Ziel dieser Arbeit soll es sein, einen pragmatischen Ansatz aufzuzeigen, wie sich die Bild- und Textproduktion in Bezug auf Momentaufnahmen in den letzten Jahrzenten verändert haben. In den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts haben die Menschen noch verhältnismäßig wenig fotografiert und gefilmt, da die Bildentwicklung nicht nur teuer, sondern auch sehr aufwendig war. Die Digitalisierung ist nur ein Grund dafür, dass heutzutage kaum noch etwas haptisch greifbar, sondern vieles nur noch in digitaler Form auf Smartphones und Tablet-PCs zu finden ist. Wer läuft denn heutzutage noch mit Stift und Block von A nach B und schreibt seine Beobachtungen auf? Brinkmann tat genau das. Er machte alltägliche Beobachtungen, schrieb diese auf und sorgte Zeit seines Lebens und auch noch danach für mächtig Gesprächsstoff.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 ROLF DIETER BRINKMANN
2.1 GEDICHTE IN DER EINZELINTERPRETATION
2.1.1. Vanille
2.1.2. Einer jener klassischen
2.2 INTERMEDIALITÄT – FOTOGRAFIE UND SCHRIFT BEI BRINKMANN
2.2.1. Text und Bild kommen zusammen
2.2.2. Brinkmanns sprachliche Bilder
3 SNAPSHOTS UND LITERATUR
3.1 MOMENTAUFNAHMEN BEI INSTAGRAM, FACEBOOK & SNAPSHAT
3.1.1. Momentaufnahmen bei Instagram
3.1.2. Momentaufnahmen auf Facebook
3.1.3. Momentaufnahmen auf Snapchat
4 FAZIT / AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist ein intermedialer Vergleich zwischen der modernen digitalen Bild- und Textproduktion in sozialen Netzwerken und der literarischen Technik der "Snapshots" in den Gedichten von Rolf Dieter Brinkmann, um die Veränderung der Wahrnehmung und Dokumentation alltäglicher Momente aufzuzeigen.
- Analyse der "Snapshot"-Technik in der Lyrik von Rolf Dieter Brinkmann.
- Untersuchung der Intermedialität von Bild und Schrift bei Brinkmann.
- Betrachtung der aktuellen Nutzung von Momentaufnahmen auf Instagram, Facebook und Snapchat.
- Vergleich zwischen der analogen künstlerischen Praxis der 60er/70er Jahre und der heutigen digitalen Echtzeit-Verbreitung.
Auszug aus dem Buch
2.1.2. Einer jener klassischen
Das Gedicht handelt von einem alltäglichen Moment, den das lyrische Ich an einem typischen Kölner Spätsommerabend „kurz nach Laden/Schluss“ wahrnimmt. Es ist ein Moment der Ruhe und Entspannung, den das lyrische Ich direkt im Anschluss schnell aufschreibt, um ihn festzuhalten. Hervorzuheben ist das Wort „schnell“, was konträr zum beschriebenen, ruhigen Moment steht, aber verdeutlichen soll, dass das lyrische Ich diesen Augenblick unbedingt aufschreiben und festhalten wolle, bevor er „in der verfluchten/dunstigen Abgestorbenheit Kölns wieder erlosch.“ (Strophe 7-8). Es ist eine direkte Reflektion auf einen Snapshot - dieser ungestellte, spontane Moment wird sich in dieser Art und Weise nicht wiederholen.
Das Gedicht lässt sich in drei aufeinanderfolgende Abschnitte unterteilen. Der erste beschäftigt sich mit dem Anlass und dem Umstand, warum das Gedicht geschrieben wurde. Es wird ein verstaubter Spätsommerabend in Köln beschrieben, der durch die Verwendung der Begriffe verstaubt (Vers 3), dunkel (Vers 5), erlosch (Vers 16) eine gewisse Endzeitstimmung bekommt, die durch ein Wunder (Vers 7) plötzlich unterbrochen wird: „aus der offenen Tür einer/dunklen Wirtschaft“ hört das lyrische Ich „einen jener klassischen/schwarzen Tangos“.
Der zweite Abschnitt versucht, diesen eingefangenen, kurzen Augenblick literarisch zu fassen. Brinkmann nutzt dafür das rhetorische Mittel der Anapher („für einen Moment eine Überraschung, für einen Moment Aufatmen, für einen Moment eine Pause in dieser Straße“ - Vers 7-10), um diesen wahrgenommenen Augenblick künstlich zu verlängern. Es ist nicht klar zu definieren, wie lange das lyrische Ich die Klänge eines Tangos hört. Durch das zwischenzeitliche Aufatmen und die Pause in dieser Straße schafft es Brinkmann jedoch, den plötzlich eingefangenen Moment derart zu strecken, dass er in dem Gedicht vermutlich länger dargestellt wird, als er in Wirklichkeit war. Durch die ständige Verwendung von Enjambements im zweiten Abschnitt wird bestimmten Begriffe deutlich mehr Kraft verliehen (ein Wunder, eine Überraschung, Aufatmen, eine Pause).
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der allgegenwärtigen Smartphone-Nutzung und die Zielsetzung, diese als Grundlage für einen intermedialen Vergleich mit Brinkmanns literarischen Snapshots zu nutzen.
2 ROLF DIETER BRINKMANN: Vorstellung des Autors als Vertreter amerikanischer Underground-Literatur und Analyse seiner collagenartigen Schreibweise sowie seiner spezifischen Wahrnehmungsform in Gedichten wie "Vanille" und "Einer jener klassischen".
2.1 GEDICHTE IN DER EINZELINTERPRETATION: Detaillierte Untersuchung von Brinkmanns Gedichten, in denen er alltägliche Beobachtungen in eine formlose, montageartige Gedichtstruktur übersetzt.
2.1.1. Vanille: Betrachtung von "Vanille" als formlose Montage aus verschiedenen Textquellen, Zeitungsausschnitten und Fotografien, die den langen Prozess des "Aufschreibens" von Alltagssituationen reflektiert.
2.1.2. Einer jener klassischen: Analyse des Gedichts als direkte Reflektion auf einen Snapshot, wobei das lyrische Ich versucht, einen flüchtigen, ruhigen Moment durch sofortiges Festhalten vor dem "Erlöschen" zu bewahren.
2.2 INTERMEDIALITÄT – FOTOGRAFIE UND SCHRIFT BEI BRINKMANN: Untersuchung des fotografischen Charakters von Brinkmanns Texten und der Verschränkung von Bild und Sprache.
2.2.1. Text und Bild kommen zusammen: Analyse des postum erschienenen Reisetagebuchs "Rom, Blicke" und wie Brinkmann Illustrationen und Notizen nutzt, um den Text zu ergänzen oder zu kontextualisieren.
2.2.2. Brinkmanns sprachliche Bilder: Erörterung von Brinkmanns Fähigkeit, "snapshot-artige" Momente durch prägnante Sprache literarisch einzufrieren.
3 SNAPSHOTS UND LITERATUR: Theoretische Herleitung des Snapshot-Begriffs von der Fotografie zur literarischen Technik und dessen Übertragung auf moderne soziale Medien.
3.1 MOMENTAUFNAHMEN BEI INSTAGRAM, FACEBOOK & SNAPSHAT: Untersuchung der zeitgenössischen digitalen Praxis der Bild- und Textverbreitung in sozialen Netzwerken.
3.1.1. Momentaufnahmen bei Instagram: Analyse der Instant-Messaging-App Instagram als Plattform für die "Just-In-Time"-Verbreitung von Momentaufnahmen und die Rolle von Hashtags.
3.1.2. Momentaufnahmen auf Facebook: Untersuchung der Plattform Facebook, bei der im Gegensatz zu Instagram oft der Text im Vordergrund steht, während Fotos als "Eye-Catcher" dienen.
3.1.3. Momentaufnahmen auf Snapchat: Betrachtung von Snapchat als Medium, das durch die zeitliche Begrenzung der Sichtbarkeit die Charakteristik eines flüchtigen Snapshots am stärksten verkörpert.
4 FAZIT / AUSBLICK: Zusammenfassung der Digitalisierung der Dokumentationspraxis und Gegenüberstellung der modernen Echtzeit-Produktion mit der analogen Arbeitsweise Brinkmanns.
Schlüsselwörter
Rolf Dieter Brinkmann, Snapshot, Momentaufnahme, Intermedialität, Literatur, Fotografie, Instagram, Facebook, Snapchat, Social Media, Collage, Digitale Transformation, Bild- und Textproduktion, Alltagswahrnehmung, Lyrik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Verbindung zwischen der literarischen Technik des "Snapshots" in den Werken von Rolf Dieter Brinkmann und der modernen Praxis der Dokumentation von Alltagssituationen in sozialen Netzwerken wie Instagram, Facebook und Snapchat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Intermedialität (Zusammenspiel von Bild und Text), die Entwicklung der Fotografie, die Ästhetik des Alltäglichen sowie die Transformation von der analogen zur digitalen Medienkultur.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, einen pragmatischen Ansatz aufzuzeigen, wie sich Bild- und Textproduktion in Bezug auf die Momentaufnahme über Jahrzehnte hinweg verändert haben, wobei Brinkmanns Gedichte als Referenzpunkt dienen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Literatur- und Medienanalyse, die primäre literarische Texte von Brinkmann mit zeitgenössischen digitalen Medienpraktiken gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse von Brinkmanns Lyrik-Technik, eine theoretische Einordnung des Snapshot-Begriffs und eine empirisch orientierte Untersuchung der Funktionsweisen von Social-Media-Plattformen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Brinkmann, Snapshot, Intermedialität, Social Media, Momentaufnahme und die Veränderung von Bild- und Textproduktion.
Warum spielt der Begriff "Snapshot" eine so zentrale Rolle?
Der Begriff "Snapshot" dient als methodische Brücke, um Brinkmanns spezifische, oft collagenartige und auf Augenblicke fokussierte Schreibweise mit der heutigen, technisch vermittelten, aber ähnlich spontan erscheinenden Bildproduktion im Internet zu vergleichen.
Welchen Unterschied sieht der Autor zwischen Brinkmanns Arbeit und heutigen Social-Media-Posts?
Während Brinkmann analog arbeitete, Zeit für das "Aufschreiben" benötigte und seine Texte meist durch Verlage veröffentlicht wurden, zeichnen sich heutige Posts durch ihre digitale Unmittelbarkeit ("Just-In-Time") und die oft inszenierte Schnelllebigkeit aus.
- Quote paper
- André Gschweng (Author), 2017, Snapshot vs. Snapchat. Text- und Bildproduktion von 'Momentaufnahmen' in Gedichten von Rolf Dieter Brinkmann im Vergleich zu sozialen Netzwerken, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371520