Beurteilungstexte in der Schule. Chancen und Probleme der Textsorte Lehrerkommentar


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

24 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Beurteilen und Bewerten in der Schule

2. Hauptteil
2.1 Die Textsorte Lehrerkommentar
2.2 Vorstellung der durchgeführten Pilot-Studie
2.2.1 Vorbereitung und Fragestellung
2.2.2 Die Befragung
2.2.3 Die Auswertung
2.3 Chancen und Probleme

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Beurteilen und Bewerten in der Schule

„Lehrerinnen und Lehrer sind verpflichtet, die Fortschritte der Lernenden zu ermitteln, zu bewerten und diese Vorgänge zu dokumentieren.“ (Rauschenberger: 1999, 11).

Die bekannteste Art und Weise stellt hierbei die Benotung, also die Zensur einer Arbeit - ob mündlich oder schriftlich - dar. Allerdings ist das lange nicht die einzige Möglichkeit, eine Schülerleistung zu beurteilen.

Der Beruf des Lehrers verlangt dem Akteur eine gewisse Schreibkompetenz ab, die es ihm möglich macht, Schülern schriftliche Rückmeldungen zu geben. Bewerten, Beurteilen und Benoten - all das sind Kompetenzen, die ein Lehrer mitbringen sollte, um Rückmeldungen geben zu können und diese möglichst verständlich und auch authentisch darzulegen. Auf Seiten der Lehrkraft werden also vor allem große kommunikative Fähigkeiten vorausgesetzt - sowohl auf der mündlichen, als auch auf der schriftlichen Ebene.

Bevor die Textsorte allerdings genauer definiert wird, sollte klar werden, dass der Lernprozess von kommunikativen Fähigkeiten eines Individuums nie abschließt. Gerade die akademische Ausbildung der Universität schafft es nicht, jede einzelne angehende Lehrkraft auf theoretischer Ebene dahingehend zu schulen, mit perfekten kommunikativen Fähigkeiten in das Berufsleben als Lehrer einzusteigen. Gerade hier gilt nach wie vor das Prinzip „learning by doing“. Die Lehrkraft muss zahlreiche Texte benoten, beurteilen und bewerten, um zu lernen, wie die Schüler auf Rückmeldungen reagieren und inwieweit die bisher erlernten kommunikativen Fähigkeiten auf Seiten der Lehrkraft erweitert werden müssen, um den Anforderungen der Schüler gerecht zu werden.

Während ab der Sekundarstufe 1 lediglich Ziffernoten auf den Schulzeugnissen der Schülerinnen und Schüler erscheinen, wird in der Primarstufe hauptsächlich mit schriftlichen Beurteilungen gearbeitet - den Lehrekommentaren. Gerade in der Primarstufe stellt eine schriftliche Rückmeldung demnach eine besondere Herausforderung dar, da auf kommunikativer, syntaktischer und semantischer Ebene vieles verändert werden muss, um eine Beurteilung an den Wortschatz und das Verständnis der Schüler anpassen zu können.

Der Lehrerkommentar bietet im Vergleich zur Ziffernnote die Möglichkeit, die Leistung der Schüler besonders ausführlich, detailliert und vor allem individuell zu beurteilen. Schüler erhalten anstatt einer einfachen Ziffernote unterschiedliche Bewertungen anhand von praxisnahen Vergleichen aus der von ihnen selbst verfassten Arbeit, welche ihnen die Möglichkeit geben, die Benotung selbst nachzuvollziehen und sowohl Schwächen als auch Stärken selber zu erkennen.

Allerdings wird diese Form der Rückmeldung vor allem in der Sekundarstufe 1 und 2 eher selten genutzt, Schüler sind also im Umgang mit solchen schriftlichen Rückmeldungen von Seiten der Lehrkraft nicht mehr vertraut. Zusätzlich hat sich der Schulunterricht an deutschen Schulen stark verändert. Frontalunterricht wird in der heutigen Zeit eher verpönt, die Schüler sollen selbstständig arbeiten, der Lehrer vielmehr zum Mitschüler werden.

Die methodische Vielfalt im Unterrichtsgeschehen bringt auch neue Perspektiven der Leistungsbeurteilung mit sich. „Mit Instrumenten der traditionellen Leistungsbeurteilung können Leistungen eines erweiterten Lernbegriffs nicht mehr ausreichend erfasst werden: bisher wird zwar unterrichts-methodisch vielfältig unterrichtet […], jedoch einseitig und traditionell beurteilt“ (Bohl: 2012, 18). Es werden also neue Formen der Leistungsbeurteilung erwartet, die Leistungen in einem modernen Schulunterricht erfassen können: „Neue Formen der Leistungsbeurteilung erfassen Leistungen von Schülerinnen und Schülern, die über den fachlichinhaltlichen Lernbereich hinausgehen“ (Bohl: 2012, 18).

Unter der Leistungsbeurteilung versteht man „die im Anschluss an die Leistungsfeststellung vorgenommene Bewertung des Messergebnisses durch den Vergleich mit einem Beurteilungsmaßstab. Das Ergebnis der Leistungsbeurteilung wird durch die vom Gesetzgeber definierten Beurteilungsstufen (Noten) ausgedrückt“ (Neuweg: 2009, 10).

Die Notenskala im deutschen Schulsystem äußert sich wie folgt:

- „Sehr gut (15/14/13), wenn die Leistung den Anforderungen in besonderem Maße entspricht,
- Gut (12/11/10), wenn die Leistung den Anforderungen voll entspricht, o Befriedigend (9/8/7), wenn die Leistung im Allgemeinen den Anforderungen entspricht,
- Ausreichend (6/5/4), wenn die Leistung zwar Mängel aufweist, aber im Ganzen den Anforderungen noch entspricht,
- Mangelhaft (3/2/1), wenn die Leistung den Anforderungen nicht entspricht, jedoch erkennen lässt, dass die notwendigen Grundkenntnisse vorhanden sind und die Mängel in absehbarer Zeit behoben werden können,
- Ungenügend (0), wenn die Leistung den Anforderungen nicht entspricht und selbst die Grundkenntnisse so lückenhaft sind, dass die Mängel in absehbarer Zeit nicht behoben werden können.“ (Rauschenberger: 1999, 43f.).

Das Zahlensystem lässt auf den ersten Blick eine Einschätzung der Leistung des Schülers im Vergleich zu den Klassenkameraden zu. Will man allerdings genauer wissen, wie die Note zustande kommt, so bringt das einige Schwierigkeiten mit sich.

Eine Zeugnisnote - was bedeutet ein ausreichend in Deutsch? Womit begründet die Lehrperson, dass die Leistung des Kindes „den Anforderungen im Ganzen noch entspricht“? Eine Ziffernote kann darüber keine Auskunft geben. „Noten als Bewertungen von Lernleistungen und Notenzeugnisse werden nach aller Erfahrung von vielen Schülerinnen und Schülern aber auch von manchen Eltern missverstanden und führen in vielen Fällen nicht zu einem angemessenen Verständnis der Schulleistung, ganz zu schweigen von den Folgerungen, die die Betroffenen aus ihnen ziehen“ (Rauschenberger: 1999, 43f.). Eine Alternative bietet die verbale Beurteilung.

„Man betont hierbei den Vorteil einer umgangssprachlich formulierten Einschätzung der Leistung. Hierdurch soll die nur scheinbare Objektivität der Ziffern durch eine verständliche Beschreibung des Leistungsstandes ersetzt werden. Die betroffenen Schülerinnen und Schüler und deren Eltern sollen erkennen können, wie sich das Lern- und Leistungsverhalten aus der Sicht des Lehrers entwickelt hat. Dadurch sollen die Stärken besser zur Geltung kommen; die Schwächen können so beschrieben werden, dass es den Lernenden möglich ist, ihre Defizite richtig zu erkennen und gezielt zu beheben.“1 (Rauschenberger: 1999, 51).

Ausgehend von dieser Form der Leistungsbeurteilung stellt der Lehrerkommentar eine weitere Alternative dar. Vergleichbar mit der verbalen Beurteilung, allerdings schriftlich, festgehalten auf Papier.

2. Hauptteil

2.1 Die Textsorte Lehrerkommentar

Nun stellt sich die Frage vor allem für angehende Lehrkräfte: Besitze ich ausreichende kommunikative Fähigkeiten, um diesen Anforderungen gerecht zu werden? Wie lerne ich es, eine schriftliche Rückmeldung zu verfassen? Kann man das überhaupt lernen?

Um diese Fragen beantworten zu können, ist es zunächst von Vorteil, sich die Textsorte des Lehrerkommentars genau anzusehen - wie ist ein solcher Lehrerkommentar aufgebaut?

Jörg Jost beschäftigt sich in seinem Artikel „Die Textsorte Lehrerkommentar in der Primarstufe. Ergebnisse einer Pilotstudie“ eingehend mit den Anforderungen und Normen einer schriftliche Rückmeldung und definiert einen Lehrerkommentar zunächst folgendermaßen:

„Lehrerkommentare unter schriftlichen Arbeiten von Schülern dienen in der Primarstufe dazu, Schülertexte verbal zu beurteilen […]. Ihre Produktion gehört im Zusammenhang mit der Leistungsbeurteilung von Schülern zu den Standardaufgaben von Lehrern […] und ist durch verschiedene äußere und innere Rahmenbedingungen geprägt, zu denen wesentlich die Domäne gehört, in der die Texte produziert werden […]. Die Domäne verlangt von den Textproduzenten, dass sie sich an den für sie geltenden Normen und Konventionen, ihren Erwartungen und Wertesystemen orientieren […]. Die Textproduzenten benötigen […] Textmusterwissen, um den kommunikativen Erwartungen gerecht zu werden, die an die von ihnen produzierten Lehrerkommentare gestellt werden“ (Jost: 2008, 96).

Somit lässt sich an dieser Stelle schon erkennen, dass ein Lehrerkommentar bestimmte Kriterien und Funktionen erfüllen muss und deswegen auch bestimmte Anforderungen und Vorgaben zu berücksichtigen hat. Gehen wir deshalb zunächst näher auf den Bereich der Funktion der Textsorte Lehrerkommentar ein. Zunächst soll ein Lehrerkommentar zur Informationsvermittlung genutzt werden:

„Lehrerkommentare sind informationsvermittelnd, ihr Handlungszweck ist assertiv […]. Charakteristisch für die Textsorte sind Illokutionen wie FESTSTELLEN, HINWEISEN, BEHAUPTEN, BEGRÜNDEN, EINWENDEN etc.“ (Jost: 2008, 103).

Es ist somit wichtig jegliche Mitteilungen zum Schülertext in den Kommentar mit einzubauen und darauf zu achten, dass der Schüler auch fähig ist, jede Information aus der Rückmeldung herauszuziehen und zu verstehen. Somit sollen die Texte einen „beurteilenden Charakter“ haben. Dafür ist es wichtig, dass der Textproduzent als Fachkundiger bzw. Experte handelt:

„Bestimmte Sachverhalte- und vor allem bestimmte Sachverhalts darstellungen - bedürfen des Fachmanns, des Experten, des Sachverständigen, um richtig eingeschätzt und in ihrer Eigenart erfaßt zu werden“ (Rolf: 1993, 190).

Somit wird erneut die Dringlichkeit deutlich gemacht, dass sowohl Lehrer, als besonders auch die Schüler, in der Lage sein müssen, die Essenz eines Lehrerkommentars klar und eindeutig herausstellen zu können. Zusätzlich lässt sich neben der kommentierenden und bewertenden Funktion noch eine weitere, überaus wichtige Funktion der Textsorte erkennen: Die gesprächsstiftende Funktion.

„Anders als die Adressierung an die Schülerinnen erwarten lassen, funktionieren die Texte nicht nur unidirektional, sondern bilden die Grundlage für ein mehrdimensionales und wechselseitiges kommunikatives Beziehungsgefüge zwischen Lehrern, Schülern und Eltern. […] Der Text (Kommentar) bietet damit eine erste Gesprächsgrundlage über die Leistungen, die Bewertung sowie Verbesserungsvorschläge und -maßnahmen“ (Jost: 2008, 113).

An dieser Stelle werden nun die ersten Vorlagen auf der Inhalts- und Formulierungsebene deutlich. Wie in dem Artikel „Beurteilungstexte zwischen institutionellen und individuellen Ansprüchen- ein Problemaufriss“ in einer Tabelle aufgeführt, sollte eine schriftliche Rückmeldung inhaltlich folgende Punkte enthalten:

„(1) Explizites Beurteilen: „Unter EXPLIZITEM BEURTEILEN verstehen wir eine Sprachhandlung in der in der Regel durch Adjektive eine Leistung oder das Verhalten auf einer Skala (absolut) qualifiziert wird, z.B. als gelungen/nicht gelungen, gut/schlecht, angemessen/unangemessen.

(2) Implizites Beurteilen: Beim IMPLIZITEN BEURTEILEN ist ein indirekter Bezug auf Normen vorhanden. Es handelt sich dabei um Sprachhandlungen, die den Leistungsstand bzw. das Verhalten beschreiben und auf der sprachlichen Oberfläche wie Assertiva erscheinen.

(3) Raten: Das RATEN ist eine nicht bindende Aufforderung im Interesse der AdressatInnen (d.h. ein Rat(schlag), eine Empfehlung, ein Hinweis oder ein Tipp) und „dadurch charakterisiert, dass der Ratgeber bzw. Sprecher den Ratsuchenden bzw. Adressaten auffordert, etwas Bestimmtes zu tun oder zu unterlassen, um so eine Situation auf die für den Adressaten bestmögliche Weise zu bewältigen“ […].“

(4) Indirektes Raten: „ Das DIREKTE RATEN wird sprachlich durch einen Aufforderungssatz realisiert, das INDIREKTE RATEN durch einen Aussagesatz mit Modalverben sollen/k ö nnen (Konj. Prät.) meistens in Verbindung mit Modalwörtern (am besten, m ö glichst) und/oder Partikeln, die Ermunterung/Zustimmung ausdrücken (mal, doch, ruhig) […].“

(5) Loben: „Unter LOBEN verstehen wir die positive Beurteilung der Leistung bzw. des Verhaltens mit anerkennenden Worten im Sinne einer Ermunterung und Bestätigung. Durch das LOBEN bringt die Lehrerin/der Lehrer ihre/seine Zufriedenheit zum Ausdruck“ (vgl. Rezat et. al: 2011, 181f.).

Anhand dieser Punkte lässt sich sehr leicht erkennen, was für funktionale und inhaltliche Vorgaben als verbindliche Voraussetzung an einen

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Beurteilungstexte in der Schule. Chancen und Probleme der Textsorte Lehrerkommentar
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,6
Autor
Jahr
2015
Seiten
24
Katalognummer
V371031
ISBN (eBook)
9783668498891
ISBN (Buch)
9783668498907
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lehrerkommentar, Didaktik, Textsorten, Beurteilung von Schülertexten, Chancen, Probleme
Arbeit zitieren
Anna Zantopp (Autor), 2015, Beurteilungstexte in der Schule. Chancen und Probleme der Textsorte Lehrerkommentar, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371031

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