Homosexualität im Mittelalter


Ausarbeitung, 2014
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung
1.1 Definition von Homosexualität
1.2 Exkurs: Der Untergang Sodoms – Grundlage der „Sodomie“?

2. Homosexualität/Sodomie – verschiedene Sichtweisen
2.1 Peter Damianus
2.2 Albertus Magnus
2.3 Thomas von Aquin

3. Die Rolle der Homosexualität in der Ketzerverfolgung
3.1 Inquisition
3.2 Dämonisierung der Homosexualität
3.3 Exkurs: Die Templer und Homosexualität

4. Zusammenfassung/Fazit

5. Literatur

1. Einleitung und Fragestellung

In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, welche Rolle Homosexualität im Mittelalter spielte, welche Ansichten vorherrschten und wie damit umgegangen wurde. Dies schließt sowohl die Beleuchtung der Standpunkte von Persönlichkeiten wie Thomas von Aquin oder Albertus Magnus, die neben der christlichen Einstellung ebenfalls bedeutenden Einfluss auf die Gesellschaft bewirkten, ein und ebenfalls die Rolle der Homosexualität in der Ketzerverfolgung, wobei in diesem Kontext ein beispielhafter Blick auf den Orden der Templer geworfen werden soll. Da es sich um eine im Inhalt und Umfang begrenzte Seminararbeit handelt würde eine sehr differenzierte Gegenüberstellung von verschiedenen Standpunkten und Theorien zu diesem Thema den Umfang dieser Arbeit sprengen würde. Nichtsdestotrotz soll ebenfalls ein kurzer Diskurs zu den Mitgliedern des Templerordens erfolgen, da diese mit dem Thema Homosexualität im Mittelalter sehr stark in Verbindung stehen.

Zunächst wird der Begriff der Homosexualität definiert, da er in der zu untersuchenden Epoche teilweise verschieden verwendet wurde und für das, was in diese Arbeit untersucht werden soll, nämlich die gleichgeschlechtliche Sexualität, auch unter anderen Begriffen bekannt war.

Auch für die Gegenwart ist das Thema Homosexualität von großer Bedeutung. Besonders in den letzten beiden Jahrzehnten sind die Proteste gegen das Verbot von homosexuellen Ehen immer verbreiteter und lauter geworden. Doch da die katholische Kirche (und andere Religionen) nach wie vor sehr einflussreich sind und Homosexualität noch immer nicht dulden, ist der Gegenwartsbezug und die Aktualität dieses Themas noch beinahe so groß wie im Hochmittelalter. Nach wie vor bezieht sich die katholische Kirche auf Ausführungen, wie die des Thomas von Aquin, auf die im Zuge dieser Arbeit noch eingegangen werden soll, was verdeutlicht, dass sich die Ansichten der Kirche zumindest in diesem Kontext, kaum geändert haben.

1.1 Definition von Homosexualität

Schaut man heute in einen handelsüblichen Duden, findet man dort unter Homosexualität die Definition „sich auf das eigene Geschlecht richtendes sexuelles Empfinden und Verhalten“[1]. Dieses Kriterium galt auch für die Menschen im Mittelalter. Angelehnt an das alte Testament der Bibel sprach man von „widernatürlichem Verkehr (contra naturam)“[2] Dass die Ablehnung von homosexuellen Akten auf das Christentum zurück geht und mit ihm hervorging, ist eine weitverbreitete Annahme, die der Historiker John Boswell in seinem Werk „Christianity, Social Tolerance and Homosexuality“ widerlegt. Tatsächlich spielen biblische Texte für die negative Sichtweise der Homosexualität (bis heute) eine eher „untergeordnete Rolle“[3], dies wird auch in Lutterbachs Werk bestätigt[4]. Probleme mit einer mittelalterlichen Definition von Homosexualität gründen sich besonders darin, dass Begriffe wie „homosexuell“ oder „schwul“ in dieser Zeit nicht existierten. Handlungen, die heute mit dem Begriff „homosexuell“ beschrieben würden, fielen im Mittelalter, neben einer Vielzahl damals als widernatürlich geltender sexueller Handlungen, unter die Kategorie „Sodomie“[5], benannt nach den Einwohnern Sodoms, deren Stadt von Gott aufgrund ihrer Übeltaten zerstört wurde (siehe 2. Exkurs). „Der Begriff steht für Genitalkontakte zwischen Menschen und Tieren ("Bestialität"), für gleichgeschlechtliche Neigungen und Praktiken ("Homosexualität") sowie für "Sünden wider die Natur" also Sexualpraktiken, die nicht der Zeugung neuen Lebens dienten.“[6] Wichtig zu erwähnen ist hierbei allerdings, dass allgemein hin eher gleichgeschlechtliche Akte zwischen Männern, und nur selten der zwischen zwei Frauen unter dem Begriff „Sodomie“ verstanden wurden.

1.2 Exkurs: Der Untergang Sodoms – Grundlage der „Sodomie“?

Dass sich der Begriff Sodomie von der Stadt beziehungsweise den Einwohnern Sodoms ableitet, wurde im vorigen Abschnitt bereits erwähnt. Der Untergang der Stadt Sodom durch die Zerstörung Gottes wird in der Bibel im Buch Mose dargestellt, doch exisitieren bis heute mannigfache Interpretationen dieser Bibelstelle, doch Genaues zu den Sünden der Einwohner Sodoms erfährt auch der belesenste Christ nicht. „Aber die Leute zu Sodom waren böse und sündigten sehr wider den HERRN.“ (1. Mose 18.20) (1. Mose 19.4-9)[7]. Sodom, so heißt es seit Jahrhunderten, sei wegen der (homosexuellen) Sünden der Einwohner von Gott selbst zerstört und alle Menschen, die dort lebten, getötet worden. Spreitzer verweist hierzu auf die Veröffentlichungen der Soziologin Gisela Bleibtreu-Ehrenberg, die bewiesen hat, dass die „so genannte 'Sodom-Mythe' ihren Ursprung erst im Jahre 559 u.Z. Im berühmten 'Codex Justinianus' des oströmischen Kaisers Justinian hat; [...]“[8]. Weiterhin war es laut Bleibtreu-Ehrenberg ein ausgeklügelter Schachzug des Kaisers, der somit in den „Homsexuellen“ einen Sündenbock gefunden hatte, die er für vieles Schlechte in der Welt verantwortlich machen konnte, da diese Sünder angeblich den Zorn des Herrn auf sich und alle Menschen in ihrer Umgebung ziehen würden, so wie es schon in Sodom geschah. Darüber hinaus hatte Kaiser Justinian dadurch, dass er Sodomie unter Strafe stellte, eine politische Waffe gegen diejenigen in der Hand, die er aus politischen Gründen beseitigen wollte, gegen die er jedoch nichts vorbringen konnte.

Diese Verwendung des Begriffs „Sodomie“ setzte sich im Mittelalter als gängiger, selbstverständlicher Begriff für Homosexualität durch, ohne dass die dazugehörige Bibelstelle erneut untersucht beziehungsweise hinterfragt wurde.[9] Ab dem Jahr 1073, als Gregor VII zum Oberhaupt der katholischen Kirche ernannt wurde, erhielt die Sünde der Sodomie erneuten Nachdruck. Papst Gregor VII, der auch als Verantwortlicher für die Abschaffung der Priesterehe und der Einführung des Zölibates gilt, strebte einen Kampf gegen sexuelle Sünden mit aller Härte an, wodurch Sodomie und dessen Bestrafung erneut in den Blick der Öffentlichkeit rückten.[10]

Auch aktuell wird der Zusammenhang von Sodom, Homosexualität und dem Standpunkt der (katholischen) Kirche zu diesem Thema kritisiert. Unter anderem von der HuK[11], die in diesem Kontext besonders hervorheben, dass „die Aussage 'Sodom zeigt doch, dass die Bibel Homosexualität verurteilt' [ist] einfach nicht haltbar“[12] sei.

2. Homosexualität/Sodomie – verschiedene Sichtweisen

Nachdem nun festgestellt wurde, dass es bereits in der Definition Schwierigkeiten gibt, soll im Folgenden der Blick auf diverse Perspektiven auf den Gegenstand gerichtet werden. Da die Personen, auf die nachfolgend Bezug genommen werden soll, in ihren Schriften meist von „Sodomie“ sprechen, wir heute den zu untersuchenden Gegenstand allerdings unter „Homosexualität“ kennen, soll deutlich gemacht werden, dass innerhalb dieser Arbeit beide Begriffe benutzt werden, um den gleichgeschlechtlichen, sexuellen Verkehr zwischen Menschen zu beschreiben.

Im Folgenden sollen nun zunächst die Einstellung und der Umgang verschiedener historischer Personen mit Sodomie beispielhaft dargestellt werden.

2.1 Peter Damianus

Peter Damianus, der besser unter dem Namen Petrus Damiani[13] bekannt ist, war einer der einflussreichsten Bischöfe des 11. Jahrhunderts. Sein Buch „Liber Gomorrhianus“ wird von Spreitzer als der „Indikator für das Zunehmen der Attacken gegen Homosexualität“[14] genannt. Damianus Meinung erscheint darin besonders radikal, da er Homosexualität (unter Männern) als schlimmer erachtete als Unzucht mit Haustieren zu treiben. „Denn Homosexualität übertreffe alle anderen Laster an Schmutzigkeit, sie bedeute den Tod des Körpers, die Zerstörung der Seele, den Ruin des Geistes, in den der Einzug halte, wenn eine solche Sünde zugelassen werde; dem Homosexuellen sei das Tor zum Himmel versperrt; [...]“[15].

Besonders interessant ist hierbei, dass aus Damianus Schrift sehr deutlich hervorgeht, dass die Homosexualität, die er so radikal bekämpfen wollte, größtenteils in den eigenen Reihen, nämlich im Klerus, zu finden sei. Dies wurde in späteren Berichten aus dem 13. Jahrhundert erneut von Caesarius von Heisterbach in seinem „Dialogus miraculorum“ bestätigt. Es scheint als handele es sich dabei ironischerweise um eine Folge des Zölibats und dem Verbot der Priesterehe. Damianus zufolge haben die homosexuellen Kleriker diese schlimmste aller Sünden geschickt durchdacht, da sie als Geistliche gegenseitig ihre Sünden sowohl beichten als auch vergeben können, sodass sie am Ende beide nicht als Sünder dastehen. Damianus bat in seiner Schrift Papst Leo IX darum, diese widernatürlichen Sünden härter und radikaler zu bestrafen, womit hier nicht nur der Analverkehr als höchste Stufe der Sünde gemeint ist, sondern auch schon die Vorstufen, wie (gegenseitige) Masturbation.[16]

Was aus Damianus (und Caesarius von Heisterbachs) Schriften im Besonderen deutlich wird, ist die Ambivalenz, die im Klerus dafür sorgte, dass sehr häufig auf die eine (stumme) Sünde zurück gegriffen wurde, um die andere zu vermeiden. Oder um es mit Spreitzers Worten zu sagen: „Geistliche sollen sich an Männern orientieren und mit ihnen leben, Homosexualität aber ist strengstens verboten.“[17]

2.2 Albertus Magnus

Bevor es zu den Theorien und Ansichten des Thomas von Aquin geht, der bis heute einer der einflussreichsten Theologen (und Philosophen) darstellt, soll zunächst ein Blick auf die Thesen seines Lehrers Albertus Magnus zum Gegenstand der Homosexualität geworfen werden.

In Magnus Theorien findet sich die Ansichtsweise des „Geschlechtsaktes als von Gott gegebene Natureinrichtung zur Zeugung und Fortpflanzung“[18] wieder. Diese Annahme ist unter den (katholischen) Christen bis heute sehr weitverbreitet, und wird unter anderem als Argument gegen den Gebrauch von Kondomen angeführt.

Laut Magnus sollte demnach der Geschlechtsakt ausschließlich zum Zwecke der Fortpflanzung und niemals aus Gründen von Lust und Leidenschaft stattfinden, was ihn weiterhin zu der These führt, dass dieser Akt einzig und allein in der Missionarsstellung stattfinden darf, da nur diese Stellung „eine sichere Empfängnis gewährleiste“.[19] Die Fortpflanzung sei „die Zielursache des Lebens“[20] der Menschen, das ihnen von Gott geschenkt wurde.[21] Im Gegensatz zur Tierwelt, in der die Weibchen ihren Fortpflanzungspartner von hinten empfangen, setze sich der Mensch von diesem ab, da nur die Empfängnis „von vorne“ die Fortpflanuzung sichere. Alle anderen Formen des Aktes bezeichnet er als widernatürlich, da sie gegen den „ordo naturae“[22] verstoßen und prophezeit Paaren, die sich nicht an diese Norm halten, „kranke Nachkommen“.[23] „Dies begründet er mit dem Argument, daß in der Tierwelt niemals von heterosexuellen Norm abweichende geschlechtliche Betätigungen zu beobachten sein.“[24] Ein Argument, welches bis heute mannigfach widerlegt wurde.

Doch auch Albertus Magnus sieht, wie Damianus, die Homosexualität als schlimmste aller Sünden, wobei Magnus in seinen Schriften beide Geschlechter einbezieht, und sich nicht nur auf die männliche Homosexualität beschränkt.[25] Gleichgeschlechtlicher Sex und Selbstbefriedigung stehen demnach auch hier als schlimmste der Todsünden im Vordergrund, da sie nicht nur „gegen die Vernunft, die Glaubenslehre und das natürliche Recht, sondern ausdrücklich gegen die Natur selbst“[26] verstoßen.Für diese These, in der er ebenfalls „Sodomia“ als Begriff für Homosexualität benutzt, zählt er vier Argumente auf:

Erstens werde sie aus einer brennenden Begierde heraus vollzogen, die die Ordnung der Natur untergrabe: '[…].' Zweitens sei sie eine Sünde von ekelerregender Widerwärtigkeit: '[…].' Drittens sei Homosexualität eine Sünde, von der man sich nie mehr befreien könne, wenn man ihr einmal verfallen sei: '[…].' Und viertens schließlich hält er Homosexualität für eine höchst ansteckende Krankheit; [...][27]

Gerade mit dem medizinische Bezug war Magnus Ansicht beinahe revolutionär, und der Vorreiter für die Medizinisierung von Homosexualität, die ihren Höhepunkt in der AIDS Debatte und der Stigmatisierung Homosexueller im 20. Jahrhundert fand. Auch wenn es zu der Zeit des Albertus Magnus' noch nicht um die Krankheit AIDS ging, hatten seine Theorien dennoch enormen Einfluss auf den Umgang mit Homosexuellen und trugen zur Ächtung, Stigmatisierung und letztendlich zur Legitimation der Verbannung von Homosexuellen aus der Gesellschaft bei.[28]

Natürlich hatte Magnus auch einen erheblichen Einfluss auf seine Schüler, von denen Thomas von Aquin den Bekanntesten darstellt und auf dessen Thesen im nächsten Abschnitt näher eingegangen und die Unterschiede zu den Schriften seines Lehrers in den Blick gerückt werden sollen.

2.3 Thomas von Aquin

Die Schriften des Thomas von Aquin stehen repräsentativ für die „hochmittelalterliche Moraltheologie“[29], die bis heute Einfluss auf den Standpunkt der katholischen Kirche in diesem Kontext nimmt.

Wie bei seinem Lehrer Albertus Magnus, setzt auch Thomas von Aquin voll und ganz auf das Argument der von Gott geschaffenen Natur und setzt das „Dogma der Fortpflanzung als oberstes Kriterium“[30], während er im Unterschied zu Magnus einen größeren Wert auf den Punkt der Moral legt und diesen mit den Thesen Magnus' stärker in Verbindung setzt. Doch auch er argumentiert mit dem Verhalten, welches sich in der Tierwelt beobachten lässt.[31]

Auffällig ist bei dieser Argumentation des Thomas von Aquin, dass diese teilweise enorm widersprüchlich ist. Während er nach „natürlicher“ Sexualität fordert und dies mit der natürlichen Heterosexualität im Tierreich begründet, geht er im nächsten Schritt zur Verurteilung aller anderen Formen der Sexualität über, in dem er diese als „Bestalität“[32] bezeichnet. Ein Ausdruck, der die sogenannten widernatürlichen Sexualakte als eine „tierische Handlung“[33] abwertet und negativiert.

Fasst man dies zusammen, fordert Thomas von Aquin also: Verhaltet euch wie die Tiere, denn das ist im Sinne der gottgeschaffenen Natur, aber wenn man sich wider dieses Gesetz verhält, ist das tierisches, bestialisches Handeln und die schlimmste aller Sünden.

Unter Bestialität versteht Aquin verschiedene Dinge, die er anhand unterschiedlicher Schweregrade der Sünde voneinander abstuft. Darunter fallen beispielsweise Selbstbefriedigung, Sexualakte in widernatürlicher Stellung oder widernatürlicher Form, wie Oralsex und Analverkehr und schlussendlich die schwerwiegendste Sünde Homosexualität, die auch Thomas von Aquin als „Sodomie“ bezeichnet.[34]

An anderen Stellen, wie bei Bernd-Ulrich Hergemöller, lässt sich allerdings eine andere Unterteilung nach Aquin finden, in der es heißt: „Den 'Beischlaf mit dem unvorschriftsmäßigen Geschlechte' […] stellt er an die dritte Stelle neben Selbstbefriedigung (mollities), Tier-Mensch-Verkehr (bestialitas) und neben den ungehörigen Verkehr mit dem falschen instrumentum, d.h., Anal-, Oral- und Interfemoralverkehr.“[35]

Alle obengenannten Sünden sieht Aquin, vor dem oben beschriebenen Konstrukt der „ordo naturae“, als „Verbrechen vor Gott selbst“[36] Tatsächlich scheint es in späteren Schriften so, als sei Thomas von Aquin die Widersprüchlichkeit seiner benutzen Termini aufgefallen, jedoch änderte dies nichts an den Inhalten und seinen Thesen zu widernatürlichen Sünden.

Ebenso wie sein Lehrer Albertus Magnus, hält auch Thomas von Aquin Homosexualität für eine Krankheit, die sogar genetisch vererbbar sein soll. Weiterhin fordert er nach „Denunziation, Repression und Kriminalisierung“ der Sünder. Ein Schritt, zu dem es im Zuge der Ketzerverfolgung dann kommen soll, um den es im nächsten Abschnitt gehen soll.

3. Die Rolle der Homosexualität in der Ketzerverfolgung

Betrachtet man die wissenschaftlichen Ausarbeitungen von HistorikerInnen, ist zu beachten, dass der Großteil der Überlieferungen aus der Zeit der Ketzerverfolgung von den Verfolgern selbst stammt und somit beinahe ausschließlich nur deren Sichtweise zur Verfügung steht.[37]

Die Ketzerverfolgung begann bereits zur Jahrtausendwende und begründete sich in dem Kampf der katholischen Kirche gegen alle Glaubensrichtungen, die nicht mit ihrer „einzig rechten“ Auffassung der Dinge über einsprach. Dafür wurde die Inquisition von der Kirche eingerichtet, deren Aufgabe darin bestand, Ketzer zu verfolgen und zu verurteilen.

Schwerwiegende Auswirken auf die Gesellschaft und hohe Ausmaße nahm die Verfolgung der Ketzer in Europa ab dem 11. Jahrhundert. Verfolgt wurden die sogenannten Häretiker, deren Name sich aus dem Delikt ergibt, welches ihnen vorgeworfen wurde, nämlich die „Häresie, also die von einer kirchlichen Autorität festgestellte Abweichung von einem als allgemein christlich angenommenen Glaubensgut“[38]. Ein Begriff, der die freie Wahl des Menschen impliziert, sich vom rechten Weg abzuwenden, wodurch sich die Inquisition verstärkt darin bestätigt sieht, diese Mensch en aufzusuchen und zu verurteilen. Im Verlauf der folgenden Jahre wurde der Begriff der Häresie immer weiter gefasst und verbreitet und gleichzeitig konkretisiert, indem festgelegt wurden, was darunter zu verstehen sei. Im Grund wurden allerdings nahezu alle „kritischen Personen“ als Häretiker bezeichnet und allen wurden die „Neigung zu unzüchtigen Handlungen“ unterstellt.[39] Seit dem 13. Jahrhundert traf dies auch auf die sogenannten Sodomiten und Homosexuelle zu[40], was durch neue Gesetzgebungen gegen sie in wichtigen Städten ab Mitte des 13. Jahrhundert noch verstärkt wurde: „So hatte sich die Homosexualität zwischen 1250 und 1300 zu einem bei Todesstrafe untersagten Verbrechen entwickelt“.[41]

Es lassen sich außerdem aus zeitgenössischen Quellen, wie einer Urkunde aus dem Jahr 1476, in der der Ritter Richart von Hohenburg ein Geständnis zur Homosexualität, die er mit den Begriffen „Sodomie“ und „Ketzerei“ gleichsetzt, entnehmen, dass der Begriff „Ketzerei“ zu dieser Zeit absolut mit gleichgeschlechtlichem Verkehr gleichzusetzen war und sogar in Verbform „jemanden ketzern“ als die „aktive Ausübung des Koitus durch einen Mann mit einer Person des gleichen Geschlechts“ verwendet wurde.[42] Daran erkennt man, welch große Rolle die Homosexualität in Form der (sexuellen) Sünden wider die Natur in der Ketzerverfolgung spielte.

Einen weiteren Höhepunkt nahm diese Entwicklung in der Ermordung der Templer, auf die in einem späteren Teil noch eingegangen werden soll.

Im späten Mittelalter nahm die Entwicklung der Sodomiterverfolgung zwei unterschiedliche Tendenzen an. Auf der einen Seite wurden die Verfolgungen dieser Ketzer unter noch schärfere Kontrollen gestellt und noch aggressiver und blutiger gegen sie vorgegangen,während auf der anderen Seite neue Formen des Humanismus auftauchten, die für eine Schwächung der Ersteren beitrugen.[43] Für die Entwicklung im Allgemeinen ist zu großen Teilen die Einrichtung der kirchlichen Institution der Inquisition verantwortlich.

[...]


[1] http://www.duden.de/rechtschreibung/Homosexualitaet (4.11.2014; 10:08)

[2] Hubertus Lutterbach: Sexualität im Mittelalter.S.41f

[3] Brigitte Spreitzer.: Die stumme Sünde. S.5

[4] Lutterbach: Sexualität im Mittelalter. S.41

[5] Bullough/Brundage: Handbook of Medieval Sexuality. S. 156

[6] http://u01151612502.user.hosting-agency.de/malexwiki/index.php/Sodomie (5.11.2014; 13:46)

[7] http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/1_mose/13/#13 (5.11.2014; 16:20)

[8] Spreitzer: Die stumme Sünde. S. 9

[9] Vgl. ebda, S.10

[10] Vgl. Bullough/Brundage: Handbook of Medieval Sexuality. S. 165f

[11] ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche HuK e.V

[12] https://www.huk.org/cms/front_content.php?idart=168 (5.11.2014. 17:22)

[13] http://www.heiligenlexikon.de/BiographienP/Petrus_Damiani.htm (6.11.2014. 14:29)

[14] Spreitzer: Stumme Sünde. S. 34

[15] Spreitzer: Die stumme Sünde. S. 34

[16] Ebda, S.34-36

[17] Ebda, S.35

[18] Ebda, S.36

[19] Vgl. Spreitzer: Die stumme Sünde, S.38

[20] Bernd-Ulrich Hergemöller: Krötenkuss und schwarzer Kater, S.263

[21] Ebda

[22] Spreitzer: Die stumme Sünde, S.37

[23] Hergemöller: Krötenkuss und schwarzer Kater, S.262

[24] Spreitzer: Die stummde Sünde, S.37

[25] Vgl. ebda, S.38

[26] Hergemöller: Krötenkuss und schwarzer Kater, S.263

[27] Spreitzer: Die stummde Sünde, S.39

[28] Vgl. ebda, S.39

[29] Spreitzer: Die stumme Sünde, S.39

[30] Ebda, S.40

[31] Ebda, S.41

[32] Ebda

[33] Ebda

[34] Ebda, S.41f

[35] Bernd-Ulrich Hergemöller: Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft, S.319

[36] Ebda. S.42

[37] Vgl. Spreitzer: Die stumme Sünde, S.45

[38] Daniela Müller: Ketzer und Ketzerverfolgung, 2007. https://www.historicum.net/themen/hexenforschung/lexikon/sachbegriffe/art/Ketzer_und_Ketz/html/artikel/5520/ca/249dbc6b9117d3077ec3b2b421127872/(9.12.2014, 9:28)

[39] Hergemöller: Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft, S.320

[40] Vgl. ebda., S.316

[41] Ebda., S.321

[42] Spreitzer: Die stumme Sünde, S.58

[43] Ebda., S.323

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Homosexualität im Mittelalter
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V371209
ISBN (eBook)
9783668490628
ISBN (Buch)
9783668490635
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
homosexualität, mittelalter
Arbeit zitieren
Saskia Kölsch (Autor), 2014, Homosexualität im Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371209

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