Stärkung der Persönlichkeit von Lehramtsstudenten. Ein praxisorientierter Ansatz

Der Einfluss von Pädagogik-Seminaren darauf, wie Lehramtsstudenten gegenüber Schülern pädagogisch kompetenter auftreten können


Examensarbeit, 2014
66 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Dievier Persönlichkeitstypen nach Riemann
2.1 Der depressive Typ
2.2 Der schizoide Typ
2.3 Der zwanghafte Typ
2.4 Der hysterische Typ

3. Lehrer-Sein - Typsache?!

4. Aufbau des Lehramtsstudiums (Lehramt Gymnasien) und des Pädagogischen Begleitstudiums
4.1 „Der Lehrer in mir und mein Bild von ihm“
4.2 „Der Lehrer als Berater für Schüler und Eltern“

5. Auswertung der Seminare
5.1 Beurteilung derdidaktischen InhaltederSeminare
5.2 Reaktionen in Schulsituationen
5.2.1 Frage 1: Situation„Wer bisch'enDu?“
5.2.2 Frage 2: Situation „Schminkzeug“
5.2.3 Alles nur Zufall?
5.3 Fazit der Auswertungen

6. Das Schulfach „Glück“ - Ein Ausblick

7. Abschlussbetrachtung

8. Abbildungsverzeichnis und -nachweis

9. Quellenangabe
a) Literatur
b) Internet

1. Einleitung

Was zeichnet einen „guten Lehrer/eine gute Lehrerin“ aus? Wie kann ich meinen Schülern ein „guter Lehrer/eine gute Lehrerin“ sein? Was sollte ich als angehender Lehrer/-in, also im Studium und vor allem später als Referendar/- in1, besonders gut können? Können praxisorientierte Trainings einen Beitrag dazu leisten, pädagogisch kompetenter zu werden? Und: Wie kann ich dabei „Glück“ für mich und meine Schüler erlangen?

Spätestens nach dem Abitur und dem Erlangen der Allgemeinen Hochschulreife stellt sich jungen Menschen die Frage, wohin sie ihr weiterer Weg führen wird, wie zum Beispiel, ob sie ein Studium aufgreifen möchten und, wenn ja, welches. Viele Abiturienten entscheiden sich für ein Lehramtsstudium, aus den vielfältigsten Beweggründen und mit den unterschiedlichsten Fächerkombinationen. Lehrer sein - ein vielversprechender Beruf, hat man doch schließlich im Sommer sechs Wochen Ferien und ist jeden Tag am frühen Nachmittag zu Hause! Auch die voraussichtliche Verbeamtung ist doch gerade in der heutigen Zeit ein aussichtsvoller Anreiz. Zudem gibt es keinen Eingangstest, durch welchen angehende Lehramtsstudenten auf ihre Tauglichkeit überprüft werden. Auch wenn es Fächer-intern Bewerbungsverfahren gibt, in denen man sich beispielsweise durch seine Abiturnote oder Leistungen in ausgewählten Fächern qualifizieren muss, so ist die Zulassung für ein Lehramtsstudium generell nicht beschränkt.2 Sich für ein solches Studium zu entscheiden, fällt aus den genannten (Zweck-orientierten) Gründen durchaus leicht. Doch erfüllt es das eigene Leben, einem Beruf nachzugehen, den man rein aus diesen Gründen angestrebt hat? Gehört zum Lehrersein nicht mehr als das? Sollte bei der Berufswahl nicht auch berücksichtigt werden, dass dieser das restliche Leben bis ins Pensionsalter prägen und beeinflussen wird?

Einer Umfrage von 28 Schülern der achten Klasse eines Gymnasiums in Ludwigshafen/Rhein zufolge zeichnen einen guten Lehrer primär fünf

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten3

Abb. 1 Charaktereigenschaften eines Lehrers

Bei der Betrachtung der aufgelisteten Kriterien muss bedacht werden, dass es sich lediglich um eine Stichprobe handelt, die auf Grund ihres Umfangs nicht repräsentativ für alle Schüler sein kann. Es ist schwierig, anhand von Tabellen und Zahlen auszumachen, durch welche Eigenschaften ein „guter Lehrer“ charakterisiert ist, da man eine solche Frage nicht standardisieren kann und dies auch nur objektiv zu beurteilen ist. Dennoch bietet sie einen ersten Ansatz zur Orientierung.

In einem an die Umfrage anschließenden Unterrichtsgespräch wurde gemeinsam mit den Schülern erarbeitet, dass eine „gute Mischung“ bestehen sollte, der Lehrer sollte in seinem Verhalten stets authentisch auf seine Schüler wirken. Diese wünschen sich einen Lehrer-Persönlichkeit, mit der sie - nach Bedarf - auch über schulische Angelegenheiten hinaus sprechen können und dürfen. Der Lehrer sollte sie in ihrer Person als junge Menschen auf dem Weg zum Erwachsensein respektierten und unterstützen. Dennoch sollte er auch in der Lage sein, nötige Grenzen aufzuzeigen und dabei seiner Rolle als Lehrer treu bleiben. Dem Begriff der Authentizität soll im weiteren Verlaufder Arbeit ein hoher Stellenwert beigemessen werden. Doch niemand kann sich von heute auf morgen sagen „Ab sofort bin ich ein authentischer Lehrer und guter Ansprechpartner für meine Schüler!“. Mehr scheint es so, als seien es grundlegende Charaktereigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale, nach Kunter et.al. „ein Bündel unterschiedlicher berufsbezogener Voraussetzungen“ (S.55), die dazu verhelfen, ein „guter Lehrer“ zu sein und dabei eine authentische Wirkung zu erzielen. Doch wie weiß ich als junger Mensch, ob ich diese zuträglichen Charakterzüge besitze? Werde ich durch mein Lehramtsstudium4 optimal auf meinen späteren beruflichen Alltag vorbereitet? Welchen Beitrag zum „guten Lehrer“ leisten die pädagogischen Begleitveranstaltungen an der Universität und wie kann ich bereits im Studium an meiner Persönlichkeit arbeiten? Die Entscheidung, eine solche Arbeit zu verfassen, fußt auf dem Gedanken, ob das Sprichwort „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“ auf Lehrer-Schüler-Interaktionen anwendbar ist. Dazu sollen zunächst verschiedene Persönlichkeitstypen betrachtet und ein Ausblick auf den „Persönlichkeitstyp Lehrer“ gegeben werden. Die Bedeutung der Persönlichkeitsbildung junger Lehrer während des Studiums wird anhand einer Auswertung ausgewählter Pädagogischer Seminare verdeutlicht, was den Hauptteil vorliegender Arbeit ausmacht. Abschließend soll es einen Ausblick auf das Pilotprojekt „Schulfach Glück“ geben, das von Ernst Fritz-Schubert im Raum Heidelberg ins Leben gerufen wurde, und durch das eine völlig neue Arbeitshaltung an den Schulen, aber auch an den Universitäten vermittelt, werden kann.

2. Die vier Persönlichkeitstypen nach Riemann

Schaut man sich in seinem Umfeld um, so erkennt man schnell, dass jeder seiner Mitmenschen anders ist, eigene Stärken und eigene Eigenarten besitzt. Es fällt auf, dass jeder seinen engeren Bekanntenkreis nach persönlichen Vorlieben gestaltet. Man bemerkt, dass es auch innerhalb des eigenen Freundeskreises Personen gibt, mit denen man eher auf einer Wellenlänge liegt als mit anderen, weil sie gleiche Ansichten wie man selbst vertreten, oder weil einfach „die Chemie stimmt“. Wir mögen die nette Verkäuferin im Supermarkt, weil sie auf uns sympathisch wirkt. Die Kassiererin im Geschäft nebenan macht auf uns keinen sympathischen Eindruck, sie wirkt eher distanziert, unfreundlich und schroff. Wieso das so ist, können wir häufig nicht genau definieren, es passiert einfach, meist schon in den ersten Sekunden einer Begegnung. Mit wem wir eine engere Bindung in Form einer Freundschaft pflegen können und wollen, entscheiden wir demnach häufig nach unserem Bauchgefühl, das wir in der Interaktion und Verwicklung mit der betroffenen Person haben. Denn auch pragmatische Gründe, wie gemeinsame Interessen und Hobbys, rühren aus gemeinsamen, grundlegenden Persönlichkeitsmerkmalen, die uns miteinander verbinden. Auch unsere Berufswahl basiert auf unseren Charaktereigenschaften. Bereits Kleinkinder sehen sich später als Polizist in einem Streifenwagen, als Tierärztin, Feuerwehrmann u.v.m. Auch wenn man diese Phantasien als Erwachsener nicht selten belächelt, so ist vielleicht hier schon ein Einblick in die tiefere Psyche eines Kindes möglich, gehen doch Wissenschaftler davon aus, dass Charaktereigenschaften zu einem nicht unerheblichen Teil auch genetisch bedingt, und somit schon im Kindesalter vorhanden sind (vgl. Rytina, S.1).

Der Psychoanalytiker Fritz Riemann (1902-1979) unterscheidet vier Persönlichkeitstypen, bei denen es sich laut eigener Definition um vier verschiedene Arten des „In-der-Welt-Seins“ (Riemann, S.20). handelt. In seinem Buch „Grundformen der Angst“ konzentriert er sich auf verschiedene Ängste und deren Ausprägung bei den genannten Persönlichkeitstypen. Die im Folgenden verwendeten Begrifflichkeiten „depressiv, schizoid, zwanghaft, hysterisch“ lösen beim ersten Lesen eine negative Assoziation aus, da diese aus der Neurosenlehre stammen. Es handelt sich dennoch um „Normalstrukturen mit gewissen Akzentuierungen“ (Riemann, S.19), die bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt sein können. Riemann betont, dass Menschen verschieden sind, dass es aber vier Grundbedürfnisse gibt, die bei jedem individuell und unterschiedlich signifikant ausgeprägt sind. Dies veranschaulicht das sogenannte Riemann-Thomann5 -Modell (vgl. Wilde, S.3f.). Zu den menschlichen Grundbedürfnissen gehören demnach das Bedürfnis nach Nähe, das Bedürfnis nach Dauer und - den beiden entgegenstellt - das Bedürfnis nach Distanz und Wechsel (siehe Abb. 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.. 2 Vier Himmelsrichtungen der Seele

Aufgrund unterschiedlicher Ausprägungen sind zwischenmenschliche Beziehungen und zwischenmenschliches Verhalten vielgestaltig, da häufig nur eine, maximal zwei Grundausrichtungen aktiviert sind, was zu unterschiedlichen Lebensphilosophien führt. Die vier Grundausrichtungen charakterisieren Menschen, je nachdem, welche Ausprägung bei ihnen vorherrschend ist. So lassen sich die vier Persönlichkeitstypen, die Riemann beschreibt, auf die vier Grundbedürfnisse des Riemann-Thomann-Modells übertragen.

Riemann konzentriert sich hauptsächlich auf zugespitzte Formen, da er anhand der Charaktereigenschaften unterschiedliche Angsttypen analysiert. Für den weiteren Verlauf der Arbeit würde die Untersuchung der Ausprägungen von Ängsten allerdings zu weit greifen, es sollen lediglich die Normalstrukturen der Persönlichkeitstypen beschrieben werden, um einen Ausblick auf die Charakterstrukturen von angehenden Lehrern bzw. Lehramtsstudierenden zu gewährleisten.

2.1 Der depressive Typ

Die Persönlichkeitsstruktur des Depressiven ist gekennzeichnet durch die Auffassung, dass er sich um Andere dreht und dabei möglichst viel Rotation um sich selbst zu vermeiden sucht. Er hat häufig nur geringe Ansprüche an seine Mitmenschen, verhält sich selbstlos und beweist um Umgang mit Dritten viel Geduld. Konflikten geht er aus dem Weg, er ist äußerst Harmonie-bedürftig und braucht viel Zuneigung. Seine Grundausrichtung ist das Bedürfnis nach Nähe. Er sucht die Verantwortung für sämtliche Geschehnisse um ihn herum bei sich selbst, was laut Riemann aus seiner fehlenden „Ich-Stärke“ resultiert (vgl. Riemann, S.114).

Riemann geht davon aus, dass die Berufswahl mit der Persönlichkeitsstruktur korreliert. Der Depressive sucht sich, um sein Bedürfnis nach Harmonie und Kontakten nach außen (nach zwischenmenschlicher Nähe) zu befriedigen, häufig einen Beruf, in dem er Anderen etwas Gutes tun kann. Er arbeitet beispielsweise als Geistlicher6 in einer Gemeinde, als Arzt oder auch als Pädagoge, strebt also häufig sozial-engagierte Berufsfelder an.

2.2 Der schizoide Typ

Der schizoid geprägte Charakter versucht, sämtliche Rotationen um andere zu vermeiden, seine Gedankenwelt dreht sich vor allem um sich selbst („überwertige Eigendrehung“), sein Grundbedürfnis ist jenes nach Distanz. Häufig ist der schizoide Mensch ein Einzelgänger, der zwischenmenschliche Interaktionen umgeht und sich dadurch häufig distanziert und kühl verhält. Er besitzt keine „ausreichende emotionale Orientierung“ (Riemann, S.54), er lässt sich von früh an nur durch seinen eigenen Verstand leiten. Auf Meinungen Anderer legt er wenig Wert, da er selbst weiß bzw. zu wissen glaubt, was richtig oder falsch ist. Sein starkes Selbstwertgefühl und der gesteigerte Egozentrismus können arrogant und aggressiv wirken, weshalb er laut Riemann selten sozial-engagierte Berufe anstrebt. Häufig geht er im Bereich der Naturwissenschaften auf, arbeitet als Ingenieur oder Mathematiker.

2.3 Der zwanghafte Typ

Das zentrale Dogma im Leben des zwanghaften Typs ist „Stabilität“ und demnach das Bedürfnis nach Dauer. Er schätzt es, Dinge zu planen und zu kontrollieren. Unvorhergesehenes, Veränderungen und Risiken umgeht er lieber, für ihn ist es wichtig, beständig und zuverlässig zu sein. Dabei ist er in seinem Handeln äußerst konsequent und wenig sprunghaft. Hat er einmal eine Entscheidung getroffen, so bleibt er bei dieser und ändert sie nicht mehr. Deshalb geht er in Berufen auf, in denen er eine erhabene Position gegenüber Anderen vertritt. Häufig strebt er einen Beamtenstatus (Polizist, Lehrer, Richter, Staatsanwalt o.Ä.) an.

2.4 Der hysterische Typ

Im Gegensatz zum Zwanghaften, liebt der Hysterische die Veränderung und die Freiheit (Grundbedürfnis des Wechsels). Er wandelt sich gerne zu Neuem hin, ist risikofreudig und seine Konsequenz im Handeln hängt maßgeblich von seiner Stimmung ab (vgl. Riemann, S.179 und S.223). Ordnung und Regeln empfindet er als negativ und einengend. Er liebt es, im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen, die ganze Welt soll sich um ihn drehen. Er bewegt sich in einer „Pseudorealität“ (Riemann, S.221). Dabei begegnet er Anderen häufig charmant und aufgeschlossen. Zu ihm passen Berufe, in denen er sich sein eigener Chef ist. Häufig macht er sich selbstständig, wird Geschäftsführer eines Unternehmens, oder stellt sich auf andere Art und Weise nach außen dar, beispielsweise als Fotomodell oder Mannequin. Ihm ist es wichtig, die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zu ziehen, da er in seinen Leistungen mehr personen- als sachbezogen ist.

3. Lehrer-Sein - Typsache?!

Es ist anzumerken, dass die genannten Typen nicht losgelöst von den jeweils anderen Vorkommen können, vielmehr vermischen sie sich innerhalb eines Charakters, sodass sie bei jedem Menschen in unterschiedlicher Ausprägung vorzufinden sind. Riemann warnt vor einer fatalistischen und endgültigen Auffassung. Je mehr Facetten eines bestimmten Typs eine Person aufzeigt, desto lebendiger ist deren Charakter organisiert.

Es ist zudem zu erkennen, dass jeder Persönlichkeitstyp einen Antagonisten besitzt, so steht dem Depressiven mit seinem Bedürfnis nach Nähe der Schizoide gegenüber, der lieber Distanz zu Anderen wahrt. Das zweite Paar7 bilden der zwanghafte Typ, der Dauer und Beständigkeit präferiert, und der hysterische Charakter, welcher durch sein Streben nach Wechsel und Abwechslung gekennzeichnet ist. So kann man weitgreifend konstatieren, dass man die vier Persönlichkeitstypen in zwei Gruppen, also in Paare einteilen kann (Paar 1: Depressiver Typ, Zwanghafter Typ. Paar 2: Schizoider Typ, Hysterischer Typ). Persönlichkeitsstrukturen des ersten Paars zeigen also dem Lehrersein dienliche Eigenschaften auf, diese des zweiten Paars eher dem Lehrberuf abtrünnige Verhaltensweisen.

Wie bereits erwähnt, sind schon bei der Geburt wesentliche Bestandteile unseres Charakters festgelegt, da sie genetischer Natur sind. „Die moderne Neurowissenschaft geht davon aus, dass unsere neuronale Architektur bestimmt, was wir fühlen und wer wir sind.“ (Rytina, S.1). In unseren ersten Lebensjahren werden wir durch unser Umfeld, also vorrangig durch unsere Eltern und Familie, für unser weiteres Leben hinreichend geprägt. Doch lernt unser Gehirn nie aus, unsere Erfahrungen prägen uns noch bis ins hohe Alter, was im Fachjargon als „neuronale Plastizität“ beschrieben wird. „Der Mensch kann also durch Erfahrung und Lernen an seiner neuronalen Architektur permanent bauen.“ (Rytina, S.1).

Auch die Ausführungen Riemanns münden in der Überlegung, dass viele Grundlagen unseres Charakters schon bei der Geburt festgelegt sind. Zudem zeigt die psychologische Forschung, „dass interindividuelle Unterschiede in Persönlichkeitsmerkmalen dieser Art in der Regel relativ stabil bleiben, auch wenn im Verlauf der Lebensspanne noch intraindividuelle Veränderungen zu beobachten sind“ (Kunter et.al., S.56). Wir entwickeln uns unser Leben lang weiter, Charakterzüge sind auch laut Riemann noch im Erwachsenenalter veränderbar. Wir lernen situationsbezogen, uns angepasst zu verhalten, legen Verhaltensweisen ab, die sich negativ auswirken, und eignen uns positive Eigenschaften an.

Es gibt viele Ansätze, die untersuchen, ob es eine „persönliche Eignung zum Lehrerberuf“ (Kunter et.al., S.56) gibt. Riemann geht davon aus, dass der Wunsch, Lehrer zu werden und zu sein, häufig bei Personen auftritt, die hauptsächlich dem depressiven oder zwanghaften Typ (Paar 1) zuzuordnen sind, da diese beiden Charaktere viele Eigenschaften besitzen, die im Lehrberuf von Bedeutung sind. Für einen überwiegend Schizoiden oder Hysterischen (Paar 2), stellen die Anforderungen, die von Seiten der Schüler, der Kollegen etc. gestellt werden ein Hindernis dar. So ist es für Ersteren schwierig, andere Meinungen zu akzeptieren, da er die eigene als oberstes Gebot und absolute Wahrheit ansieht und diese Position andere spüren lässt. Auf Diskussionen lässt er sich ungern ein, generell empfindet er den Kontakt zu und dadurch auch die Arbeit mit Anderen als lästig. Team-fähig ist er weniger, häufig lebt und arbeitet er eher abgegrenzt als Einzelgänger. Für Zweiteren, den hysterischen Charakter, wäre der Beruf des Lehrers aller Voraussicht nach zu langweilig. Hier ist kein Platz für Schauspielerei und Selbstdarstellung. Ein gutes Maß an Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl ist zwar hilfreich und wichtig, dennoch arbeitet ein Lehrer nicht für sich sondern hauptsächlich für Andere, für seine Schüler. Es sollte in seinem Interesse liegen, die Schutzbefohlenen zu erwachsenen Männern und Frauen zu erziehen, sie auf ihrem Weg zu begleiten, sie zu unterstützen und dabei als gutes Vorbild vorangehen. Dabei spielt nicht er selbst, sondern die Schüler die Hauptrolle. Aus diesem Grund ist auch der Hysterische in einem anderen Beruf, der nicht sozial-engagiert ist, besser aufgehoben.

In der Umfrage unter Achtklässlern waren es vor allem fünf Eigenschaften, die die Schüler an ihren Lehrern als besonders positiv empfanden. Laut Riemann sind für den Beruf Lehrer besonders Menschen geeignet, die viele Charakterzüge des depressiven und zwanghaften Typs erfüllen. Verglichen mit den Kriterien, die die Schüler hervorhoben, lassen sich manche Parallelen erkennen.

- Interesse

Interesse an Anderen zu zeigen, fällt dem depressiven Charakter nicht schwer. Er hat gerne Menschen um sich herum und fühlt sich im Team wohl. Das Dogma „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!“ versteht er häufig als ,,[...] mehr als Dich selbst!“ (vgl. Riemann, S.112). Er übernimmt gerne Aufgaben, in denen er jemandem etwas Gutes tun kann. Zeigt er Interesse, so ist dies vermutlich nicht gespielt und wirkt auf Schüler dementsprechend authentisch, was sich im Unterrichtsgespräch nach der Umfrage als besonders bedeutend herausstellte.

-v Respekt

Respekt im Umgang mit Anderen, vor allem mit Jüngeren, kann nur zeigen, wer sich selbst nicht als wichtigste Person, , sieht und wer in der Lage ist, sich in andere Situationen hineinzuversetzen. Das fällt vor allem der schizoiden Persönlichkeit schwer, die als wenig Team-fähig und distanziert gilt. Auch die hysterisch geprägte Persönlichkeit könnte hier das Gefühl haben, nicht ausreichend im Mittelpunkt zu stehen. Auch hier kommen Eigenschaften zu Tage, die Riemann dem depressiven Typ zuordnet: Dieser ist sehr geduldig und einfühlsam im Umgang mit anderen Personen, er kann eigene Belange zurückstellen und wird nicht durch gesteigerten Egoismus gebremst. Auch die zwanghafte Persönlichkeit zeigt Eigenschaften, die einen respektvolles Miteinander ermöglichen, gilt sie beispielsweise als äußerst verantwortungsbewusst und verlässlich.

- Ansprechpartner

Den Part des Ansprechpartners kann vor allem ein Mensch erfüllen, der wertungsfrei zuhören kann, eigene Belange und Lösungsvorschläge zurückstellt und in der Lage ist, sich gerne Zeit für jemanden zu nehmen. Dieses Kriterium kann der zwanghafte Typ auf Grund seiner Beständigkeit gut erfüllen, die depressive Persönlichkeit empfindet es nicht als lästig, für Andere da zu sein, sondern geht in dieser Tätigkeit auf.

- Grenzen aufzeigen können

Um Grenzen aufzeigen zu können, muss ein Lehrer in der Lage sein, konsequent zu handeln und bei seiner Meinung zu bleiben. Nur so kann er dabei authentisch wirken, was für Schüler sehr wichtig ist. Diese Eigenschaft muss der depressive Charakter lernen, sein Verhalten ist nicht von Durchsetzungsvermögen gekennzeichnet, da er eigene Anliegen gerne zu Gunsten Anderer beiseite legt. Besonders leicht wird dies dem Zwanghaften fallen, da er stets konsequent und beständig agiert. Er fühlt sich in Positionen wohl, in denen er seiner Macht Ausdruck verleihen kann. Auch der schizoide Charakter hätte vermutlich wenig Probleme damit, seine Schüler zurechtzuweisen. Allerdings ist sein Beweggrund dafür sein übersteigertes Selbstwertgefühl und die damit einhergehende Fähigkeit, seine eigene Meinung ohne Kompromisse durchzusetzen. Das ist zwar authentisch, kann aber schnell arrogant und überheblich wirken und stellt demnach kein vorteilhaftes Verhalten dar.

- Autorität

Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene brauchen Vorbilder. Sie müssen gerade in der Pubertät lernen, welches Verhalten welche Auswirkungen nach sich zieht. Dazu brauchen sie die Hilfe von Erwachsenen, sei es von ihren Eltern oder von ihren Lehrern. Für angehende Lehrer heißt dies, nicht nur die Autorität, die ihre gesellschaftliche Rolle automatisch mit sich bringt, zu verkörpern, sondern vor allem, diese Position im Laufe ihres Lehrer-Daseins zu wahren und zu erhalten. Das gelingt vor allem durch selbstsicheres Auftreten und konsequentes Handeln, was Riemann ebenfalls vor allem der zwanghaften Persönlichkeit zuordnet.

Es wurde dargelegt, welche Persönlichkeitstypen die Psychoanalytik unterscheidet und durch welche grundlegenden Charakterzüge diese gekennzeichnet sind. Auch wenn die beschriebenen Typen nicht absolut und einzeln auf Individuen zu betrachten sind, stellen sich für den Beruf des Lehrers viele Eigenschaften als förderlich heraus, die die depressive oder zwanghafte Persönlichkeit mit sich bringt. Dabei korrelieren die Benennungen nach Riemann „depressiv“ und „zwanghaft“ nicht mit krankhaften Eigenschaften, die Terminologie entstammt der Neurosenlehre und wurde in den Untersuchungen auch beim Beschreiben von normalen Strukturen so übernommen.

Im folgenden Verlauf der Arbeit soll auf dieser Grundlage das gymnasiale Lehramtsstudium und Persönlichkeitsmerkmale bzw. die Persönlichkeitsentwicklung von Lehramtsstudierenden näher betrachtet werden. Es stellt sich die Frage, wie wichtig es ist, gewisse, dem Lehrersein dienliche Charaktereigenschaften schon mit ins Studium zu bringen, sie also bereits vor dem Eintritt in die Lehrerlaufbahn zu besitzen („Eignungshypothese“, Kunter et. al., S.57f.). Der Eignungshypothese steht die sog. „Qualifikationshypothese“ gegenüber, welche hauptsächlich „kognitive Merkmale (also das Wissen und Können sowie die Überzeugungen)“ in den Vordergrund stellt (Kunter et.al., S.58). Ist die Persönlichkeit eines jungen Erwachsenen zu Beginn seines Studiums schon so gefestigt, dass sie kaum mehr veränderbar ist und somit durch die Studiums-internen, pädagogischen Studien zwar Fachwissen erlangt werden kann, eine Schulung hin zum guten Pädagogen aber ohnehin nicht mehr vollzogen wird? Muss man zum „guten Lehrer“ wortwörtlich geboren sein, oder kann man durch Training und berufliche Weiterbildung („personal development“ Kunter et.al., S.57) an seiner Kompetenz arbeiten?

4. Aufbau des Lehramtsstudiums (Lehramt Gymnasien) und des Pädagogischen Begleitstudiums

Zusätzlich zu den fächerspezifischen Veranstaltungen, wird von Lehramtsstudenten der Universität Heidelberg ein Pädagogisches Begleitstudium gefordert.8 Dieses besteht aus zwei Vorlesungen aus dem Bereich Schulpädagogik und Pädagogische Psychologie, aus zwei aufeinander aufbauenden sog. „Ethisch-philosophischen Grundlagenstudien“ und aus zwei Seminaren, deren Themengebiete frei wählbar sind. Diese Seminare vertiefen unterschiedliche Problembereiche:

- „Schule als Institution“
- „Schule in ihrem sozial-kulturellen Umfeld“
- „Strukturen und Organisationsformen von Lehr- und Lernprozessen“ und auch
- „die Lehrkraft und ihre Kompetenzen“.

Im Folgenden soll eingehend untersucht werden, wie zwei ausgewählte Seminare des letztgenannten Problembereichs („die Lehrkraft und ihre Kompetenzen“) die Studenten auf ihren zukünftigen Beruf vorbereiten.9 Hierzu wurden in zwei unterschiedlichen Seminaren, welche unter der Leitung von Herrn standen, Fragebögen zu Beginn und am Ende des Sommersemesters 2013 ausgeteilt ( ). Zusätzlich wurden auch Studenten befragt, die das Seminar „Der Lehrer in mir und mein Bild von ihm“ in vorherigen Semestern absolviert hatten.

Ziel meiner Umfrage sollte es sein, herauszufinden, wie sich die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen zum Lehrer hin während des Studiums verändert bzw. festigt. Hierzu wurden vor allem die didaktischen Methoden der beiden Seminare untersucht und die Effizienz derer von den Studenten einschätzen lassen.

4.1 „Der Lehrer in mir und mein Bild von ihm“

Dieses Seminar richtet sich vor allem an Studenten, die sich in den ersten Semestern ihres Lehramtsstudiums befinden. Ziel der Veranstaltung ist es, die Studenten dazu zu bewegen, Schüler zu selbstverantwortlichem Handeln zu erziehen, sie eigene Lösungsansätze für ihre Probleme finden zu lassen und ihr Selbstbewusstsein zu stärken.

Überblick über die Organisation und den Ablauf des Seminars:

Bevor die pädagogischen und didaktischen Inhalte des Seminars vermittelt werden, wird zunächst anhand eines Fragebogens (F1) untersucht, wie sich die Teilnehmergruppe zusammensetzt, welche Erfahrungen die Studenten schon gesammelt haben etc. Die Analyse der Fragebögen ergibt, dass einige Studenten bereits Erfahrungen mit Jugendlichen (z.B. durch das Erteilen von Nachhilfeunterricht) gesammelt haben und zwei Drittel der Teilnehmer bereits ihr Schulpraxissemester absolviert haben. Viele haben schon über ihr späteres Lehrer-Dasein nachgedacht und stellen sich bei der Reflexion über ihre damaligen Lehrer vor, wie sie selbst einmal unterrichten und auf ihre Schüler wirken möchten. Bei der Auswertung der Fragebögen fällt auf, dass nur sehr wenige Studenten wissen, welche Erwartungen später seitens der Schüler, Kollegen und vor allem der Eltern auf sie zukommen. Auf der Rückseite des Fragebogens sollten sie zudem ihre Befürchtungen notieren bzw. Situationen nennen, vor denen sie als angehende Lehrer Respekt haben. Neben Befürchtungen, die die eigene fachliche Kompetenz betreffen, ist auffällig, dass das größte „Sorgenkind“ der Studenten ihre eigene Persönlichkeit ist. Sie fragen sich, ob sie den Anforderungen der Eltern gewachsen sind, sie haben Angst, von Eltern schlecht gemacht und beschuldigt zu werden. Auch die Frage, ob sie ihren Schülern gegenüber autoritär wirken, stellen sich die Studenten häufig. Sie wünschen sich, in den unterschiedlichen Aufgabenbereichen ihres Berufs solide und verantwortungsvolle Entscheidungen treffen zu können. Sie wollen erreichen, dass sie sowohl von ihren Schülern respektiert und akzeptiert werden, als auch dass ihnen eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern und Kollegen möglich ist.

[...]


1 ln vorliegender Arbeit wird zur leichteren Lesbarkeit nun nur noch das generische Maskulinum verwendet.

2 Sog. „Eignungspraktika“, wie sie beispielsweise in NRW durchgeführt werden (vgl. Kunter et.al., 2011, S.58), gibt es in BW nicht.

3 In der Umfrage waren 18 Eigenschaften eines Lehrers aufgelistet, die die Schüler mit „Ja“, „Nein“ oder „Enthaltung“ beantworten sollten. Für den weiteren Verlauf dieser Arbeit sind vor allem die fünf meist genannten Eigenschaften ausschlaggebend, weshalb die restlichen Items hier nicht aufgeführt werden.

4 Meine Arbeit befasst sich mit dem gymnasialen Lehramtsstudium an der Universität, zu Ausbildungen an Pädagogischen Hochschulen wurden keine Daten erhoben.

5 Neben Riemann benannt nach dem Psychologen Christoph Thomann, welcher bei Friedemann Schulz von Thun, auf dessen Kommunikationsmodell später noch näher eingegangen werden soll, studierte.

6 Häufig sind depressive Persönlichkeiten religiös (vgl. Riemann, S.116).

7 Die Einteilung in Paare geht nicht auf Riemann zurück. Sie wurde vorgenommen, um im Folgenden übersichtlicher und strukturierter arbeiten zu können.

8 Vgl. WPO 2001.

9 Die anderen Problembereiche bzw. die Veranstaltungen aus dem Bereich Schulpädagogik und Philosophie werden im Folgenden vernachlässigt.

Ende der Leseprobe aus 66 Seiten

Details

Titel
Stärkung der Persönlichkeit von Lehramtsstudenten. Ein praxisorientierter Ansatz
Untertitel
Der Einfluss von Pädagogik-Seminaren darauf, wie Lehramtsstudenten gegenüber Schülern pädagogisch kompetenter auftreten können
Note
1,5
Autor
Jahr
2014
Seiten
66
Katalognummer
V371083
ISBN (eBook)
9783668483477
ISBN (Buch)
9783668483484
Dateigröße
684 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stärkung, persönlichkeit, lehramtsstudenten, ansatz, einfluss, pädagogik-seminaren, schülern
Arbeit zitieren
Lisa Pauels (Autor), 2014, Stärkung der Persönlichkeit von Lehramtsstudenten. Ein praxisorientierter Ansatz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371083

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