Aristoteles und der Zivilisationsprozeß - Von geistigen Werten, der Sklaverei und dem Staat


Seminararbeit, 2000
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

Einstieg

Aristoteles Auffassung zur Sklaverei

Ausbeutung und von den Unmaßen des Reichtums

Von den geistig-seelischen Werten

Der Staat und die Ethik

Aristoteles und die Krise der Zivilisation

Literaturliste

Einstieg

Wenn man sich in das Werk von Aristoteles einliest, ist ganz offensichtlich, ethisch hochgesteckte Ansprüche an den Menschen und die Gesellschaft sind eng verquickt mit der Legitimierung von Zusammenhängen, deren Anliegen aus unserem heutigen Blickwinkel, sich nicht verteidigen läßt. Ganz besonders kraß tritt dies hervor, wenn man Aristoteles Auffassungen zur Glückseligkeit, zu den seelisch-geistigen Werten, die er im Zeichen des Guten manifestiert sieht, nimmt, und sie mit seiner Verteidigung der Sklavenhaltergesellschaft zusammen sieht. Was für Aristoteles problemlos einen Guß bildet, scheint aus der Sicht der Nachgeborenen so ganz und gar nicht passen.

Die vorliegende Arbeit will beide Akzente in ihren Grundannahmen rekonstruieren. Darüber hinaus wird versucht, die Ebene der Ethik mit den Konsequenzen für das antike Staatswesen aufzuzeigen. In einem ausführlichen abschließenden Exkurs soll betrachtet werden, auf was für eine Zivilisationsentwicklung der aristotelische Ansatz, Gesellschaft zu fassen, hinausläuft. Vor dem Hintergrund der heutigen sozialökologischen Grundlagenkrise ist es besonders interessant zu fragen, welche Fehlentwicklungen daraufhin bereits im Frühstadium angelegt waren, kann man indirekte Hinweise bei Aristoteles finden bzw. lassen sich in seiner Art und Weise, die Dinge zu sehen, auch abschwächende Momente feststellen? In diesem Kontext dürften uns dann seine Auffassungen zum ausbeuterischen Prinzip, dem patriarchalen Gestus und den ethischen Normen einige Indizien liefern.

Wenn man in der heutigen Gesellschaft nach etwas Vergleichbarem sucht, wie es Aristoteles in seinen Ausführungen zur betrachtenden und glückseligen Lebensweise artikuliert, dann findet man ohne Frage dazu Literatur, aber in der praktischen Wirklichkeit fällt diese Ebene weitgehend aus. Sie hat keine Wirkmächtigkeit. Vor einigen Generationen hatte immerhin hierzulande noch Kirche einiges in dieser Richtung belegt. Das ist vorbei. Auch wenn man sich mit manchen Bezeichnungen und Verknüpfungen bei Aristoteles nicht anfreunden will, möglicherweise könnte uns u.a. seine Nikomachische Ethik darauf verweisen, daß es Sinn machen könnte, diese Ebene in neuer Form zu besetzen, und daß dies eine gesellschaftliche Aufgabe sein müßte.

In der hier vorliegenden Arbeit konnten natürlich nicht sämtliche Werke des Aristoteles berücksichtigt werden. Ohnehin ist ein sehr großer Teil seiner Schriften verlorengegangen. Deshalb sind ganz zwangsläufig nicht alle Aussagen hier berücksichtigt, wenngleich zentrale Grundannahmen gewiß umrissen wurden.

Aristoteles Auffassung zur Sklaverei

So wie der Staat von Natur aus eingerichtet scheint, ist auch die Sklaverei eine Einrichtung von Natur aus, meint Aristoteles. Er hält es für angemessen und notwendig, daß es in der Gesellschaft das Dienen und das Herrschen gibt. Der Sklave gehört dem Herrn ganz, er ist sein dienendes Werkzeug. Bei denjenigen Menschen, wo die Verwendung des Körpers das Beste ist, was sie aus sich hervorbringen können, diese sind bei ihm naturgemäß als Sklaven anzusehen. Schon mit der Geburt werden die Menschen in Dienende und Herrschende eingeteilt. Er schlußfolgert sogar, daß die Körper der Freien und Sklaven tendenziell verschieden beschaffen sind. Die Dienenden sind kräftig für die Beschaffung des Notwendigen. Der Körper der Freien ist aufgerichtet und nicht geeignet, die angesprochene Sklavenarbeit auszuführen. Brauchbar ist er jedoch für das politische Tätigsein. Aristoteles räumt ein, es komme auch oft vor, daß manche Sklaven den Körper und die Seele von Freien hätten. Jedoch können nur diejenigen für sich in Anspruch nehmen, keine Sklaven zu sein, die sich körperlich den Standbildern der Götter annähern. Analog verhalte es sich mit der Seele, jedoch mit noch mehr Recht. Dabei sei die innere Schönheit der Seele schwerer zu erkennen, als die körperlichen Anzeichen. [i]

Immerhin scheint ihm klar zu sein, die Herrschaft des Herrn über den Sklaven ist tyrannisch, da der Nutzen des Herrn maßgeblich ist. Im Nachsatz stellt er aber sogleich fest, daß dieses Verhältnis richtig scheint.[ii] Es ist die Wissenschaft des Herrn, für die Verwendung der Sklaven zu sorgen. Sie hat jedoch nichts Großes und Edles an sich, weil es nur darum geht, anordnen zu können, was die Sklaven auszuführen haben, bzw. diese Aufgabe einem Verwalter zu übertragen.[iii]

Aber auch der Sklave bedarf einer geringen Tugend, mit deren Hilfe er nämlich die Arbeiten des Lebensbedarfs des Herrn so ausführen kann, daß er nicht in Zuchtlosigkeit und Trägheit beim Dienst verfällt. Der Herr hat dafür zu sorgen, den Sklaven die entsprechenden Tugenden beizubringen. Dies solle jedoch nicht so geschehen, daß man den Dienenden nur befehle, man müsse auch auf ihre Vernunft setzen.[iv] Zugleich fehlt dem Sklaven aber völlig das planende Vermögen. Genau besehen wiederspricht sich Aristoteles hier, jedenfalls scheinen die Aussagen logisch nicht zueinander zu passen. Wenn der Sklave mit einem gewissen Maß an Vernunft ausgestattet ist, kann man ihm zugleich nicht planendes Vermögen absprechen, würde der heutige Leser meinen.

Jedenfalls führt er weiterhin aus, der Sklave könne auch höhere Tugenden, wie über Mäßigkeit, Tapferkeit und Gerechtigkeit verfügen, dies jedoch nicht im gleichen Sinne wie der Freie. Da sie als Menschen an der Vernunft teilhaben, könne ein Ausschluß davon nicht zutreffen. Jedoch beziehen sich diese Tugenden des Sklaven auf sein Verhältnis zu seinem Herrn. Sie können daher nur sehr eingeschränkt sein.[v] Möglicherweise erklärt sich so auch, warum die Vernunft des Sklaven, insofern sie begrenzt ist auf die Bezogenheit zwischen Herrn und Sklaven, nur eine sehr partielle darstellt und so aus dem Blickwinkel von Aristoteles nicht in ein gleichwertiges Verhältnis gesetzt werden kann, mit dem planenden Vermögen, wohl eher gedacht als Eigenschaft der Freien.

Die Tatsache, daß die Sklaven ein beseeltes Werkzeug sind, schränkt sie in ihrer Fähigkeit zu Freundschaft und Gerechtigkeit ein. Sie werden gleichgesetzt in ihrer Funktion als Sklaven mit dem leblosen Werkzeug und von daher wird begründet, warum es keine Freundschaft, aber auch keine Gemeinsamkeit mit dem Herrn geben kann. Die Beziehung als tyrannische läßt wenig oder keine Freundschaft zu, der Sklave erhält nur Fürsorge, insofern er ein Werkzeug zum Handeln ist, er wird instand gehalten wie lebloses Werkzeug auch.[vi] Jedoch kann sich der Freie zum Unfreien im aristotelischen Sinn auch als Mensch zu Mensch verhalten, meint Ulrich Charpa herauslesen zu können.[vii] Wie jedoch Aristoteles die Grenzziehung vornimmt zwischen dem Menschen als Sklaven und dem Sklaven als Werkzeug bleibt an der hier betrachteten Stelle in der „Nikomachischen Ethik“ eigentlich offen. Er nimmt keine nähere Bestimmung vor.

Jedoch bringt Aristoteles zum Verhältnis von Sklave und Herrn in der Textsammlung „Politik“ noch einen anderen Gesichtspunkt zum Ausdruck. Er führt dort aus, der Sklave sei geradezu ein beseelter, aber getrennter Teil des Herrn. Schlechter Umgang, schlechtes Haushalten, Aristoteles spricht hier vom Regieren des Herrn, sei jedoch für beide Seiten von daher abträglich. So gibt es auch eine Freundschaft zwischen dem Herrn und dem Sklaven im Rahmen dessen, was in diesem Verhältnis von Natur aus angelegt ist. Dies gelte jedoch nicht für Sklaven, die durch Gesetzesmacht und Gewalt, zu ihrer Unfreiheit gekommen sind.[viii]

Nicht alle Sklaven sind von Natur aus in ihren Status hineingeboren. Manche werden durch die Gefangennahme in Kriegen mit Hilfe entsprechender Gesetze in diese Funktion hineingezwungen. Inwieweit das zuträglich ist oder auch nicht, darüber gebe es geteilte Meinungen zu seiner Zeit, führt Aristoteles aus. Ein Kriterium kann u.a. sein, ob der Krieg gerechten oder ungerechten Ursprungs sei. Davon leitet sich ab, ob jemand zu recht oder zu unrecht Sklave ist. So könne man jemanden, der, ohne es zu verdienen, in Gefangenschaft gerät, nicht als Sklaven ansehen. Dies würden nur die Barbaren so sehen, also die ausländischen, eine andere Sprache sprechenden Menschen.

Außerdem wäre es nicht zu akzeptieren, daß auch die anerkannt Adligsten und ihre Nachkommen in eine berechtigte Unfreiheit kommen könnten. Am Ende bleibt der Begründungszusammenhang jedoch der, daß einige immer als Sklaven gelten müssen und andere immer das Herrschen quasi im Blute mit sich tragen, die Natur würde zu diesem Zustand streben, ihn jedoch nicht immer erreichen.[ix]

Ausbeutung und von den Unmaßen des Reichtums

Wie wir sehen, teilt Aristoteles den Kulturkanon seiner Gesellschaft in bezug zur Sklaverei. Er verteidigt die Auffassung, daß die vollständige rechtliche, persönliche und wirtschaftliche Abhängigkeit von Menschen über Menschen gerechtfertigt sei. Schätzungen besagen, daß in den Städten des antiken Griechenland etwa ein Viertel der Einwohner Sklaven waren. Der Anteil der Unfreien war also schon erheblich, wenngleich erst im römischen Reich die Verelendung der Sklaven solche Ausmaße annahm, daß es mehrfach zu großen Sklavenerhebungen kam. Über die Hälfte der Bevölkerung stellten im antiken Rom die Sklaven. In aller Regel waren sie durch Kriegszüge versklavt worden. Die Situation in Griechenland dürfte sich noch nicht ganz so zugespitzt gewesen sein.

Zu vermuten ist, daß Aristoteles seine Wirkungsmöglichkeiten sehr schnell verloren hätte, wenn er die Sklaverei als eine Untugend dargestellt hätte, wohin er aber aufgrund der Annahmen, die sein gesellschaftliches Umfeld bot und die er übernahm, nicht gelangen konnte oder wollte. So hätte seine sehr häufig verwandte Konstruktion von der Mitte zur Vermeidung von Extremen, die er zu sehr unterschiedlichen Themen heranzieht, auch dafür in Anwendung bringen können. Es wäre fiktiv denkbar, es gäbe auch im Freiheitsgrad so etwas wie eine Mitte, der man zustreben solle. Wir finden diese Konstruktion auch bei der Fragestellung, welche Reichtumsverteilung in der Gesellschaft die zuträgliche sei. Immer wieder wendet Aristoteles den Begriff von der Mitte an, der positioniert ist zwischen einem Zuviel und Zuwenig bzw. einem Übermaß und Mangel.

[...]


[i] Aristoteles; Politik, München, 1998, Erstes Buch, 5., 1254b25

[ii] Aristoteles; Die Nikomachische Ethik, München, 1998, Achtes Buch, 12., 1160b25 f.

[iii] Aristoteles; Politik, München, 1998, ErstesBuch, 7., 1255b30 f.

[iv] Aristoteles; Politik, München, 1998, Erstes Buch, 13., 1260b30 ff.

[v] Aristoteles; Politik, München, 1998, Erstes Buch, 13., 1259b20, 1260b30

[vi] Aristoteles; Die Nikomachische Ethik, München, 1998, Achtes Buch, 13., 1161a30, 1161b1 f.

[vii] Charpa, Ulrich; Aristoteles, Frankfurt a. M., 1991, S.88

[viii] Aristoteles; Politik, München, 1998, Erstes Buch, 6., 1255b5 ff.

[ix] Aristoteles; Politik, München, 1998, Erstes Buch, 5./6., 1254a1 ff., 1254a20 ff.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Aristoteles und der Zivilisationsprozeß - Von geistigen Werten, der Sklaverei und dem Staat
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut)
Veranstaltung
zum Proseminar: Polis, Reich, Staat
Note
1,7
Autor
Jahr
2000
Seiten
19
Katalognummer
V3715
ISBN (eBook)
9783638122979
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vom Autor erschienen: Erich Fromm als Vordenker (www.umweltdebatte.de)
Schlagworte
Aristoteles, Politik, Ethik
Arbeit zitieren
Marko Ferst (Autor), 2000, Aristoteles und der Zivilisationsprozeß - Von geistigen Werten, der Sklaverei und dem Staat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3715

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