Moral in der Kinder- und Jugendliteratur

Ein exemplarischer Vergleich von Werken aus der Aufklärung, der Nachkriegszeit und der Gegenwart


Bachelorarbeit, 2017
46 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Moral
2.1. Begriffsbestimmung
2.2. Moral in der Kinder- und Jugendliteratur

3. Diachrone Betrachtung der Moral in der Kinder- und Jugendliteratur
3.1. Aufklärung: Joachim Heinrich Campe Robinson der Jüngere
3.1.1. Anpassung an die zeitgenössische Konzeption von Moral
3.1.2. Erzählperspektive und Moral
3.1.3. Figurenverhalten in moralischen Konfliktsituationen
3.2. Nachkriegszeit: Erich Kästner Die Konferenz der Tiere
3.2.1. Anpassung an die zeitgenössische Konzeption von Moral
3.2.2. Erzählperspektive und Moral
3.2.3. Figurenverhalten in moralischen Konfliktsituation
3.3. Gegenwart: Andreas Steinhöfel Rico, Oskar und die Tieferschatten
3.3.1. Anpassung an die zeitgenössische Konzeption von Moral
3.3.2. Erzählperspektive und Moral
3.3.3. Figurenverhalten in moralischen Konfliktsituationen

4. Entwicklung der Moralvorstellung in der Kinder- und Jugendliteratur

5. Moralische Wertevermittlung im Deutschunterricht durch Kinder- und Jugendliteratur

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Darstellungsverzeichnis:

1. Einleitung

Im September 2016 stellte Klaus Maiwald den Kinderbuchautor Andreas Steinhöfel mit folgender Aussage vor:

„Steinhöfel steht für eine unsentimentale, nicht-moralisierende, literarisch anspruchsvolle Kinder- und Jugendliteratur. Dies zeigt sich auch in den Kinder-Romanen um das Freundespaar Rico und Oskar. Die Reihe mit insgesamt drei Romanen begann mit Rico, Oskar und die Tieferschatten im Jahr 2008.“ (Maiwald, 2016, S. 2).

Als einer der bemerkenswertesten deutschen Kinderbuchautoren der Gegenwart verfasst Steinhöfel erfolgreiche Kinder- und Jugendbücher, die sich auszeichnen durch Witz und Spannung. Dass die Bücher jedoch keine moralisierende Funktion haben, wie Maiwald im Zitat behauptet, ist fraglich.

Die Hypothese dieser Arbeit ist, dass die Kinder- und Jugendliteratur auch heutzutage nicht so autonom ist, wie häufig behauptet wird. Die Vermittlung von moralisch richtigem Handeln findet heute in einem anderen Maße statt, als noch in der Aufklärung. Doch moralische Werteerziehung findet immer noch in Teilen durch die Literatur für Kinder- und Jugendliche statt. Um diese Hypothese zu belegen wurden für diese Arbeit drei repräsentative Werke ausgewählt: Eines aus der Aufklärung, eines aus der Nachkriegszeit und eines der Gegenwartsliteratur. Es wird untersucht, wie die einzelnen Werken, unter Berücksichtigung der epochalen Besonderheiten, inhaltlich aufgebaut sind, welche Rolle Moral spielt und wie sie in die Erzählungen eingebettet wird.

Um dies zu leisten wird im ersten Kapitel der Begriff „Moral“ definiert. So soll ein einheitlicher Ausgangspunkt geschaffen werden. Auf dieser Grundlage werden die jeweiligen Epochen vorgestellt.

Die erste Epoche, auf die Bezug genommen wird, ist die Aufklärung. Zwar sind die Anfänge der Kinder- und Jugendliteratur auch schon früher zu verordnen, in der Antike und im Mittelalter, allerdings wurde Kindheit hier noch nicht als eigene Lebensphase angesehen, sondern als Vorphase des Erwachsenenseins.[1] Als Beispielwerk für die Kinder- und Jugendliteratur in der Aufklärung wird Robinson der Jüngere (1779) inhaltlich vorgestellt, wie auch der Autor des Buches, Joachim Heinrich Campe. Campe hat sich zum Ziel gesetzt in seinem Werk zu unterhalten und moralische Tugenden zu lehren. Aus diesem Grund passt dieses Werk, als erster Kinderbuchklassiker, der bis heute noch neu aufgelegt und vertrieben wird, gut in den Kontext dieser Arbeit Im Anschluss werden Aspekte der Moralisierung untersucht, die in diesem Buch auftauchen.

Die nächste gewählte Epoche ist Nachkriegszeit. Nach der Vorstellung des Autors Erich Kästner soll anhand seines Werkes Die Konferenz der Tiere (1949) herausgearbeitet werden, welche Aspekte der Moralisierung in diesem Werk zentral sind. Erich Kästner schrieb das Buch unter dem Einfluss des Zweiten Weltkrieges und doch spielt das Werk noch 60 Jahre nach dem Erscheinen eine große Rolle.

Als Beispiel für die aktuelle Kinder- und Jugendliteratur wird das Werk Rico, Oscar und die Tieferschatten (2008) vorgestellt. Verfasst wurde das Kinderbuch von Andreas Steinhöfel im Jahre 2008 und erhielt unter anderem den Jugendliteraturpreis.[2] Rico, Oskar und die Tieferschatten ist der erste Band der erfolgreichen Trilogie, welche 2014 auch im Kino ausgestrahlt wurde.

Um die Veränderung der Moralvorstellung in der Kinder- und Jugendliteratur zu zeigen wird jeweils die Anpassung der Werke an die zeitgenössische Konzeption von Moral untersucht, um herauszufinden, inwieweit die Moralvorstellung in der Kinder- und Jugendliteratur die Gedanken der jeweiligen Epoche widerspiegelt. Die Erzählperspektive trägt zur Leserlenkung bei und gibt dem Autor die Möglichkeit seine Werte und Gedanken in die Erzählung einzubringen, ohne selbst den Leser anzusprechen. Aus diesem Grund wird auch diese in den einzelnen Werken betrachtet Des Weiteren wird das Figurenverhalten in moralischen Konfliktsituationen analysiert, um zu überprüfen, ob durch das Verhalten der Figuren moralische Werte adaptiert werden können. Im letzten Kapitel dieser Arbeit wird darauf eingegangen, wie Kinder- und Jugendliteratur mit Blick auf die Werteerziehung im Deutschunterricht eingesetzt werden kann.

2. Moral

2.1. Begriffsbestimmung

Den Begriff ‚Moral‘ eindeutig zu definieren ist schwer, da das Wort in der Wissenschaft und im Alltag meist unterschiedlich genutzt wird.[3] Auch Georg Lind beschäftigte sich in seinem Werk Moral ist lehrbar (2015) mit dieser Problematik.

Seine drei Möglichkeiten des Moralverständnisses werden dargestellt und erläutert, um eines dieser Vorschläge als Grundlage dieser Arbeit zu verwenden, welches sich an Kohlberg orientiert. Kohlberg ist einer der bekanntesten Moralforscher dieser Zeit und seine Ansätze und Theorien haben zu neuen Erkenntnissen zum moralischen Handeln und Denken beigetragen. Lind nutzt diese Ansätze, arbeitet jedoch praktischer orientiert.

Die Begriffe ‚gut’ und ‚böse‘ werden allgemein als Grundlage der Moral betrachtet. Schon im geschichtlichen Altertum war die Moral ein bewusst geschaffenes Mittel, um mühsam entwickelte Gesellschaftsformen zur wahren.[4] Ansichten zur Moral variieren nicht nur bei den verschiedenen Kulturen, sondern auch bei den Religionen und Wissenschaften. Diese Vielfalt an Mitspracherechten zu dem Thema erschwert es, eine Antwort auf die Frage zu finden, was Moral ist.[5] In einer Gesellschaft gilt es meist als ‚moralisch‘ sich anzupassen, sich einer Auswahl der bereitgestellten Normen fügen und sie vollends zu akzeptieren.[6] Moral soll also zum Finden, bzw. Bewahren einer Ordnung beitragen, die vor Schaden bewahrt und ein gutes, sinnvolles Leben ermöglicht. In der Moralforschung gilt neben der Einhaltung von Regeln oft auch Hilfeverhalten als externes Kriterium.[7]

Dies ist eines der zwei gängigen Definitionen. Moral kann verstanden werden als Einhaltung von Normen, sozialen Erwartungen und Gesetzen. Aus diesem Verständnis lässt sich schließen, dass eine Person als unmoralisch gilt, wenn sie den Erwartungen einer Autorität nicht entspricht und jeder der gesetzeskonform handelt, auch moralisch handelt. Auf dieser Gleichsetzung von Moral mit Regelkonformität beruhen viele klassische moralpsychologische Experimente.[8]

Die Moral als Gesinnung ist die zweite Definition der Moral: Von der Moralität einer Handlung kann nur gesprochen werden, wenn sie einer moralischen Motivation entspringt. Insbesondere in der Philosophie findet dieser Ansatz breite Übereinstimmung. Auch Kant folgte diesem Konzept in seinem Werk Grundlegung zur Metaphysik der Sitten: „Es ist nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken, was ohne Einschränkung für gut gehalten werden, als allein ein guter Wille“ (1985). Hoerster orientiert sich ebenfalls an diesem Ansatz und beschäftigt sich in seinem Werk Was ist Moral? (2008) mit dem Begriff der Moralnormen. Nach seiner Auffassung bekennen wir uns zu bestimmten moralischen Werten, die wir im Alltag vertreten. Diese entsprechen meist den Moralnormen, die wir als Kind gelernt haben. Dementsprechend existieren teilweise Unterschiede bei den moralischen Einstellungen von Menschen und Gesellschaften.[9] Diese Aussagen ähneln dem Verständnis der Moral als Normkonformität sehr, jedoch fügt Hoerster hinzu, dass hinter Moralnormen nicht automatisch eine begründete, legitime oder richtige Moralnorm steht. Sie ist lediglich eine Norm, hinter der eine bestimmte generelle Einstellung oder Haltung steht, die die Moralnormen von anderen, außermoralischer Art unterscheidet.[10] Alle Moralnormen sind die Inhalte des Gewissens von Menschen und dadurch relativ. Eine moralische Einstellung der jeweiligen Individuen wird durch ihre Handlungen zum Ausdruck gebracht.[11]

Eine dritte Definition bietet Lind mithilfe des Zwei-Aspekte-Modells der Moral, angelehnt an Kohlberg. Hier wird die Moral als „Fähigkeit, Probleme und Konflikte auf der Basis von geteilten Moralprinzipien durch Denken und Diskutieren zu lösen […]“ angesehen.[12] Die Vermutung, dass Moral eine Fähigkeit ist, würde auch erklären, warum es zwischen der Gesinnung und dem Handeln häufig eine Kluft gibt. Außerdem berücksichtigt dies auch die moralische Veranlagung des Menschen. Nach dieser Fähigkeitstheorie spricht man von einer „Moralkompetenz“. Die oben erklärte Fähigkeit muss weit genug entwickelt sein, um Probleme unterschiedlichen Grades zu lösen. Je größer die Probleme sind, desto weiter muss sie entwickelt sein. Wenn die Probleme zu groß sind und wir nicht ausreichend Möglichkeiten haben, diese zu lösen, greifen wir auf niedrigere Formen der Konfliktlösung zurück, wie Gewalt, Betrug und Macht. Es ist die Aufgabe der Bildungsinstitutionen (Eltern, Schulen) uns ausreichend Gelegenheit zur Moralentwicklung zu geben, um dem vorzubeugen.[13]

Bereits Sokrates ging von zwei Aspekten des moralischen Verhaltens aus, vom Können und Wollen, dementsprechend ist das Zwei-Aspekte-Modell nicht neu. Das heutige Modell setzt sich zusammen aus der Moralischen Orientierung und der Moralischen Kompetenz, welche zu einer Handlungsentscheidung beitragen.

Die Moralische Orientierung meint, in Übereinstimmung mit Kant, dass ein Verhalten nur dann als „moralisch“ zu bezeichnen ist, wenn es moralisch motiviert ist. Im Gegensatz zu Kant´s Thesen jedoch, wird das Verhalten nach Lind nicht nur dann als „moralisch“ bezeichnet, wenn sich eine Orientierung an universellen Prinzipien erkennen lässt, sondern auch, wenn es sich überhaupt an inneren Kriterien, Prinzipien oder Konventionen orientiert. Auch die Vermeidung von Schaden oder Nützlichkeit allgemein wird miteingeschlossen.[14] Der zweite Aspekt, die moralische Kompetenz, meint ganz allgemein die Fähigkeit, gemäß der eigenen moralischen Prinzipien zu handeln. Da es nicht immer leicht ist ehrlich und gerecht zu sein, keine Gewalt anzuwenden und mit anderen zu kooperieren, hilft Motivation hier nur bedingt. Wichtig ist also, dass die Moralkompetenz gestärkt wird. Diese Aussage führt zu der Frage, was Moralkompetenz eigentlich ist. Im Alltag kommt es allerdings immer wieder zu Situationen, in denen wir keine andere Wahl haben, als eine oder mehrere unserer Moralprinzipien zu brechen. Zur Bewältigung von Dilemmata ist es notwendig, Argumente vernünftig abzuwägen, beispielsweise durch Diskussionen und Denkprozesse. Diese Fähigkeit bezeichnet man als Moralkompetenz, die sich durch bewusstes Üben und Trainieren steigern lässt.

Der dritte Ansatz, die Moral als Fähigkeit, ist Ausgangspunkt für die Untersuchungen in dieser Arbeit. Bieten die ausgewählten Werke Ansatzpunkte, die Gelegenheit zu Moralentwicklung geben? Kann man Literatur bewusst zur Schulung der Moralkompetenz einsetzen und welche Aspekte in der Kinder- und Jugendliteratur wären besonders geeignet? Die Werke werden untersucht auf das Figurenverhalten in moralischen Konfliktsituationen, die Erzählperspektive und die damit verbundenen Auswirkungen auf das Moralverständnis und die Anpassung an die zeitgenössische Konzeption in Hinblick auf moralische Inhalte.

2.2. Moral in der Kinder- und Jugendliteratur

Ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert wurde für die Kinder- und Jugendliteratur erstmals eine spezifische Funktionsbestimmung angesetzt, die in engem Zusammenhang mit den jeweiligen Kindheitsvorstellungen steht und teilweise bis in die Gegenwart reicht. Die Funktionen sind nach Gansel Kinder- und Jugendliteratur als Mittel der Erziehung, Kinder- und Jugendliteratur als kind- bzw. kindsgemäße Literatur, Kinder- und Jugendliteratur als „Wiedergeburt der Volkspoesie“ und Kinder- und Jugendliteratur als „richtige“ bzw. vollwertige Literatur.[15] Insbesondere auf die erste Funktion soll in diesem Kapitel eingegangen werden, da es nicht nur die älteste, sondern auch, je nach Interpretation, die Bestimmung mit den größten Auswirkungen ist. Kinder- und Jugendliteratur wird in diesem Kontext als Sozialisationsliteratur beschrieben, welche „nach den Inhalten, Normen, Werten, die Kindern und Jugendlichen, den Heranwachsenden in einer Gesellschaft, zu vermitteln ist“ (Gansel, 2010, S. 18) definiert wird. Das Ziel ist Erziehung der Kinder zu nützlichen Mitgliedern unserer Gesellschaft. Ausgehend von dieser Funktion der Kinder- und Jugendliteratur, soll auf die Moral eingegangen werden.

Angepasst an die Vorstellungen der Aufklärung hatte die Kinder- und Jugendliteratur die Tendenz das Kind „formen“ zu wollen. Genau wie das Kind aus der Erwachsenenwelt ausgesondert wird, wird die Kinder- und Jugendliteratur auch aus der Gesamtliteratur ausgesondert und als Gebrauchsliteratur zur Beeinflussung des Freizeitbereichs der Heranwachsenden genutzt.[16] Es kommt also weniger auf künstlerische Originalität und gestalterische Gültigkeit bei der Bewertung von Werken für Kinder- und Jugendliche an, sondern primär um den pädagogisch richtigen oder falschen Gehalt und dass die Literatur als Mittel zu Erziehung und Bildung funktioniert.[17] Diese Merkmale implizieren den hervorstechenden und gewollten Charakterzug der Aufklärung: Das Moralisieren. Wild fasst zusammen, dass nach aufgeklärter Überzeugung richtiges Denken notwendig zu richtigem und tugendhaftem Verhalten führt. Vernünftigkeit schließt „– als Ziel der an Vernunft orientierten Erziehung - Moralität ein. Deshalb äußert sich die didaktische Funktion aufgeklärter Kinderliteratur als moralisierende Tendenz.“ (Wild, 1987, S.265).

Durch Moralische Elementarbücher, moralbildende Fibeln in gereimter wie prosaischer Form, als Lieder oder kleine Romane widmete sich die Kinder- und Jugendliteratur moralischer Bildung im engeren Sinne. Diese Beiträge sollten für Vernunft und Disziplinierung, Gehorsam, wie auch Kontrolle von „Begierden und Gelüsten und anderer größerer Unarten“ (Reinhard, 1994, S. 125) sorgen. Dementsprechend kann man sagen, dass die Erziehung durch Kinder- und Jugendliteratur in der Aufklärung von vorneherein auf Gesellschaft bezogen ist.[18]

Das Ziel ist die Ausbildung des Einzelnen als „eines von vorneherein geselligen, damit aber von anderen Menschen abhängigen, auf sie angewiesenen und ihnen verpflichteten Wesens.“ (Wild, 1987, S. 265). Der heutigen Kinder- und Jugendliteratur ist dies eher fern, in der deutschsprachigen Literatur liegt der Kern in einer neuen Lust am Erzählen, in der sich die Allgemeinliteratur auf der einen und die Kinder- und Jugendliteratur auf der anderen Seite annähert, durch die Veränderung der gesellschaftlichen Vorstellungen. Die Kinder- und Jugendliteratur der heutigen Zeit zeigt sich in einer Vielfalt an künstlerischer Präsentation, Gattungen und Genres.[19] Die Moralerziehung und Wertevermittlung über die Literatur für Heranwachsende rückt so in den Hintergrund. Die Auseinandersetzung mit Moral kann allerdings stattfinden durch die Erzählweisen oder die Darstellung von moralischen bzw. unmoralischen Handlungen in den jeweiligen Büchern.

Eine Entwicklung der Moralvorstellung in der Kinder- und Jugendliteratur von der Aufklärung bis heute ist also deutlich erkennbar. Die Kinder- und Jugendliteratur wird nicht mehr primär zur Erziehung und Vermittlung von moralisch richtigem Handeln eingesetzt, dennoch bietet sie Potential moralische Werte zu vermitteln durch die Präsentation von Situationen, mit denen Kindern sich identifizieren können und den agierenden Figuren in ihren Handlungsspielräumen.

3. Diachrone Betrachtung der Moral in der Kinder- und Jugendliteratur

3.1. Aufklärung: Joachim Heinrich Campe Robinson der Jüngere

Bis ins 18. Jahrhundert existierte keine Kinder- und Jugendliteratur im eigentlichen Sinn. Ein erstes Umdenken in Bezug auf das Kindheitsbild, löste Jean- Jacques Rousseau mit seiner Schrift Emile oder Über die Erziehung aus . Er entwarf die „Pädagogik vom Kinde aus“ (Wild, 2002, S.53), nach welcher Kinder ihre eigene Art haben zu sehen, zu denken und zu fühlen. In diesem Kontext bekamen Bücher für Kinder und Jugendliche einen neuen Stellenwert. Vor allem Erzieher und Lehrer nutzten und forderten eine spezifische Literatur, vor dem Hintergrund der Belehrungsfunktion der Literatur. Die Kinder- und Jugendliteratur zielte hier noch darauf ab, die Heranwachsenden so früh wie möglich nach dem Prinzip des „Nürnberger Trichters“ mit notwendigem Wissen aufzurüsten: Den Kindern wurde mehr Wissen vermittelt, als sie verarbeiten konnten.

Hierbei spielte eine Adaption der Literatur eine eher untergeordnete Rolle. Von Relevanz war, dass die Texte als Sozialisationsliteratur funktionierten.[20]

Das erste Werk, das in dieser Arbeit eine Rolle spielen soll, ist Robinson der Jüngere von Joachim Heinrich Campe. Die Vernunft lässt sich in seinem Buch als Leitprinzip erkennen, was charakteristisch für die Aufklärung ist. Als Vertreter der Strömung des Philanthropismus orientierte Campe sich auch in seinem Werk an einer vernunft- und zugleich naturgemäßen Erziehung. Schon im Vorbericht lässt Campe seine Intention verlauten, den Roman als Lehrbuch zu gestalten und sich so an angehende Erzieher zu wenden.[21] In den didaktischen Erwägungen schreibt er, dass er seine jungen Leser nicht nur auf angenehme Weise unterhalten möchte, sondern Kenntnis über wissenschaftliche und literarische Elemente vermitteln möchte. Er wollte seine Erzählung so gestalten, dass die Leser ihren Nutzen daraus ziehen konnten und moralische Prinzipien vermittelt bekommen.[22] Mit der Robinson Bearbeitung wollte Campe also erziehen und unterhalten, da er der Überzeugung war, dass der Genuss beim Lesen dazu beiträgt sich einer Unterrichtung durch das Gelesene zu öffnen.[23] Campe teilte die Geschichte in drei Perioden: In der ersten ist Robinson auf sich allein gestellt, ohne Werkzeuge oder Hilfe, während er in der zweiten einen Menschen an seiner Seite, der ihn unterstützt. In der dritten Periode stattet Campe Robinson mit Hilfsmitteln aus, die ihm durch ein gestrandetes Schiff zukommen. Diese Adaption des Robinson-Stoffes unterscheidet sich vom Original durch die Einbettung in die Erzählungen eines Vaters an seine Kinder und wird unterbrochen durch Kommentare, Fragen und Anmerkungen durch den Erzähler und die Zuhörer. Dadurch kommt der Erzählung eine moralisierende Funktion zu. Durch die permanente Reflexion des Erzählten und den Bezug auf die Erzählerwelt und -beziehungen, soll ein Mehrwert aus der Geschichte gezogen werden, welcher über die Unterhaltung hinausgeht.

Robinson ist der jüngste und letzte Überlebende von drei Brüdern. Aus Langeweile begibt er sich auf ein Schiff, welches sich auf den Weg nach Afrika machte. Nach vielen Abenteuern an Bord des Schiffes und einem Halt auf den Kanarischen Inseln, wechselte Robinson auf ein Schiff, welches nach Brasilien segelte. Nach einem Schiffsbruch findet er sich alleine auf einer Insel wieder, ohne jegliche Werkzeuge oder Hilfsmittel. Da er in seiner Kindheit wenig praktische und handwerkliche Erfahrungen hatte sammeln können, ist Robinson mit der Situation überfordert. Er schafft es sich eine Unterkunft zu bauen und Nahrungsmittel zu besorgen, um zu überleben. Trotz einiger Schwierigkeiten baut sich Robinson ein Leben auf der Insel auf, bis er eines Tages eine Zeremonie auf der anderen Seite der Insel mitbekommt, bei welcher Kannibalen Menschen töten. Er rettet eines der Opfer und sie fliehen gemeinsam in sein Versteck. Robinson nennt ihn Freitag, lehrt ihn seine Sprache, religiösen Ansichten und Überzeugungen und findet so einen Freund und Gehilfen. Mit diesem macht er sich nach einiger Zeit auf, um die Heimatinsel Freitags zu finden. Aufgrund eines Unwetters stranden sie auf einer einsamen Insel. Dort bauen sie sich ein neues Heim auf, mithilfe der Inhalte eines Schiffs, welches kurz vor der Insel zwischen zwei Felsen klemmt und unbemannt ist. Nach einiger Zeit kommen Kannibalen auf die Insel und bringen Opfer mit. Es gelingt Robinson und Freitag die Opfer zu retten und auf ihre Seite zu bringen und die Kannibalen zu vertreiben. Es stellt sich heraus, dass eines der Opfer Freitag´s Vater ist. Gemeinsam schaffen sie eine Kolonie auf der Insel, welche alle Möglichkeiten bietet um dort sein Leben zu verbringen. Dennoch beschließt Robinson mit Freitag und dessen Vater, der den Namen Donnerstag bekommt, die Insel zu verlassen um sich auf den Weg zurück zu seinen Eltern zu machen. Nach einem Zwischenstopp in Spanien, steuern Robinson und Freitag, die den Tod Donnerstags durch Krankheit zu beklagen haben, Hamburg an. Durch einen heftigen Sturm gelangen sie unfreiwillig und ohne Hab und Gut nach Cuxhaven. Dort erfährt Robinson vom Tod seiner Mutter und macht sich dennoch auf die Überfahrt nach Hamburg zu seinem Vater. Nach einem glücklichen Wiedersehen, begeben sich Robinson und Freitag in die Tischlerlehre und arbeiten daraufhin in einer gemeinsamen Werkstatt.

3.1.1. Anpassung an die zeitgenössische Konzeption von Moral

Nach Troeltsch ist die Aufklärung die "immanente Erklärung der Welt aus überall gültigen Erkenntnismitteln und eine rationale Ordnung des Lebens im Dienste allgemeingültiger praktischer Zwecke“ (Wild, 2002, S. 46), was das praktische Ziel integrierte, die Welt so zu gestalten, dass Glück für alle möglich gemacht wird. Die Grundvorstellung der Aufklärung ist also die Idee einer fortschreitenden Vervollkommnung, die sich erreichen lässt durch die „Erziehung des Einzelnen und des Menschengeschlechts“ (Wild, 2002, S. 51). Besonders starken Einfluss auf die Pädagogik der Epoche hatten John Locke, Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant mit ihren Werken und sollen deshalb kurz vorgestellt werden. 1693 schrieb Locke seinen Essay Gedanken über die Erziehung in welchem er die Vernunft nicht nur als Erkenntnisvermögen, sondern auch als Instanz der Tugenden beschreibt. Insbesondere bei Kindern, welche als ganz von Trieben und Sinnen beherrscht galten, war eine frühe Erziehung zur Vernunft nötig. An ihm orientierte sich Jean-Jacques Rousseaus Erziehungsroman Emile ou de L´Education (Emile oder Über die Erziehung) (1762).[24] Die Konzeption der natürlichen Erziehung folgte dem Prinzip, dass die Ausbildung der Natur des Kindes notwendig zur Tugendhaftigkeit führt, da die Natur gut sei. Außerdem kennzeichnete der Roman den Beginn der Kinder- und Jugendliteratur und die Abgrenzung der Kindheit als eigene Phase vom Erwachsensein, durch Rousseaus Vorstellungen von der Eigenständigkeit des Kindes und den eigenen Bedingungen und Gesetzmäßigkeiten der Kindheit. An diesen Erkenntnissen und Vorstellung orientiert sich auch die Pädagogik der Philanthropen im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. Die Erziehung der Kinder sollte sich an die Eigenheit der Kinder anpassen, so dass beispielsweise spielerische Elemente in den Lernvorgang integriert wurden. Die Vermittlung rein theoretischer Inhalte tritt so in den Hintergrund, während praktische und körperliche Erfahrungen in den Vordergrund rücken.[25]

In Immanuel Kant´s Aufsatz Was ist Aufklärung? (1784) vereinen sich die Ansätze und seine Aussage „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ bildet den Wahlspruch dieser Epoche. Kant definierte die Aufklärung als den

„Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstanden ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen.“ (Kant, 1784)

Diese Erkenntnisse sind Grundlage für Kants Erziehungstheorie, bei welcher der Erziehungsprozess vier Stufen beinhaltet: Die Disziplinierung, die Kultivierung, die Zivilisierung und die Moralisierung. Im Fokus der Disziplinierung steht, dass die „tierische Natur“ der Vervollkommnung der Menschen nicht im Wege stehen darf und die Kultivierung meint den Erwerb von Fähig- und Fertigkeiten um Ziele zu erreichen, die von der Gesellschaft vorgesehen sind. Auf die Gesellschaft bezieht sich auch die Zivilisierung, da hier soziale Kompetenzen erworben werden sollen, die zu einer wertvollen Mitgliedschaft führen. Die in dieser Arbeit relevanteste Stufe ist die Moralisierung, da hier gemeint ist, dass man nach dem „kategorischen Imperativ“ handelt. Dies beschreibt Handlungen, denen eine wohlwollende Intention zugrunde liegt. Die letzte Stufe wird als die schwierigste Stufe beschrieben, da sie das Erreichen der anderen Stufen, wie auch Selbstständigkeit und Reflexion voraussetzt.[26]

Aus all diesen Erkenntnissen geht hervor, dass das Kind als formbar angesehen wird und die Erziehung als Wissenschaft. Dies spiegelt sich auch in der Literatur wider, da moralische Erzählungen die primäre Gattung bilden. Diese hatten die Vermittlung von moralischen Grundsätzen oder Verhaltensregeln zum Ziel. Abenteuerromane dagegen wurden aufgrund ihres Ausbruchcharakters eher mit Skepsis betrachtet. Dennoch fanden sie Einzug in Kinder- und Jugendliteratur der Aufklärung. Die Darstellung der abenteuerlichen Begebenheiten war durchweg mit Belehrung verbunden, durch sachliche und moralische Ansätze. Sachliche Belehrung fand durch die Vermittlung von Kenntnissen über fremde Länder und Menschen statt, moralische Belehrung durch die Bewährung der Abenteurer in schwierigen Situationen durch richtiges, vorbildliches Handeln (z.B. Vertrauen in Gott in aussichtslosen Situationen).[27] Insbesondere das Buch Robinson der Jüngere von Joachim Heinrich Campe ist repräsentativ für die aufgeklärte Kinder- und Jugendliteratur, da moralische Regeln durch die Erzählung gestützt werden und so nicht nur den Verstand, sondern auch die Einbildungskraft beschäfigen. Campe entschied sich für die Bearbeitung des Robinson-Stoffes, da Rousseau in dem zweiten Teil seines pädagogischen Lehrbuches „Emile“ darauf hinweist, dass er seinen Kindern Robinson Crusoe als erstes zu lesen geben würde, weil es „wie kein anderes den Nachahmungstrieb seines Zöglings anzuregen imstande sei und die glücklichste Abhandlung von einer natürlichen Erziehung darstelle“ (Köstler-Holste, 2004, S. 78). Auf dieser Grundlage schaffte Campe sein Werk, welches ganz nach aufklärerischer Vorstellungen auf die die pädagogische Wirkung hin berechnet und funktionalisiert war.

Die Vermittlung von Wertevorstellungen, welche als zentrales Element in der Kinder- und Jugendliteratur angesehen wurde, stand in Campes Werk im Vordergrund.[28] Die erzieherische Zuwendung in der Aufklärung sollte sich zu den Kindern „herablassen“ und deren Erfahrungshorizonte, wie auch Wahrnehmungsmöglichkeiten berücksichtigen. Da Campe sein Werk so aufbaute, dass ein Vater seinen Kindern eine Geschichte erzählt, wird das idealisierte Modell der Familie genutzt, um moralisches Handeln als Selbstzweck darzustellen.

Nachfragen der Kinder tragen zum Verständnis der jungen Leser bei:

Vater: „[…] Sie hatten ihn so lieb, als ihren Augapfel; aber sie liebten ihn mit Unverstand.“

Gotlieb: „Was heist das, Vater?“

Vater: „Wirst es gleich hoeren. Wir lieben euch auch, wie ihr wißt; aber eben deswegen halten wir euch zur Arbeit an, und lehren euch viele angenehme und nuetzliche Dinge, weil wir wissen, daß euch das gut und gluecklich machen wird. Aber Krusoe´s Eltern machten es nicht so. Sie liessen ihrem lieben Soehnchen in allem seinen eigenen Willen, [...] so liessen sie es meist den ganzen Tag spielen, und so lernte es denn wenig oder gar nichts. Das nennen wir […] eine unvernuenftige Liebe.“

Gotlieb: „Ha! Ha! Nu versteh ich´s“ (Campe, 1779, S.21)

Durch Unwissen oder Unverständnis der Kinder haben der Vater oder auch die älteren Geschwister die Möglichkeit Begriffe anhand von Beispielen zu erklären, was einen Lerneffekt hervorruft. Auch die Einbindung spielerischer Elemente in den Lernvorgang zeigt sich durch diese Struktur. Die Kinder, denen die Geschichte von Robinson erzählt wird, betten immer wieder Elemente aus Robinsons Leben in ihren Alltag, um seine Situation nachvollziehen zu können:

Fritzchen: „Moegest du Johannes ein ander Hemde schikken!“

[…]

Mutter: „Warum […]? Kan er denn sein heutiges Hemd nicht wieder anziehen?“

Fritzchen: „Nein, das hat er gewaschen; und nun ist er noch ganz naß. Er wolt‘ es wie Robinson machen!“ (Campe, 1779, S.111f)

Da in der Erziehung der Aufklärung vor allem die Ausbildung praktischer Fähigkeiten im Vordergrund steht, kann die Geschichte Robinsons, wie auch die Einbettung in den erzählerischen Rahmen, leicht in Einklang gebracht werden mit den Vorstellungen der Aufklärung.[29] Die Erziehungsvorstellungen lassen sich auch mit den Moralvorstellungen der Aufklärung verbinden. Nach Kant zeigt sich moralisches Handeln in der Übereinstimmung des Handelns mit den eigenen Überzeugungen. Diese Handlungen und Überzeugungen sollten „richtig“ sein, sich also nach den Werten und Normen der Gesellschaft ausrichten. Campe bindet dieses Verständnis in seine Erzählung mit ein, doch auch die Geschichte Robinson´s an sich bietet einige Ansätze, die die moralischen Vorstellungen der Aufklärung widerspiegeln:

Vater: „[…] Unterwegs machte sich Robinson einen Vorwurf, der ein Beweis seiner Rechtschaffenheit war.“

Diderich: „Worueber denn?“

Vater: „Darueber, daß er das Gold und die Diamanten nicht mitgenommen habe.“

Diderich: „Was wolt´ er denn damit?“

Vater: „Er selbst wolte nicht damit; aber er dachte so: es ist doch nicht ganz unmoeglich, daß der Herr des Schiffes noch lebt, und wieder herkommen kann, um zu sehen, ob er nicht noch etwas retten koenne. Wenn nun ploetzlich ein Sturm entstuende und der zerschmetterte das Schif, […], und Gold und Edelsteine gingen verloren: wie woltest du es dan gegen den Besitzer derselben, wie woltest du es vor Gott, und vor deinem eigenen Gewissen verantworten, daß du nur lauter solche Sachen gerettet hast, die dir nuetzlich werden koennen und nicht auch dasjenige, woran dem eigentlichen Herrn aller dieser Sachen am meisten gelegen sein muß? […] (Campe, 1779, S. 277f)

In diesem Fall beschäftigt sich Robinson mit den potentiellen Bedürfnissen einer Person die er nicht kennt. Er reflektiert sein eigenes Verhalten und handelt vorausschauend und sozial. Dieses Verhalten lässt sich nach aufklärerischen Vorstellungen als moralisches Handeln bezeichnen. Die Nachfrage des Kindes rückt die erzieherische Tendenz erneut in Vordergrund.

Die aufklärerischen Tendenzen und die pädagogischen Vorstellungen zeigen auch das Bild der Moral dieser Epoche. Nach dem idealisierten Bild der Philanthropen lässt sich der Mensch zu einem wertvollen Mitglied für die Gesellschaft erziehen, welches sich auszeichnet durch durchdachtes, moralisches Handeln und die Fähigkeit seine Verhaltensweisen zu reflektieren. Dieser Ansatz wird in dem exemplarischen Kinderbuch Robinson der Jüngere von Joachim Heinrich Campe aufgegriffen. Da Campe als Autor der aufgeklärten Kinderliteratur sehr bekannt war und sich an den Vorstellungen der Aufklärung und vor allem des Philanthropismus orientierte, wurde sich für dieses Werk entschieden, auch wenn es nicht die gesamte Epoche wiedergeben kann. Dennoch sollte deutlich geworden sein, dass die Funktionalisierung eine deutliche Tendenz in der Kinder- und Jugendliteratur der Aufklärung war und kunstfremde Zwecke, wie Erziehung im Vordergrund standen.[30] Dies geht auch aus den folgenden Kapiteln hervor, welche sich mit der Erzählperspektive und dem Figurenverhalten auseinandersetzen.

3.1.2. Erzählperspektive und Moral

Im Vorbericht nimmt der Autor Stellung zu seinem Buch und beschreibt seine Intention in der Form des Ich- Erzählers. Dieser Ich- Erzähler ist also keine fiktive Person, sondern die Anliegen des Autors selbst werden wiedergegeben:

„Indem ich nun darueber nachdachte, welches wohl das wirksamste Gegengift wider diese Anstekkung [Empfindsamkeitsfieber] sein moegte, stelte sich meine Sele das Ideal eines Buch dar, […] welches jede in uns schlummerne phisische und moralische Menschkraft wekte, anfeuerte, staerkte; ein Buch, welches zwar eben so unterhaltend und anziehend, als irgend ein Anderes waere, aber nicht so, wie Andere, blos zu unthaetigen Beschauungen, zu muessigen Ruehrungen, sondern unmittelbar zur Selbsthaetigkeit fuehrte; ein Buch, welches den jungen Nachahmungstrieb der Kindersele […] richtete, welche recht eigentlich zu unserer Bestimmung gehoeren […]“. (Campe, 1779, S. 7)

Schon in der Vorrede und mit dem programmatischen Untertitel („Zur angenehmen und nützlichen Unterhaltung für Kinder“) wird deutlich, dass Campe anstrebt über seine Erzählung moralische Tugenden zu vermitteln.

Seine Vorrede führt dieses Streben noch aus:

„Da man glaubte, daß wohl noch mehr gute Kinder waeren, die diese merkwuerdige Geschichte zu hoeren oder zu lesen wuenschten: so schrieb sie der Vater auf und der Buchdrukker mußte zwei tausend Abdruekke davon machen.“.(Campe, 1779, Vorwort)

[...]


[1] Schikorsky, Isa: Schnellkurs Kinder- und Jugendliteratur, DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln, 2003, S.8.

[2] Steinhöfel, Andreas: Rico, Oskar und die Tieferschatten, Carlsen Verlag, 2008, S. 2.

[3] Tödt, Heinz Eduard: Was ist Moral. In: Italiaander, Rolf: Moral – Wozu. Delp´sche Verlagsbuchhandlung, München, 1972, S.9.

[4] Helck, Wolfgang: Moral bei den alten Ägyptern. In: Italiaander, Rolf: Moral – Wozu. Delp´sche Verlagsbuchhandlung, München, 1972, S. 33.

[5] Tödt, 1972, S.10f.

[6] ebd. S. 11.

[7] Lind, Georg: Moral ist lehrbar – Wie man moralisch-demokratische Kompetenz fördern und damit Gewalt, Betrug und Macht mindern kann, Logos Verlag, Berlin, 2015, S. 36.

[8] ebd., S. 35.

[9] Hoerster, Norbert: Was ist Moral? – Eine philosophische Einführung, Philipp Reclam, Stuttgart, 2008, S. 7.

[10] ebd., 2008, S. 11.

[11] ebd., 2008, S. 27.

[12] Lind ,2015, S.40.

[13] ebd., S. 38f.

[14] ebd., S.47.

[15] Gansel, Carsten: Moderne Kinder- und Jugendliteratur, Cornelsen Verlag, Berlin, 2010, S. 17.

[16] ebd., S.6ff.

[17] Haas, Gerhard: Aspekte der Kinder- und Jugendliteratur – Genres – Formen und Funktionen – Autoren, Peter Lang GmbH Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, 2003, S.232.

[18] Reinhard, Angelika: Die Karriere des Robinson Crusoe vom literarischen zum pädagogischen Helden, Peter Lang GmbH Europäischer Verlag der Wissenschaft, Frankfurt am Main, 1994, S.125f.

[19] ebd., S. 12.

[20] Gansel, 2010, S. 26.

[21] Reinhard, 1994, S. 127.

[22] Campe, Joachim Heinrich (1779): Robinson der Jüngere, Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart, 1981, S.6ff.

[23] Reinhard, 1994, S. 130.

[24] Wild, 2002, S. 51.

[25] ebd., S. 52f.

[26] Rink, Friedrich Theodor: Immanuel Kant Über Pädagogik, Friedrich Nicolovius, Königsberg, 1803, S. 10.

[27] Wild, 2002, S. 73ff.

[28] Funke, 1988, S. 32f.

[29] Wild, 2002, S. 51.

[30] Reinhard, 1994, S. 111.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Moral in der Kinder- und Jugendliteratur
Untertitel
Ein exemplarischer Vergleich von Werken aus der Aufklärung, der Nachkriegszeit und der Gegenwart
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
46
Katalognummer
V371226
ISBN (eBook)
9783668491694
ISBN (Buch)
9783668491700
Dateigröße
704 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
moral, kinder-, jugendliteratur, vergleich, werken, aufklärung, nachkriegszeit, gegenwart
Arbeit zitieren
Victoria Enke (Autor), 2017, Moral in der Kinder- und Jugendliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371226

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