Mythos und Ritual in Carlos Castanedas "Die Lehren des Don Juan"

Die Renaissance des Schamanismus?


Hausarbeit, 2009

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die schamanische Weltanschauung und ihre entheogenen Hilfsmittel
2.1 Schamanismus – eine Annäherung
2.1.1 Der Begriff
2.1.2 Mythischer Hintergrund
2.1.3 Initiation und Praxis
2.2 Peyote (Lophophora Williamsii)
2.3 Teufelskraut (Datura Inoxia)

3 Von Hunden und Eidechsen
3.1 Séance I: Mescalito
3.2 Séance II: Teufelskraut

4 New Age und Castaneda
4.1 Die New-Age Bewegung
4.2 Vom Ethnologen zum (Neo-) Schamanen: Eine Metamorphose
4.3 Castaneda als Begründer des Neo-Schamanismus

5 Résumé

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit dem Buch „Die Lehren des Don Juan“ von Carlos César Arana Castaneda. Der US-amerikanische Anthropologe, Ethnologe und Schriftsteller lernt im Rahmen einer universitären Ethnobotanik-Feldstudie im Südwesten der USA den Schamanen Don Juan Matus kennen. Dieser gibt ihm in den folgenden Jahren Einblicke in die mythologische Welt des uralten Volkes der Yaqui[1]und unterrichtet ihn darin, die geheimnisvolle Schwelle von der profanen Welt in eine neue Dimension der Wirklichkeit zu überschreiten.

Ursprünglich war Castaneda nur an der traditionellen und medizinischen Nutzung von Heilpflanzen, wie dem halluzinogenen[2]Kaktus Peyote, (Lophophora Williamsii) bei der indigenen Bevölkerung im Südwesten der USA interessiert. Doch sein späterer Lehrer Don Juan sieht in ihm seinen potenziellen Nachfolger und weist ihn über einen Zeitraum von vier[3]Jahren in eine jahrhundertealte Schamanentradition ein. Mit der Zeit wird Castanedas wissenschaftliche Weltsicht zunehmend erschüttert. Er befindet sich in einem Prozess, der ihn vom objektiven Beobachter zum subjektiven Teilnehmer, vom Ethnologen zum Schamanen, werden lässt. Carlos Castaneda schildert in seinem Buch an mehreren Stellen sog. Séancen, rituelle Handlungen, bei denen er durch die Einnahme verschiedenster psychedelischer Drogen Trance-Zustände und Bewusstseinsveränderungen erreicht. Castanedas Lehrer, der aus Mexiko stammende indianische Schamane Don Juan[4], führt ihn auf diese Weise in eine andere Wirklichkeitswelt ein und offenbart ihm eine Art der Wahrnehmung, die ihm zuvor fremd war.

Im Folgenden werde ich, um den Umfang der Arbeit nicht zu sprengen, exemplarisch lediglich zwei dieser Séancen beschreiben und analysieren. Jede dieser Séancen wird unter dem Einfluss von unterschiedlichen psychedelischen bzw. entheogenen[5]Drogen abgehalten.

Die vorliegende Hausarbeit versucht aufzuklären, warum Castanedas Werk v.a. in der New-Age-Bewegung eine solch zentrale Rolle spielte und auf welche Weise es Carlos Castaneda gelang, das Phänomen des Schamanismus in der westlichen Welt des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu etablieren. Außerdem geht es in dieser Hausarbeit, neben der Analyse magischer Rituale, dem zumeist drogeninduzierten Zustand der Ekstase und der damit verbundenen Wahrnehmung einer anderen Wirklichkeit in Carlos Castanedas Werk, auch um die grundsätzliche Frage nach der Konvergenz der bewussten und freiwilligen Entwicklung des Wissenschaftlers zum Schamanen und der schamanischen Initiation im traditionellen Schamanismus´.

2 Die schamanische Weltanschauung und ihre entheogenen Hilfsmittel

Zum besseren Verständnis der folgenden Analyse sind Hintergrundinformationen über Schamanismus im Allgemeinen und jenen Mesoamerikas und Mexikos im Speziellen unerlässlich. Außerdem werden die verwendeten Drogen und ihre jeweilige Wirkung vorgestellt.

2.1 Schamanismus – eine Annäherung

2.1.1 Der Begriff

Der Begriff Schamanismus stammt vermutlich[6]aus dem Tungiesischen, der Sprache der in Ostsibirien lebenden Ewenken. Das tungiesische Wort „shaman“ bedeutet soviel wie „verrückt“, „anheizen“, „verbrennen“. Auch eine Ableitung vom sanskritischen Wort „shramana“, welches im Sinne von „sich abmühen“ verwendet wird, wäre denkbar. (vgl. Schmid in: Gasper/ Müller/ Valentin 1991, 919-920). Schamanismus kennzeichnet einen weitläufiger Begriffskomplex und bezeichnet das „ […] kulturelle und religiöses System von Glaubensvorstellungen, Riten und Kosmologien, die sich um den inspirierten Medizinmann oder Schamanen ranken […]“ (Hultkrantz 2002, 9). Der Schamane ist sowohl Priester wie auch Arzt und Ratgeber in allen Fragen zu Interaktionen von Natur und Gesellschaft. Die Seele des Schamanen besucht, um diese Fragen zu beantworten, das Jenseits. Er gerät dafür in Ekstase. Der rumänische Religionswissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller Mircea Eliade definiert den Schamanismus 1951 erstmals als eine „archaische Ekstasetechnik“ (Eliade 1956, 14) und bezeichnet den Schamanen in diesem Zusammenhang als „Meister der Ekstase“ (Eliade 1956, 14). Bis zu diesem Zeitpunkt war die Meinung vorherrschend, dass es sich bei Schamanismus um eine Form von Geisteskrankheit handele.

2.1.2 Mythischer Hintergrund

Wie Mircea Eliade schon durch den Titel seines Werks „Schamanismus und archaische Ekstasetechnik“ konstatiert, gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Phänomen des Schamanismus und der archaischen Vorstellungswelt der, den Schamanismus praktizierenden, Bevölkerungsgruppen. Diese Vorstellungswelt ist von mythischen Bildern geprägt, die die Welt in ihrem ursprünglichen, urzeitlichen Zustand abbilden, in dem es weder Tod noch Krieg auf Erden gab. Auch sprach der Mensch, nach dieser Vorstellung, die gleiche Sprache wie die Tiere und konnte ohne weiteres mit diesen kommunizieren. „Der Himmel und die Unterwelt waren noch nicht von der Erde geschieden. Über eine Leiter, den Urbaum oder den Weltenberg konnten damals noch alle in den Himmel und zu den Göttern oder Geistern finden. Erst später wurde diese Verbindung unterbrochen.“ (Schmid in: Gasper/ Müller/ Valentin 1991, 921). Der Schamane ist nunmehr der einzige, der auf der einen Seite die Möglichkeit, auf der anderen Seite aber auch die Pflicht hat, in die Ober- und Unterwelt zu gelangen. Er dient somit als eine Art Bindeglied zwischen der profanen, irdischen Welt und der sakralen Welt der Götter und Geister.

2.1.3 Initiation und Praxis

Ein Schamane wird in den meisten Fällen nicht freiwillig zu ebendiesem. Vielmehr wird er dazu berufen: „In der Regel waren es die Geister schamanischer Ahnen, Naturgeister oder andere übernatürliche Wesen, die eine Person für dieses Amt erwählten.“ (Stolz 1988, 38). Meist gehen Depressionen oder schwere, oft psychosomatisch bedingte, Krankheiten der Initiation voran. Diese verschwinden erst wieder, wenn die betroffene Person ihre Bestimmung akzeptiert und ihren „Selbstfindungsprozess“ abgeschlossen hat. Während der Phase der Initiation identifiziert sich der Schamane mit Tieren, kommuniziert mit Geistern, „durchfliegt“ die verschiedenen Welten, durchlebt den eigenen Tod und erlebt, wie er zerstückelt oder aufgefressen wird: „Schamanismus ist der Tod des Ichs und das Erreichen einer neuen Identität, begleitet durch die wirre Vielfalt schrecklicher und heilsamer Träume und Visionen“ (Schmid in: Gasper/ Müller/ Valentin 1991, 920).

Wie schon erwähnt, fungiert der Schamane als Mittler zwischen Diesseits und Jenseits. Durch Trance und Ekstase erweitert der Schamane sein Bewusstsein und ist so in der Lage während seiner Seelenreise mit Tieren und Dingen, mit Göttern und Geistern, mit Toten und sogar mit Krankheiten zu kommunizieren. Diese Zustände der Trance und Ekstase erreicht er entweder „Mit Trommel und Tanz, mit Versenkungsübungen und Initiationsriten […]“ (Schmid in: Gasper/ Müller/ Valentin 1991, 921) oder durch die Einnahme bestimmter halluzinogener Drogen. Je nach Region variieren die spirituellen Praktiken, die den Schamanen in Trance versetzen und ihm das Tor zur anderen Wirklichkeit eröffnen. Für die Gesellschaft um den Schamanen herum spielt dieser durch seine oben genannten Fähigkeiten eine zentrale Rolle. So fallen in den Aufgabenbereich eines Schamanen nicht nur die Krankenheilung und die Seelenführung von Mensch und Tier in die jenseitige Welt, sondern auch „[…] die Suche nach verlorengegangenen Gegenständen und Tieren, sowie die Weissagung.“ (Stolz 1988, 60).

Schamanismus gibt es auf der ganzen Welt. Nach Amerika wurde er vermutlich durch die ersten Einwanderer aus Nordostasien vor zwanzig- bis vierzigtausend Jahren gebracht. (vgl. Hultkrantz 2002, 9). Die Ausprägungen des Schamanismus in Amerika sind jedoch sehr vielfältig und unterscheiden sich durch die Spezialisierungen der Rituale und der damit verbundenen Herbeiführung von Ekstasezuständen:

Je näher man Mexiko und somit dem Schauplatz der Erfahrungen, die Castaneda in seinem Buch schildert, kommt, desto häufiger werden in den Ritualen Halluzinogene eingesetzt, um die psychologischen Ekstasezustände des Schamanen hervorzurufen. Der gesamte Schamanismus Mittel- und Südamerikas baut auf dem Gebrauch künstlicher und oft bewusstseinserweiternder Mittel auf. So wird Tabak überall eingesetzt, Pilze, Datura und Peyote dagegen hauptsächlich am Übergang zwischen den beiden Halbkontinenten (vgl. Hultkrantz 2002, 7). Der Schamane ist hier der Meister der drogeninduzierten Ekstase und kennt die entsprechenden Pflanzen und ihre halluzinogenen Eigenschaften. Er weiß um ihre Zubereitung, ihre richtige Dosierung und um die Interpretation der während des Rausches wahrgenommenen Halluzinationen.[7]

2.2 Peyote (Lophophora Williamsii)

Der Peyote-Kaktus, welcher im Rausch oft in personifizierter Form auftritt, wird von Don Juan auch verniedlichend als „Mescalito“ bezeichnet. Er ist in Zentral- und Nordmexiko sowie im Tal des Rio Grande im Südwesten der USA beheimatet. Es handelt sich dabei um eine kleine, oft in Gruppen wachsende, graugrüne Pflanze ohne Stacheln und mit einer langen Pfahlwurzel. Durch das Abschneiden des oberirdischen Teils, kann man Exemplare mit mehreren Köpfen züchten. Durch Trocknen der Kronen entstehen sie sog. „Buttons“, die ihre Wirkung jahrelang behalten. Man nimmt einen solchen Knopf in den Mund, kaut ihn und schluckt ihn herunter. (vgl. Balick 1997, 193).

Peyote ist also ein wichtiger Aspekt der schamanischen Traditionen Mittelamerikas. Die Schamanen benutzen es als Heilmittel und für viele andere Riten. Er wird auch angewandt als Abwehrmittel gegen Hexen und böse Kräfte, Schlangenbisse, Verbrennungen und Rheuma. Für Angehörige der „Native American Church“[8]handelt es sich bei Peyote um eine heilige Pflanze. Ihnen ist es mittlerweile sogar per Gesetz gestattet, das Peyote-Sakrament zu empfangen und den Kaktus zu konsumieren.

Man weiß heute, dass sich Peyote aus mindestens 44 Alkaloiden zusammensetzt. (vgl. Rätsch 1987, 214). Diese Alkaloide sind u.a. Meskalin, welches als einzige Komponente halluzinogen wirkt, Peyotilin, welches krampffördernd wirkt und Lophophorin, welches eine strychninähnliche, d.h. eine die allgemeine Erregbarkeit steigernde, Wirkung hat. (vgl. Stafford 1980, 194). Das psychedelisch wirkende Meskalin ist mit einem Hirnhormon, dem Neurotransmitter Noradrenalin, verwandt. (vgl. Schultes/ Hofmann 1980, 138). Die Wirkung geht von Übelkeit und Verkrampfungen über Zitterzustände und Schweißausbrüche bis hin zu Heiterkeitsgefühlen, in denen vertraute Objekte anders, zumeist bunter und intensiver, wahrgenommen werden. Zwischendurch hat der Konsument das Gefühl, eine tiefe Einsicht in die Bedeutung der Dinge zu haben und reflektiert darüber. Diese wechselnden Zustände werden in den Rhythmen und Liedern der Peyote-Zeremonien widergespiegelt.[9]Es gibt viele Indianer, die Peyote, im Rahmen einer solchen Zeremonie, die ganze Nacht hindurch einnehmen. Nach etwa acht bis zehn Stunden lässt die Wirkung nach. Die körperlichen Symptome sind außerdem ein erhöhter Puls und Blutdruck, vermehrter Speichelfluss, eine leicht erhöhte Körpertemperatur, vergrößerte Pupillen und ein vermindertes Hungergefühl.

Der französische Schaupieler, Regisseur und Dichter Antonin Artaud sagte einmal über Peyote: „Im Bewusstsein ist das Wunderbare, mit ihm gelangt man über die Dinge hinaus. Und der Peyote sagt uns, wo es sich befindet.“ (Artaud, 1947)[10]

2.3 Teufelskraut (Datura Inoxia)

Diese Art der Datura-Pflanze wird auf Deutsch auch als großblütiger Stechapfel und von Don Juan auch als „Teufelskraut“ bezeichnet. Es handelt sich hierbei um ein einjähriges Kraut mit spindelförmiger Wurzel. Es gehört in die Familie der Nachtschattengewächse. Die Pflanze wird ca. 30 – 200 cm hoch und ist behaart. Die eiförmigen Blätter sind groß, langstielig und auffällig geädert. Sie sind es auch, die den starken Geruch verströmen, der oft als unangenehm empfunden wird. Die Blüten sind, je nach Varietät, weiß oder violett. Die trichterförmige Blütenkrone ist 60-100 mm lang, öffnet sich gegen Abend und zieht mit ihrem starken Duft Nachtfalter an. Der Stechapfel enthält die giftigen Alkoloide Hyoscyamin, Atropin und Scopolamin. Alle Pflanzenteile sind giftig, besonders jedoch die Wurzeln und Samen. Die Wirkung reicht von Mundtrockenheit über Verwirrung bis hin zu Halluzinationen. Die Wirkstoffe werden sehr schnell über den Verdauungstrakt aufgenommen, können aber auch über die Lunge (durch Inhalation) oder sogar über den bloßen Hautkontakt in den Körper gelangen. Die Pflanze wird weltweit in entsprechend niedrigen Dosen auch als Aphrodisiakum und als Mittel gegen Asthma verwendet. (vgl. Alberts 2000, 78)

3 Von Hunden und Eidechsen

3.1 Séance I: Mescalito

Von Seite 38 bis Seite 45 schildert Castaneda sein erstes halluzinogenes Erlebnis. Er nimmt Peyote und macht in seinem Rausch Bekanntschaft mit Mescalito, der personifizierten Gestalt des Halluzinogens.

Castaneda hatte Don Juan von Anfang an versucht zu überzeugen, ihn über den traditionellen und rituellen Gebrauch des Peyote-Kaktus zu unterrichten. Bevor Don Juan dies jedoch tut, bringt er Castaneda durch eine Übung dazu, seine rationale Sicht der Dinge kritisch zu hinterfragen. Castaneda soll die Nacht über auf der Veranda Don Juans verbringen und bekommt die Aufgabe herauszufinden, welche Stelle auf der Veranda „seine Stelle des Glücks“ sei: „Die bloße Tatsache, auf der eigenen Stelle zu sitzen, erzeuge überlegene Stärke; andererseits könnte der Feind einen Mann schwächen und sogar seinen Tod verursachen.“ (Castaneda 1972, 36) In dieser Nacht hat Castaneda zum ersten Mal eine rational nicht erklärbare Wahrnehmung und konstatiert: „Da war ein merkwürdiger Riß zwischen meiner pragmatischen Erfahrung der Furcht […] und meinen rationalen Überlegungen zu dem ganzen Ereignis.“ (Castaneda 1972, 37)

Am 4. August 1961 erlebt Castaneda dann seine erste Peyote-induzierte Trance. Dafür fährt er zusammen mit Don Juan und fünf weiteren Indianern zu dem Haus einer der Freunde, welches sich eine Stunde entfernt von Don Juans Haus in Arizona befindet. In dieser eher ärmlich anmutenden Behausung bekommt er von einem der Indianer sieben Peyote-Buttons überreicht. Er scheint sehr aufgeregt zu sein und versucht anfänglich der Situation zu entkommen: „»Ich muß auf die Toilette gehen« sagte ich zu ihm. »Ich geh nach draußen und laufe etwas umher. « […] Meine Hände waren feucht, und mein Magen hatte sich zusammengezogen.“ (Castaneda 1972, 40) Doch dann überwindet er sich und fängt an, einen der „Buttons“ zu kauen. Er berichtet von der starken Bitterkeit, von der faserigen Konsistenz und der stark betäubenden und Speichel anregenden Wirkung der getrockneten Pflanzenteile. Gegen letzteres verabreicht Don Juan ihm Trockenfrüchte, Trockenfleisch und Tequila. Von Seite 42-45 beschreibt Castaneda dann seinen Rausch. Mescalito begegnet ihm darin in der Gestalt eines Hundes. Er spielt und tobt mit ihm und verständigt sich mit ihm ohne zu sprechen: „Wir spielten und tobten bis ich seine Wünsche kannte und er meine.“ (Castaneda 1972, 44) Weiter erläutert Castaneda die Art und Weise, wie er mit Mescalito kommuniziert folgendermaßen: „Indem ich meine Zehen verdrehte, erreichte ich, daß er seine Beine bewegte, und jedes Mal, wenn er mit dem Kopf nickte, spürte ich einen unwiderstehlichen Impuls aufzuspringen.“ (Castaneda 1972, 44) Der Schamane Don Juan deutet dieses Verhalten des Mescalito als sehr positiv und hat einige Zeit später selbst eine Erscheinung während er sich in Trance befindet: „»Mescalito hat dich mir gezeigt und dadurch sagte er mir, du seist der erwählte Mann. «“ An einer späteren Stelle dann weiht Don Juan Castaneda in das traditionelle Ritual der „Peyote-Jagd“, der traditionellen Ernte des Kaktus´, ein.

Dieses erste drogeninduzierte Erlebnis stellt für Castaneda eine Art Schlüsselerlebnis dar. Er taucht zum ersten Mal in eine andere Form der Wirklichkeit ein und sieht die Welt mit den Augen eines Schamanen anstatt mit denen eines Wissenschaftlers. Die wissenschaftliche, westliche Weltsicht, wird für Castaneda in diesem Moment unterbrochen bzw. „angehalten“, wie Don Juan es ausdrückt. An deren Stelle tritt jene der Schamanen. Die Kommunikation mit dem Hund ist rational nicht nachvollziehbar, geschweige denn logisch erklärbar. Castaneda wird zu einem leuchtenden Wesen und kann mit einem anderen leuchtenden Wesen, dem als Hund erscheinenden Mescalito, kommunizieren. Durch die Personifizierung des Peyote-Kaktus als Mescalito wird deutlich, dass Erscheinungen der Natur im Peyote-Rausch auf geheimnisvolle Weise belebt und beseelt zu sein scheinen. Castaneda wird sich in diesem ersten ekstatischen Zustand voll und ganz der Gleichheit aller irdischen Lebewesen bewusst und erlebt in diesem Zusammenhang ein starkes Gefühl von Glück: „Die Euphorie, die mich ergriff, war unbeschreiblich.“ (Castaneda 1972, 45)

[...]


[1]Die Yaqui sind eine indianische Ethnie Mexikos.

[2]Es handelt sich dabei um den Peyote-Kaktus (Lophophora williamsii), das sog. Teufelskraut (Datura inoxia) und einen halluzinogen Pilz (Psilocybe mexicana), der von Don Juan auch verniedlichend „kleiner Rauch“ genannt wird. „Im spezifischen Kontext seiner Lehren brachte Don Juan den Gebrauch vonDatura inoxiaundPsilocybe mexicanamit dem Erreichen von Macht in Zusammenhang, einer Macht, die er einen »Verbündeten« nannte. Den Gebrauch vonLophophora williamsiiverband er mit dem Gewinn von Wissen oder der Kenntnis einer richtigen Lebensweise.“ (Castaneda 1972, 21)

[3]Die gesamte Lehrzeit Castanedas bei Don Juan betrug ca. 12 Jahre, das betreffende Buch schildert jedoch lediglich die Zeitspanne von 1961 bis 1965.

[4]Über die Person Don Juan ist bis heute nicht viel bekannt. Castaneda schreibt im vorliegenden Werk nur, dass Don Juan „[…] 1891 im Südwesten geboren […]“ wurde und „[…] dass er fast sein ganzes Leben in Mexiko verbracht hatte, daß seine Familie 1900 zusammen mit Tausenden anderer Sonoro-Indianer nach Zentralmexiko ausgewiesen wurde und daß er bis 1940 in Zentral- und in Südmexiko gelebt hatte.“ (Castaneda 1972, 18). Selbst betrachtete sich Don Juan als Indianer aus Sonora.

[5]Der Begriff wurde 1970 eingeführt, um die abschätzigen Bezeichnungen für psychoaktive Substanzen zu ersetzen. Er bezeichnet die Eigenschaften eines Stoffes, die dazu führen, dass die unter Einfluss stehende Person das Gefühl hat das ganze Universum umfassen und schauen zu können oder mit Geistern/ Gott kommunizieren zu können. (vgl. Zeitschrift „Entheogene Blätter“)

[6]Die genaue Herkunft und Bedeutung des Wortes ist nach wie vor umstritten.

[7]http://cactuslife.com/Articles/Lophophora_williamsii_caespitosa.jpg, 25.09.2009, 10:12 h)

[8]Die „Native American Church“ wird auch als Peyotismus oder Peyote-Religion bezeichnet und ist in den USA unter den indigenen Völkern die am weitesten verbreitete Religion.

[9]Ein Beispiel dafür ist das Lied „Witchi Tia To” von Jim Pepper .

[10]http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fbl%C3%BCtiger_Stechapfel, 25.09.2009, 13:52 h

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Mythos und Ritual in Carlos Castanedas "Die Lehren des Don Juan"
Untertitel
Die Renaissance des Schamanismus?
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für Kulturwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V371691
ISBN (eBook)
9783668515482
ISBN (Buch)
9783668515499
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mythos, ritual, carlos, castanedas, lehren, juan, renaissance, schamanismus, castaneda, new age, peyote, ethnologie, ethnographie
Arbeit zitieren
Janina Pszola (Autor), 2009, Mythos und Ritual in Carlos Castanedas "Die Lehren des Don Juan", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371691

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