur gleichartigen Hahns vorspielt, alles, was sie ihm gäbe, bekäme sie doppelt zurück, einmal hier auf Erden und einmal im Himmelreich. Nach Vortäuschung dieses Wunders beschenkt sie ihn reichlich und hofft auf einen umfangenden Ablass. Auch in diesem Schwank hat Amis wieder Reliquien benutzt, um seine kirchliche Autorität zu unterstreichen („ Sie waren schone golt var. / Da stunden inne steine, / die waren alle gemeine / kristallen luter als ein ys.“[12] ).

Amis reitet weiter durch das Land, schickt jedoch seine Gehilfen voraus, die ihm Informationen über die in der nächsten Gemeinde lebenden Menschen zukommen lassen, damit Amis sich dort als „Wahrsager“ profilieren kann. Die Leute, die er betrügt, sind gänzlich erstaunt über sein Wissen über sie und betrachten ihn als Propheten, den sie, zum Dank für seine Worte, reichlich entlohnt wieder ziehen lassen. Im nächsten Schwank erstaunt der Pfaffe einen einfältigen Bauern, indem er ihn glauben macht, Gott habe Fische in dessen Brunnen gesetzt, nachdem Amis sich diese gewünscht habe. Er umgibt sich also mit der der Aura eines Heiligen, der in direktem Kontakt mit der göttlichen Instanz steht (obwohl er die Fische natürlich selbst an jenem Ort ausgesetzt hat, an dem er sie benötigte). Wiederum zieht Amis reich beschenkt von dannen und begegnet einer Rittersfrau, deren Mann außer Haus ist. Er macht sie glauben er sei ein Heiliger und erhält ein Tuch von großem Wert, mit dem er hinfort zieht. Als der Ritter zurückkehrt und Betrug wittert, setzt er dem Pfaffen nach und entwendet ihm das Tuch, das nach einer Weile aber Feuer fängt, weil Amis heimlich ein glühendes Kohlenstück hineingelegt hat. So groß ist die Furcht des Ritters davor, mit diesem Brand von Gott auf sein sündiges Verhalten aufmerksam gemacht worden zu sein („Er wolde vil gewiz han, / ez wer von den sunden komen“[13]), dass er Amis umso reicher beschenkt.

Wiederum schickt Amis seine Gehilfen in die nächste Stadt, in der sie sich als blind und lahm ausgeben. Erneut ein Wunder und seine eigene Heiligkeit vortäuschend, „heilt“ Amis die beiden scheinbar Versehrten und lässt sich von den Stadtbewohnern reichlich Spenden darbieten.

Auffallend textreich sind die beiden letzten Episoden, auch erfordern sie vom Pfaffen den größten Aufwand (und die größte Skrupellosigkeit): Amis begibt sich „in eines koufmannes weis“[14], also mit teuren Transportkisten und Saumtieren nach Konstantinopel, wo er einen Maurer, der ein fränkischer Landsmann des Pfaffen zu sein scheint, überredet, Bischof eines mächtigen Bistums in Griechenland zu werden. Anfangs hält der Maurer dies für Spott, bald jedoch erliegt er dem verlockenden Angebot, das Amis ihm unterbreitet. Er führt ihn zu einem zuvor ausgespähten Tuchhändler und verhandelt mit dem Kaufmann unter dem Vorwand, sein Bischof wolle ein prächtiges Pfingstfest geben und benötige dafür alle verfügbaren Tücher. Nach dem Aushandeln des Preises lässt Amis alles Tuch wegtragen und hinterlässt dem Händler den Bischof, von dem er zuvor verlangt hat, er solle nichts weiter sagen als „daz ist wahr“[15] als Versicherung, die Ware zu bezahlen. Nach drei Tagen jedoch ist der vermeintliche Bischof noch immer Gast im Hause des Händlers und die Ware bleibt unvergütet. Provoziert durch die ständige Wiederholung des „daz ist wahr“[16] als Antwort auf all seine Fragen, schlägt der Händler auf den menschlichen Faustpfand ein, bis ein Passant einschreitet, weil er den Bischof als Maurer erkennt. Zurück bleiben beide mit der Erkenntnis, betrogen worden zu sein - und mit jeder Menge Hohn und Spott. Die List, sonst allgegenwärtig, sowie trickreiche Täuschung und Witz treten in dieser Episode zugunsten einer skrupellosen Form von Nötigung und Diebstahl in den Hintergrund. Der nächste Schwank erfordert von Amis zusätzlich eine erhöhte Gewaltbereitschaft: Er bekundet einem Edelsteinhändler die Bereitschaft, sämtliche Steine kaufen zu wollen. Als dieser misstrauisch bleibt, bietet Amis ihm an, beim Abwägen des Silbers dabei zu sein und dafür sogar noch entlohnt zu werden. In Amis´ Quartier jedoch wird der Händler überwältigt und gefesselt. Noch vor der Abreise sucht Amis einen Arzt auf, dem er weismacht, der Händler sei sein verwirrter Vater, der ständig von Bezahlung rede und von Diebstahl spreche – der Arzt möge sich bitte seiner annehmen. Dem kommt der Arzt auch nach und unterzieht den Edelsteinhändler einer qualvollen Therapie, die beinahe an Folter grenzt, bis dieser sich freikauft und berichtet, was sich wirklich zugetragen hat. Seine Geschichte weckt nicht einmal die menschliche Anteilnahme seiner Frau, denn jene trauert nur um das Honorar, das der Händler nichtsdestotrotz höchstselbst an den Arzt zu zahlen hat.

Im Schwank von der Messe gibt Amis sich als törichter Bauer aus, der in einem reichen Kloster nach einer angeblichen Begegnung mit einem Engel mit einem Male fehlerfrei die Messe zu lesen imstande ist. Durch dieses vermeintliche Wunder werden Gläubige angezogen, mit deren Spenden sich Amis in einer Nacht-und-Nebel-Aktion absetzt, nachdem er die Mönche sämtlich betrunken gemacht hat. Daraufhin reist Amis wieder nach seiner Pfarrstelle, wo er die nächsten 30 Jahre damit zubringt, den erwirtschafteten Reichtum unter seine Gäste zu bringen.

Scheinbar geläutert begibt sich der Pfarrer, der lange unter Ausnutzung kirchlich-religiöser Mittel die Einfältigen betrogen hat, in ein (Zisterzienser-)Kloster und tut dort das, was er am besten kann: wirtschaften und Reichtum mehren – bis er schliesslich zum Abt gewählt wird, stirbt und ihm das ewige Leben geschenkt wird.

3. Unklarheiten bei der Zuordnung des Text ins Gattungssystem und bei der Einheit des Textes an sich

3.1 Welche Stellung hat der Text im Gattungssystem?

Die Stellung des Textes im mittelalterlichen Gattungssystem ist nicht leicht zu beantworten. Die kompositorische Einheit von Zeit- und Raumstruktur, der allen Schwänken gemeinsame Held, das sämtlichen Episoden eigene Motiv des Betruges („Das Planvolle des Erzählganzen gibt sich daran zu erkennen, dass die einzelnen maere-Geschichten, wenn auch verschieden, über die Einheit des Helden hinaus der Einheitlichkeit eines durchgehenden Antriebs und Zwecks untergeordnet werden: Erwerb von Geld und Gut durch einen von moralischen Rücksichten nicht gehemmten Verstand.“ [17] ) sowie die eindeutigen Markierungen eines Anfangs und eines Endes in Pro- und Epilog lassen auf eine Zuordnung zum sogenannten Schwankroman schliessen, als dessen deutschsprachiger Begründer der Stricker gelten kann.[18] Der bekannteste Vertreter des Schwankromans ist wohl der „Ulenspiegel“, der den „Pfaffen Amis“ zum Stammvater hat. Vorbilder in mittelalterlicher Literatur lassen sich nicht finden, jedoch besteht eine Ähnlichkeit zu einschlägiger lateinischer („Unibos“) und volkstümlicher Literatur („Reinhart Fuchs“)[19], auch „(…) eine innere Verwandtschaft der neun Streiche des Hauptteils des Pf. A. (sic!) mit der als Fabliaux bezeichneten Schwankliteratur der Franzosen ist unverkennbar. Ihre geistige Triebfeder ist nicht nur die Freude am Komischen an sich, sondern die Beobachtung der Schwächen und Gebrechen verschiedener Klassen der Menschen, zwischen denen sie leben. Es ist Satire, aber eine lachende, eine überlegene, im Grunde nicht bösartige.“ [20]

Schwankdichtung ist jedoch zumeist auch mit einer Nutzanwendung versehen, sie dient keinesfalls der bloßen Zerstreuung und Belustigung ihres Publikums. Die von der Dichtung zu jener Zeit neu erkannte Einsicht in die Unvollkommenheit der Welt bzw. in die Fehlerhaftigkeit des Menschen hatte sich bereits von jeher als Thema der geistlichen Dichtung erwiesen, die den status quo der Erdenwelt jedoch auf die Sünde zurückführte und auf den zwangsläufig sündenbeladenen Menschen, der sich und die Erde der Verdammnis nahegebracht und nur von Gott Erlösung zu erhoffen hatte – wenn er bereute und Buße tat. Die Bewältigung der realen Existenz der Welt jedoch setzten sich Novelle und Schwank zur Aufgabe. Beide gehen von einer Ordnung aus, die von Ehe und Familie aufsteigt bis hin zum Stand, die das Zusammenleben der Menschen auf der Erde verbindlich regelt, jedoch immer wieder vom triebhaften Menschen gestört und durchbrochen wird. In dem die alte Ordnung durch den Menschen selbst in eine Art Chaos gestürzt wird, kann eine neue Ordnung sichtbar werden, die im Sieg und der Überlegenheit des Klugen über den Dummen, des Mutigen über den Ängstlichen besteht. Zwar fehlt ihr jede moralische oder religiöse Begründung, ihre Existenz allerdings bleibt unbestritten. Die Welt wird im Schwank in großmütiger Überlegenheit in ihrer Torheit bloßgestellt, sie wird durchschaut - aber nicht verurteilt.[21] Und eine „(…) Dichtung, die aus solcher Haltung hervorgeht, wird nicht auf Sünde oder Laster, sondern auf Torheit zielen, und sie wird nicht mit der Bestätigung einer moralischen Forderung, sondern mit der Feststellung einer Erfahrung enden.“ [22]

[...]


[1] Vgl. Röcke, Werner, Die Freude am Bösen. Studien zu einer Poetik des deutschen Schwankromans im Spätmittelalter, München 1987, S. 37 f.

[2] vgl. Ehrismann, Otfried (Hg.), Der Stricker – Erzählungen, Fabeln, Reden, Stuttgart 1992, S. 5 ff.

[3] vgl. Nanninga, Jutta, Realismus in mittelalterlicher Literatur – untersucht an ausgewählten Großformen spätmittelalterlicher Epik, Heidelberg 1980, S. 202 und deBoor, Helmut, Die deutsche Literatur im späten Mittelalter. Zerfall und Neubeginn. Erster Teil 1250 – 1350, München 1962, S. 231

[4] Dieser Schwank soll, obwohl sich diese Seminararbeit an eben jener Fassung der Heidelberger Handschrift cpg 341 orientiert, dennoch mitbehandelt werden.

[5] vgl. Spiewock, Wolfgang, Parodie und Satire im Pfaff Amis des Stricker, in: Richter, Peter (Hg.), Parodie und Satire in der Literatur des Mittelalters, Greifswald 1989, S. 5

[6] Schilling, Michael (Hg.), Der Stricker. Pfaffe Amis. Stuttgart 1994, V 41, im folgenden abgekürzt mit Der Stricker, Pfaffe Amis, solange es sich nicht um Schillings, sondern um des Strickers Text handelt

[7] Der Stricker, Pfaffe Amis, V 372

[8] Ebd., V. 378 ff.

[9] Ebd., V. 769

[10] Ebd., V. 760 ff.

[11] Ebd., V. 924

[12] Ebd., V. 995 ff.

[13] Ebd., V. 1224 f.

[14] Ebd., V. 1368

[15] Ebd., V1678

[16] Ebd.

[17] Kolb, Herbert, Auf der Suche nach dem Pfaffen Amis, in: Ebenbauer, Alfred (Hg.), Strukturen und Interpretationen. Studien zur deutschen Philologie. Fs. Blanka Horacek, Wie / Stuttgart 1974, S. 190

[18] Vgl. Schilling, Michael (Hg.), Der Stricker. Der Pfaffe Amis, Stuttgart 1994, S. 188

[19] Vgl. Heinzle, Joachim (Hg.), Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit, Bd. I, Königstein /Ts. 1984, S. 180

[20] Rosenhagen, Gustav, Der Pfaffe Amis des Strickers, in: Merker, Paul u.a. (Hg.), Vom Werden des deutschen Geistes, Fs. Gustav Ehrismann, Berlin / Leipzig 1925, S. 149

[21] Vgl. deBoor, Helmut, Die deutsche Literatur im späten Mittelalter, S. 234 f.

[22] Ebd., S. 235

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Über die Funktion von Widersprüchen und Ambivalenzen im und am Text "Der Pfaffe Amis" des Stricker
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
26
Katalognummer
V370939
ISBN (eBook)
9783668488038
ISBN (Buch)
9783668488045
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
über, funktion, widersprüchen, ambivalenzen, text, pfaffe, amis, stricker
Arbeit zitieren
Anne S. Respondek (Autor), 2010, Über die Funktion von Widersprüchen und Ambivalenzen im und am Text "Der Pfaffe Amis" des Stricker, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370939

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