Zum Verhältnis von Kleidungsverhalten und Gesellschaft existieren mehrere Theorien verschiedenster Fachrichtungen, unter anderem der Anthropologie, der Kunst-, der Sozial- und Kulturgeschichte, der Volkskunde und andere, die hier aus Platzgründen nicht alle aufgeführt werden können. Einig sind sie sich einzig darin, dass Kleidung als Zeichen sozialen Verhaltens betrachtet werden kann und sollte. Ausgegangen werden soll hier davon, dass Kleidung also ein kulturelles Zeichen ist, welches auf bestimmte regionale, soziale, kulturelle, berufsständige, geschlechtliche und altersbedingte Unterschiede zwischen Gruppen hinweist.
Hingewiesen werden soll kurz auf den Unterschied zwischen Kleidung und Mode, der längst nicht in allen Theorien begriffen wird, vor allem nicht in denen, die das Phänomen aus kulturanthropologischer Sicht betrachten. Aber „Mode ist nicht gleich Kleidung. Sie ist vielmehr ein Kommentar in Kleidern über Kleidung.“ Da die Wandervögel als Individuen, die sich trotz gruppendynamischer Prozesse meistenteils dennoch relativ frei entscheiden konnten, was sie (zumindest in ihrer Freizeit, ergo der Zeit, die sie dem Wandervogelideal am nächsten kommen durften) trugen – bzw., wenn sie die Kleidung nicht selber herstellten, entsprechende Bitten an ihre Eltern richteten – selber auch in mannigfaltigen Diskursen über ihr Kleidungsverhalten reflektierten und diskutierten, ist davon auszugehen, dass die Sachen, die sie bekleideten, für sie mehr als nur zweckdienliche eindimensionale Gegenstände waren und dass sie über diese Objekte, die sie mit Sinn aufluden, Zeichen setzen wollten.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort, Fragestellung und Methode
2. Was ist der Wandervogel?
3. Das kleidungstechnische Umfeld des Wandervogels
3.1. Die abgelehnte bürgerliche Kleidung
3.2. Impulse aus der Reformkleidung
4. Wandervogelkleidung
4.1 Die Bekleidung der Wandervögel in der Anfangszeit
4.2 Die versuchte Einführung der Kluft
4.3 Mädchenbekleidung im Wandervogel
4.4 Festkleidung
5. Schlusswort und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Kleidungsverhalten und gesellschaftlichem Ausdruck bei den Wandervögeln. Ziel ist es, zu analysieren, welche Werte und Wunschbilder sich in der Kleidung dieser Jugendbewegung widerspiegeln, wie diese als Instrument der Abgrenzung oder Zugehörigkeit diente und inwiefern der Kleidungsstil als Modus des Protests gegen das wilhelminische Gesellschaftsdiktat fungierte.
- Die symbolische Bedeutung von Kleidung als Mittel zur Identitätsstiftung.
- Einfluss der Lebensreformbewegung auf die Wandervogelbekleidung.
- Die Entwicklung von der individuellen Wanderkleidung hin zur einheitlichen Kluft.
- Geschlechtsspezifische Unterschiede und Rollenbilder in der Kleidung.
- Die ambivalente Rolle des Wandervogels zwischen Protest und systemkonformem Handeln.
Auszug aus dem Buch
Die Bekleidung der Wandervögel in der Anfangszeit
In der „Sturm- und Drangphase“ des Wandervogels existierte noch kein übergeordnetes kulturpolitisches Gedankengebilde, es hieß zunächst einmal, wandern zu gehen, raus zu kommen aus der Enge und Steifheit der (er-)drückenden (Über-)Zivilisation. Diese stürmische Ungeordnetheit zeigt sich auch in der Kleidung der Anfangszeit, über die man sich nämlich zunächst noch überhaupt keine Gedanken machte. Es dominierten Sachen, die auch im schulisch-städtischen Kontext getragen wurden, (Matrosen-)Anzüge, Schülermützen, Hüte, Kragen, alles in allem: bürgerliche Kleidung. Von einer ordentlichen Ausrüstung konnte ebenso noch keine Rede sein: Ranzen und Regenschirm (!) wurden mit auf Wanderschaft genommen.
Mit der Übernahme der Wandervogelführung durch Karl Fischer setzte sich ein anderer Kleidungsstil durch, orientiert am Leitbild des Vagabunden, des fahrenden Scholaren, des Kunden (meinte damals: Landstreicher). Die Kleidung selbst war zusammengewürfelt, bestand oft aus Kniebundhosen, Strümpfen und roten Halstüchern. Alles sollte eher derb, zünftig und rau sein – und auch so aussehen: statt des Ranzens nahm man jetzt den Rucksack, statt des Regenschirms die Pelerine. Von ordentlichem Äußeren konnte hier wohl keine Rede sein, je zerfetzter, abgetragener, benutzter, beschmutzter Kleidung und Ausrüstungsgegenstände aussahen, desto „zünftiger“ war dessen Besitzer, der sich damit zugleich einen äußerst natürlichen, robusten Charakter und Lebensstil bescheinigte (und: der rauchte, trank und Lieder grölte – wenn er nicht gerade „Kilometer klotzte“!). Ebenso kam – auf Betreiben Karl Fischers hin - der Wandervogelhut auf. Dieser bestand aus grünem Tuch und hatte goldene und rote Streifen (grün-rot-gold waren die Farben des Wandervogels).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort, Fragestellung und Methode: Einführung in die theoretischen Grundlagen des Kleidungsverhaltens als kulturelles Zeichensystem und Darlegung der zentralen Fragestellung der Arbeit.
2. Was ist der Wandervogel?: Analyse des Wandervogels als Jugendbewegung im Kontext der wilhelminischen Ära und deren kultureller Prägung.
3. Das kleidungstechnische Umfeld des Wandervogels: Untersuchung der bürgerlichen Mode jener Zeit und der Impulse, die von der Lebensreformbewegung ausgingen.
4. Wandervogelkleidung: Detaillierte Betrachtung der Entwicklung der Wandervogelkleidung von der Anfangszeit bis zur Festkleidung sowie spezifische Aspekte der Mädchenbekleidung.
5. Schlusswort und Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Entwicklung zur Uniformierung und Einordnung des Wandervogels als Protestbewegung, die letztlich im System verhaftet blieb.
Schlüsselwörter
Wandervogel, Jugendbewegung, Kleidung, Mode, Lebensreform, Wilhelminische Ära, Protest, Identität, Geschlechterrollen, Kluft, Selbstbestimmung, Bürgertum, Symbolik, Gruppendynamik, Patriotismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung der Kleidung der Wandervögel zwischen Ende des 19. Jahrhunderts und den 1920er Jahren als Spiegel ihrer Gesinnung und inneren Einstellung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen das Verhältnis von Individuum und Gruppe, der Einfluss von Lebensreform-Ideen, die Abgrenzung zum bürgerlichen Milieu und der Wandel hin zur uniformierten Kluft.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Die Arbeit hinterfragt, welche Wunschbilder und Werte durch die Kleidung ausgedrückt wurden und inwieweit diese als Symbol für Protest oder Zugehörigkeit innerhalb der Gruppe dienten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine kulturanthropologische und historisch-soziale Analyse von Kleidungsverhalten, ergänzt durch die Auswertung zeitgenössischer Dokumente, Zeitschriften und Bildquellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des bürgerlichen Umfelds, die Einflüsse der Reformbewegung, die konkrete Entwicklung der Wander- und Festkleidung sowie die Rolle der Mädchen innerhalb der Gruppe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind hierbei Wandervogel, Jugendkultur, Lebensreform, Protest, soziale Identität und der Wandel von der Individualität zur Gruppenuniformität.
Wie unterschied sich die Kleidung der Wandervögel in der Anfangsphase von späteren Jahren?
In der Anfangszeit dominierte ein ungeordneter Protest gegen die steife bürgerliche Kleidung, während sich später, getrieben durch den Wunsch nach Gruppenidentität, eine einheitlichere "Kluft" entwickelte.
Welche Rolle spielte die Mädchenbekleidung für das Selbstverständnis der Wandervogelinnen?
Die Mädchen suchten aktiv nach einer "wahrhaftigen" Kleidung, die ihren Körper nicht einengte, und kämpften dabei für ihr Recht auf eine praktische, gesunde Erscheinung, oft gegen den Widerstand traditioneller Konventionen.
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- Anne S. Respondek (Author), 2012, Abkehr von der Scheinkultur. Die Kleidung der Wandervögel als Spiegel ihrer Gesinnung und inneren Einstellung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370944