Der Stricker und die göttliche Ordnung in seiner Märe "Der Begrabene Ehemann"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
15 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

l.Der Stricker
1.1 Der Stricker und die göttliche Ordnung

2 Der Begrabene Ehemann
2.1 Ordnungsverstoß und Replik in Der Begrabene Ehemann

3. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Stricker zählt zu den bekanntesten Dichtern der Märendichtung. Seine Werke umfassen verschiedene Themenbereiche, von denen in dieser Seminararbeit aber nur ein Stück aus der Ehethematik behandelt wird.

Diese Arbeit befasst sich mit der Märe Der Begrabene Ehemann vom Stricker. An diesem Werk soll untersucht werden, wie mit dem göttlichen Prinzip der Ordnung umgegangen wird. Dieses Thema war zu Zeiten des Stricker im Alltag präsent und wurde daher auch von ihm aufgegriffen. Es soll untersucht werden, wie sich der Stricker mit der göttlichen Ordnung auseinandergesetzt hat und sie in seiner Märe thematisierte.

Für die Arbeit an diesem Thema konnten einige Forschungstexte zu Rate gezogen werden, wie „Die Ordnung, der Witz und das Chaos“ von Klaus Grubmüller, welcher sich besonders für das Gebiet der oraals dienlich erwies. Die Grundlage für die Arbeit am mittelhochdeutschen Text bildete das Buch „Verserzählungen“, welches von Hanns Fischer herausgegeben wurde.

Im Ersten Kapitel wird genauer auf den Stricker und seine Ansicht zur göttlichen Ordnung eingegangen. In Kapitel Zwei wird die Handlung der Märe bearbeitet und anschließend untersucht, wie es sich dort mit Ordnung verhält. Kapitel Drei bildet das Fazit, in dem vorangegangene Erkenntnisse noch einmal zusammengefügt und erläutert werden.[1]

1. Der Stricker

Der Autor des in dieser Arbeit thematisierten Märe[2] war Berufsdichter, welcher im rheinfränkischen Raum unterwegs und tätig war. Zu datieren ist seine Wirkungszeit auf die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts.[3] Er gilt in der heutigen Zeit als Begründer der deutschen Märendichtung, auch wenn ihm nur wenige Mären explizit zugeschrieben werden können.[4] Neben dem Erstellen von Mären, zählen auch kleinepische Werke wie Fabeln und Exempel zu seinem Repertoire. Die genaue Datierung seiner Werke ist schwierig bis unmöglich, da die Nachweise hierfür nicht ausreichend gegeben sind.[5] Zu beachten ist auch, dass obwohl dem Stricker sehr viele Mären zugesprochen werden, nur wenige auch zweifellos von ihm stammen, was heißt, dass seine Urheberschaft nicht bewiesen werden konnte.[6] Allerdings weisen einige Merkmale der Mären darauf hin, dass sie aus der gleichen Feder stammen. Die Ehe- Mären beispielsweise, folgen einem ähnlichen Muster. Da diese Arbeit sich mit dem Stück Der Begrabene Ehemann auseinandersetzt, liegt das Augenmerk auf dieser Ehethematik.

Die Mären des Strickers sind stark rhetorisch[7], was sich mit der ihm zugesprochenen Bildung in Theologie und Jura erklären lässt. Die theologische Nähe findet sich ebenfalls in seinen Werken wieder, da das Augenmerk in seinen Kurzerzählungen[8] auf den Umgang mit dem mittelalterlichen Ordo- Begriffs liegt. Auf diese göttliche Ordnung wird im nächsten Unterpunkt genauer eingegangen. Dass der Dichter Kenntnis französischer- und auch lateinischer Texte hatte, kann man unter anderem daran erkennen, dass er französische Fabeln ins Deutsche adaptierte, wenn auch in leicht abgeänderter Form. Das Fabliau Vilain de Bailluel von Jean Bodel hat fast den gleichen stofflichen Inhalt, wie Der begrabene Ehemann vom Stricker, allerdings hat dieser die Handlung etwas abgeändert und auf seine didaktischen Ziele hin angepasst. Er verstand es das Weltliche und Geistliche auf sehr vielfältige Weise miteinander zu verbinden.[9] Dabei lag seine Betonung immer auf der List, welche von den Protagonisten seiner Mären oft auf unterschiedlichste Weise angewandt wird. Der Kleindichter lenkt die Aufmerksamkeit seiner Zuschauer geschickt auf die Herrschaftsmodelle der damaligen Gesellschaft. Er stellt in seinen Mären immer einen Ordnungsverstoß dar, auf welchen im Anschluss eine Replik erfolgt, die dazu dient die gottgegebene Ordnung wiederherzustellen. Auf Verstoß und Replik folgt eine Pointe.[10] Manchen seiner Mären ist ein Epimythion[11] nachgestellt, welches eine angehängte Moral darstellen soll. Manchmal allerdings ist es auch so, dass die eigentliche Lektion der Geschichte nicht in der Handlung, sondern sogar erst im Epimythion zu finden ist. Die Geschichten des Strickers sind unverzichtbar, wenn man vorhat sich mit Märendichtung auseinanderzusetzen.

1.1 Der Stricker und die göttliche Ordnung

Wie im vorangegangenem Kapitelpunkt schon erwähnt, zählte die Einhaltung der göttlichen Ordnung, also der Ordo als absolute Bedingung im Leben. Ordo meint hierbei eine von Gott geordnete Weltordnung, der man sich nicht widersetzen darf. Dazu zählt auch die hierarchische Unterordnung der Frau unter ihren Ehemann. Dass die Ehefrau ihrem Gatten untersteht lässt sich schon in der Bibel finden. Hier heißt es:

„Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist, die er als seinen Leib erlöst hat. Aber wie nun die Gemeinde sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen ihren Männern unterordnen in allen Dingen.“[12]

Die mittelalterliche Gesellschaft war stark vom Christentum geprägt und bestimmt. Auch der Stricker mit seiner theologischen Ausbildung vertrat dieses Bild der Ordnung. So behandelt er in seinen Mären stets die Folgen von Verstößen gegen jene Ordnung. Ihm zufolge muss unweigerlich auf einen Verstoß eine Reaktion folgen, die die rechtmäßige Ordnung wiederherstellt.[13] Wie die Wiederherstellung erfolgt, variiert allerdings. Einerseits kann das durch Strafe für den Störer der Verhältnisse erfolgen, wie zum Beispiel in der Eingemauerten Frau durch das Einmauern. Hier wird die Ehefrau, welche sich konsequent weigert ihrem Gatten zu gehorchen, durch Inklusion dazu gebracht, ihren Ungehorsam abzulegen.[14] In Die drei Wünsche weigert sich ein Ehepaar den ihnen von Gott vorgesehen Platz in der Gesellschaft zu akzeptieren und wird mit Hilfe von den Wünschen der Lächerlichkeit preisgegeben, da sie letztendlich nichts durch diese gewonnen haben.[15] In dieser Märe wird der Ordnungsverstoß durch Schande geahndet. Beide haben sich dem Hochmut hingegeben, welcher nicht ohne Sanktion bleiben darf. Zur Restitution der Ordnung dient außerdem das Erzwingen von Erkenntnis, so wie es in der Eingemauerten Frau mit Hilfe der Isolation und der damit einhergehenden Abgrenzung von jeglichem sozialen Umfeld geschieht. Im Begrabenen Ehemann erfolgt der Ordnungsverstoß zunächst von Seiten der Frau, welche sich im Verlauf der Geschichte über ihren Mann stellt. Im Epimythion aber wird deutlich, dass auch der Mann gegen die Ordnung verstößt, da er sich seiner Frau so absolut unterordnet.[16] Somit handelt er gegen die göttliche Ordnung, da er als Ehemann eigentlich über seiner Frau zu stehen und ihr Einhalt zu gebieten hat. Doch die blinde Liebe zu seiner Ehefrau lässt ihn seine Pflicht vernachlässigen und macht ihn so zu einem Minnetoren.

Das Handeln in den Mären ist von großer Bedeutung für die didaktische Wirkung. Hierbei geht es nicht um das bloße Befolgen der ordo- Regeln, sondern um die Art des Handelns der Protagonisten. Dieses Handeln hingegen soll von ordo- Regeln bestimmt werden.[17] Die Protagonisten, welche beim Stricker nie expliziert werden, stehen in einer Situation, in derer sie einer Provokation ausgesetzt werden. Nun sollen sie erkennen in welchem Maße hier die Ordnung gestört wird und welches Verhalten notwendig ist um die Störung zu beheben. Gelingt ihnen das nicht, werden sie selbst zum Störfaktor und müssen entweder durch Schande, Einsicht oder Tod die ordo wiederherstellen. Die Mären des Strickers sollen als Modelle dienen, die vorgeben wie man in einer ähnlichen Situation handeln sollte um die göttliche Ordnung zu restituieren.

2 Der Begrabene Ehemann

Bei der hier thematisierten Märe handelt es sich um eine Kurzgeschichte, die als Ehe-Märe einzuordnen ist. Es liegt eine Dreierkonstellation vor die aus Ehefrau, Ehemann und Pfaffe besteht. Bei den Eheleuten handelt es sich um einfache Leute, was zu Beginn der Märe schon erkennbar wird. So steht im Text Ein man sprach wider sîn wîp[18] (V.1)

Wäre hier ein Ritter gemeint, stünde dies auch deutlich im Text. Da aber nur ein Mann zu seinem Weibe spricht, kann man darauf schließen dass es sich nicht auf höfische Gesellschaft bezieht. Besagter Ehemann erklärt seiner Frau seine Liebe sei größer als die ihr und sie könnte es niemals schaffen diese Liebe zu erreichen.

Du möchtest mir niemer sô holt werden, als ich dir bin. (V.6-7)

Seine Frau erwidert ihm, dass er dieses zu beweisen habe und fordert bedingungsloses Vertrauen, welches ihr von ihrem Gatten auch zugesichert wird. Dies stellt schon den ersten Verstoß gegen die einzuhaltende Ordnung darstellt, da der Ehemann sich selbst mit diesem absoluten Minnebekenntnis aus seiner der Frau übergeordneten Rolle heraus in eine niedrigere Stellung begibt. Der Mann sieht seine eigene Liebe als unerreichbar, selbst von der eigenen Frau nicht. Diese Ansicht der Verhältnisse steht allerdings auch dem Prinzip der Gleichrangigkeit, welches in einer von Gott geordneten auch in der Ehe zu herrschen hat, entgegen.[19] Sie gibt der Ehefrau die Möglichkeit sich über ihren Ehemann zu erheben. Dies geschieht während der Märe schrittweise. Zunächst fordert sie zum Beweis seiner Liebe, dass er ihr alles glauben möge, was sie ihm erzähle: ez müet ein ieslîchez wîp und gât ihr rehte an den lîp, swaz si geseit ir man, daz er des niht gelouben kan. Uns entout kein dinc sô wê. " Er sprach: „enist des niht mê, des du mich bitest?"sie sprach: „nein." er sprach: „ daz wære ein morst und mein, wære ich dir niht des bereit. Ich will dir swern einen eit, wan du mir sô wol behagest, swaz sô du mir gesagest, daz ich daz allez gelouben wil, sîn sî wênic öde vil, sô du mich minnest als ich dich, daz du niemer betriugestmich."(V.31-46)

Der Gattin gelingt es also ihrem Mann einen Eid zu entlocken, nach dem er sich dazu verpflichtet, ihr wirklich alles zu glauben, was sie ihm erzählt. Sie beschließt alsbald das getätigte Versprechen zu prüfen, indem sie ihm mittags erzählt, der Tag sei zu Ende sie müssten jetzt zu Bett gehen ( vgl. V. 50-55). Diesen Test besteht der Bauer nicht, was seine Frau dazu veranlasst, ihm mit Trennung zu drohen. Um dieses abzuwenden, versichert der Ehemann seiner Frau ihr in Zukunft wirklich alles zu glauben.

[...]


[1] Dieser Begriff bezeichnet eine von Gott geordnete Welt, in der alles seinen ihm zugeschriebenen Platz hat, welchen man nicht missachten darf.

[2] Bei diesem Texttyp handelt es sich um Kurzgeschichten, in denen gesellschaftliche Ereignisse, wie Ehebruch und Ähnliches dargestellt werden und wie mit ihnen umgegangen wird. Die Mären literarisch einzuordnen gestaltet sich als schwierig. Es herrschen unterschiedliche Auffassungen von prägnanten Merkmalen und Ausschlusskriterien.

[3] Vgl. Del Duca, Patrick: Komische und moralisch- belehrende Erzählungen. Der Stricker. In: Kleinepik, Tierepik, Allegorie und Wissensliteratur. Hg. v. Fritz Knapp, Peter Berlin. 2013. S. 66.

[4] Vgl. Grubmüller, Klaus. Die Ordnung, der Witz und das Chaos. Eine Geschichte der europäischen Novellistik im Mittelalter: Fabliau, Märe - Novelle. Tübingen. 2006. S. 80.

[5] Vgl. Ebd. S. 80.

[6] Vgl. Ebd. S. 80.

[7] Der Stricker hat die Dialoge der Sprechenden in seinen Geschichten so gestaltet, dass eine Veränderung der Machtverhältnisse beispielsweise durch Redeanteil und Argumentation erkennbar wird.

[8] Diesen Begriff nutzt Walther Haug beim Versuch den Mären eine literarische Gattung zuzuordnen, was sich in der Forschung bisher als äußerst schwierig gestaltet hat. Vgl.: Haug, Walter. Entwurf zu einer Theorie der mittelalterlichen Kurzerzählung. In: Kleinere Erzählformen des 15. Und 16. Jahrhunderts. Hg. V. Haug, Walter und Wachinger, Burghart. Tübingen.1993.S. 1-

[9] Vgl. Friedrich, Udo. Topik und Rhetorik. Zu Säkularisierungstendenzen in der Kleinepik des Strickers. In: Literarische Säkularisierung im Mittelalter. Hg. v. Susanne Köbele u. Bruno Quast. Berlin, Boston. S. 93.

[10] Vgl. Grubmüller: Die Ordnung, der Witz und das Chaos. S. 82- 91.

[11] Epimythion (griech.), die einer Fabel angehängte Moral oder Nutzanwendung. http://www.fremdwort.de/suchen/bedeutung/epimythion#. Letzter Zugriff: 18.03.2017. Das Epimythion dient in den Mären des Strickers zur Fazitbildung. Es soll Anhalt darüber geben in welchem Maße die Protagonisten sich falsch verhalten haben.

[12] Bibel. Paulus, Epheser 5, 22-24

[13] Vgl Grubmüller: Die Ordnung, der Witz und das Chaos.. S.82- 83.

[14] Vgl. Der Stricker. Verserzählungen. Hg. v. Hanns Fischer. Tübingen.1979. S.50- 66.

[15] Vgl. Verserzählungen. S. 1- 11.

[16] Vgl. Verserzählungen. S. 28- 36.

[17] Vgl. Grubmüller: Die Ordnung, der Witz und das Chaos. S.89.

[18] Verserzählungen.S. 28.

[19] Gleichrangigkeit heißt hier nicht, dass die Frau die gleiche Entscheidungsgewalt wie ihr Ehemann hat, sondern dass beide sich innerhalb der gottgewollten Hierarchie gleichrangig gegenüberstehen. Die Frau bleibt ihrem Gatten nach wie vor untergeordnet.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Stricker und die göttliche Ordnung in seiner Märe "Der Begrabene Ehemann"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Strickermären Aufbauseminar
Note
2,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V371652
ISBN (eBook)
9783668499454
ISBN (Buch)
9783668499461
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Der Stricker, Märendichtung
Arbeit zitieren
Jennifer Fuhrmann (Autor), 2017, Der Stricker und die göttliche Ordnung in seiner Märe "Der Begrabene Ehemann", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371652

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