Im Jahre 2007, lange Zeit nach dem kalten Krieg zwischen Washington und Moskau, plädierten vier US-Spitzenpolitiker für eine weltweite atomare Abrüstung: Henry Kissinger, George Shultz, William Perry und Sam Nunn. Auch der ehemalige US-Präsident Obama kündigte 'Global Zero' in einer Rede in Prag 2009, als wichtiges strategisches Ziel seiner Präsidentschaft an. 2012 veröffentlichte die Zeitschrift „Foreign Affairs“ einen Artikel von Kenneth N. Waltz mit dem Titel „Why Iran should get the bomb“, in welchen Waltz sich für eine atomare Bewaffnung Irans ausspricht. Dies würde seiner Meinung nach zu einer Stabilisierung der politischen Situation im mittleren Osten führen. Der aktuelle Präsident der USA Donald Trump, verglich im Jahr 2016 das Atomwaffenarsenal Russlands und das der USA und sagte: „Our nuclear is old and tired and his nuclear is tippy-top from what I hear. Better be careful, folks, okay? You better be careful.”
In dieser Arbeit wollen wir uns dem multidimensionalen Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien, ferner Teheran und Riyad widmen. Es soll der Frage nachgegangen werden, ob eine atomare Ausrüstung Teherans und/oder Riyads eine stabilisierende Wirkung auf die politische Situation im mittleren Osten hätte. Ausgangsbasis ist hierfür ist der Text von Waltz „Why Iran should get the bomb“ und seiner Balance-of-power Theorie. Hierbei wird der multidimensionale Konflikt beider Länder analysiert und systematisch mit Theorien der (neo)realistischen Schule verglichen. Methodologisch wird per induktiver Methode vorgegangen, ferner von empirischen Erkenntnissen auf allgemeine theoretische Konzepte zu schließen. Zuerst soll im theoretischen Teil die Waltz´sche Theorie more may be better eruiert werden und im Anschluss werden die einzelnen Punkte mit der Waltz-Sagan Debatte (more may be better vs. more may be worse) näher beleuchtet. Nachfolgend werden die Balance-of-power und Balance-of-threat Theorien gegenübergestellt. Nach dem Umriss des Wissenschaftsdiskurses, sollen im empirischen Teil die multidimensionalen Ebenen des Konfliktes zwischen Riyad und Teheran analysiert werden. Die empirische Analyse wird mit der hermeneutischen Methode durchgeführt. Zudem werden relevante und valide Informationen aus verschiedenen Quellen herangezogen, um so die einzelnen Themenbereiche zu erschließen und zu analysieren. Die gewonnenen Erkenntnisse werden anschließend mit den theoretischen Überlegungen verglichen, um so die ausgehende Forschungsfrage zu beantworten
Inhaltsverzeichnis
1. Exposé
2. Literaturbericht
3. Waltz und die atomare Abschreckung
3.1 Stabilität durch Atomwaffen? Waltz und Sagan in Uneinigkeit.
3.2 Balance-of-power vs. Balance-of-threat
4. Geostrategische Dimension
5. Energiepolitische Dimension
6. Religiös-Ideologische Dimension
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob eine atomare Bewaffnung Irans oder Saudi-Arabiens eine stabilisierende Wirkung auf die politische Situation im Mittleren Osten hätte, wobei der Fokus auf dem multidimensionalen Konflikt zwischen den beiden Regionalmächten liegt.
- Analyse der neorealistischen Theorien "Balance-of-power" und "Balance-of-threat".
- Untersuchung der geostrategischen Dimension und der Stellvertreterkonflikte in der Region.
- Beleuchtung der energiepolitischen Interessen und Abhängigkeiten zwischen Teheran und Riad.
- Bewertung der religiös-ideologischen Konfliktlinien und deren Einfluss auf die regionale Stabilität.
Auszug aus dem Buch
3.1 Stabilität durch Atomwaffen? Waltz und Sagan in Uneinigkeit.
Waltz vertrat die Position, mehr Atomwaffen seien möglicherweise besser und neue Nuklearstaaten würden ihr Atomwaffenarsenal dafür verwenden, andere Länder vor einem Angriff abzuschrecken. Sagan entgegnete, mehr Atomwaffen seien schlechter, denn einige Nuklearstaaten würden in „preventive wars“ tätig werden, sowie ernsthafte nukleare Unfälle erleben. Waltz argumentierte, dass Kriege in der Vergangenheit auf Fehlkalkulationen beruhten; demnach waren die Konsequenzen, Kosten und zerstörerischen Ausmaße nicht umfassend bewusst. Zudem hätten konventionelle Waffen keinen besonders großen Abschreckungscharakter. Bei Atomwaffen wiederum wäre diese Form der Fehlkalkulation nicht vorhanden, da klar wäre was man zu verlieren hätte und die staatlichen Machteliten würden „stop thinking about running risks and start worrying about them.“ Zudem vertrat er die Ansicht, dass „where nuclear weapon threaten to make the costs of war immense, who will dare to start them?“
Sagan sieht in der wachsenden Zahl an nuklearen Akteuren eine analog wachsende Zahl an nuklearen Sicherheitsrisiken. Zudem argumentiert er, dass neue Nuklearstaaten weniger Verantwortlichkeit aufbringen und über weniger Instrumente der Selbstkontrolle verfügen würden. Hierfür würde ein checks-and-balances System unter starker ziviler Kontrolle benötigt. Dies sei, besonders bei neuen Nuklearstaaten problematisch, da gewisse Staaten über eine schwache zivile Regierung verfügen und teilweise unter starkem Einfluss von militärischen Interessensgruppen stehen. Die Interessen solch militärischer Institutionen, stehen im Konflikt mit den objektiven Interessen des Staates. Institutionen und Organisationen seien keine bloßen Instrumente eines Staates, sondern Gruppen mit eigenen Interessen, welche innerhalb des Staatsapparates im Spannungsfeld unterschiedlicher Interessensgruppen stehen. Dies mache ein checks-and-balances System schwer umsetzbar. Waltz Theorie eines Staates als rational handelnden Akteur wird somit aufgeweicht. Auch die deutliche Zunahme privater Militärgruppen und -institutionen (Blackwater, Blue Sky, oder auch ISIS, etc.) verändert die internationale politische Situation. Man kann eben nicht mehr von klassischen, rivalisierenden Staaten und von Kriegen zwischen nationalen Armeen sprechen, sondern von einzelnen militärischen und politischen Interessensgruppen. Eine staatliche, nukleare Abschreckung erhält unter diesen Bedingungen einen anderen Charakter. Sagan setzte sich zudem mit drei Bedingungen der 'Rational Deterrence Theory' auseinander, welche im Kern kurz umrissen werden:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Exposé: Einleitung in die Thematik der atomaren Abschreckung und Vorstellung der zentralen Forschungsfrage zum Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien.
2. Literaturbericht: Übersicht der verwendeten internationalen Quellen sowie der theoretischen und empirischen Grundlage der Arbeit.
3. Waltz und die atomare Abschreckung: Theoretische Auseinandersetzung mit der These von Kenneth Waltz zur Stabilität durch Atomwaffen und dessen Gegenpositionen.
3.1 Stabilität durch Atomwaffen? Waltz und Sagan in Uneinigkeit.: Detaillierter Vergleich der Debatte zwischen Waltz und Sagan hinsichtlich Sicherheitsrisiken neuer Nuklearstaaten.
3.2 Balance-of-power vs. Balance-of-threat: Gegenüberstellung der neorealistischen Theorien zur Erklärung zwischenstaatlichen Verhaltens.
4. Geostrategische Dimension: Analyse der Machtverhältnisse und Stellvertreterkriege im Kontext der rivalisierenden Interessen von Teheran und Riad.
5. Energiepolitische Dimension: Untersuchung der wirtschaftlichen Faktoren und der Bedeutung der Öl- und Gasreserven für den regionalen Konflikt.
6. Religiös-Ideologische Dimension: Betrachtung aktueller religiös-politischer Spannungen und deren Einfluss auf die diplomatischen Beziehungen.
7. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Einordnung der theoretischen Ansätze zur Konfliktlösung.
Schlüsselwörter
Atomare Abschreckung, Iran, Saudi-Arabien, Neorealismus, Balance-of-power, Balance-of-threat, Stellvertreterkrieg, Geostrategie, Energiepolitik, Nuklearwaffen, Regionale Stabilität, Sicherheitspolitik, Mittlerer Osten, JCPoA, Internationale Beziehungen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den multidimensionalen Konflikt zwischen dem Iran und Saudi-Arabien und untersucht, ob eine atomare Aufrüstung dieser Staaten zu mehr regionaler Stabilität führen würde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die sicherheitspolitische Theorie (Neorealismus), geostrategische Machtverhältnisse, energiepolitische Abhängigkeiten sowie religiös-ideologische Konfliktdynamiken in der Region.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob die Theorie des "Machtgleichgewichts" (Waltz) im Kontext des iranisch-saudischen Konflikts empirisch haltbar ist oder ob andere Erklärungsmodelle zur Stabilität besser geeignet sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine induktive Methode angewandt, bei der empirische Erkenntnisse aus den verschiedenen Konfliktdimensionen herangezogen werden, um auf theoretische Konzepte zu schließen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil (Debatte zwischen Waltz, Sagan und Walt) und einen empirischen Teil, der geostrategische, energiepolitische und ideologische Konfliktlinien detailliert beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind atomare Abschreckung, Balance-of-power, Balance-of-threat, Iran, Saudi-Arabien und regionale Stabilität.
Inwieweit spielt die "Balance-of-threat"-Theorie eine Rolle?
Diese Theorie von Stephen Walt wird als maßgebliches Instrument herangezogen, um das Verhalten der Staaten besser zu erklären als durch das reine Machtgleichgewicht nach Waltz.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Atomfrage?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass eine atomare Abschreckung im bilateralen Kontext nicht fruchtbar wäre und die Beseitigung gegenseitiger Bedrohungen (Threats) ein effektiverer Weg zur Stabilität ist.
- Citar trabajo
- Johannes Micha Kraft (Autor), 2017, Eine Untersuchung des multidimensionalen Atomkonflikt zwischen Riad und Teheran, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371537