Ein Wirtschaftsgut, drei Wertsätze. Eine Kritische Analyse der Beurteilung von Grundvermögen

Im Rahmen der Grundsteuer, Grunderwerbsteuer sowie Erbschafts- und Schenkungssteuer


Bachelorarbeit, 2016

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Steuerrechtliche Bewertungsgrundlagen von bebauten Grundstücken

2.1 Grunderwerbsteuer

2.2 Grundsteuer

2.3 Erbschaft- und Schenkungsteuer

3 Mängel der Einheitsbewertung zum Zweck der Grundsteuer

4 Bewertungsvergleich

4.1 Bewertung zum Zweck der Grunderwerbsteuer

4.2 Einheitsbewertung am Beispiel eines Mietwohngrundstücks

4.3 Bewertung zum Zweck der Erbschafts- und Schenkungssteuer

5 Fazit

Anhang

Literatur

Rechtsquellen

Sonstige Quellen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Objektdetails zum exemplarischen Mietwohngrundstück

Tabelle 2: Einheitsbewertung des Mietwohngrundstück in Bielefeld-Innenstadt

Tabelle 3: Einheitsbewertung und Grundsteuerschuldberechnung für das Mietwohngrundstück in Paderborn-Innenstadt

Tabelle 4: Bewertung des Mietwohngrundstücks im Ertragswertverfahren

Tabelle 5: Bewertung des Mietwohngrundstücks im Ertragswertverfahren mit variierendem Liegenschaftszins

Tabelle 6: Bewertung des Mietwohngrundstücks im Sachwertverfahren

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die Besteuerung von Grund und Boden stellt in Deutschland eine wichtige Einnahmequelle für Länder und Gemeinden dar. Im Wesentlichen sind es die Grund-, Grunderwerb-, Erbschafts- und Schenkungssteuer, die die Besteuerung des Grundvermögens zum Gegenstand haben. So bildet die Grundsteuer (GrSt) mit rund 13 Milliarden (Mrd.) Euro p.a. eine unverzichtbare Säule in der Finanzierung der Gemeinden, während die Grunderwerbsteuer (GrESt) und die Erbschafts- und Schenkungssteuer, folgend nur als Erbschaftssteuer (ErbSt) bezeichnet, mit einem Aufkommen in Höhe von (i.H.v.) rund 11 Mrd. und 6 Mrd. Euro den Ländern zufließen.[1] Um die jeweiligen Steuersätze auf das Grundvermögen anzuwenden, muss zunächst dessen Steuerwert festgestellt werden. Dieser ist für die aufgeführten Steuerarten nicht etwa identisch, sondern variiert sehr stark, nicht zuletzt aufgrund der signifikanten Unterschiede in den Bewertungsverfahren. Das Bewertungsgesetz (BewG) bietet dahingehend eine Reihe von Vorschriften, die es zu beachten gilt. Ziel dieser Arbeit ist es, die Bewertungsverfahren für die drei Steuerarten in ihren Grundzügen darzustellen und mögliche Inkonsistenzen aufzuzeigen.

Zu diesem Zweck wird im zweiten Kapitel zunächst auf die steuerrechtlichen Bewertungsgrundlagen für bebaute Grundstücke eingegangen und die relevanten Verfahren näher beleuchtet. Im dritten Kapitel wird der Grundsteuer im Hinblick auf die steuerpolitische Debatte um die Einheitsbewertung besondere Beachtung geschenkt, indem die Mängel des Verfahrens grob erörtert werden. Im vierten Kapitel soll ein konkretes Mietwohngrundstück innerhalb der drei Steuerarten mit den dafür relevanten Verfahren bewertet werden, um die Heterogenität der Bemessungsgrundlagen deutlich zu machen. Dabei wird teilweise auf Daten zurückgegriffen, die auf Anfrage von den regionalen Finanzämtern zur Verfügung gestellt worden sind sowie auf Daten des regionalen Immobilienmarktes. Des Weiteren werden die maßgebenden Variablen in den Verfahren betrachtet, um das Fehlerpotential aufzudecken und die damit verbundenen möglichen Auswirkungen für den Steuerpflichtigen aufzuzeigen. Im Anschluss wird neben den zusammengefassten Ergebnissen auch ein Ausblick auf die kommenden steuerpolitischen Veränderungen die Grundsteuerreform betreffend gegeben.

2 Steuerrechtliche Bewertungsgrundlagen von bebauten Grundstücken

2.1 Grunderwerbsteuer

Die GrESt ist eine Rechtsverkehrssteuer, die den Rechtsvorgang besteuert ohne Berücksichtigung der persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse der beteiligten Parteien.[2] Gemäß § 8 Abs. 1 GrEStG ist die Gegenleistung Gegenstand der Besteuerung beim Erwerbsvorgang. § 9 GrEStG listet mögliche Erwerbsvorgänge auf und ordnet ihnen eine entsprechende Gegenleistung zu. Bei Nichtvorliegen einer Gegenleistung verweist § 8 Abs. 2 GrEStG auf die Bewertungsvorschriften gemäß § 138 Abs. 2 bis 4 BewG. Die häufigste Form der Gegenleistung in der Praxis stellt u.a. der Kaufpreis dar.[3] Demnach fungiert der Kaufpreis des Grundstücks als Bemessungsgrundlage auf welchen die Bundesländer die GrESt erheben.

2.2 Grundsteuer

Die GrSt ist ihrem Wesen nach eine sog. Real- oder Objektsteuer gemäß § 3 Abs. 2 AO. Demzufolge wird alleinig das Grundstück als Objekt, ungeachtet der persönlichen Lage des Steuerzahlers, besteuert. Als Bemessungsgrundlage zur Feststellung der jährlichen GrSt dient der sog. Einheitswert für inländischen Grundbesitz gemäß § 19 BewG. Das BewG unterscheidet grundsätzlich zwischen bebauten und unbebauten Grundstücken. Für die Bewertung der bebauten Grundstücke ist je nach Grundstücksart entweder das Ertrags- oder das Sachwertverfahren vorgeschrieben.[4] Diese beiden Verfahren sind ab dem 01.01.1996 nur noch bei der Grundsteuer anzuwenden.[5] Im Ertragswertverfahren werden laut § 76 Abs. 1 BewG Mietwohngrundstücke, Geschäftsgrundstücke, gemischt genutzte Grundstücke sowie Ein- und Zweifamilienhäuser bewertet. Die Bewertung von sonstigen bebauten Grundstücken sowie von Sonderfällen, die die ersten fünf Grundstücksarten gem. § 75 Abs. 1 BewG betreffen, erfolgt im Sachwertverfahren.[6]

Die Basis für die Feststellung des Einheitswerts im Ertragswertverfahren durch das FA bilden Mietspiegel, die auf die Hauptfeststellungszeitpunkte 1964 für die alten Bundesländer und 1935 für die neuen Bundesländer zurückgehen. Die entsprechenden Vorschriften zur Feststellung des Einheitswerts finden sich in den §§ 78 – 82 BewG. Demnach wird durch die Multiplikation der Wohnfläche und des Mietwerts in Deutsche Mark (DM) pro Quadratmeter nach den Verhältnissen von 1964/1935 zunächst die Jahresrohmiete berechnet. Dabei hängt der Mietwert von der Art des Grundstücks, dessen Ausstattung und der Lage ab. Die Jahresrohmiete wird anschließend mit einem im BewG festgelegten Vervielfältiger multipliziert und ergibt im Endeffekt den Einheitswert des Grundstücks in DM.[7] Eine Unterscheidung von Boden- und Gebäudewert wird nicht getroffen, da der Bodenertragsanteil und die Bewirtschaftungskosten pauschal in dem Vervielfältiger erfasst sind.[8] Die Höhe des Vervielfältigers richtet sich zudem nach der Bauart des Grundstücks, dessen Baujahr und der Gemeindegröße, in der das Grundstück gelegen ist.[9]

Im Sachwertverfahren sieht der Gesetzgeber zunächst eine Ermittlung des Bodenwerts vor, zu dem der Wert des Gebäudes und der Wert der Außenanlagen hinzuaddiert wird.[10]

2.3 Erbschaft- und Schenkungsteuer

Die Besteuerung von Erbschaften wird in dem Erbschaftsteuergesetz (ErbStG) geregelt, welches ebenso für Schenkungen unter Lebenden gilt, damit die ErbSt nicht umgangen werden kann. Neben Erbschaften und Schenkungen werden weitere steuerpflichtige Vorgänge in dem § 1 ErbStG unterschieden. Bei der Erbschaftsteuer handelt es sich um eine Personensteuer, welche im Gegensatz zu den beiden o.g. Steuerarten die persönlichen Verhältnisse des Steuerpflichtigen berücksichtigt.[11]

Für die Bewertung des Grundvermögens verweist § 12 Abs. 3 ErbStG auf das BewG. Demzufolge hat die Bewertung des Grundbesitzes sich an dem gemeinen Wert zu orientieren.[12] Letzterer wird in Anlehnung an Preise, die sich im normalen Geschäftsverkehr ergeben, festgestellt. Jegliche wertmindernde oder wertsteigernde Begebenheiten werden dabei berücksichtigt.[13] Nach dem Erbschaftsteuerreformgesetz (ErbStRG) vom 24. Dezember 2008 wird Grundbesitz im Rahmen der ErbSt nicht mehr wie bei der GrSt mit dem Einheitswert bewertet, sondern je nach Grundstücksart mit dem Verkehrswert-, Ertragswert- und dem Sachwertverfahren.[14] Das BewG trifft auch hier zunächst die Unterscheidung in unbebaute und bebaute Grundstücke.[15] Die bebauten Grundstücke werden analog zum Grundsteuergesetz (GrStG) in sechs Grundstücksarten eingeordnet.[16] So sind laut § 181 BewG Ein- und Zweifamilienhäuser sowie Wohnungs- und Teileigentum im Verkehrswertverfahren, Mietwohn- und Geschäftsgrundstücke sowie gemischt genutzte Grundstücke im Ertragswertverfahren und zuletzt sonstige bebaute Grundstücke im Sachwertverfahren zu bewerten.

Beim Vergleichswertverfahren werden Kaufpreise für vergleichbare Objekte herangezogen. Diese werden von den Gutachterausschüssen der Gemeinden zur Verfügung gestellt. Abweichend vom Vergleichspreis, sofern dieser nicht vorliegt, können auch Vergleichsfaktoren herangezogen werden, welche ebenfalls vom jeweiligen Gutachterausschuss bereitgestellt werden. Diese beziehen sich allerdings nur auf den Gebäudewert und infolgedessen der Bodenwert gesondert ermittelt werden muss.[17] Liegen vom Gutachterausschuss weder Vergleichspreise noch Vergleichsfaktoren vor, so ist die Ermittlung der Bemessungsgrundlage gemäß § 182 Abs. 4 Nr. 1 BewG nach dem Sachwertverfahren als Ersatzverfahren vorzunehmen.

Beim Ertragswertverfahren werden der Boden- und der Gebäudewert separat ermittelt. Beide Werte aufsummiert ergeben letztendlich den Ertragswert. Der Bodenwert wird analog zu unbebauten Grundstücken anhand der Fläche und des Bodenrichtwertes festgestellt.[18] Die Ermittlung des Gebäudeertragswerts teilt sich in mehrere Schritte auf. So wird zunächst anhand des aktuellen Mietspiegels der Rohertrag gemäß § 186 BewG errechnet. Dieser wird im nächsten Schritt um die Bewirtschaftungskosten gemindert, die in den Anlagen 22 und 23 BewG in Abhängigkeit von der Restnutzungsdauer (RND) und der Grundstücksart pauschaliert in Prozentsätzen dargestellt sind.[19] Der sich daraus ergebende Reinertrag ist gemäß § 185 Abs. 2 um eine angemessene Bodenwertverzinsung zu schmälern, da diese bereits im Rohertrag Berücksichtigung findet.[20] Der zu Grunde zu legende Zinssatz, mit dem die Grundstücke marktüblich verzinst werden, ist der sog. Liegenschaftszinssatz (LGZ) und ist ebenfalls von Gutachterausschüssen zur Verfügung zu stellen. Sofern keine Datengrundlage von den Gutachterausschüssen geliefert werden kann, schreibt das Bewertungsgesetz die Liegenschaftszinssätze nach § 188 Abs. 2 Nr. 1 bis 4 vor. Nach Abzug der Bodenwertverzinsung ergibt sich der Gebäudereinertrag, der im letzten Schritt mit dem Vervielfältiger, welcher in der Anlage 21 BewG festgelegt ist, zum Gebäudeertragswert kapitalisiert wird. Dieser Kapitalisierungsfaktor hängt dabei von der RND des Gebäudes und dem LGZ ab.[21] Die Summe aus dem Gebäudeertragswert und dem zuvor ermittelten Bodenwert führt zur Bemessungsgrundlage für die Erbschaftsteuer. Für den Fall, dass die Durchführung des Ertragswertverfahrens aufgrund von nichtvorhandener Datengrundlage scheitert, greift das Sachwertverfahren als Ersatzverfahren.

Beim Sachwertverfahren wird ebenfalls in einen Bodenwert und einen Gebäudewert unterschieden, die nach separater Ermittlung zu einem vorläufigen Sachwert aufsummiert werden.[22] Gemäß § 190 Abs. 1 BewG sind zunächst die Gebäuderegelherstellungskosten (GRHK) durch die Multiplikation der Regelherstellungskosten (RHK) und der Brutto-Grundfläche zu ermitteln. Die RHK spiegeln die marktüblichen Herstellungskosten wieder und sind in der Anlage 24 BewG zu finden.[23] Durch einen Umrechnungsfaktor, der ebenfalls durch die Anlage 24 BewG bestimmt ist, findet die Umrechnung von der Netto-Grundfläche in die Brutto-Grundfläche statt. Es erfolgt eine lineare Alterswertminderung (AWM) gemäß § 190 Abs. 2 BewG auf die zuvor errechneten GRHK. Der durch die AWM resultierende Gebäudesachwert ergibt mit dem Bodenwert den sog. vorläufigen Sachwert, der anschließend mit einem im besten Fall vom Gutachterausschuss im Sinne des Baugesetzbuchs (BauGB) abgeleiteten oder durch das BewG in der Anlage 25 bestimmten Sachwertfaktor multipliziert wird.[24]

3 Mängel der Einheitsbewertung zum Zweck der Grundsteuer

Die Einheitsbewertung bietet viel Anlass zur Kritik. Insbesondere sind in den vergangenen Jahrzehnten die Verzerrungen in den Fokus gerückt, die aus den beiden zur Bewertung des Grundbesitzes angewandten Verfahren, dem Ertrags- und Sachwertverfahren, sowie der Überalterung der Einheitswerte entstehen. So wird beispielsweise das Ertragswertverfahren überwiegend auf Grundstücke angewandt, die nach dem Jahr 1964 entstanden sind. Dabei soll die übliche Miete für gleichermaßen ausgestalteten Grundbesitz als Grundlage zur Ermittlung des Rohertrags dienen. Die Mietpreise haben sich allerdings seit dem Hauptfeststellungszeitpunkt 1964 in Abhängigkeit des Ortes, des Stadtteiles und der Grundstücksart unterschiedlich entwickelt und sind mit den Wertverhältnissen von 1964 unvereinbar. Zu einem späteren Zeitpunkt vorgenommene Veränderungen am Grundbesitz, wie Umbauten oder Erweiterungen, erschweren zudem die Festlegung des Multiplikators, da das Baujahr in diesen Fällen nicht eindeutig bestimmt ist. Des Weiteren können Unklarheiten über die genaue Größe der Gemeinde an einem Stichtag zu einem abweichenden Multiplikator führen und den Einheitswert schlussendlich verfälschen. Das Sachwertverfahren wird ebenso aufgrund seiner Komplexität und der mühsamen Umsetzung in der Praxis kritisiert. So bietet alleinig die Einordnung in eine Gebäudeklasse viel Streitpotential, da die zahlreichen Abgrenzungen eine eindeutige Bestimmung äußerst schwierig machen. Grundsätzlich führt die Bewertung durch das Sachwertverfahren zu einem höheren Einheitswert als das Ertragswertverfahren. Diese beispielhaft aufgeführten sowie weiteren Mängel innerhalb der Bewertungsverfahren, auf die im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter eingegangen wird, führen zu einer für den Steuerzahler ungerechten und intransparenten Besteuerungsgrundlage.[25]

Der Bundesfinanzhof (BFH) erklärt in seiner Entscheidung vom 30.06.2010, dass die auf den Hauptfeststellungszeitpunkt 01.01.1964 festgestellten Einheitswerte den Gleichheitssatz im Sinne des Art. 3 Abs. 1 des Grundgesetzes (GG) weit verfehlen. Zwar wird die Einheitsbewertung bis zum 01.01.2007 als verfassungsgemäß angesehen, eine Neubewertung des Grundbesitzes sei aber dringend notwendig, da die angedachten Hauptfeststellungen in Abständen von sechs Jahren gemäß § 21 Abs. 1 Nr. 1 BewG nicht erfolgt sind und die Einheitsbewertung dementsprechend zu enormen Wertverzerrungen führt.[26] Dass die Einheitsbewertung zum Zwecke der Grundsteuer immer noch Bestand hat, ist dem Umstand geschuldet, dass der GrSt, anders als beispielsweise der Vermögensteuer, ausschließlich das Grundvermögen unterworfen ist. Dies bedeutet, dass die Wertverzerrung letztendlich bei jedem Grundstück auftritt und infolge dessen alle Grundstücke auf verfälschter Basis besteuert werden, wodurch diese zwar realitätsfern, aber gleich behandelt werden. Doch im Zuge der Überalterung der Einheitswerte verliert diese Rechtfertigung an Gewicht, weil gleiche Grundstücke längst nicht mehr gleich besteuert werden. Dies liegt größtenteils daran, dass die modernen Gebäude in der Bauart, Bauweise, Konstruktion und Größe sich von denen im Jahre 1958 existierenden Gebäuden im höchsten Maße unterscheiden und dennoch nach den Baupreisverhältnissen des Jahres 1958 bewertet werden. So werden beispielsweise Grundstücke, die durch die marktüblichen Wertentwicklungen gleich zu behandeln wären, unterschiedlich besteuert.[27]

4 Bewertungsvergleich

Zur Verdeutlichung der Unterschiede in der Ermittlung der Bemessungsgrundlage sowie deren Höhe für die Grunderwerb-, Grund- und Erbschaftssteuer soll im Folgenden ein exemplarischer Bewertungsvergleich durchgeführt werden. Den Berechnungen wird ein Mietwohngrundstück zu Grunde gelegt. Ein Mietwohngrundstück definiert sich dem Gesetz nach als ein Grundstück, das über mehr als zwei Wohnungen verfügt und zu mehr als 80 % Wohnzwecken dient.[28]

Dem Bewertungsvergleich sei ein Mehrfamilienhaus mit den folgenden Eigenschaften zu Grunde gelegt:[29] Aus Vereinfachungsgründen werden zugehörige Parkplätze bei der Betrachtung außer Acht gelassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Objektdetails zum exemplarischen Mietwohngrundstück.

4.1 Bewertung zum Zweck der Grunderwerbsteuer

Als Bemessungsgrundlage für die GrESt dient die Gegenleistung, welche in diesem Fall durch den Kaufpreis i. H. v. 595.000 EUR dargestellt wird. Dieser wird zu

Besteuerungszwecken dem Kaufvertrag entnommen. Demnach wird der individuelle Steuersatz der Bundesländer auf den aktuellen Marktwert angewandt.[30]

4.2 Einheitsbewertung am Beispiel eines Mietwohngrundstücks

Mietwohngrundstücke sind nach § 76 Abs. 1 BewG im Ertragswertverfahren zu bewerten. Zur Ermittlung der Jahresrohmiete liegen dem jeweiligen FA die Mietspiegel der Jahre 1964 und 1935 im Beitrittsgebiet vor. Der Preis pro Quadratmeter orientiert sich dabei an der Grundstücksart, der Wohnfläche und der Ausstattung. Für ein derartiges Grundstück in Bielefeld-Innenstadt nimmt das FA eine standardmäßig gute Ausstattung an, da das Baujahr darauf schließen lässt, dass jede Wohneinheit beispielsweise über ein eigenes Badezimmer, zweifach verglaste Fenster etc. verfügt. Im vorliegenden Fall setzt das FA Bielefeld-Innenstadt einen Preis pro Quadratmeter von 3,20 DM an.[31] Der zur Berechnung benötigte Vervielfältiger ist aus der Anlage 3 BewG zu entnehmen. Das vorliegende Mietwohngrundstück ist in die Kategorie A (Massivbauten), Nachkriegsbauten und in die Gemeindegrößenklasse von 10.000 bis zu 50.000 Einwohnern einzuordnen. Es ergibt sich demnach ein Vervielfältiger von 9,2.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Einheitsbewertung des Mietwohngrundstück in Bielefeld-Innenstadt.

Der Einheitswert des Grundstücks macht 12,74 % des aktuellen Marktwertes aus und liegt somit fernab von einer realitätsnahen und marktgerechten Bewertung.

Das FA Paderborn-Innenstadt setzt für ein vergleichbares Objekt innerhalb der Bezirke in der Innenstadt eine Preisspanne von mindestens 2,90 DM bis maximal 4,70 DM pro Quadratmeter an.[34] Die Preisspanne spiegelt die Attraktivität der Wohnbezirke nach den Verhältnissen des Jahres 1964 wieder. Es seien die beiden Extrema in der folgenden Berechnung zum Vergleich der Einheitswerte sowie der daraus resultierenden Grundsteuerbelastung gegenüber gestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Einheitsbewertung und Grundsteuerschuldberechnung für das Mietwohngrundstück in Paderborn-Innenstadt.

Die Differenz von ca. 62% in den Einheitswerten schlägt sich in der Festsetzung der Grundsteuerhöhe nieder. Unter der Annahme, dass die Stadtteile mit den niedrig bewerteten Grundstücken zum Hauptfeststellungszeitpunkt sich im Zeitablauf positiv entwickelt haben und erheblich an Popularität gewonnen haben - sei es durch den Ausbau der Infrastruktur oder die Etablierung eines beispielsweise kulturell interessanten Milieus - besteht offensichtlich die Gefahr, dass ein Grundstück mit hoher Lagequalität und somit einem deutlich höheren Marktwert heutzutage mit einer wesentlich niedrigeren Grundsteuer belastet wird, als ein Grundstück, das einen niedrigeren Attraktivitätsgrad aufweist. Führt man diesen Vergleich mit derselben Immobilie für die Innenstadt Münster durch, ergibt sich ein ähnliches Bild.[37] Es liegen für das exemplarisch gewählte Objekt Einheitswerte von 73.472 EUR bis 100.724 EUR vor. Daraus resultiert eine Grundsteuerbelastung von 1.311,46 EUR bis 1.797,90 EUR. Bezieht man die oben aufgeführte Annahme bezüglich der Entwicklung des Immobilienmarktes ebenso auf die Innenstadt Münster, so kann es im Extremfall dazu kommen, dass ein Mietwohngrundstück in verhältnismäßig schlechter Lage in Münster mit einer Grundsteuer von 1.797,90 EUR p.a. belastet wird und im Gegenzug dazu ein vergleichbares Grundstück in Paderborn in bevorzugter Wohngegend von hoher Qualität lediglich mit 1.031,74 EUR p.a. besteuert wird. Das macht eine Differenz von ca. 74 % aus. Diese ist dabei nicht nur auf den unterschiedlich hohen Hebesatz für die Grundsteuer B der Gemeinden zurückzuführen, welcher aktuell für Paderborn 429% und für Münster 510% beträgt,[38] sondern auf die durch die Einheitswerte entstehende Wertverzerrung.

[...]


[1] Vgl. Statistisches Bundesamt (2016). Finanzen und Steuern. Steuerhaushalt-Fachserie 14 Reihe 4, S.10. https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/FinanzenSteuern/Steuern/Steuerhaushalt/SteuerhaushaltJ2140400157004.pdf?__blob=publicationFile (1 6.06.2016).

[2] Vgl. Ardizonni/Führlein/Körner (2008), S. 23.

[3] Vgl. Ardizonni/Führlein/Körner (2008), S. 144 ff.

[4] Vgl. § 76 BewG.

[5] Vgl. Halaczinsky, in: Rössler/Troll (Hrsg.,2015), § 76 BewG Rn. 6.

[6] Vgl. § 76 Abs. 2 und 3 BewG.

[7] Vgl. Becker, C./Becker, M. (2005). Einheitsbewertung und Grundsteuer am Beispiel eines Einfamilienhauses. immobilien intern, Beilage Nr. 23/05. http://www.bdsr.de/IMMO/IM/2005/Ii2305b.pdf (27.05.2016).

[8] Vgl. Halaczinsky, in: Rössler/Troll (Hrsg.,2015), § 78 BewG Rn. 8.

[9] Vgl. Anlage 3 BewG.

[10] Vgl. Kraft, C./Kraft, G. (2014), S. 301; §§ 83 – 90 BewG; Auf eine nähere Erläuterung des Sachwertverfahrens wird im Rahmen dieser Arbeit verzichtet.

[11] Vgl. Beeck (2012), S. 101.

[12] Vgl. § 177 BewG.

[13] Vgl. § 9 BewG.

[14] Vgl. BGBl. I S. 3018.

[15] Vgl. § 178, § 180 BewG.

[16] Vgl. § 181 Abs. 1 BewG.

[17] Vgl. Beeck (2012), S. 108 ; § 183 BewG.

[18] Vgl. § 184 BewG.

[19] Vgl. Beeck (2012), S. 109 ; § 187 BewG.

[20] Vgl. Beeck (2012), S. 109.

[21] Vgl. § 185 Abs. 3 BewG.

[22] Vgl. § 189 Abs. 1 und 3 BewG.

[23] Vgl. § 190 Abs. 1 BewG.

[24] Vgl. § 189 Abs. 3 BewG ; § 191 BewG.

[25] Vgl. Schelle, K. (1993). Die Einheitsbewertung des Grundbesitzes. Schriften//Karl – Bräuer – Institut des Bundes für Steuerzahler, Nr. 76, S. 32 ff.

[26] Vgl. BFH v. 30.06.2010 – II R 60/08.

[27] Vgl. Schulemann, O. (2011). Reform der Grundsteuer: Handlungsbedarf und Reformoptionen. Schriften//Karl-Bräuer-Institut des Bundes der Steuerzahler, Nr. 109, S. 8, https://www.econstor.eu/dspace/bitstream/10419/50504/1/666351813.pdf (01.02.2016).

[28] Vgl. Halaczinsky, in: Rössler/Troll (Hrsg.,2015), § 75 BewG Rn. 16.

[29] Das exemplarische Objekt ist dem aktuellen Immobilienmarkt in Bielefeld-Innenstadt entnommen.

[30] Seit dem 01.09.2006 ist die Festlegung der Höhe des Steuersatzes abweichend von § 11 Abs. 1 GrEStG den Bundesländern überlassen.

[31] Die den Finanzämtern vorliegende Mietspiegel der Jahre 1964/1935 sind nicht öffentlich zugänglich. Der Wert von 3,20 DM ist auf Anfrage zum Zweck dieser Bachelorarbeit von der Einheitswertstelle des FA Bielefeld-Innenstadt bereitgestellt worden.

[32] Der Einheitswert in DM wird gemäß § 30 BewG auf volle 100 DM nach unten abgerundet.

[33] Der in Euro umgerechnete Einheitswert wird gemäß § 30 BewG auf volle Euro nach unten abgerundet.

[34] Die vorliegenden Werte zur Preisspanne sind auf Anfrage zum Zweck dieser Bachelorarbeit von der Einheitswertstelle des FA Paderborn-Innenstadt bereit gestellt worden.

[35] Vgl. § 15 GrStG.

[36] Die Stadt Paderborn wendet zum Zweck der Grundsteuer B einen Hebesatz in Höhe von 429% auf den Steuermessbetrag an. https://www.paderborn.de/vv/produkte/Kaemmerei_und_Steueramt/109010100000074711.php (06.06.2016).

[37] Für eine Einheitsbewertung und Grundsteuerschuld für das Mietwohngrundstück in Münster-Innenstadt siehe Tabelle 1 im Anhang.

[38] Die Stadt Münster wendet zum Zweck der Grundsteuer B einen Hebesatz in Höhe von 510% auf den Steuermessbetrag an. http://www.stadt-muenster.de/finanzen/steuern-und-gebuehren/steuerhebesaetze.html (07.06.2016).

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Ein Wirtschaftsgut, drei Wertsätze. Eine Kritische Analyse der Beurteilung von Grundvermögen
Untertitel
Im Rahmen der Grundsteuer, Grunderwerbsteuer sowie Erbschafts- und Schenkungssteuer
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
26
Katalognummer
V371186
ISBN (eBook)
9783668491731
ISBN (Buch)
9783668491748
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bewertungsgesetz, Einheitsbewertung, Bewertung Grundvermögen, Grundsteuer, Grunderwerbsteuer, Ertragswertverfahren, Sachwertverfahren
Arbeit zitieren
Anastasia Harder (Autor), 2016, Ein Wirtschaftsgut, drei Wertsätze. Eine Kritische Analyse der Beurteilung von Grundvermögen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371186

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