Kusunoki Masashige. Nationalisierung eines gescheiterten Helden in der Meiji-Zeit?


Bachelorarbeit, 2012
38 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Kenmu-Restauration
2.1. Zeitlicher und politischer Rahmen
2.2. Die Genkô-Zeit und die Kenmu-Restauration
2.3. Die Legende des Kusunoki Masashige
2.3.1. Die Mittel des taiheiki
2.3.2. Legendarische Ereignisse
2.3.2.1. Kusunoki Masashige schließt sich Kaiser Godaigo an
2.3.2.2. Die Kämpfe Masashiges vor der Kenmu-Restauration
2.3.2.3. Vor der Schlacht am Minatogawa
2.3.2.4. Der Tod Masashiges
2.3.3. Die Person Kusunoki Masashige
2.4. Masashiges Bedeutung für die Kenmu-Restauration

3. Die Meiji-Restauration
3.1. Der Tenno
3.1.1. k ô d ô und bushid ô
3.1.2. Die neue Rolle des shint ô
3.2. Neuerungen im Erziehungssystem der Meiji-Zeit
3.3. Die Bedeutung der Kenmu-Restauration
3.4. Der Kusunoki Masashige der Meiji-Zeit
3.4.1. Der Bezug zu Saigô Takamori
3.4.2. Einfluss auf „Kamikaze“
3.4.3. Kusunoki Masatsura
3.4.4. Posthume Ehrungen Masashiges

4. Fazit

5. Glossar

6. Anhänge

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Heldenverehrung ist ein Phänomen, das keiner Kultur der Erde fremd ist. Ob es in Japan mehr Helden und Heldenkult als in anderen Ländern gibt, kann ich aufgrund mangelnder vergleichender Studien nicht sagen - dennoch steht fest, dass die japanische Geschichte zahlreiche Helden hervorgebracht hat.

Ivan Morris hat sich in seinem Buch „Samurai oder von der Würde des Scheiterns - Tragische Helden in der Geschichte Japans“ (1999) mit der Heldenkultur Japans beschäftigt und dabei die Neigung der Japaner zur für den Westen eher untypischen Verehrung gescheiterter Helden untersucht. Einer dieser Helden, die Morris in seinem Buch behandelt, ist der aus dem japanischen Mittelalter stammende Krieger Kusunoki Masashige, der seines Zeichens der „Prototyp des gescheiterten, kaisertreuen Märtyrers“ (Morris 1989: 136) ist. Das Motiv des gescheiterten Helden möchte ich in meiner Arbeit aufgreifen und es, angewandt auf Kusunoki Masashige, in Zusammenhang mit dem modernen Heldenkult und insbesondere mit dessen Instrumentalisierung während der Meiji-Zeit bringen.

Der Charakterisierung Masashiges als „godly embodiment of the highest values of imperial loyalism“ (Varley 1994: 181), „most perfect example of samurai loyalty“ (Turnbull 1996: 89), „the very model of the values of Bushido“ (Brownlee 1997: 168), „supreme model of how to die purely and beautifully for the emperor“ (Varley 1994: 181), „the man regarded as Japan's greatest hero until at least the end of World War II“ (De Bary et.al. 2001: 284) und anderen ähnlich heroisch anmutenden Bezeichnungen begegnet man nahezu ständig in Artikeln und Büchern über das japanische Mittelalter und über die Meiji-Zeit. „There is no star in the firmament of Japan's warrior heroes brighter than Kusunoki Masashige.“ (Varley 1994: 181) Dieser Mann, der sich 1331 voll und ganz der Sache des damaligen Kaisers Godaigo verschrieben hatte und auch für diese in der Schlacht gefallen war, soll 1868 die Initiatoren der Meiji-Restauration dermaßen inspiriert haben, dass seine Lebensgeschichte in die Schulbücher der Grundschule aufgenommen und seine Person posthum auf viele Weisen geehrt wurde. Die Zeit Kusunoki Masashiges und die Meiji- Restauration liegen jedoch über 500 Jahre auseinander. Die erste Frage, die es zu beantworten gilt, ist also die nach dem Verhältnis des Ereignisses der Meiji-Restauration und der Person Kusunoki Masashige, und das, wofür er steht, zueinander.

Aus diesem Grund beschäftige ich mich in dem ersten größeren Teil dieser Arbeit mit dem geschichtlichen und ideellen Wert Masashiges, angefangen mit einer Beschreibung der Epoche um den Sturz des kamakura bakufu (Zeltregierung/Shogunat mit dem Hauptsitz in Kamakura) und den daran beteiligten Akteuren, und endend mit einer Betrachtung der Legende, die sich im Zuge der Ereignisse langsam um die Person Kusunoki Masashiges entfaltete und deren Hochzeit zwischen der späten Tokugawa-Zeit und dem Ende des zweiten Weltkriegs einzuordnen ist.

Im anschließenden Teil der Arbeit werde ich basierend auf dem im Vorangegangenen erarbeiteten Wissen die Meiji-Restauration in Verbindung mit der von Kusunoki Masashige unterstützten Kenmu-Restauration bringen und versuchen, den Zusammenhang zwischen Masashige und dem Programm der neu gegründeten Meiji-Regierung herauszustellen. Zu diesem Zweck stehen neben dem Tenno die Bildung neuer Idealwerte, der Einfluss des Staats-Shintô, die Anpassung des Erziehungssystems an den neuen Staat mit dem Kaiser an der Spitze und schließlich die Bedeutung der Kenmu-Restauration im Fokus der weiteren Betrachtungen. Im Anschluss daran befasse ich mich noch ein mal genauer mit Kusunoki Masashige und seinem revival während der Meiji-Zeit.

Im letzten Punkt meiner Arbeit werde ich ein zusammenfassendes Fazit formulieren und versuchen, eine zufriedenstellende Antwort auf meine Forschungsfrage - Kusunoki Masashige: Nationalisierung eines gescheiterten Helden in der Meiji-Zeit? - zu finden. Da viele der angeschnittenen Themenfelder sehr komplex sind und fast jedes davon eine eigene Arbeit füllen könnte kann ich vieles leider nur an der Oberfläche ankratzen. Dennoch hoffe ich, tief genug schürfen zu können, um deren Bedeutung sowie deren Bezug zu meinem Thema ausreichend zu beleuchten.

Zuletzt möchte ich zu der Schreibweise japanischer Namen anmerken, dass ich bei deren Nennung nach japanischem Vorbild - Nachname gefolgt vom Vornamen - vorgehe. Japanische Begriffe werden kursiv geschrieben und bei erstmaliger Nennung ins Deutsche übersetzt. Sofern Begriffe oder Bezeichnungen (z.B. Shogunat, Tenno) im Duden verzeichnet sind folge ich bei deren Nennung der deutschen Rechtschreibung.

2. Die Kenmu-Restauration

Bevor ich konkret auf meine Forschungsfrage eingehen kann ist es zunächst ein mal notwendig, dem Leser die historische und vor allem legendarische Person Kusunoki Masashiges sowie die Sache, die er repräsentiert (oder repräsentieren soll), vorzustellen. Hierbei muss ich allerdings gleich zu Beginn anmerken, dass es nur über fünf Jahre seines Lebens - nämlich die Zeit zwischen seinem ersten Treffen mit dem Kaiser Go-Daigo 1331 und seinem Tod 1336 - einigermaßen gesicherte Daten gibt und alle weiteren Informationen, die sich mit ihm und seinem Leben befassen, mehr oder weniger auf Legenden und Spekulationen beruhen. Aufgrund dieser Sachlage möchte ich nicht mit der Beschreibung der Person Kusunoki Masashige als solche beginnen, sondern mich zunächst an seinen ersten gesichert nachweisbaren Auftritt in der japanischen Geschichte annähern.

Um nachvollziehen zu können, warum und wie Kusunoki Masashige zu einem Nationalhelden wurde und es überhaupt werden konnte, ist es notwendig, seine Taten, die insbesondere 500 Jahre nach seinem Tod so stark glorifiziert wurden, zu beleuchten und sie im geschichtlichen Gesamtkontext zu betrachten. Aus diesem Grund mache ich in diesem Abschnitt meiner Arbeit einen Exkurs in das japanische Mittelalter und versuche im Folgenden die Kenmu-Restauration (1333-1336) sowie die Rolle, die Kusunoki Masashige in diesem historischen Ereignis spielte und für die er später so bewundert wurde, darzustellen. Hierbei versuche ich zu Beginn zum Wohle eines besseren Überblicks, die Geschehnisse nüchtern chronologisch zu ordnen, um im Anschluss die legendarischen Elemente der Geschichte, die sich um die Kenmu-Restauration und Kusunoki Masashige rankt, zu ergänzen.

2.1. Zeitlicher und politischer Rahmen

Um die Signifikanz der Kenmu-Restauration, welche diese zu einem Musterbeispiel für die Meiji-Restauration qualifizierte, zu verdeutlichen, beginne ich zunächst mit einer kurzen Beschreibung des zeitlichen Rahmens und der Entwicklung der Machtverhältnisse. Beide erwähnten Restaurationen dienten zur Wiederherstellung der kaiserlichen Macht, genauer gesagt der politischen Macht des Tenno, die nach der Nara-Zeit (710-794) bis zur Zeit der Moderne in die Hände der Militäraristokratie gefallen war. Da dieser Vorgang sehr komplex war und viele Akteure einschloss möchte ich hierüber nur eine stark vereinfachte Darstellung bieten.

Die konkrete Entmachtung des Tenno begann durch den aufsteigenden Samuraiadel in der Heian-Zeit (792-1186). Die bis dahin althergebrachte Herrschaft des Kaisers musste dem Feudalismus und der Militärdespotie weichen und wurde langsam durch die Kriegerfamilie der Fujiwara ausgehobelt. Der Tenno hatte zwar noch oberflächliche Macht, doch die wahren politischen Drahtzieher waren die Fujiwara. (vgl. Murdoch 1996a: 235- 291) Schließlich wurde 1185 die weltliche Macht des Kaisers mit der Gründung des kamakura bakufu durch Minamoto Yoritomo und dessen Ernennung zum sei-i-tai sh ô gun (großer General und Besieger der Barbaren) 1192 endgültig und offiziell auf das Militär übertragen. (vgl. Murdoch 1996a: 390-402) 1333 sollte der Kaiser Godaigo für die kurze Zeit von drei Jahren wieder in eigener Person regieren und durch die Unterstützung kaisertreuer Samurai das kamakura bakufu stürzen. Die Frage, die es hier zu beantworten gilt, konzentriert sich auf das Warum und Wie - welche Umstände und Ereignisse (und Personen) machten die Kenmu-Restauration erst möglich? Primäre Relevanz hat für mich hierbei natürlich die Rolle des Kusunoki Masashige und seine Bedeutung für das Gesamtbild.

Zunächst möchte ich jedoch einen Überblick über die Zustände des frühen 14. Jahrhunderts geben. Seit 1203 wurde das bakufu von dem Klan der Hôjô dominiert. Nach den Mongolen-Invasionen 1274 und 1281 wuchs die Unzufriedenheit mit dem bakufu zusehends, mitunter weil es die an der Verteidigung gegen die Angreifer beteiligten Samurai nicht zufriedenstellend entlohnte; oder entlohnen konnte. Bis zu diesem Zeitpunkt genoss das bakufu den Ruf einer fairen und gerechten Regierung, jedoch wurde es mit der Zeit immer mehr der Ungerechtigkeit und Korruption bezichtigt. (vgl. Varley 1994: 162) Besonders in den Provinzen Kawachi (der Heimat Masashiges) und Izumi, deren Bewohner keine Vasallen des bakufu waren und auch sonst keinen Bezug dazu hatten, soll es starke Antipathien gegenüber dem bakufu gegeben haben. (vgl. Goble 1996: 99) Neben den allgemeinen Unzufriedenheiten gilt das frühe 14. Jahrhundert auch als Zeit des moralischen Verfalls und „Hochzeit der Untreue“ (Turnbull 1996: 89), in der Untergebene oft zum eigenen Vorteil die Herren wechselten. (Schon in diesem Zusammenhang sticht Kusunoki Masashige, der oft und gerne als der „Treueste [...] der Treuen“ (Koike/Roggendorf 1941: 138) bezeichnet wird, als Besonderer seiner Zeit heraus.) In dem von William T. De Bary et.al. herausgegebenen Buch „Sources of Japanese Tradition 2: 1600 to 2000“ (2001) wird das von Sanyô Rai, einem großen Gelehrten der Tokugawa-Zeit, verfasste nihon gaishi (inoffizielle Geschichtsschreibung Japans) erwähnt. Es berichtet von dem j ô ky û no ran (Jôkyû-Rebellion), in der der Kaiser Go-Toba 1221 das neu gegründete bakufu zu stürzen versuchte um die kaiserliche Macht wieder herzustellen. Jedoch wurde die Rebellion schnell niedergeschlagen und infolge dessen wurden drei Kaiser verbannt. (vgl. De Bary et.al. 2005: 577ff) Ich erwähne diesen Vorfall an dieser Stelle, da das Scheitern der Jôkyû- Rebellion und die damit verbundene psychologische Wirkung sowie die Machtdemonstration des bakufu auch dazu beigetragen haben mögen, dass es zur Zeit des kamakura bakufu nur wenige kaisertreue Samurai gab.

2.2. Die Genkô-Zeit und die Kenmu-Restauration

Als genk ô no hen (Genkô-Vorfall) werden die Attacken Godaigos auf die Hôjô bezeichnet. Folglich wird diese Zeit zwischen 1331 und 1333 Genkô-Zeit (vgl. Morris 1999:178) genannt. 1333 begann die Kenmu-Restauration, die 1336 durch die Errichtung des ashikaga bakufu ein schnelles Ende nahm.

Die Vorgeschichte zur Kenmu-Restauration nahm ihren Lauf, als Kaiser Godaigo (1288-1339) 1318 als 96. Kaiser (vgl. Morris 1989: 140) den Thron bestieg. Mit der Absicht, die kaiserliche Macht wiederherzustellen, plante er einen Putsch gegen die Hôjô, jedoch wurden seine Pläne 1331 von einem seiner engsten Berater an das bakufu verraten. Bevor dieses mit einer Strafe reagieren konnte floh Godaigo in ein Kloster auf dem Berg Kasagi im Osten von Nara. (vgl. Varley 1994: 163) Da die Verteidigungen des Klosters schwach waren und Godaigo über keine nennenswerten Verteidigungstruppen verfügte geriet er in Besorgnis. Genau zu diesem Zeitpunkt schloss sich ihm ein Krieger namens Kusunoki Masashige an und kämpfte in dessen Sache gegen das bakufu. Die zahlreichen Schlachten Masashiges, der stets mit seinen Truppen in der Unterzahl war, kann man in fast jeder Abhandlung über ihn detailgetreu nachlesen. Diese Beschreibungen basieren auf zeitgenössischen Texten wie dem taiheiki, einer Kriegschronik, auf die ich später noch eingehen werde, die eher als Prosa als als ernsthafte Geschichtsforschung einzustufen sind und deren Wahrheitsgehalt an vielen Stellen anzuzweifeln ist. Da ich mich an späterer Stelle genauer damit auseinandersetze, möchte ich hier nur zwei Punkte aus diesen Erzählungen anmerken, die als wahre Tatsachen konstatiert werden können: Erstens wurde Kusunoki Masashige schon zu Lebzeiten als Meisterstratege angesehen (vgl. Morris 1989: 151) und zweitens ist er heute bekannt als Begründer des Guerillakampfes in Japan. Die von ihm angewandten und für die damaligen Samurai unüblichen Taktiken äußerten sich beispielsweise in dem Legen von Hinterhalten oder der Errichtung temporärer Bergfestungen für Guerillakämpfe. (vgl. Kure; Kruit 2001: 28) Man kann ihn also durchaus als guten Strategen und Heerführer bezeichnen.

Nachdem Godaigo 1331 auf den Berg Kasagi geflohen war, wurde er 1332 von den Truppen des bakufu gefasst und ins Exil auf die Insel Oki geschickt. (vgl. Turnbull 1996: 89) Während dieses Exils kämpfte Masashige zusammen mit Godaigos Sohn Prinz Moriyoshi (auch Morinaga genannt) in den zentralen Provinzen weiter und hielt die kaiserliche Sache am Leben. (vgl. Varley 1994: 189) Als Godaigo 1333 aus seinem Exil floh, entsandte das bakufu die Generäle Ashikaga Takauji und Nitta Yoshisada in den Kampf gegen die kaiserlichen Rebellen und um Godaigo gefangen nehmen zu lassen. Beide liefen jedoch, wie es zu dieser Zeit durchaus üblich war, zu den Kaisertreuen über und griffen mit ihren Armeen Kamakura an. Somit wurde im 5. Monat des Jahres 1333 das kamakura bakufu gestürzt und Godaigo kehrte nach Kyoto zurück um die Kenmu- Restauration einzuleiten. (vgl. Varley 1994: 163) Diese dauerte allerdings nur 3 Jahre.

Geschichtsforscher kritisieren neben seiner Rückschrittlichkeit und Inkompetenz besonders, dass Godaigo (wie die Hôjô zu Zeiten der Mongolen-Invasionen) die gerechte Verteilung der Belohnungen für seine Unterstützer misslungen ist. (vgl. Varley 1994: 164) Besonders Ashikaga Takauji empfand seine Entlohnung als zu gering. Da Go-Daigo auch seine Bitte ablehnte, ihm den Rang des Shoguns zu gewähren, wechselte Takauji 1335 erneut die Seiten als er entsandt wurde um einen Aufstand von Hôjô-Sympathisanten niederzuschlagen. Er sammelte schnell viele Verbündete und besetzte immer mehr Land, bis es schließlich 1336 zur Schlacht am Minatogawa kam. Trotz Anraten Masashiges, aufgrund der größeren Truppenstärke Takaujis auf strategische Kriegsführung zurückzugreifen, lehnte Godaigo diesen Vorschlag ab und wünschte direkte Konfrontation. Masashige nahm dieses Todeskommando ohne Widerspruch an und machte sich auf den Weg. (vgl. Turnbull 1996: 89) Nachdem die Schlacht 7 Stunden andauerte wurde die Niederlage für die kaiserlichen Truppen unabwendbar und Masashige beging zusammen mit seinem Bruder und einigen Gefolgsleuten seppuku (rituelle Selbsttötung durch Aufschlitzen des Unterleibes), um der Gefangennahme zu entgehen. Nach der verlorenen Schlacht am Minatogawa floh Godaigo nach Yoshino und gründete dort den Yoshino-Hof (bzw. Südlicher Hof) als Gegenpart zum Kyoto-Hof (bzw. Nördlicher Hof) und leitete somit die nanbokuch ô jidai, die Zeit der zwei Höfe, ein, welche bis 1392 andauerte. Takauji ernannte den fünfzehnjährigen Kômyô vom nördlichen Hof (vgl. Morris 1989: 171) zum Tenno und errichtete das ashikaga bakufu bzw. das muromachi bakufu, welches von 1338 bis 1573 bestehen sollte. (vgl. De Bary et.al. 2001: 284) 1338 starben Nitta Yoshisada und Kitabatake Akiie, die letzten beiden Heerführer der Loyalisten, im Kampf und 1339 starb schließlich auch Kaiser Godaigo. (vgl. Varley 1994: 166)

2.3. Die Legende des Kusunoki Masashige

Nachdem ich nun einen sehr groben Überblick über die Ereignisse in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts gegeben habe folgt nun der eigentlich interessante Teil: Die Betrachtung der dieser Zeitperiode zugehörigen Legendenbildung durch zeitgenössische Literatur und deren Bedeutung.

Das wichtigste und offensichtlich einflussreichste literarische Werk, welches den legendarischen Kusunoki Masashige geprägt und sogar in der Meiji-Zeit als ernstzunehmende Schulbuchvorlage gedient hat, ist das taiheiki (Chronik des großen Friedens), welches 1370 (vgl. Morris 1989: 454) fertiggestellt wurde und dessen Autoren unbekannt sind. Es gehört zu dem Literaturgenre der gunki monogatari (Kriegsgeschichten), welches sich mit Kämpfen und Kriegern des 10. bis 17. Jahrhundert befasst. Diese Geschichtschroniken verwenden eine sehr emotionale Sprache, um im Leser oder Zuhörer Sympathie oder Antipathie für und gegen bestimmte Klans oder Personen zu wecken und bestehen nur zu einem Bruchteil aus Wahrheiten, auf denen ganze Phantasiegerüste aufgebaut wurden. Dennoch sind sie die wichtigste Informationsquelle der modernen Forschung über Gewohnheiten und Gesinnung der Krieger des antiken und mittelalterlichen Japan. (vgl. Varley 1994: xi) Das taiheiki ist das längste der großen gunki monogatari und behandelt in drei Büchern fast ein halbes Jahrhundert der japanischen Geschichte, beginnend mit der Thronbesteigung Godaigos 1318 und und endend mit dem Tod des zweiten Shoguns des neu gegründeten bakufu, Ashikaga Yoshiakira, im Jahr 1367. (vgl. Varley 1994: 167)

Im Folgenden werde ich mich hauptsächlich auf das taiheiki beziehen und nur an sehr wenigen Stellen auf andere Werke verweisen. Hierfür gibt es zwei Gründe. Zunächst hat das taiheiki als der große und fast einzige Hauptproduzent den legendarischen Masashige, wie wir ihm in der Meiji-Zeit begegnen, geschaffen. Andere zeitgenössische Chroniken bieten aufgrund ihrer Prägung nur wenige bis gar keine, oder eher für die Schaffung eines tugendhaften Helden unpassende, Informationen und trugen damit zum Gesamtbild des Kusunoki Masashige nur wenig bei. Der zweite Grund für die starke Bezugnahme auf das taiheiki ergibt sich aus dem ersten: Mich interessiert in dieser Arbeit die Person Kusunoki Masashige, wie sie in der Meiji-Zeit propagiert wurde. Und wie ich bereits erwähnt habe nutzte man nur das taiheiki zur Bildung der populären (wohl bemerkt nicht wissenschaftlichen!) Darstellungen Masashiges, Godaigos und sogar Ashikaga Takaujis, welche allgemein hin als wahr hingenommen wurden.

2.3.1. Die Mittel des taiheiki

Aufgrund der starken Bezugnahme auf das taiheiki erscheint es mir erst ein mal notwendig, wichtige Eigenschaften dieses Werkes, welches in der Tokugawa-Zeit die beliebteste und bekannteste Literatur wurde, zu besprechen.

Das wichtigste Merkmal des taiheiki ist seine konfuzianische Prägung. Ältere gunki monogatari waren eher buddhistische Werke, die sich nicht so extrem mit der Unterscheidung zwischen Gut und Böse oder Richtig und Falsch auseinander setzten. Das taiheiki tendiert jedoch dazu, eindimensionale Stereotypen zu bilden und die Protagonisten ganz offensichtlich als Verräter, Feiglinge oder Helden zu präsentieren. Verräter und Feiglinge werden demnach besonders verabscheuungswürdig und Helden unglaublich tapfer und ergeben dargestellt. (vgl. Varley 1994: 174) „Es wird nicht nüchterne und kalte Geschichtswissenschaft betrieben, der Leser wird vor elementare Entscheidungen zwischen Gut und Böse, Tapfer und Feige, Treu und Verräterisch gestellt.“ (Koike/Roggendorf 1941: 136) Seit der Tokugawa-Zeit und besonders in der Vorkriegszeit wurde das taiheiki als „Volkserziehungsmittel ersten Ranges“ (Koike/Roggendorf 1941: 135) in ganz Japan gelesen und erzählt und aufgrund der allgemeinen Beliebtheit und Bekanntheit seiner Geschichten bildete sich im Volk eine klare Meinung zu den Ereignissen. Ashikaga Takauji wurde als Verräter gebranntmarkt während Kaisertreue wie Nitta Yoshisada und Kusunoki Masashige verehrt und bewundert wurden.

Ein anderes wichtiges Mittel des taiheiki ist die Übertreibung. Das zahlenmäßige Verhältnis zwischen den kaisertreuen Truppen unter Masashige und deren Feinden wird durchgängig bis ins Unglaubliche verzerrt, ebenso wie das strategische Genie und die Klugheit Masashiges.

Zudem ist eines der wichtigsten Motive in der Legende Kusunoki Masashiges die Loyalität gegenüber dem Tenno, welche als zentraler Bestandteil im Leben eines Samurai nicht in früheren Kriegschroniken zu finden ist. Erst im taiheiki wird Kaisertreue zu einem Ideal für alle Krieger erhoben. (vgl. Varley 1994: 180)

2.3.2. Legendarische Ereignisse

Zu Beginn der folgenden Betrachtungen möchte ich noch einmal betonen, dass Kusunoki Masashige, wie er im taiheiki beschrieben wird, größtenteils eine Erfindung der Autoren ist. Über den wahren historischen Masashige ist wenig bekannt und die tatsächlichen Motive seines Handelns, seine Vergangenheit sowie sein Geburtsdatum werden wohl immer ein Rätsel bleiben. Meiner Meinung nach eignete sich Masashige gerade aufgrund der wenigen existenten Informationen über seine Person perfekt zu einem Helden, der zum Idealbild der Kaisertreue geformt werden konnte. Die Meiji-Regierung wird sich sicherlich wenig darum gekümmert haben, wie hoch der Wahrheitsgehalt der Erzählungen des taiheiki tatsächlich war, solange sie ihren Zweck erfüllten. Beispielsweise wurden durch sie auch die „drei menschlichen Bomben von Shanghai“ (Croitoru 2006: 42), welche sich während des chinesisch-japanischen Krieges mit den Feinden zusammen in die Luft gesprengt haben sollen, zu in den Lehrbüchern behandelten Helden, obwohl man wusste, dass diese nur Erfindung waren. (vgl. Croitoru 2006: 42)

2.3.2.1. Kusunoki Masashige schließt sich Kaiser Godaigo an

Auf der Flucht vor dem bakufu, welches seine Umsturzpläne aufgedeckt hatte, ließ Kaiser Godaigo sich in einem Kloster auf dem Berg Kasagi nieder. Das taiheiki schildert das erste Zusammentreffen Godaigos und Kusunoki Masashiges als Ergebnis einer Botschaft des Himmels in Form eines Traumes. Der Legende zufolge hatte Godaigo einen Traum von einem immergrünen Baum, unter dem ein nach Süden ausgerichteter Thron, auf welchem er Platz nehmen sollte, stand. Als er diesen Traum deutete und das Zeichen für Süden und Baum kombinierte, ergab sich daraus das Wort kusunoki (Kampferbaum). Unter dem Schutz dieses Baumes sollte er, nach eigener Interpretation des geträumten, wieder die Herrschaft über das japanische Volk ergreifen und regieren können. (vgl. Morris 1989: 139) Er ließ nach einem Mann namens Kusunoki schicken, und tatsächlich gab es einen Krieger, der Kusunoki Masashige hieß und in einem nahegelegenen Dorf wohnte. Dieser schloss sich nach einem kurzen Gespräch ohne zu überlegen dem Tenno an. (vgl. Koike/Roggendorf 1941: 141)

Von hoher Bedeutung ist in dieser Szene der Zusatz „ohne den Gedanken an richtig oder falsch“ (zehi no shian ni mo oyobazu) (Morris 1989: 454). Von Beginn an wird Kusunoki Masashige als bedingungslos kaisertreuer Samurai dargestellt. Ein Zögern hätte dieses Bild entwertet und die stimmige Gesamtkomposition gestört. Laut Morris soll dieser Zusatz auch die selbstlose und uneigennützige Art, in welcher er sich der kaiserlichen Sache verschrieb, verstärken. Eine weitere Auffälligkeit, die in späteren Passagen des taiheiki wiederholt wird, ist das Motiv Masashiges als ein Geschenk des Himmels, wie es schon in der Traumdeutung angewandt wurde.

[...]

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Kusunoki Masashige. Nationalisierung eines gescheiterten Helden in der Meiji-Zeit?
Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
38
Katalognummer
V371422
ISBN (eBook)
9783668493339
ISBN (Buch)
9783668493346
Dateigröße
733 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kusunoki, masashige, nationalisierung, helden, meiji-zeit
Arbeit zitieren
Caroline Block (Autor), 2012, Kusunoki Masashige. Nationalisierung eines gescheiterten Helden in der Meiji-Zeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371422

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