Zum Verhältnis der Disziplinarordnungen in der Gemeinderegel von Qumran und Matthäus 18


Seminararbeit, 2005

19 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die matthäische Gemeinde

3 Die Gemeinde von Qumran
3.1 Die Essener-Hypothese
3.2 Die Hypothesen Golbs

4 Disziplinarordnung bei bei Matthäus 18 und 1QS
4.1 Matthäus 18
4.1.1 Allgemeine Bemerkungen
4.1.2 Matthäus 18,15-17
4.2 Gemeinderegel von Qumran
4.2.1 Allgemeine Bemerkungen
4.2.2 1QS V,24-VI,1
4.3 Vergleich von Matthäus 18,15-17 und 1QS V,24-VI,1
4.3.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede
4.3.2 Schlussfolgerungen

5 Schluss
Literaturliste

1 Einleitung

Im Jahre 1947 wurde von Hirten in der Nähe des Toten Meeres eine Felsenhöhle gefun­den, in der sich mehrere Schriftrollen befanden. In den folgenden Jahren wurden nach wei­terer Suche immer neue Schriftrollen entdeckt, sodass sich bald ein Umfang von über 800 Handschriften angesammelt hatte. Es befinden sich unter den etwa achthundert Manuskripten neben Apokryphen und Pseudepigraphen zahlreiche Niederschriften der Texte des Alten Testaments, sowie Kommentare und Schriften mit verschiedenen Inhalten, wie zum Beispiel Weisheitstexte, eine Kriegsregel und die sogenannte Gemeinderegel. Mit letzterer will sich diese Hausarbeit befassen und sie hinsichtlich der Gemeinsamkeiten in Disziplinarfragen mit der betreffenden Stelle im Matthäusevangelium vergleichen.

Hierzu sollen zunächst einige Aussagen zu der matthäischen Gemeinde und zu den Hypo­thesen zur Gemeinde (oder Nichtgemeinde) von Qumran getroffen werden. Im Anschluss daran möchte ich den Kontext erläutern, in dem die zwei betreffenden Textstellen stehen und sie dann miteinander vergleichen.

2 Die matthäische Gemeinde

Die Datierung des Matthäusevangeliums ist auf die Zeit nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 anzusetzen. Anlass dazu gibt das Gleichnis von der königlichen Hochzeit in Mt 22 und hierbei besonders Mt 22,7. Mit dem Gleichnis wurde die abgelehnte Einladung zur Hochzeit mit der Ablehnung und Ermordung der Propheten in Verbindung gebracht. Die erwähnte Zerstörung der Stadt muss in diesem Zusammenhang mit der Vernichtung Jerusa­lems gleichgesetzt werden, die als Strafe für die Verschmähung der Boten verstanden wurde.[1] Sowohl Luz als auch Schnackenburg datieren das Matthäusevangelium auf die Jahre nach 80.[2] Beide Autoren kommen außerdem überein, dass der Verfasser nicht mit dem Apostel Matthäus zu identifizieren ist. Schnackenburg vermutet einen „aus dem (hellenistischen) Judentum stammende[n] Mann der zweiten Generation“[3]. Luz begründet seine Annahme damit, dass der Verfasser sich nicht hätte anderer Quellen (nämlich Markus und der Logienquelle) bedienen müssen, wenn er - wie es beim Apostel der Fall wäre - Jesus selbst gekannt hätte.

Nach diesen Vorbemerkungen möchte ich mich nun zur matthäischen Gemeinde äußern. Vieles spricht dafür, dass es sich hier um eine judenchristliche Gemeinde handelt, also Christen, die im unmittelbaren Umfeld ihrer jüdischen Herkunft leben. Die zahlreichen Aus­einandersetzungen mit den Pharisäern im Evangelium geben davon Auskunft; dass bei­spielsweise die Uneinigkeit über die Tempelsteuer seitens Jesu friedlich beigelegt wird, kann laut Schweizer zweierlei bedeuten[4]: Zum einen ist möglich, dass damit der Ausschluss aus der Synagoge oder eine verstärkte Ausgrenzung verhindert werden soll, zum anderen kann dahinter der Missionsgedanke stehen, also, dass die Mission der Juden nicht durch weniger wichtige Streitigkeiten gefährdet werden soll. Unabhängig davon, welche Aussage zutrifft, wird klar, dass solche Themen nur innerhalb einer judenchristlichen Gemeindetradition überliefert werden konnten. Deshalb liegt die Schlussfolgerung nahe, dass die Belehrung auf eine Gemeinde abzielte, die mit den Juden Umgang hatte. Für eine christliche Gemeinde ohne Kontakt zu Juden wäre die Überlieferung solcher Erzählungen nicht von Belang, da sie auf aktuelle Probleme nicht anwendbar wären. Die Tempelsteuerzahlung ist zwar nach der Zerstörung des Tempels für die matthäische Gemeinde nicht aktuell, jedoch bietet sie durch ihren Grundinhalt, nämlich der Auseinandersetzung zwischen Juden - insbesondere Pharisäern - und Christen, genügend Anknüpfungspunkte.

Der Entstehungsort des Matthäusevangelium wird allgemein mit Syrien und hier der Stadt Antiochia angegeben. Eindeutige Beweise gibt es nicht, jedoch lassen einige Argumente diese Annahme als schlüssig erscheinen. Schweizer beispielsweise grenzt die Verortung folgendermaßen ein: Das Evangelium ist in griechischer Sprache geschrieben, was an einen Ort außerhalb Palästinas denken lässt. Es setzt sowohl Markus als auch die Logienquelle voraus, was wiederum bedeutet, dass der Verfasser nicht in allzu weiter Ferne gelebt haben muss. Das Petrusprimat im Matthäusevangelium, sowie in zweiter Linie, dass Juden und Heiden offenbar im Evangelium eine hohe Präsenz haben, verweisen auf Antiochia, wo diese Voraussetzungen alle erfüllt waren.[5]

Zusammenfassend ist zur matthäischen Gemeinde also zu sagen, dass sie neben Heiden und Juden lebten, welche das Ziel der Verkündigung und Mission waren. In Mt 5,15f wird die gesamte Gemeinde aufgefordert, ihr Licht leuchten zu lassen, also zu verkündigen. Das Licht soll „allen im Haus leuchten“[6], was zeigt, dass das Ziel der Verkündigung sowohl Juden als auch Heiden waren.

3 Die Gemeinde von Qumran

3.1 Die Essener-Hypothese

Die Annahme, dass in der Siedlung, deren Überreste in der Nähe der Höhlen mit den Schriftrollen gefunden wurden, von etwa 140 v.Chr. bis 68 n.Chr.[7] eine Gruppe von Sek­tenmitgliedern gelebt haben muss, kam bald nach dem Fund der Manuskripte auf und hält sich bis heute. Diese Sekte wurde als eine Gruppe von Essenern identifiziert.

Die Berichte antiker Schriftsteller, wie zum Beispiel Plinius oder Josephus, zeichnen ein Bild von den Essenern, mit dem die Inhalte einiger Schriftrollen korrespondieren.[8] Unter den Merkmalen, die den Essenern zugeschrieben werden, befinden sich beispielsweise ihr Glaube an den Prädetermination und das Leben der Seele nach dem Tod. Auch bestimmte Lebensweisen, wie die Besitzlosigkeit oder das Ablehnen von Öl als unreiner Flüssigkeit werden genannt. All diese Charakteristika finden in den Schriftrollen von Qumran ihre Parallelen. Um es nur an einem Beispiel zu verdeutlichen, sei hier auf die Aussage des Plinius verwiesen, der in seiner Naturkunde erwähnt, die Essener lebten ohne Geld. Ähnli­ches lässt sich der sechsten Kolumne der Gemeinderegel entnehmen, laut welcher der Gemeindeneuling nach einem langen Aufnahmeprozess „seine Einkünfte übergeben [soll] in die Hand des Mannes, der die Aufsicht führt über die Einkünfte der Vielen“[9]. Auch eine geographische Bestimmung des Lebensortes der Gemeinschaft seitens Plinius trifft auf das Gebiet zu, in dem die Schriftrollen gefunden wurden.

Die Essener-Hypothese hat allerdings auch Schwachpunkte. Die zölibatäre Lebensweise der Essener findet in den Manuskripten keine Parallelen, was verwunderlich ist, vor allem wenn man bedenkt, dass die Gemeinderegel fast vollständig erhalten ist und eine so grund­legende Ansicht darin doch sicher ihren Niederschlag gefunden hätte. Außerdem hat Norman Golb erkannt, dass die große Anzahl von Schriftrollen, die durch ihre unterschied­lichen Schriftarten auf eine höhere Zahl von Verfassern schließen lassen und deren Inhalte zum Teil widersprüchlich sind, nicht die Annahme stützen, dass es sich hierbei um Manu­skripte einer einzelnen Gruppe handelt, die über mehrere Generationen hinweg in Qumran gelebt haben soll.

3.2 Die Hypothesen Golbs

Norman Golb stellt daher eine andere Theorie vor. Er hält bereits die Grundannahme der Esse­ner-Hypothese, dass in Qumran überhaupt eine Sekte gelebt haben soll, für falsch. Für ihn deuten die archäologischen Untersuchungen auf eine Festungsanlage hin, wofür unter ande­rem die großen Zisternen sprechen, welche die militärischen Bewohner der Anlage über längeren Zeitraum mit Wasser versorgen konnten. Auch die Überreste eines Wachturms und die Lage in Sichtweite einer weiteren Festungsanlage (Machärus) östlich des Toten Meeres sprechen für die Annahme, dass es sich bei der Anlage von Qumran um einen militärischen Stützpunkt handelt.

[...]


[1] Die Suche des Königs nach neuen Gästen steht demnach für die Zuwendung Gottes zu anderen Völkern, nachdem Israel seine ‘Einladung’ verschmäht hatte.

[2] Vgl. Luz, Das Evangelium nach Matthäus, Teilband 1, S. 76, sowie Schnackenburg, S. 9.

[3] Schnackenburg, Matthäusevangelium 1,1 -16,20, S. 12.

[4] Vgl. Schweizer, Matthäus und seine Gemeinde, S. 11.

[5] Vgl. Schweizer, Matthäus und seine Gemeinde, S. 138f.

[6] Bibel, Mt 5,15.

[7] Die Siedlungsperioden wurden von Roland de Vaux, dem Leiter der ersten Ausgrabungen in den Besiedlungsresten, festgelegt. Vgl. VanderKam, Einführung in die Qumranforschung, S. 33f.

[8] Parallelen zu anderen jüdischen Religionsparteien, wie den Sadduzäern, sind zwar auch vorhanden, jedoch in weniger starkem Umfang, als dies bei den Essenern der Fall ist.

[9] 1 QS VI,19f. In: Lohse, Die Qumrantexte, S. 25.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Zum Verhältnis der Disziplinarordnungen in der Gemeinderegel von Qumran und Matthäus 18
Hochschule
Technische Universität Dresden
Veranstaltung
Religionsgeschichtliche Texte zum Neuen Testament
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V37148
ISBN (eBook)
9783638365772
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Verhältnis, Disziplinarordnungen, Gemeinderegel, Qumran, Matthäus, Religionsgeschichtliche, Texte, Neuen, Testament
Arbeit zitieren
Caroline Dorn (Autor), 2005, Zum Verhältnis der Disziplinarordnungen in der Gemeinderegel von Qumran und Matthäus 18, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37148

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