Im Jahre 1947 wurde von Hirten in der Nähe des Toten Meeres eine Felsenhöhle gefunden,
in der sich mehrere Schriftrollen befanden. In den folgenden Jahren wurden nach weiterer
Suche immer neue Schriftrollen entdeckt, sodass sich bald ein Umfang von über 800
Handschriften angesammelt hatte. Es befinden sich unter den etwa achthundert
Manuskripten neben Apokryphen und Pseudepigraphen zahlreiche Niederschriften der
Texte des Alten Testaments, sowie Kommentare und Schriften mit verschiedenen Inhalten,
wie zum Beispiel Weisheitstexte, eine Kriegsregel und die sogenannte Gemeinderegel. Mit
letzterer will sich diese Hausarbeit befassen und sie hinsichtlich der Gemeinsamkeiten in
Disziplinarfragen mit der betreffenden Stelle im Matthäusevangelium vergleichen.
Hierzu sollen zunächst einige Aussagen zu der matthäischen Gemeinde und zu den Hypothesen
zur Gemeinde (oder Nichtgemeinde) von Qumran getroffen werden. Im Anschluss
daran möchte ich den Kontext erläutern, in dem die zwei betreffenden Textstellen stehen
und sie dann miteinander vergleichen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die matthäische Gemeinde
3 Die Gemeinde von Qumran
3.1 Die Essener-Hypothese
3.2 Die Hypothesen Golbs
4 Disziplinarordnung bei bei Matthäus 18 und 1QS
4.1 Matthäus 18
4.1.1 Allgemeine Bemerkungen
4.1.2 Matthäus 18,15-17
4.2 Gemeinderegel von Qumran
4.2.1 Allgemeine Bemerkungen
4.2.2 1QS V,24-VI,1
4.3 Vergleich von Matthäus 18,15-17 und 1QS V,24-VI,1
4.3.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede
4.3.2 Schlussfolgerungen
5 Schluss
Zielsetzung und Forschungsgegenstand
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis der Disziplinarordnungen in der Gemeinderegel von Qumran (1QS) und Matthäus 18. Das primäre Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Umgang mit Fehlverhalten innerhalb der jeweiligen Gemeinschaften aufzuzeigen und die Frage zu klären, ob ein direkter Einfluss der qumranischen Praxis auf das Matthäusevangelium vorliegt oder ob gemeinsame kulturelle Hintergründe für die Analogien verantwortlich sind.
- Analyse der matthäischen Gemeinde und ihres judenchristlichen Kontextes.
- Diskussion der Identität der Qumran-Gemeinschaft (Essener-Hypothese vs. Golb-Theorie).
- Eingehende Untersuchung der Disziplinarordnungen in Matthäus 18,15-17 und 1QS V,24-VI,1.
- Vergleichende Analyse der Verfahrensweisen bei der Zurechtweisung von Gemeindemitgliedern.
- Reflexion über die Rolle des jüdischen Hintergrunds und hellenistischer Einflüsse.
Auszug aus dem Buch
4.3.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Im Folgenden sollen Ähnlichkeiten und Abweichungen zwischen den oben näher beschriebenen Textstellen vorgenommen werden. Zunächst ist zu sagen, dass bei beiden Texten das Thema der Zurechtweisung behandelt wird. Sowohl Zurechtweiser als auch Zurechtgewiesener sind Mitglied der jeweiligen Gemeinde; es ist nicht von der Verhandlung mit Außenstehenden die Rede. Beiden Texten ist auch das gestufte Verfahren gemeinsam: auf das Gespräch unter vier Augen folgt die Zurechtweisung vor Zeugen, die letzte Instanz ist jeweils das Gespräch vor der Gemeinde. Nimmt man für den Qumrantext einen nur zweistufigen Instanzengang an, weichen die Texte inhaltlich geringfügig voneinander ab.
In beiden Texten wird auf das grundsätzliche Gebot der Liebe und Demut in der Gemeinde, und vor allem bei den Gesprächen mit Sündern, Wert gelegt. Bei 1 QS V,25f wird es direkt im Zusammenhang des Zurechtweisungsverfahrens erwähnt, bei der matthäischen Textstelle fällt die Aufforderung nicht. Jedoch kann durch die vorangegangene Erwähnung des demütigen Verhaltens bei Mt 18,4 und durch die Bezeichnung des Sünders als Bruder eine Grundeinstellung gedacht werden, die durch Demut und Liebe geprägt ist.
Der auffälligste Unterschied zwischen den Textstellen ist das unterschiedliche Ende. Während Mt 18,17 davon spricht, dass bei einem erfolglosen Instanzengang das betreffende Mitglied aus der Gemeinde ausgeschlossen wird, ist ein solches Urteil bei 1 QS V,24-VI,1 nicht zu finden. Von einem Gemeindeausschluss ist in der Gemeinderegel nur an anderer Stelle die Rede und bezieht sich hier auf konkrete Vergehen, die damit geahndet werden sollen. Wie genau die Bestrafung nach der qumranischen Regel vonstatten geht, ist nicht eindeutig. Da es in der Kolumne VII für jedes Vergehen eine bestimmte Strafe gibt, ist anzunehmen, dass diese auch verhängt wird, wenn der Schuldige geständig und einsichtig ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Entdeckung der Schriftrollen vom Toten Meer ein und erläutert die Absicht, die Gemeinderegel von Qumran mit dem Matthäusevangelium in Disziplinarfragen zu vergleichen.
2 Die matthäische Gemeinde: Dieses Kapitel verortet das Matthäusevangelium in einer judenchristlichen Tradition nach 70 n. Chr. und beschreibt die Gemeinde als eine Gemeinschaft, die ihre jüdische Herkunft bewahrt hat.
3 Die Gemeinde von Qumran: Hier werden die Essener-Hypothese sowie die konträren Thesen von Norman Golb diskutiert, wobei die Herkunft und Natur der in Qumran gefundenen Texte kritisch beleuchtet werden.
4 Disziplinarordnung bei bei Matthäus 18 und 1QS: Dieses zentrale Kapitel analysiert die jeweiligen Texte (Mt 18 und 1QS), stellt die Disziplinarverfahren gegenüber und arbeitet Gemeinsamkeiten und Differenzen in der Zurechtweisung heraus.
5 Schluss: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die plausibelste Erklärung für die Ähnlichkeiten in den Disziplinarkonzepten als Rückgriff auf einen gemeinsamen jüdischen Hintergrund.
Schlüsselwörter
Matthäusevangelium, Gemeinderegel von Qumran, 1QS, Disziplinarordnung, Judenchristentum, Essener, Norman Golb, Zurechtweisung, Nächstenliebe, Gemeindeausschluss, Vergebung, jüdischer Hintergrund, neutestamentliche Exegese.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit einem rechtsvergleichenden Exkurs zwischen dem Matthäusevangelium und der Qumran-Gemeinderegel bezüglich ihrer internen Disziplinarordnungen.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen der Umgang mit Sündern, das Verfahren der Zurechtweisung, die Bedeutung von Gemeinschaftsregeln und die Frage nach gegenseitigen Einflüssen oder gemeinsamen Wurzeln.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die strukturellen Ähnlichkeiten und Unterschiede in den beiden Texten zu identifizieren und zu ergründen, warum diese Gemeinsamkeiten bestehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Es handelt sich um eine vergleichende Text- und Traditionsanalyse, die bibelwissenschaftliche und historische Quellen auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der matthäischen Gemeinde, die Diskussion zur Herkunft der Qumran-Texte und einen detaillierten Vergleich der entsprechenden Textabschnitte (Mt 18 und 1QS).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Wichtige Begriffe sind Disziplinarordnung, Gemeinderegel, Matthäus 18, Qumran, judenchristlicher Kontext und Nächstenliebe.
Wie unterscheidet sich der Umgang mit uneinsichtigen Sündern in den beiden Texten?
Während Matthäus 18 das Ziel der Vergebung und Einsicht betont und den Ausschluss nur als letzte, schmerzliche Konsequenz sieht, zielt die Qumran-Regel stärker auf ein festes Strafmaß ab.
Welchen Einfluss spielt der jüdische Hintergrund für die Autoren?
Beide Texte greifen auf alttestamentliche Traditionen zurück (z.B. Zeugenregelung nach Dtn 19), was die Analogie in der Verfahrensstruktur erklärt.
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- Caroline Dorn (Author), 2005, Zum Verhältnis der Disziplinarordnungen in der Gemeinderegel von Qumran und Matthäus 18, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37148