Marx' Entfremdungstheorie. Die Agenda 2010 und die sozioökonomische Entfremdung


Hausarbeit, 2016

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Exposé
1.1. Literaturbericht

2. Marx Wirtschaftsprognose im kommunistischen Manifest
2.1. Arten der Entfremdung
2.2 Die Entfremdung der Arbeit

3. Die Agenda 2010 und deren Folgen für Arbeitnehmer

4. Resümee

1. Exposé

Bekannte Denker der politischen Ideengeschichte, wie Kant, Rawls, Rousseau und Marx haben durch ihre theoretischen Überlegungen mögliche Risiken, oder Störfaktoren, in gesellschaftlichen Entwicklungen entdeckt und öffentlich darauf hingewiesen. Aufgrund der Ernsthaften Auseinandersetzung mit politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Theorien von Denkern dieser Art, konnten wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden. Durch den Realkommunismus und den Siegeszugs des Kapitalismus in der westlichen Welt, rückten jedoch besonders die Thesen von Karl Marx und Friedrich Engels immer mehr in den Hintergrund.

Obwohl Marx bei seinen wirtschaftlichen Analysen mögliche Gefahren für Arbeitnehmer in der Entwicklung des Arbeitsmarktes und einer damit einhergehenden Verschlechterung der Lebensverhältnisse vieler Bürger entdeckte, finden diese kritischen Prognosen meist wenig Platz im politischen und ökonomischen Diskurs. Widmet man sich jedoch Marx Kritiken an der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft, lässt sich feststellen, dass auch noch heute seine Thesen brandaktuell sind und sich wertvolle Erkenntnisse daraus gewinnen lassen. Denn, grob betrachtet, warnt er vor allzu großer Macht der Arbeitgeber, der Einschränkung der Rechte von Arbeitnehmern, der Unterwerfung der Politik unter den Gesetzen der kapitalistischen Wirtschaft und einer ungerechten Kapitalverteilung und -verwendung. Durch die Automatisierung und Dezentralisierung von Produktionsprozessen und der Zunahme des Dienstleistungssektors, sieht Marx unter anderem eine Entfremdung des Arbeiters zu seinem Produkt, beziehungsweise seiner Ware und eine Entfremdung seiner Arbeit. Der gesellschaftliche Nutzen der Arbeit, oder auch die Leistungsherstellung, wird mehr und mehr vernebelt - auch durch die hohe Stellung des Konsums in der Gesellschaft (Input-Output).

In dieser Arbeit möchte ich überprüfen, ob auf dem deutschen Arbeitsmarkt tatsächlich Inhalte von Marx These der sozioökonomischen Entfremdung zu finden sind und inwieweit sich diese auf die Freiheit und Rechte der Arbeitnehmer auswirken. Im theoretischen Teil werde ich zunächst den Marx ´schen Entfremdungsbegriff hermeneutisch analysieren und darauffolgend mit den Reformen der Agenda 2010 vergleichen um mögliche Parallelen herauszuarbeiten. Hierbei wird deduktiv vorgegangen, ferner von der Makro Ebene im theoretischen Teil, hin zur Mikro Perspektive im praktischen Teil. Im theoretischen Teil werden multinationale, ökonomische Zusammenhänge dargestellt und im praktischen Teil wird zentral auf den deutschen Arbeitsmarkt eingegangen.

Die Interpretationen und Analyseergebnisse sind zum Teil normativ-realistisch, unter der Bedingung der Objektivität, so weit es in politischen Themen möglich ist.

1.1. Literaturbericht

Marx verwendete den Entfremdungsbegriff, welcher unterschiedlich zu charakterisieren ist, in verschiedenen Werken. Somit gibt es keine spezielle Monographie von Marx, in welcher der Schwerpunkt auf dem Entfremdungsbegriff, ferner dem sozioökonomischen, liegt. Allerdings greift er des öfteren in den Werken Judenfrage, Theorien über den Mehrwert, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie und Ökonomisch-Philosophische Manuskripte den Entfremdungsbegriff auf. Da ich in dieser Arbeit hauptsächlich auf den sozioökonomischen Entfremdungsbegriff und insbesondere auf die Entfremdung der Arbeit eingehe, habe ich als Grundlage die Ökonomisch- Philosophischen Manuskripte und das Manifest der kommunistischen Partei verwendet. Zum besseren Verständnis und tieferen Analyse dieses Forschungsgegenstandes waren vor allem 2 Werke von Wert.

Zum einem a.) das ´Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus´. Das Kapitel über die Entfremdung, verfasst von Alfred Oppolzer, zeigt zum einen die historisch-etymologische Entwicklung des Begriffes und setzt diese in den Kontext mit Denkern, wie Aristoteles, Hess und Hegel. Des weiteren wird der Entfremdungsbegriff anschaulich charakterisiert und kategorisiert, welches nicht möglich ist, wenn nicht mehrere Bücher von Marx studiert wurden. Allerdings steuert der Schreibstil und die recht umfangreiche Intertextualität nicht zu einem besseren Verständnis, der sehr ökonomischen Theorien Marx, bei.

Hilfreich war hierbei die Literatur von Jean-Yves Calvez: - ´Karl Marx, Darstellung und Kritik seines Denkens`. Marx sozioökonomische Entfremdungstheorie wird sehr objektiv und verständlich dargestellt, ohne den hohen ökonomischen Anspruch Marx zu verlieren. Jedoch nicht für diese Arbeit von Wichtigkeit, aber nicht unerwähnt zu lassen sind die Zusammenfassungen von Marx Formeln für die Berechnung des Verhältnisses von Geld, Ware, Arbeit und Ressourcen, mit welchen Marx Theorien in positivistischer Form veranschaulicht werden können.

Im praktischen Teil wurden Kennzahlen und Statistiken verwendet, welche ein ungefähres Abbild von gewissen Bereichen des Arbeitsmarktes und der damit verbundenen Allokation von staatlichen Geldern im sozialen Bereich veranschaulichen und kontextualisieren. Die Hauptquellen waren die Datenbank Statistika, eine der führenden deutschen Datenbanken. Die Zahlen über den Arbeitsmarkt, waren allerdings nicht immer auf dem aktuellsten Stand und nicht allzu umfangreich, was für größere Forschungsarbeiten in diesem Thema nicht allzu gewichtig wäre. Für diese knappe Arbeit reichten die Zahlen jedoch aus und waren ein nützliches Werkzeug.

Zuzüglich wurden Kennzahlen vom statistischen Bundesamt ´Destatis´ und ´Eurostat´ verwendet. Die Kennzahlen sind hier noch differenzierter und umfangreicher vorhanden und sind zu empfehlen. Aktuelle Zahlen aus diesem Jahr der Zeitarbeitsbranche sind jedoch nicht in umfangreichem Maße vorhanden, aber ebenso ausreichend.

2. Marx Wirtschaftsprognose im kommunistischen Manifest

Marx definiert im Manifest zunächst die Entwicklung des Kapitalismus und die Rolle der Bourgeoisie, des Proletariats und der politischen Vertreter. Laut Marx hat die Bourgeoisie „kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen, als das nackte Interesse, als die gefühllose bare Zahlung. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt“1. Marx ist der Meinung, dass alle erkämpften Rechte der Vergangenheit (bspw. Französische Revolution) und damit einhergehenden Freiheiten der Bürger, durch den Zwang eines Angestelltenverhältnisses in einem Unternehmen wieder verloren gingen. Tatsächlich war zu dieser Zeit eine Explosion der Urbanen Städte, in welchen die Industrie stark vertreten war zu beobachten.

Die Freiheit des Menschen, seine Art der Mehrwerterzeugung selbst zu bestimmen (und dieser sich somit auf seine inneren, natürlichen Stärken fokussieren kann), wurde immer mehr und mehr verdrängt, da der Mensch gezwungen war ein nicht-selbstständiges Angestelltenverhältnis in einem Unternehmen einzugehen (und somit gezwungen ist seinen Lebensweg nach den künstlichen Gesetzen der Ökonomie auszurichten) und den erzeugten Mehrwert zum Großteil an die innerbetrieblichen Leitungsorgane abtreten musste. Alternativen, also selbstständige Tätigkeiten, waren meist zum scheitern verurteilt, oder ernteten nicht einen vergleichbaren Mehrwert, da der Großteil der Märkte von kapitalstarken Unternehmen beherrscht wurden. Ganz klar, dass die Arbeiter ihren Wohnort nach den Standorten der Bourgeoisie ausrichten mussten, um in dessen Fabriken arbeiten zu können, da sonst wenige Alternativen zur Wahl standen.2

Durch die Exploration des Weltmarkts war die Produktion und der Konsum aller Länder kosmopolitisch gestaltet und alte Industrien wurden vernichtet. Diese wurden verdrängt „durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird […] und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden“3. Hier nähern wir uns schon der Entfremdung im Marx´schen Sinne. Ist es nicht so, dass beispielsweise ein Handwerker, ein Agrarökonom, oder ein Kaufmann einen direkten Bezug zu seiner Arbeit hat und (bewusst oder unbewusst) seinen gesellschaftlichen Nutzen (das Bedeutungsgewebe) wahrnimmt?

Durch die Zunahme der Produktion von Waren, Verarbeitung von Rohstoffen und der Dezentralisierung der Wertschöpfungsketten weltweit, kann jeder einzelne Arbeiter das Bedeutungsgewebe seiner wirtschaftlichen Handlung nicht mehr bewusst wahrnehmen, als wie er es Jahrhundertelang tat. Er ist sich seines gesellschaftlichen Werts nicht mehr bewusst, und dem monetären Wert seiner Arbeit auch nicht. Das viele Waren Weltweit Exportiert/Importiert werden verstärkt diesen Effekt zudem.

Der Ursprung und die Herkunft, die Eigenschaften der Rohstoffe werden immer intransparenter.4

„Die wesentliche Bedingung für die Existenz und Herrschaft der Bourgeoisklasse ist die Anhäufung von des Reichtums in den Händen von Privaten, die Bildung und Vermehrung des Kapitals; die Bedingung ist die Lohnarbeit. Die Lohnarbeit beruht ausschließlich auf der Konkurrenz der Arbeiter unter sich.“5

Durch die Anhäufung von Eigentum und der ungerechten Verteilung des Kapitals der Wertschöpfungsketten, sowie der Unterstützung von Konkurrenzverhalten unter den Arbeitnehmern, kann somit das Wachstum und die Erschließung neuer Märkte, im Sinne der Bourgeoisie, gewährleistet werden. Die negativen Inhalte, beziehungsweise die Gefahren, der Entwicklung des kapitalistischen Marktes sind somit: Materialismus, oder auch Warenfetischismus, die Verteilung/Splittung der Wertschöpfungsketten und Produktionsverfahren weltweit (auch direkter, indirekter Veredelungsverkehr genannt), Bildung von Konkurrenz unter den Arbeitnehmern (bspw. Zeitarbeit, Einschränkung der Streikrechte) und Ausrichtung des Menschen auf den künstlichen Arbeitsmarkt (in diesem Sinne Ausrichtung auf monetär erfolgversprechende Tätigkeiten und Herabsetzung von sozialen, weniger rentablen Tätigkeiten) und ungerechte Verteilung des erzeugten Mehrwerts.6

2.1. Arten der Entfremdung

Marx verwendete den Entfremdungsbegriff häufig in verschiedenen Werken, wie unter anderem in die Judenfrage, Theorien über den Mehrwert und Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Da Marx den Begriff unterschiedlich charakterisiert, sollen in diesem Abschnitt zunächst die Bereiche und Begrifflichkeiten des Entfremdungsbegriffes geordnet werden. Zunächst lassen sich drei Hauptbereiche bestimmen: Die politische, die religiöse und die sozio-ökonomische Entfremdung, welche ¨im gesamten marx ´schen Werk über die Zeit hinweg eine wichtige Rolle spielen¨7.

Da in dieser Arbeit der Focus auf der Entfremdung der Arbeit liegt, beschäftige ich mich hauptsächlich mit dem sozio-ökonomischen Bereich. Die sozioökonomische Entfremdung teilt Marx in vier Bereiche ein: a.) die allgemeine Entfremdung, b.) die besondere Entfremdung, c.) die prinzipielle Entfremdung und d.) die spezifische Entfremdung.8

Von diesen vier Arten sind insbesondere zwei Arten von Wichtigkeit:

a.) Die Allgemeine Entfremdung definiert den Waren-, Geld-, und Kapitalfetischismus, welcher sich im Zuge der Industrialisierung und Ausbreitung des Kapitalismus immer mehr in der westlichen Gesellschaft ausbreitete und verankerte.
b.) Die Entfremdung der Arbeit (besondere Entfremdung) gilt für alle warenproduzierenden Gesellschaften und beschreibt die mit dem Warenfetischismus verbundene Form der Tauschwert setzenden Arbeit.9

2.2. Die Entfremdung der Arbeit

In seinen Gesellschaftsanalysen sieht Marx den Ursprung der verfeindeten Klassen (insbesondere kapitalistische Arbeitgeber und Proletariat) einzig und allein in der entfremdeten Arbeit, ausgehend von der industriellen Arbeit im kapitalistischen System. So stehen sich der kapitalistische Arbeitgeber und der Arbeiter gegenüber. Der eine häuft durch den Mehrwert sein Eigentum an, der andere wird dessen beraubt. Beide tragen die Entfremdung in sich und dies manifestiert sich schließlich in den reellen Lebensbedingungen (Reichtum und Armut in einer erschreckenden Dimension).10 -

„Der Arbeiter wird um so ärmer, je mehr Reichtum er produziert, je mehr seine Produktion an Macht und Umfang zunimmt. Der Arbeiter wird eine um so wohlfeilere Ware, je mehr Waren er schafft. Mit der Verwertung der Sachenwelt nimmt die Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis zu. Die Arbeit produziert nicht nur Waren; sie produziert sich selbst und den Arbeiter als eine Ware, und zwar in dem Verhältnis, in welchem sie überhaupt Waren produziert.“11.

Betrachten wir diese Inhalte kurz im Kontext unserer heutigen sozioökonomischen Gegebenheiten:

a.) Der Arbeiter als Rohstoff der Leistungsherstellung - die Wandlung vom ´Personalmanagement´ zu ´Human Resources Management´ spricht schon für sich. Firmen wie Apple und Facebook, betreiben sehr gutes Personalmarketing und schaffen ein Arbeitsumfeld, welches sich viele Arbeitnehmer wünschen würden. Aber hier kristallisiert sich auch heraus, dass Firmen ihre menschlichen Ressourcen zur qualitativ hochwertigen Leistungsherstellung wie eine ´wohlfeilere Ware´ behandeln, denn unter anderem haben sie haben kaum Mitspracherechte im demokratischen Sinne und Leistungsanforderungen, erbrachte Leistung und Renditeverteilung stehen nicht in einem ausgewogenem Verhältnis. Merkwürdigerweise erfahren immer Länder eine Demokratisierung der politischen Systeme (siehe Arabischer Frühling), jedoch sind fast alle Unternehmen immer noch autoritäre Systeme.

[...]


1 Marx, Karl, Manifest der kommunistischen Partei, 2009, S.68.

2 Eigenleistung - Beschäftigung mit der Industrialiserung des 19. Jahrhunderts und der Entwicklung des Kapitalismus.

3 Ebd. S.69.

4 In der europäischen Wirtschaftszone werden für Einfuhrwaren zwar Ursprungszeugnisse verlangt, bei unfertigen Erzeugnissen und mehreren Zwischenhändlern sind diese Ursprungszeugnisse jedoch weniger aussagekräftig.

5 Marx, Karl, Manifest der kommunistischen Partei, 2009, S.77.

6 Eigenleistung - Aus dem Studium der Internationalen Handelsbeziehungen im soziologischen Kontext.

7 Oppolzer, Alfred, Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus. Ebene bis Extremismus, 1997, S.461.

8 Vgl. Ebd. S.460 - 463.

9 Vgl. Ebd. S.465 - 466. f.

10 Vgl. Calvez, Jean-Yves, Karl Marx. Darstellung und Kritik seines Denkens, 1964, S.221 - 222.

11 Marx, Karl, Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, 2005, S.82 - 83.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Marx' Entfremdungstheorie. Die Agenda 2010 und die sozioökonomische Entfremdung
Hochschule
Universität Regensburg  (Politikwissenschaft, Politische Philosophie)
Veranstaltung
Einführung in die politische Philosophie
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V371539
ISBN (eBook)
9783668494091
ISBN (Buch)
9783668494107
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marx, Entfremdungsarten, Agenda 2010
Arbeit zitieren
Johannes Micha Kraft (Autor), 2016, Marx' Entfremdungstheorie. Die Agenda 2010 und die sozioökonomische Entfremdung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371539

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