Das Alltagsleben. Versuch einer Erklärung der individuellen Reproduktion in "Der Einzelne und seine Welt"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
13 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.1 Der Einzelne als Klasseneinzelner
2.2 Gruppe und Einzelner
2.3 Einzelner und Masse
2.4 Einzelner und Gemeinschaft
2.5 „Wir-Bewusstsein“

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Folgenden schaue ich mir den Text von Agnes Heller „Der Einzelne und seine Welt“ genauer an. Zuerst fasse ich ihn mit eigenen Worten zusammen und gehe anschließend etwas mehr auf den Text ein.

Agnes Heller beschreibt die Korrelation zwischen dem Einzelnen und der Welt als ein geschichtliches Problem. Die Korrelation trat dabei in verschiedenen Gesellschaften, Schichten und Klassen in unterschiedlichen Weisen in Erscheinung, sodass keine philosophische Verallgemeinerung beschrieben werden kann. Deshalb hat sie allgemeine Tendenzen in ihrem Text skizziert.

2.1 Der Einzelne als Klassen-Einzelner

In der Vorgeschichte der Menschheit zählt jeder Einzelne als Klassen-Einzelner, d.h. er ist durch den Ausdruck seiner Klassenchancen, -werte, -tendenzen und durch ihre Vermittlung Repräsentant der Menschheit. Ob und in wieweit ein Einzelner Repräsentant der gattungsmäßigen Entwicklung sein kann, ist durch konkrete Strukturen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und den Platz den er darin einnimmt, bestimmt. Die erste Voraussetzung dafür, dass ein Einzelner ein repräsentatives Individuum werden kann, ist, das die Klasse eine „‘historische Klasse“ ist. Die Geschichte ist die Substanz der Gesellschaft und diese Substanz ist nichts anderes als ihre Kontinuität.

Dennoch muss man die Kategorien der Geschichte „an sich“ und „für sich“ unterscheiden. „An sich“ heißt hier, dass die Kontinuität in der Reproduktion der gegeben ökonomisch-gesellschaftlichen Struktur auf ein und derselben Stufe erfolgt. Geschichte „für sich“ meint hier, dass Kontinuität eine Preisgabe des aktuellen Zustands einschließt, ob nun einen Fortschritt oder einen Rückschritt oder beides zugleich. Genauer wird nun auf die Geschichte „für sich“ eingegangen. Schöpfer der Geschichte „für sich“ zu sein heißt nicht, dass die Klasse und ihre Einzelnen an der Lenkung der politischen Geschichte der Zeit aktiv beteiligt waren. So waren zum Beispiel die Bauern im Mittelalter eine historische Klasse ohne das sie unmittelbar an der politischen Geschichte aktiv waren. Einzelne können durch ihre Klugheit, Geschicklichkeit, Güte als repräsentative Individuen der konkreten Klasse gesehen werden.

Dass das Individuum notwendigerweise ein Klassen-Einzelner ist, kommt hauptsächlich dadurch zum Ausdruck, dass in seinem individuellen Sein eine Grenze gezogen wurde, dabei spielt es keine Rolle ob seine Klasse historisch oder nichthistorisch ist. Es gibt Klassen in denen es sich nur dann erfolgreich Leben lässt, wenn man auf die konkreten Aufgaben individuell reagiert. Bei anderen Klassen wird die individuelle Reaktion ausgeschlossen. Entsprechend kommt es häufig vor, dass die Klasse von ihren Mitgliedern in einer bestimmten Sphäre eine individuelle, in einer anderen hingegen eine völlig konventionelle Haltung fordert. Es hängt weitestgehend von dem Umstand ab, ob und wie sehr ein Individuum gebildet und von welchem Typ es ist. Schließlich gilt auch das eine Klasse in einer bestimmten Phase ihrer Entwicklung eine individuelle Reaktion verlangt, sie jedoch in einer anderen wieder verhindert.

2.2 Gruppe und Einzelner

Zu Beginn wurde davon ausgegangen, dass ein Einzelner ein Klassen-Einzelner ist. Jedoch steht der Einzelne in seinem Alltagsleben in keinem unmittelbaren Verhältnis zu seiner Klasse. Daraus entstehen kleinere Gruppen -die zusammen eine Klasse bilden-, die strukturierte menschliche Beziehungen repräsentieren. Diese Repräsentation kann aber auch ein Widerspruch sein, besonders dann und dort wo die Gruppe kein Repräsentant einer Gemeinschaftsgesellschaft ist. Es ist keine Seltenheit, dass in solchen Fällen die Gruppe den Einzelnen mit einem idealen Forderungssystem der Gesellschaft (der Klasse) konfrontiert, obwohl es in der Gesellschaft in der Großen Welt, Tag für Tag verletzt wird. Daher kommt es, dass der Einzelne, wenn er die Gruppe in der er aufgewachsen ist, verlässt, meist nicht in der Welt zurechtkommt, enttäuscht oder lebensunfähig wird. Bei der Gestaltung des Alltags des Einzelnen ist also die Gruppe primär. Es wäre aber nichts falscher als die Vorstellung, dass die Gruppe die Normen und Regeln hervorbringt und das diese sich aus gesellschaftlichen Normen und Regeln aus Normen und Gebräuchen ergeben, die die Gruppe erzeugt haben. Es verhält sich genau umgekehrt. Die Gruppe, die im Alltagsleben primär ist, hat hinsichtlich der Entstehung von Normen und Regeln keinerlei Vorrang, sie hat lediglich eine vermittelnde Funktion. Und wenn diese Funktion nicht erfüllt wird, so bereitet sie den Einzelnen nicht auf die Regelung des Alltags vor.

In welcher konkreten Gruppe der Mensch die erforderlichen Alltagsfähigkeiten erwirbt, hängt weitgehend von der Gesellschafft insgesamt und dem Platz ab, den er in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung einnimmt. Durch die Tendenz der Hierarchie in der Gruppe wird immer die Position innerhalb der gesellschaftlichen Struktur, der Arbeitsteilung, bestimmt. Es ist ein Merkmal der Gruppenzugehörigkeit, das sich daraus ergibt, dass der Einzelne sehr verschiedenen Gruppen angehören kann, somit kann das auch eine Folge des Zufalls sein. Zum Beispiel das man in der Schule angemeldet wird, liegt den gesellschaftlichen Strukturen zu Grunde. Jedoch welche Art von Schule besucht wird, kann eine Folge der gesellschaftlichen Position der Eltern sein. Welche konkrete Schule und welche Klasse ist dann wieder Zufall. Gibt es diese Zufälligkeit nicht mehr, so treten die Individualität des Einzelnen und die gegebene Gruppe miteinander in eine organisatorische, wesentliche und dauerhafte Korrelation, dann ist es auch nicht mehr eine Gruppe, sondern eine Gemeinschaft.

Nun wurde kurz aufgezeigt, welche Rolle die Gruppe beim heranwachsen des Einzelnen trägt. Jedoch spielt sie nicht nur dabei eine Rolle. Die gattungsmäßigen Tätigkeiten sind ohne die organisierte und dauerhafte strukturelle Einheit der „Face-to- Face“-Beziehungen nicht vorstellbar. So kommen zum Beispiel bei der Arbeit nur über Gruppenaktivitäten Objektivationen zustande. Unter dem Gesichtspunkt des Alltagslebens bewirkt die Gruppentätigkeit mitwachsender Arbeitsteilung die Entfaltung bestimmter spezieller Fähigkeiten. Der Effekt der Arbeitsteilung gründet nicht in der Gruppentätigkeit, er ist jedoch an ihre Vermittlung geknüpft, etwa in eine bürokratisch organisierten Institution.

Das waren bisher zwei Merkmale der Gruppe, einmal ihre Zufälligkeit, sowie ihre Kraft. Ein drittes Merkmal ist, dass die Gruppe, sofern sie nur eine Gruppe und keine Gemeinschaft ist, nicht die Möglichkeit hat, die Entfaltung aller oder auch nur der wichtigsten Fähigkeiten eines Menschen zu fördern. Ein viertes Merkmal ist, das man nur dann von einer Gruppe spricht, wenn die „Face-to-Face“-Beziehungen einer bestimmten Anzahl von Menschen eine bestimmte gemeinsame Beziehung haben. Ohne diese, wenn auch ungenaue- Funktion ist es keine Gruppe.

Mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, wurde die Gruppe zu den zentralen Organisationszellen denen jeder Einzelne zugehören musste. Diese Zugehörigkeit konstituierte die Lebenswelt des Einzelnen. Gleichzeitig wurde der Einzelne Mitglied von immer mehr Gruppen, und zwar solchen, die diese oder jene Fähigkeit und Fertigkeit unabhängig von einander in Anspruch nahmen, ausbildeten oder steigerten. Der Einzelne, der um leben zu können, sich verschiedene Funktionen aneignete und den Gruppen anpasste, wurde gespalten. Das öffentliche Leben, das nun kein Gemeinschaftsleben mehr ist, nimmt einzig eine Fähigkeit des Menschen in Anspruch -wenn diese funktioniert, hat er seiner staatsbürgerlichen, also öffentlichen Rolle entsprochen.

Die Kategorie der Gruppe wurde von der bürgerlich-positivistischen Soziologie in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Dies geschah zweifellos mit einer gewissen Bereicherung, sowohl gegenüber den liberalen bürgerlichen Ideologien, als auch dem Vulgärmarxismus, der die einzelnen Klassen und die Organe der Klasse als einzige gesellschaftliche Bestimmungsmomente und zugleich als Medium des Einzelnen fasste. Die Kategorie der Gruppe gewinnt mit der Vergesellschaftung der Konsumtion und des Genusses objektiv an Bedeutung. Konsumtion und Genuss waren selbstverständlich immer gesellschaftlich. Die moderne Form der Gesellschaftlichkeit bedeutet aber zugleich auch, dass Konsumtion und Genuss gemeinsam oder zumindest nach den Forderungen der Gruppennormen vor sich gehen. In alten Gemeinschaften gab es auch gemeinschaftliche Konsumtion und Genuss, das diente dazu den Genuss durch das Kollektiv zu steigern. Dieses gemeinsame Kollektiv und der gemeinsame Genuss waren Teil des öffentlichen Lebens. Heutzutage ist der Gruppenkonsum und Gruppengenuss nicht gerade gemeinschaftlich, weshalb man hier von der einsamen Masse spricht.

2.3 Einzelner und Masse

Bevor es mit einer Analyse der Korrelation zwischen einer solchen Sozialform höheren Grades und dem Einzelnen weitergeht, folgen nun einige Worte über das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Masse. Dieses Verhältnis ist deshalb so wichtig anzuschauen, da der Einzelne und die Masse oft als Synonym für Individuum und Gesellschaft gebraucht wird. Dabei ist Gesellschaft nur ein Teil zur Strukturierung der Gesellschaft (weitere Kategorien wären: Stand, Klasse, Nation, Gruppe) und die Masse beschreibt das Zusammensein vieler Menschen bei einer Aktion (gemeinsames Handeln, zufällig -Feuer bricht in einem Theater aus- sowie nicht zufällig -bei einer Demonstration-). Gemeinsames Interesse und gemeinsame Funktionen sind also für die Masse nicht unbedingt kennzeichnend. Die Gruppe und die Gemeinschaft bilden nie eine Masse, sie sind stets geschichtet oder zumindest gegliedert. Die Masse hingegen kann beim gemeinsamen Handeln sehr wohl ungeschichtet, ungegliedert sein, sie kann es, aber sie ist es nicht immer. Manchmal bildet die Gesellschaft selbst die Masse. So zum Beispiel bei den Demonstrationen zum 1.Mai.

Der Typus Masse, die unstrukturierte, leicht manipulierbare Masse, wird von manchen Autoren als die Masse im Allgemeinen identifiziert und die Gemeinschaft mit der aus Individuen bestehenden demographischen Gemeinschaft. Dies ist jedoch falsch. Wenn Menschen massenhaft reagieren oder agieren, treten nicht nur Eigenschaften, Ziele und Interessen der Menschen in den Vordergrund, die identisch mit denen anderer sind, sondern sie werden vielmehr noch verstärkt und erhalten durch Resonanz eine affektive Unterstützung. Hier handelt es sich nicht oder nur zum Teil um das gleiche wie im Fall der Gruppentätigkeit. Bei der Gruppentätigkeit stärkt die Gruppe bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten, sie entwickeln bestimmte Anlagen und lassen sie reifen. Die Masse setzt jedoch den Akzent auf der Affektsteigerung, infolge der mitreißenden Kraft wird der Einzelne seine sonstigen partikulären Interessen, seine Bedürfnisse eventuell sogar zurückstellen. Ein solcher Zustand bezeichnet nicht unbedingt unbeschränkte Manipulierbarkeit. In diesem Fall ist die Kraft der Massenaktion nur solange mitreißend, bis sie auf den Kern, des Individuums stößt. Besteht die Masse jedoch aus Leuten, die unter Druck der Forderungen verschiedener Gruppen ohnehin schon extrem flexibel geworden sind, und die Masse gleichzeitig extrem unstrukturiert ist, so erhöhen sich die Chancen der

Manipulierbarkeit. In diesem Sinne wird häufig von Massengesellschaft gesprochen, hier ist das Wort Masse eher im metaphorischen Sinn gemeint. Hier handelt es sich nicht um das Tatsache zusammen sein, sondern darum, dass eine Gesellschaft ausschließlich oder überwiegend solche primären Sozialformen begünstigt, die sich zu keiner Gemeinschaft verdichten können und der Entfaltung der Individualität keinen Spielraum lassen. Es dominiert die Tendenz, den anderen zu beobachten und sich dadurch emotional zu verstärken, Massengesellschaft ist also eine Metapher zur Beschreibung einer manipulierbaren konformistischen Gesellschaft.

2.4 Einzelner und Gemeinschaft

Nun zur Analyse der Gemeinschaft. Gemeinschaft ist eine Kategorie der Gemeinschaftsstruktur, sie ist jedoch mehr. Eine Gemeinschafft kann zwar alle möglichen Sozialformen darstellen, sie muss es aber nicht unbedingt. Wann sie es ist und wann nicht, hängt jeweils vom Inhalt, der Art und Weise, wie die Beziehungen zur Gesamtgesellschaft gestaltet sind und dem Verhältnis des Einzelnen in dieser Sozialform ab. Es wäre falsch, jede Art von Gesellschaftlichkeit mit dem Begriff Gemeinschaft zu verknüpfen. Jemand kann sich nur in der Gesellschaft isolieren, denn, solange er einzig durch die Produktion und den Austausch von Waren kommuniziert, ist er nicht weniger Gesellschaftlich, wie der nichtisolierte, Es ist jedoch nicht zu leugnen, dass der Gemeinschaftlichkeit, der Gemeinschaft innerhalb ein spezifischer Inhalt und spezifischer Wert zukommen. Die Gemeinschaft ist eine strukturierte, organisierte Gruppe oder Schichteinheit mit relativ homogener Werteordnung, zu der der Einzelne notwendigerweise gehört. Diese Notwendigkeit beschreibt zwei grundverschiedene Erscheinungen. Die Gemeinschaft kann z. B. unter dem Aspekt der Produktions-, Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung notwendig sein, dies gilt für Gesellschaften, in denen entweder die Produktion, oder die Verwaltung der Gesellschaft, gemeinschaftlich betrieben wird und denen dieser Gemeinschaftscharakter ein organisches Element der Gesellschaftsstruktur ist.

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Details

Titel
Das Alltagsleben. Versuch einer Erklärung der individuellen Reproduktion in "Der Einzelne und seine Welt"
Hochschule
Fachhochschule Düsseldorf
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V371285
ISBN (eBook)
9783668494350
ISBN (Buch)
9783668494367
Dateigröße
728 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Agnes Heller, Der Einzelne und die Welt, Reproduktion, Alltag
Arbeit zitieren
Vanessa Becker (Autor), 2017, Das Alltagsleben. Versuch einer Erklärung der individuellen Reproduktion in "Der Einzelne und seine Welt", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371285

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