Gadamers Hermeneutik


Magisterarbeit, 2002
54 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Aufgabe der Hermeneutik
2.1. Verdeckung der Sprache
2.2. Reflexion und Selbstreflexion
2.3. Verstehen als wirkungsgeschichtlicher Vorgang

3. Sprache und Gespräch
3.1. Motivation
3.2. Die Kunst
3.3. Das Gespräch als Spiel

4. Verstehen
4.1. Dichtung als Aufdeckung
4.2. Interpretation und Deutung

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

7. Erklärung

1. Einleitung

Gegenstand dieser Magisterarbeit sind die Schriften über Hermeneutik von Hans-Georg Gadamer. Gadamer geht in seinen hermeneutischen Schriften in viele Gebiete wie in die Naturwissenschaften, in die Geschichte und in die Kunst tief hinein. Diese Arbeit konzentriert sich auf den Bereich der Lyrik, wobei die zuvor genannten Gebiete nicht vollkommen ausgeschlossen werden sollten. Ich verwende hier den Ausdruck „sollten“, obwohl ich der Meinung bin, dass diese Bereiche gar nicht ausgeschlossen werden können, wenn man sich die Ergebnisse Gadamers im Zusammenhang der Hermeneutik erschließen möchte.

Hermeneutik ist die Kunst und Lehre der Auslegung von Schriften und Kunstwerken. Auch das Verstehen von Menschen, was nach Gadamer nur durch das Gespräch zum Erfolg führen kann, ist Teil der Hermeneutik. Um ein Verständnis davon zu bekommen, was Gadamer mit der ‚Universalität von Hermeneutik‘ meint, werde ich einen Einblick darin geben, wie beispielsweise das Geschichtsverständnis unser aller Leben beeinflusst. Auch der Begriff und das Verständnis von Zeit spielt hier hinein.

Wieso leben wir in einem (vor)geprägten Horizont? Und was bedeutet das? Warum stehen wir schon immer in einer wirkungsgeschichtlichen Situation? Was können uns dann noch geschichtliche Überlieferungen sagen? ‚Sagen‘ sie überhaupt etwas oder sagt jemand durch sie etwas? Kann uns denn etwas wirkliche Wahrheit im Sagen überbringen? Und wie bestimmt man ‚wirkliche Wahrheit‘?

All diese Fragen werden aufgezeigt und erörtert werden müssen. Durch sie kommt man in den Genuss, Gadamers Überlegungen zur Lyrik verstehen zu können und auch zu dürfen. Ich sage hier bewusst „Genuss“ und „verstehen dürfen“, denn die Beschäftigung mit Hans-Georg Gadamer eröffnete mir einen neuen Horizont. Ich verstand. Das Nachvollziehen seiner Gedanken führte mich einen großen Schritt weiter, und genau das ist es, was auch Gadamer in seiner Schrift „Zur Problematik des Selbstverständnisses“[1] meint: Das Selbst des Einzelnen, sein Verhalten wie sein Verständnis seiner selbst, geht gleichsam in einer höheren Determination auf, die das eigentlich Bestimmende ist.[2] Wie man diese Stufe erreicht, ist ein wichtiger Gegenstand dieser Arbeit.

Die Lyrik von Paul Celan ist durch ihre Sinnverhüllung charakterisiert. Gadamer meint sogar, er hätte in diesem Punkt sein Äußerstes gegeben.[3] Das Verstehen eines Gedichts von Celan erfordert demnach eine große Eigenleistung. Das Lesen und Deuten, das ‚richtige‘ Verstehen ist hier Aufgabenstellung. Weist das Dichterwort auf etwas oder steht es in sich da, und will als solches genommen werden? Kann man den Sinn des Gedichts als etwas Verborgenes aufdecken? Oder ist der Sinn gar nicht verborgen, sondern in vielen Dimensionen zu fassen? Spricht es für oder gegen ein Gedicht, wenn es in sich verschränkt und verdichtet ist?

Hans-Georg Gadamer interpretiert unter anderem Paul Celans Gedichtfolge „Atemkristall“, welche 21 Gedichte umfasst. Hierbei geht er nicht nur auf das Gedicht selber ein, sondern bezieht einiges aus seinen hermeneutischen Schriften in die Interpretation mit ein. So werde ich vornehmlich andersherum zu seinen Gedanken, die die Hermeneutik betreffen, Interpretationsansätze von Celans Lyrik heranziehen. Beide Weisen des Vorgehens eröffnen einen vorerst nicht geahnten Weitblick. Eine volle Interpretation eines oder gar aller Gedichte hier offen zu legen, würde eine Verfehlung des Themas bedeuten.

Das Gedicht ist das extreme Beispiel im Verstehen. Zu ihm werde ich deswegen auch erst im Verlauf dieser Arbeit kommen. Das Gespräch, die Rede, der Text werden zuvor behandelt werden.

Die Sprache ist also ein weit um sich greifendes Phänomen. Man wird in sie geboren, und unser aller Leben wird nur durch sie geäußert. Sprache verdeckt und eröffnet zugleich. Letzteres aber nur durch eine eigene Leistung, durch Selbstreflexion. Gadamer sagte hierzu in „Mensch und Sprache“[4]:

„Die Prägung des Begriffs Sprache setzt Sprachbewußtheit voraus. Das aber ist erst das Resultat einer Reflexionsbewegung, in der sich der Denkende aus dem unbewußten Vollzug des Sprechens herausreflektiert und in eine Distanz zu sich selber getreten ist. Das eigentliche Rätsel der Sprache ist aber dies, daß wir das in Wahrheit nie ganz können. Alles Denken über Sprache ist vielmehr von der Sprache schon immer wieder eingeholt worden. Nur in einer Sprache können wir denken, und eben dieses Einwohnen unseres Denkens in einer Sprache ist das tiefe Rätsel, das die Sprache dem Denken stellt.“ (Seite 95)

Diese verdeckende Funktion zeigt das Universum der Sprache auf: Die Sprache ist überall, und durch sie wird nur gelebt.

Hans-Georg Gadamer schreibt in einer Weise, als wäre man mit ihm in einem Gespräch. Einerseits versteht man recht schnell, was Gadamer sagen möchte, da es scheint, als würde er mit dem Leser gemeinsam überlegen und zu Schlüssen kommen. Andererseits aber ist es an vielen Stellen unmöglich zu sagen, wessen Gedanken hier niedergeschrieben sind. Bezieht er sich auf Heidegger? Oder ist es noch eine logische Folgerung ausgehend von Kant? Das ist bei der Arbeit mit Schriften von Gadamer der Pferdefuß. Am Ende eines Zitats Gadamers, das ich in dieser Arbeit anfüge, habe ich durch Zufall ein verstecktes Rilke Gedicht entdeckt. Dieses wurde jedoch nicht im Sinn erfasst, Gadamer scheint sich nur der Worte bedient zu haben. Und doch muss man auf der Hut sein, wenn man Gadamers Worte lauschen möchte.

2. Die Aufgabe der Hermeneutik

2.1. Verdeckung der Sprache

Das Wesenhafte der Sprache ist die Selbstvergessenheit. Man wohnt in ihr ein, oder wie es Hans-Georg Gadamer in seiner Schrift „Über den Beitrag der Dichtkunst bei der Suche nach der Wahrheit“[5] ausdrückte: Man haust sich in ihr ein. (Seite 226) „Das eigentliche Sein der Sprache ist das, worin wir aufgehen, wenn wir sie hören, das Gesagte.“[6] So beeinflusst Sprache auch unser Denken, denn wir denken in Worten.

Nach Plato heißt denken, sich etwas denken, und dies bedeutet wiederum, sich etwas sagen. Wir sind also in einem ständigen Dialog mit uns selbst, in den wir hineingewachsen sind. Wir suchen Nähe zur Welt durch die Sprache, denn die Muttersprache ist die erste „Weltartikulation“[7]. Es ist „eine sprachlich vorgeformte Erfahrung“[8] oder Welterfahrung, es stellt sich als ein vorgeformtes Schema Sprache-Verstehen-Orientierung dar. Der innere Dialog „der Seele mit sich selber“[9] gilt für Gadamer als unendlich.

Eine doppelte Verdeckung, nämlich durch das Sprechen geradezu Verdeckte, ist in der Lüge zu finden. Die Lüge verdeckt nicht nur und behauptet das Falsche, sondern es ist „ein verdeckendes Sprechen, das weiß.“[10] Der Charakter der Lüge muss hier verstanden werden, und zwar in der tatsächlichen und wahren Absicht des lügenden Sprechers. Sie wird bewusst und mit voller Absicht angewendet. Und alles, was ausgesprochen wird, hat seine Quelle in der Absicht, Wahres zu verdecken. Die Lüge, die sich ihrer Verdeckung nicht bewusst ist, ist bereits die Verlogenheit, in der sich die Wahrheit vollkommen verloren hat. Sie ist eine Selbstentfremdung und für denjenigen, der die Verlogenheit entlarvt, ist der verlogene Sprecher aus der Kommunikation ausgeschlossen, da dieser nicht zu sich selber steht.[11]

Eine weitere Form der Verdeckung durch das Sprechen sind Vorurteile und Vormeinungen. Beide Phänomene halten sich selbst oft durch eine selbstverständliche Gewissheit, oder gar durch eine Vorurteilslosigkeit in uns aufrecht. Wir werden durch solch ein Vorverständnis in unseren Reden bestimmt.

Gadamer greift im zweiten Gedicht der Gedichtfolge „Atemkristall“ von Paul Celan den Aspekt der Verdeckung der Sprache auf. Wir lesen den Vers „knetest du neu unsre Namen“[12]. Gadamer denkt hier nicht nur an die Namen der Menschen, sondern auch an die gesamte Fülle der Worte. Er schreibt:

„Es meint die Sprache, die über alle Erfahrung des Lebens gelagert ist wie eine deckende Last. Sie ist es, die abgetastet, d. h. auf ihre Durchlässigkeit geprüft wird, ob sie nicht doch irgendwo den Durchbruch ins Helle gewährt.“[13]

Zum neunzehnten Gedicht meint er:

„So ist Sprache da: als versteinertes Gebilde früherer Lebensausbrüche und als Schöpfung, die es war, verdeckt von dem alles verzehrenden, alles vergleichenden, eintönig flutenden Meer. Denn das eigentliche Gestein der Sprache ragt überhaupt nicht mehr aus den schäumenden Wassern heraus.“[14]

Wir leben in einem geprägten Horizont, den es aufzubrechen gilt, wenn man verstehen, und das wahre Wort aufdecken will.

2.2. Reflexion und Selbstreflexion

Die hermeneutische Reflexion ist von universaler Reichweite. Denn sie muss nicht nur die sprachliche Verdeckung aufheben, sondern sich auch um die Selbstaufklärung der wissenschaftlichen Methodik bemühen, die sich selbst als eine Wahrheitsbringerin ihrer Selbstrechtfertigung entzieht. Doch was tatsächlich geschieht, ist ein allgemeines Übertragen einer Methode aus der Wissenschaft wie aus der Physik auf ein anderes Gebiet wie die Erkenntnis der Gesellschaft.[15] Hier muss die Hermeneutik ansetzen und das Selbstverständliche, die Vorurteile und Vormeinungen, bezweifeln und die Verdeckung aufbrechen. So sagt Gadamer:

„Nicht schon die Methodenbeherrschung, sondern die hermeneutische Phantasie (Sinn für das Fragwürdige und das, was es von uns verlangt) ist die Auszeichnung des produktiven Geisteswissenschaftlers!“[16]

Wichtig ist es jedoch, dass sich auch die Hermeneutik selbst reflektiert. Erst wenn die Illusion der Reflexion ins Bewusstsein gebracht wird, scheint es Gadamer „dem wirklichen Erkenntnisideal näherzukommen“[17].

„In jedem Falle scheint mir das hermeneutisch aufgeklärte Bewußtsein eine überlegene Wahrheit zur Geltung zu bringen, indem es sich selbst in die Reflexion einbringt.“[18]

2.3. Verstehen als wirkungsgeschichtlicher Vorgang

Hans-Georg Gadamer rezitiert Martin Heidegger:

„Wir verstehen nur das, was wir schon wissen, hören nur das heraus, was wir hineinlesen.“[19]

Heidegger prägte in diesem Zusammenhang den Begriff ‚Hermeneutischer Zirkel‘. Dieser besagt, dass man seiner Voreingenommenheit bezüglich seines Gegenübers bewusst sein muss, um überhaupt sein Gegenüber als etwas Anderes zu verstehen und seine Wahrheit gelten zu lassen oder gelten lassen zu können.

Die Bewegung des Verstehens verläuft vom Ganzen als Vormeinung zum Teil als dem Zulassen der Richtigkeit und möglichen Wahrheit, zurück zum Ganzen als Einstimmung und Einigkeit. Das ist die Bewegung eines Zirkels oder der Verlauf von Kreisen, der die Einheit des verstandenen Sinnes zu erweitern hilft. Ein Gefühl der Zugehörigkeit und Verbundenheit kommt auf, das Gefühl des Zutun-Habens mit der gleichen Sache. Gadamer nennt es „das Moment der Tradition im historisch-hermeneutischen Verhalten“[20]. Dies ist jedoch keine fraglos selbstverständliche Einigkeit, sondern eine Zwischenstellung zwischen Fremdheit und Vertrautheit, „der wahre Ort der Hermeneutik.“[21] Dieses Zwischen beschreibt den Ort „zwischen der historisch gemeinten, abständigen Gegenständlichkeit und der Zugehörigkeit zu einer Tradition.“[22] Die hermeneutische Situation des Geisteswissenschaftlers ist also immer zwischen Fremdheit und Vertrautheit, nämlich der Gegenständlichkeit der Überlieferung, sei es ein Bild, Text, ein politisches oder soziales Geschehen, und der Zugehörigkeit zu ihr. Diese Zugehörigkeit kann auch in ihrer Negation gefasst werden. Gadamer kommt hier zu den Anfängen der historischen Kritik an Überlieferungen. Er nennt Spinozas theologisch-politisches Traktat in den Anfängen der Bibelkritik. Eine unmittelbare Einsicht in das in der Überlieferung Gesagte ist nicht mehr möglich, die unmittelbare Einsicht in die Wahrheit des Gesagten ist durch die Widersetzung der Vernunft des Verstehenden unerreichbar. Durch eine Art Umweg ist das historische Verstehen hier dann charakterisiert. Das Verstehen unterliegt den Wirkungen der Wirkungsgeschichte, einem Spannungsverhältnis von Vergangenheit und Gegenwart.

Der Zeitenabstand muss nicht überbrückt werden, sondern im Gegenteil, er ist „der tragende Grund des Geschehens, in dem das gegenwärtige Verstehen wurzelt.“[23] Er filtert Vorurteile von aktuellen Bezügen, wie Urteile über gegenwärtige Kunst, heraus, und lässt diejenigen aufkommen, die eine verbindliche Allgemeinheit, den wahren Sinn, beanspruchen und die ein wahres Verstehen ermöglichen. Das stellt die Produktivität des Zeitenabstandes für das Verstehen dar. Und so ist nicht die Frage nach dem Vermeiden eines solchen Zirkels von Relevanz, sondern der Umstand, in der rechten Weise in ihn hineinzukommen.

Das historische Bewusstsein macht uns unsere Vorurteile fühlen, so dass wir erst dann die „Andersmeinung“[24] der Überlieferung erkennen. Die Vorurteile als solche zu empfinden, bedeutet aber, dass wir in einer ständigen Fragehaltung sind. Wir halten und legen uns alle Möglichkeiten offen.

Die eigene Geschichtlichkeit muss mitgedacht werden. So wird das Andere im Eigenen erkannt. Das heißt, dass Fremdes in Eigenes, mit eigenen Begriffen, übersetzt wird, dass also Fremdes und Eigenes in einer neuen Gestalt zusammenkommen und in einem eigenen Horizont ausgelegt werden. Im Verstehen wird der Entwurf des historischen Horizontes, der sich vom Gegenwartshorizont unterscheidet, aufgehoben und ein neuer geschichtlicher Horizont wird gewonnen. Das bedeutet eine Horizontverschmelzung im Dialog zwischen Menschen sowie im Dialog von Überlieferungsgegenstand und Mensch. Man muss das Gegenüber ernst nehmen und verstehen wollen, und nicht auf sich selbst bestehen. Geisteswissenschaftliche Erkenntnis hat etwas von Selbsterkenntnis an sich, und man „versteht anders, wenn man überhaupt versteht“[25]. Es eröffnet sich ein Horizont ins Unbekannte. Damit ist der historische Gegenstand ein Verhältnis, und zwar die Einheit des Einen und des Anderen, in dem die Wirklichkeit der Geschichte sowie auch die Wirklichkeit des geschichtlichen Verstehens Bestand hat.

Hier die Hermeneutik ansetzen, heißt, die Wirklichkeit der Geschichte im Verstehen zu untersuchen. Das Verstehen ist also ein wirkungsgeschichtlicher Vorgang, dessen Mittel nach Gadamer die Sprachlichkeit ist. In ihr findet das hermeneutische Geschehen statt.[26]

Das wirkungsgeschichtliche Bewusstsein ist mehr Sein als Bewusstsein, denn man ist schon immer in einer wirkungsgeschichtlich bestimmten Situation. Wir stehen selber in dem Wirkungszusammenhang der Geschichte. Man kann sich bei aller Reflexion nicht in ein Außenverhältnis zu ihr setzen. Man muss wie in der Malerei einen Augenpunkt einnehmen, wodurch man in ein Seinsverhältnis zu den Dingen tritt. Und man gehört ihrer Ordnung an, indem man sie sich zuordnet. Der Untersuchungsgegenstand ist also kein Gegenstand, „den der Fortschritt der Forschung nach und nach in seinem Ansichsein enthüllen wird.“[27] Das wirkungsgeschichtliche Bewusstsein sieht vielmehr das Andere des Eigenen, in dem es sich selbst besser begreifen lernt.

„Geschichtliches Verstehen ist selber immer Erfahrung von Wirkung und Weiterwirken. Seine Befangenheit bedeutet geradezu eine geschichtliche Wirkungskraft.“[28]

Also gerade die Negation des unmittelbaren Verständnisses von geschichtlichen Vorgängen charakterisiert die Geschichte. Das bezeugt, dass wir in ihr stehen. Wie die Sprache an sich verdeckt sie.

Da jede Aussage ihren Situationshorizont und Anredefunktion hat, ist sie mehr als nur das Vergegenwärtigen eines Sachverhalts, Rekonstruktion oder Gleichzeitigmachung von Vergangenem: Sie gehört dem Ganzen einer geschichtlichen Existenz an, und alles, was in ihr gegenwärtig sein kann, ist mit ihr gleichzeitig. Dieses gleichzeitig Gemachte ist schon immer mit uns gleichzeitig gewesen, „als etwas, das wahr sein will.“[29] Es „verschmilzt mit dem, was uns unmittelbar als wahr anspricht.“[30] Einander verstehen heißt, sich in etwas verstehen. „Vergangenheit verstehen heißt entsprechend: sie in dem, was sie uns als gültig sagen will, hören.“[31]

„Verschmelzung des Gegenwartshorizontes mit dem Vergangenheitshorizont ist das Geschäft der geschichtlichen Geisteswissenschaften. Sie betreiben aber damit nur, was wir immer schon tun, indem wir sind.“[32]

Und die Synthesis zwischen Vergangenheitshorizont und Gegenwartshorizont leistet die Sprache.

Hier beweist sich die „Macht der Vernunft“[33], denn das Andere wird gegenüber sich selbst gelten gelassen, und sie weiß, dass das menschliche Erkennen begrenzt ist und bleibt.

„Hermeneutische Reflexion übt so eine Selbstkritik des denkenden Bewußtseins, die alle seine Abstraktionen“, und damit auch die Erkenntnisse der Wissenschaften, „in das Ganze menschlicher Welterfahrung zurückübersetzt. Philosophie vollends, die immer [...] Kritik der überlieferten Denkversuche sein muß, ist ein solcher hermeneutischer Vollzug, der die Strukturtotalitäten, die die semantische Analyse herausarbeitet, in das Kontinuum des Übersetzens und Begreifens einschmilzt, in dem wir bestehen und vergehen.“[34]

[...]


[1] In „Kleine Schriften I: Hermeneutik“, hinten angegeben.

[2] Ebd., Seite 77

[3] „Sinn und Sinnverhüllung bei Paul Celan“ in „Gesammelte Werke Bd.9: Ästhetik und Poetik II“, Seite 460

[4] In „Kleine Schriften I: Hermeneutik“

[5] In „Kleine Schriften IV: Variationen“

[6] „Mensch und Sprache“ in „Kleine Schriften I: Hermeneutik“, Seite 98

[7] „Über den Beitrag der Dichtkunst bei der Suche nach der Wahrheit“ in „Kleine Schriften IV: Variationen“, Seite 226

[8] „Wieweit schreibt Sprache das Denken vor?“ in „Kleine Schriften IV: Variationen“, Seite 90

[9] Ebd., Seite 88

[10] „Semantik und Hermeneutik“ in „Kleine Schriften III: Idee und Sprache“, Seite 257

[11] Ebd., Seite 258

[12] In „Wer bin Ich und wer bist Du?“, Seite 20

[13] Ebd., Seite 25

[14] Ebd., Seite 101

[15] „Semantik und Hermeneutik“ in „Kleine Schriften III: Idee und Sprache“, Seite 258

[16] In „Hermeneutik-Ästhetik-praktische Philosophie“, Seite 16f.

[17] „Semantik und Hermeneutik“ in „Kleine Schriften III: Idee und Sprache“, Seite 259

[18] Ebd.

[19] „Problem der Geschichte in der neueren deutschen Philosophie“ in „Kleine Schriften I: Hermeneutik“, Seite 8

[20] „Vom Zirkel des Verstehens“ in „Kleine Schriften IV: Variationen“, Seite 59

[21] Ebd., Seite 60

[22] Ebd.

[23] Ebd.

[24] Ebd., Seite 61

[25] In „Hermeneutik-Ästhetik-praktische Philosophie“, Seite 25

[26] „Vom Zirkel des Verstehens“ in „Kleine Schriften IV: Variationen“, Seite 61

[27] In „Hermeneutik-Ästhetik-praktische Philosophie“, Seite 23

[28] Ebd., Seite 8

[29] „Was ist Wahrheit?“ in „Kleine Schriften I: Hermeneutik“, Seite 57

[30] Ebd.

[31] Ebd.

[32] Ebd.

[33] „Semantik und Hermeneutik“ in „Kleine Schriften III: Idee und Sprache“, Seite 260

[34] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Gadamers Hermeneutik
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Philosophisches Seminar)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
54
Katalognummer
V3712
ISBN (eBook)
9783638122948
ISBN (Buch)
9783638696661
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es geht um die hermeneutischen Schriften Hans-Georg Gadamers. Geschichtliche Aspekte wie auch künstlerische werden miteingebracht. Veranschaulicht wird seine Theorie an einigen Gedichten von Paul Celan.
Schlagworte
Kunst, Verstehen, Gadamer, Hermeneutik
Arbeit zitieren
Dr. phil. Annika Krüger (Autor), 2002, Gadamers Hermeneutik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3712

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