In dieser Arbeit soll vor allem auf zwei Epigramme des Catull eingegangen werden, welche aufgrund ihrer Thematik als Einheit zu betrachten sind: c.83 und c.92. Dazu ist anzumerken, dass eine chronologische Reihung der Epigramme im Gesamtwerk des Catull nicht sicher belegbar ist. Verwandte Themen stehen zwar häufig eng beieinander (so z.B. auch c.86 u. c.87), dennoch bleibt dabei unklar, ob diese Reihenfolge schon von Catull selbst so gewählt wurde.
Die Datierung des 83. Gedichts scheint jedoch allgemein anerkannt zu sein, es muss vor dem Tod des Metellus 59 v.Chr. entstanden sein. Im Folgenden wird davon ausgegangen, dass es eines der frühesten Lesbia Epigramme darstellt und c.92 später entstanden ist. Es soll nun der Frage nachgegangen werden, inwiefern sich eine Entwicklung der Gefühle des epigrammatischen Ichs aus den beiden Gedichten ablesen lässt, ob also c.83 tatsächliche eine Vorstufe zu c.92 bildet. Hierzu soll zunächst c.83 genau interpretiert, später dann in Beziehung zu c.92 gesetzt werden.
Gaius Valerius Catullus war ein bedeutender römischer Schriftsteller aus Verona und Wegbereiter der augusteischen Dichtung. Er schrieb neben zahlreichen anderen Gedichten auch Epigramme (c.69-116). Diese literarische Gattung ist vor allem durch ihre Kürze und Präzision charakterisiert, im Vermaß findet sich häufig das elegische Distichon. Catull schrieb bewusst über gleiche Themen in mehreren verschiedenen Epigrammen. So stellten die Lesbia-Gedichte einen Themenkomplex innerhalb seines literarischen Werks dar, welcher außerhalb des neoterischen Programms stand. Die Liebe zu Lesbia stellt innerhalb Catulls Gesamtwerk das bedeutendste Thema dar. Bei dieser Frau handelt es sich in Wirklichkeit sehr wahrscheinlich um die mit Quintus Caecilius Metellus Celer verheiratete Schwester des Publius Clodius Pulcher.
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Textgrundlage
3) Interpretation c.83
4) Vergleich c.83 und c.92
5) Abschlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Entwicklung der Gefühlswelt des epigrammatischen Ichs in den Gedichten 83 und 92 von Gaius Valerius Catull, um zu analysieren, inwiefern c.83 als Vorstufe zu c.92 betrachtet werden kann und welche emotionale Wandlung das lyrische Ich dabei durchläuft.
- Analyse der rhetorischen und inhaltlichen Struktur von Catulls Lesbia-Epigrammen.
- Untersuchung der Dreiecksbeziehung zwischen dem Ich, Lesbia und ihrem Ehemann.
- Vergleich der psychologischen Entwicklung in c.83 und c.92.
- Diskussion über die Authentizität und die Intention des epigrammatischen Ichs.
- Erörterung der Diskrepanz zwischen rationaler Distanz und emotionalem Leid.
Auszug aus dem Buch
3) Interpretation c.83
Catull schreibt in seinem 83. Gedicht über das Verhältnis des epigrammatischen Ichs zu seiner Geliebten Lesbia. Es handelt sich um eins der frühesten Lesbia-Gedichte.5 Holzberg zufolge entstand das Pseudonym für diese Frau aus einer Assoziation zu dem griechischen Wort λεσβιάζειν, was dem lateinischen fellare (= oralen Geschlechtsverkehr praktizieren) in seiner Bedeutung sehr nahe kommt und demnach aus einer Wunschvorstellung des Autors entstanden sein könnte.6 Bei der Bildung von Pseudonymen in der römischen Dichtung fällt auf, dass der richtige Name metrisch identisch zum Pseudonym ist, so beispielsweise auch bei Tibulls Delia oder Properzens Cynthia, welche im Bezug auf ihre Dichtkunst von Catull beeinflusst wurden.7 Es bleibt strittig, ob das epigrammatische Ich mit der Person des Catull gleichgesetzt werden kann und die Lesbia Gedichte autobiographisch zu verstehen sind. Dazu fehlen uns beispielsweise Aussagen seitens Catulls Freunden, die über Catulls Privat- und Liebesleben Auskunft geben könnten. Deswegen soll im Folgenden durchgängig vom epigrammatischen Ich die Rede sein, auch wenn es letztendlich keinen Beleg dafür gibt, dass es bei diesem nicht doch um den Dichter selbst handeln könnte.
Genannte Lesbia schimpft vor ihrem Mann schlimm (mala plurima dicit) über das epigrammatische Ich8, was dem Gatten eine überaus große Freude (maxima laetitia) bereitet. Dies ist für den Sprecher ein klares Zeichen dafür, dass Lesbia ihn nicht vergessen hat, da Schmach immerhin besser ist als Desinteresse. Dass sie nun zudem noch zornig (irata) wird, ist der klarste Beweis dafür, dass sie vor Liebe entbrannt ist (uritur) und aus diesem Grund so viel redet (loquitur).9
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Einführung in die Person Catulls und die Fragestellung zur Entwicklung des epigrammatischen Ichs in den Gedichten c.83 und c.92.
2) Textgrundlage: Präsentation der lateinischen Originaltexte von c.83 und c.92 inklusive einer deutschen Übersetzung.
3) Interpretation c.83: Detaillierte Analyse des Gedichts 83, insbesondere der Beziehungskonstellation zwischen dem lyrischen Ich, Lesbia und ihrem Ehemann.
4) Vergleich c.83 und c.92: Gegenüberstellung beider Epigramme zur Herausarbeitung der Steigerung in der emotionalen Intensität und der veränderten Rolle des lyrischen Ichs.
5) Abschlussbetrachtung: Zusammenfassendes Fazit zur Entwicklung des Gefühlszustands des lyrischen Ichs von der Distanz zur intensiven Leidenschaft.
Schlüsselwörter
Catull, Lesbia, Epigramm, römische Dichtung, Liebeslyrik, c.83, c.92, epigrammatisches Ich, Liebesverhältnis, Eifersucht, Dreiecksbeziehung, literarische Analyse, Affektive Bindung, Philologie, Antike.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert zwei ausgewählte Epigramme von Gaius Valerius Catull mit dem Ziel, die psychologische Entwicklung des lyrischen Sprechers gegenüber seiner Geliebten Lesbia zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Im Zentrum stehen die Interpretation lateinischer Lyrik, das Verständnis von Pseudonymen in der römischen Antike und die Analyse emotionaler Dynamiken in Liebesbeziehungen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, nachzuweisen, dass c.83 als eine Vorstufe zu c.92 gelesen werden kann und eine inhaltliche sowie emotionale Entwicklung des lyrischen Ichs vorliegt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die philologische Textanalyse und Interpretation, wobei sie sich auf den Vergleich rhetorischer Strukturen und den Einbezug fachwissenschaftlicher Literatur stützt.
Welche Inhalte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die detaillierte Exegese von c.83, gefolgt von einem direkten Vergleich mit c.92, um Unterschiede in der Sprecherhaltung und emotionalen Intensität aufzuzeigen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Catull, Lesbia, Epigramm, Liebesverhältnis, Leidenschaft, Eifersucht sowie die literaturwissenschaftliche Interpretation antiker Texte.
Wie deutet der Autor das Verhalten des Ehemanns in c.83?
Der Autor interpretiert den Ehemann als eine Art "Beobachter", dessen Unwissenheit über die Affäre zwischen Lesbia und dem lyrischen Ich durch das lyrische Ich als stumpfsinnig charakterisiert wird.
Warum wird c.83 als Vorstufe zu c.92 gesehen?
Da c.83 noch eine distanziertere, fast analytische Haltung des Sprechers zeigt, während c.92 eine tiefere emotionale Involvierung und einen "Durchbruch" der Gefühle offenbart.
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- Lisa Pauels (Author), 2013, Die Epigramme des Catull und die Entwicklung des epigrammatischen Ichs innerhalb des Lesbia Zyklus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371524