Träume bei Walter Benjmin

Über die Beziehung zwischen Traum und Erinnerung in der "Berliner Kindheit um 1900"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

20 Seiten

Anna S. (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entstehungsgeschichte der Berliner Kindheit um 1900

3. Erinnerung in der Berliner Kindheit um 1900

4. Traum im Wandel - Von der Antike bis zur Neuzeit

5. Benjamin als Traum Theoretiker

6. Ungesichertes Erinnern

7. Träume in der Berliner Kindheit

8. Schluss

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die folgende Arbeit befasst sich mit den Träumen in der Berliner Kindheit um 1900. Es soll dabei im Besonderen um den Zusammenhang von Erinnerung und Traum gehen. In Benjamins Werk gibt es zahlreiche Passagen, welche den Zusammenhang von Traum und Wirklichkeit thematisieren. Zunächst einmal werde ich einen kurzen Überblick auf die Entstehungsgeschichte der Berliner Kindheit um 1900 geben. Darauf folgt dann eine Einführung in den Erinnerungsprozess in der Berliner Kindheit. Hier soll verdeutlicht werden, was Erinnerung leisten kann und was nicht. Interessant ist, dass Traum und Erinnerung für Benjamin eine ähnliche Qualität haben, die sie vom wachen Bewusstsein unterscheidet. Traum und Erinnerung werden dem Unbewussten zugerechnet. Die erinnerte Kindheit ist die Schwelle, auf der sich, wie Traum und Erwachen am Morgen, für kurze Zeit Vergangenheit und Gegenwart, Unbewusstes und Bewusstes begegnen. Auf dem Weg in das wache Bewusstsein wird die Kindheit durch das Erinnern entstellt.

Im Folgenden werde ich eine kurze Übersicht über den Wandel des Traum Begriffs geben. Hierzu werde ich die Bedeutung des Traumes von der antiken, über das Mittelalter bis hin zur Neuzeit betrachten. Daraufhin werde ich Benjamins Standpunkt und seine Auffassung des Traumes thematisieren. Hier wird deutlich werden, dass Benjamin dem Traum eine besondere Erleuchtungskraft zugeschrieben hat.

Im Weiteren soll es um den Zweifel an der Authentizität der Erinnerung gehen. In der Chronik finden sich Formulierungen, die von der Unsicherheit darüber zeugen, ob das Erinnerte tatsächlich in der Vergangenheit so gewesen ist. Der Traum wird hier neben der Wirklichkeit als zweiter Bezugspunkt für das Erinnern angeführt.

Im Kapitel über die Träume in der Berliner Kindheit geht es im Besonderen um die Passagen Unglücksfälle und Verbrechen und um Ein Gespenst. Für Benjamin bestünde ein struktureller Zusammenhang zwischen Kindheitserinnerung und Traum. Er schildert an verschiedenen Stellen in der Berliner Kindheit seine Erinnerungen an Träume. Träume stellen für Benjamin einen Sonderfall des Erinnerns dar. Die Passage Unglücksfälle und Verbrechen zeigt auf, wie schnell Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen. In der Passage Ein Gespenst wird im Besonderen der prophetische Charakter des Traumes in den Blick genommen, aber auch die Mitteilung des Traumes. Der Traum ist also für die erinnerungstheoretischen Zusammenhänge der Berliner Kindheit als potentielle Spur des Unbewussten von Interesse.

2. Die Entstehungsgeschichte der Berliner Kindheit um 1900

Da die Entstehungsgeschichte des Werkes wesentlich zu dessen Verständnis beiträgt, soll an dieser Stelle kurz auf die Umstände der Entstehung und die verschiedenen Fassungen eingegangen werden. Walter Benjamins Berliner Kindheit um 1900 basiert auf der Auftragsarbeit Berliner Chronik, die er im Jahre 1931 zu verfassen begann und später im Exil bearbeitete.[1] Durch den Auftrag der Literarischen Welt „eine Reihe von subjektiv eingefärbten Geschichten über seine Heimatstadt Berlin zu verfassen“[2], wurde Benjamin veranlasst, sich mit den eigenen Kindheitserinnerungen zu befassen und sie in eine literarische Form zu bringen.[3] Zu Benjamins Lebzeiten sind nur einzelne Texte, zum Teil unter einem Pseudonym, veröffentlicht worden.[4]

Erst im Jahre 1950 gab Theodor W. Adorno die einzelnen Erinnerungstexte als Buch heraus; mit der Gesamtausgabe von 1972 erschien eine erweiterte Fassung und im Nachtragsband wurden später die in der Pariser Nationalbibliothek gefundene Fassung „Handexemplar komplett“ und die „Gießener Fassung“ aus dem Jahre 1932 veröffentlicht.[5] Wie verdeutlicht wurde, liegen die einzelnen Textfragmente in verschiedenen Anordnungen und Umfängen vor. Als Grundlage der Ausarbeitung diente hier die Anordnung von Walter Benjamin.[6]

Die Erzählung „Berliner Kindheit um 1900“ besteht somit aus mehreren Textminiaturen, die, wie bereits erwähnt, von Walter Benjamin im Exil zu einem Werk zusammengefügt wurden.[7] Die einzelnen Fragmente lassen sich innerhalb des Werkes in ihrer Anordnung variieren und bilden keine feste Abfolge. Die vielen Versuche, die einzelnen Texte nach bestimmten Motiven zu ordnen und Textkohärenz zu schaffen,[8] zeigen, dass sich diese Aufgaben als sehr komplex erweisen. Anja Lemke beschrieb dieses Phänomen treffend als „Kaleidoskop der Erinnerungen“[9] durch das mit jeder Neuordnung der einzelnen Erinnerungsdarstellungen ein neues Gesamtbild entsteht und somit mit einer neuen Deutungsoption verbunden ist.[10] Besonders die fragmentarische Struktur des Werkes, verdeutlicht die Kindheitserinnerungen, die ebenfalls Lücken, Zeitsprünge und bruchstückhafte Züge aufweisen. Somit nimmt die fragmentarische Struktur der Erzählung einen hohen Stellenwert ein, die ebenfalls wesentliches Merkmal der Erinnerung an sich darstellt. Die einzelnen Erzählelemente erlauben somit auch eine separate Betrachtung und müssen aufgrund ihrer Losgelöstheit nicht zwingend kontextualisiert werden.

3. Erinnerung in der Berliner Kindheit um 1900

Innerhalb seines Werks haben die Kindheitserinnerungen Berliner Chronik und Berliner Kindheit um 1900 eine außergewöhnliche Position, weil sie autobiographische- literarisches und erinnerungstheoretisches Schreiben miteinander verbinden, so Werner.[11] Die Schreibart und der Erinnerungsvorgang würden eine besondere Reflexivität erhalten. Benjamins Texte teilen Erinnerungen mit und würden nach den Bedingungen des Schreibens über die Vergangenheit fragen. Das Erinnern kommentiere sich selbst und erhalte so eine Dichte und Authentizität, die sich gerade nicht aus der größtmöglichen Nähe zu einem genauso ist es gewesen speist. Dieses rekursive Verhältnis von Erinnern und Schreiben, sei allgegenwärtiger Hintergrund für die Betrachtung von Benjamins Kindheitserinnerungen.

Benjamin schloss die Möglichkeit aus, die Vergangenheit zurückzugewinnen, wie sie gewesen ist. Es entspricht einem konstruktiven Gedächtnis, dass er im Vorwort der Berliner Kindheit Erinnerungen gezielt als ,,Impfung“ gegen die Sehnsucht nach den vergangenen Kindheitserlebnissen einsetzen möchte. Benjamin gehe es nicht um das erinnern überprüfbarer Daten. Für ihn bestehe das Potential des Erinnerns im konstruktiven Charakter des Vergangenheitsbezugs. Seine erinnerungstheoretischen und geschichtsphilosophischen Überlegungen seien nicht nur auf die Vergangenheit ausgerichtet, sondern auf das Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit. Dieses sei nicht statisch, sondern entsteht mit jedem Erinnerungsvorgang neu.[12]

Die Kindheit sei dabei eine der wichtigsten Referenzen für diesen Vergangenheitsbezug. Als Ausgangspunkt für die Erinnerungsarbeit sei sie der Schlüssel zur Gegenwart des Erinnernden. Benjamins Interesse an der Kindheit sei von dem Wunsch geprägt, das Ursprüngliche zu ergründen, das in ihr liegt. Es gehe ihm darum, das verborgene Weiterwirken vergangener Kindheitserlebnisse und –Prägungen zu entziffern und zu begreifen. Nicht zuletzt würden seine Überlegungen durch die Sehnsucht nach der Kindheit als Ursprung initiiert. Die Sehnsucht richte sich auf das, was von der Kindheit im Gedächtnis bewahrt wurde, und bringt die Vorstellung des Gedächtnisses als Speicher in sein Konzept mit ein. Benjamin betrachte die im Gedächtnis bewahrte Kindheit als unerreichbar.[13]

Benjamin führt den Vergleich von Artefakten und Erinnerung an. Das Bild der im Erdreich verschüttet lagernden Erinnerung würde die gedankliche Anknüpfung an das Gedächtnis als bewahrenden Speicher nahe legen. Andererseits sei der Umgang mit Artefakten konstruktiv, sie würden kontextualisiert werden müssen. Artefakte und Erinnerungen seien zum Zeitpunkt ihrer Ausgrabung nicht mehr dieselben wie zum Zeitpunkt ihrer Verschüttung. Sie verweisen auf die Vergangenheit, seien aber nicht identisch mit ihr. Das Vergangene existiere für den Archäologen und für den Erinnernden in der Gegenwart nur als Spur.[14]

Für Benjamin läge die Vergangenheit nie nur “hinten“ – sie ist nicht abgetan- sondern “unten“, in der Tiefe. Sie sei in der Gegenwart unterschwellig gegenwärtig.[15] An einer Stelle in der Berliner Chronik vergleicht Benjamin den Erinnerungsvorgang mit dem Ausgraben einer verschütteten Stadt: ,,Wer sich der eigenen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muß sich verhalten wie ein Mann, der gräbt“[16].

Interessant ist, dass Traum und Erinnerung für Benjamin eine ähnliche Qualität haben, die sie vom wachen Bewusstsein unterscheidet. Traum und Erinnerung werden dem Unbewussten zugerechnet.

Die erinnerte Kindheit sei die Schwelle, auf der sich, wie Traum und Erwachen am Morgen, für kurze Zeit Vergangenheit und Gegenwart, Unbewusstes und Bewusstes begegnen. Auf dem Weg in das wache Bewusstsein wird die Kindheit durch das Erinnern entstellt.[17]

4. Traum im Wandel - Von der Antike bis zur Neuzeit

Zwischen der antiken Auffassung der Träume und der modernen Traumtheorie, gibt es einige Unterschiede. Eine bemerkenswerte Übereinstimmung ist aber jene Grundauffassung, dass Träume nicht etwa nur bedeutungslose Schemen darstellen, sondern einen Sinn haben.

Die Philosophen der Antike setzten sich ihrerseits theoretisch und praktisch mit dem Traum auseinander, so Engelhardt. Plato sei davon überzeugt gewesen, das Träume einerseits die Rückkehr zur Kindheit ermöglichen und andererseits könne man in ihnen die Beziehung zu Gott herstellen. Bereits im antiken Griechenland haben Träume als Kundgebungen der Götter gegolten. Im Griechenland der Antike spielten Träume, Orakel, Tagträume, Traumgeschichte, Visionen eine große Rolle. Überhaupt habe man in fast allen Kulturen die prophetische Kraft der Träume zunächst unbestritten und überaus geschätzt. Dass dem Träumen eine besondere Bedeutungskraft in Hinblick auf die Zukunft beigemessen werde, stelle eine auffallende Linie der Entwicklung dar.[18]

Die Auffassung über den Traum sei im Mittelalter besonders durch die transzendente Orientierung bestimmt worden. Visionen und Träume seien in den Auffassungen verschiedener Kulturen seit sehr langer Zeit mit einer anderen Welt, dem Einbruch eines Geistigen, Jenseits, Numinosen verbunden: ,,Beide, Traumbild und Vision, erscheinen als häufige Form einer unmittelbaren göttlichen Offenbarung; die Vision wie der Traum haben den Charakter einer individuellen Berufung oder Beauftragung des Träumenden oder Schauenden durch Gott, und beide haben prophetischen Charakter“.[19]

Visionen haben zu können, Belegte über lange Zeit eine religiöse Empfindsamkeit, eine spezifische Empfänglichkeit oder auch Genialität im Hinblick auf Botschaften, Erscheinungen, Epiphanien, die sich des Subjekts als ihrem Mittler und Medium bedienten, ihrer Herkunft nach jedoch als zuverlässige Botschaften einer höheren Welt galten, so Reck.[20]

Artemidor von Dalis (Traumdeuter und Wahrsager) habe mit der Klassifizierung der Träume begonnen. Er habe sie in bedeutungsvolle Traumvisionen und bedeutungslose Träume unterschieden. Unter bedeutungslosen Erscheinungen fasst er jegliche Begierden, sowie Furcht und Übersättigung, welche sich im Traum zeigen. Die bedeutungslosen Träume würden Sigmund Freuds Tagrestträume entsprechen. Die bedeutungsvollen Traumgeschichten würden bei Artemidor in theorematische und allegorische Visionen unterteilt werden. Theorematische Visionen würden unverschlüsselt ankündigen, was in unmittelbarer Zukunft geschehen werde. Allegorische Visionen würden wegen ihrer Verschlüsselung der Deutung benötigen.[21]

Die Neuzeit habe einen Entscheidenden Einschnitt für die Sphäre der Träume und des Onirischen generell bedeutet. Die Träume seien narrativer, episodischer, peripherer, dezentrierter, banaler, hermetischer und disparater geworden. Wenn Träume nicht mehr Offenbarungsträume seien, keine mantischen Traumgeschichten, dann würden die Götter auch keine Botschaften mehr über diesen Kanal senden. Die Träume, nicht nur das Wachbewusstsein seien in der Neuzeit autonomisiert worden.[22]

Sigmund Freud sprach sich klar gegen Träume als Zukunftsvisionen aus: ,,Ich bin weit davon entfernt, im Traum eine Ankündigung der Zukunft anzuerkennen, nach deren Enthüllung der Mensch seit jeher mit allen unerlaubten Mitteln vergeblich strebt“.[23]

Das Problem stehe und falle mit der Frage, ob es tatsächlich prophetische Träume gäbe. Überblicke man die Literatur, so scheint es, als bestünde daran kein Zweifel. In mindestens jedem zweiten Buch über den Traum würden Berichte über solche Art von Träumen durch absolut glaubwürdige Gewährspersonen wiedergegeben. Einen Beweis für die tatsächliche Existenz von prophetischen Träumen seien jedoch bis heute nicht erbracht worden.[24]

Die Betrachtung der Träume sei also um dies nochmal deutlich herauszustellen alt und ihre Deutung habe eine lange Geschichte. Die Wahrnehmung der Bedeutsamkeit von Träumen, das Interesse an den möglichen verborgenen Mitteilungen und die Tatsache, dass im Traum sich dem Menschen ein Zugang zu einer verborgenen Welt eröffne, sei schon früh religiös, später anthropologisch gedeutet worden.[25]

5. Benjamin als Traum Theoretiker

Zu Walter Benjamins Notizen und Aufzeichnungen gehören auch zahlreiche Träume. Gershom Scholem habe berichtet, dass Benjamin oft Träume erzählte und gerne auf das Thema der Traumdeutung zu sprechen kam. Gewiss habe Benjamins Interesse an Träumen nicht in erster Linie der Psychoanalyse gegolten, jedoch zeige seine Traumtheorie eine gewisse Verwandtschaft zu Freuds These vom Traum als Wunscherfüllung.

Benjamins Auffassung vom Traum sei jedoch nicht die der Psychoanalyse Freuds, welche in der Traumsymbolik eine Möglichkeit sieht, die Motive eines Individuums verstehen zu lernen. Freud gehe von Verdrängungsmechanismen aus, welche beim Träumen weniger wirksam werden würden als im Wachzustand, und daher Wünsche weniger verschleiert werden würden. Der Psychoanalytiker versuche, die latenten Traumgedanken aufzudecken.[26]

Auf Benjamin habe der Traum eine fast numinose Anziehungskraft ausgeübt, da er in ihm einen Ort sah, an dem eine andere Wirklichkeit in den Menschen einbricht. Dies ist aber eine Auffassung, die seit alters her bei allen Völkern von ungeheurer Bedeutung war: ,,der Traum bringt den Menschen mit dem Übersinnlichen in Beziehung, es ist eine Botschaft aus einer anderen Welt und als solche Offenbarung“.[27]

Dem Traum habe Benjamin eine besondere Erleuchtungskraft zugeschrieben. Hinter dieser Privilegierung vom Traum stünde der Wunsch, völlig neue unvertraute und unverbrauchte Zeichen zu gewinnen und in die Prozesse der Erfahrung und des Denkens einzutragen.[28]

Baudelaire habe den Traum enthusiastisch gehuldigt: ,,Im Schlafe, dieser allmächtigen Abenteuerfahrt, giebt es etwas thatsächlich Wunderbares; es ist ein Wunder, dessen Pünktlichkeit das Mysteriöse schon beeinträchtigt hat“.[29] Baudelaire habe zwei Arten von Träumen unterschieden. Die eine Art seien jene, welche sich in mehr oder weniger bizarrer Weise mit den Dingen, die am Tage vorüberhuschten und rücksichtslos auf der weiten Ebene des Gedächtnisses ihre Spuren hinterließen. Diese Art der Träume nenne Baudelaire natürliche Träume. Die andere Art der Träume seien die hieroglyphischen, welche die übernatürliche Seite des Lebens darstellen würden.

Weitere interessante Anregungen zum Thema Traumbewusstsein, habe Benjamin von dem deutschen Philosophen und Psychologen Ludwig Klages erhalten. Nach Klages gäbe es zwei Wirklichkeiten, zum einen das Wachbewusstsein- ihr Träger sei der Geist- und zum anderen das Traumbewusstsein, dessen Träger die Seele sei. Das Traumbewusstsein sei nicht so begrenzt wie das Wachbewusstsein: ,,Sind im Wachbewßtsein die Spannung zwischen Subjekt und Objekt, der Gegensatz zwischen Innen und Außen, und die Unvereinbarkeit des Hier mit dem Dort, des Jetzt mit dem Einst nicht aufzulösen, so kennt das Traumbewußtsein dieses Problem nicht“.[30]

Das Traumbewusstsein sei nach Klages das Fundament der Lebensform und Denkgestaltung der Vorgeschichte der Menschheit. Es bezeuge die ursprüngliche Totalität, aus der das Wachbewusstsein sich erst kristallisieren würde. Das Traumbewusstsein sei ein Bewusstsein von Korrespondenzen. Diese Korrespondenzen bestünden nach Benjamin zwischen der Welt der modernen Technik und der archaischen Symbolwelt der Mythologie. Benjamins Bewusstsein richte sich auf Bereiche, in denen das Wachbewusstsein verunsichert und das Traumbewusstsein ins Tagesbewusstsein eingezogen wird. Die Korrespondenzen würden als Überbrückung von Hier und Dort und von Einst und Jetzt dienen. Dies sei die Möglichkeit der Überwindung der Subjekt-Objekt-Spaltung.

Als besondere Form des Traumbewusstseins nannte Benjamin die Welterfahrung des Kindes. Kinderaugen würden die Welt magisch begreifen. Es sei Baudelaire gewesen, welcher die besondere tiefe und genussreiche Neugier des Kindes auf die Welt beschrieb. Nach Baudelaire sähe das Kind alles im Lichte der Neuheit, weil es immer berauscht sei.

Wir wissen nun, dass Benjamin ein intensiver Träumer war und dass er eine Vielzahl seiner Träume auch aufgeschrieben hat. Eine Aufschreibpraxis, Träume sogleich nach dem Aufwachen zu notieren und zu datieren, habe er aber nicht verfolgt. Vielfach würden der Zeitpunkt des Aufschreibens und der Zeitpunkt des Traums weit auseinanderliegen. Die Bedeutsamkeit, die Benjamin den aufgezeichneten Träumen zumisst, sei unübersehbar. Sie seien ein wichtiger Teil seiner schriftstellerischen Arbeit. Traumaufzeichnungen würden in einzelne Werke eingefügt, oder als Separatpublikation zu Lebzeiten veröffentlicht. Zweimal habe Benjamin die gesonderte Publikation einer Sammlung von Träumen geplant, zu der es leider nicht gekommen war.

Müsse der Leser angesichts solcher Schreibpraxis an der Authentizität von Benjamins Traumaufzeichnungen zweifeln? Aus der Erfahrung, dass Träume nach dem Aufwachen entgleiten und willentlich kaum mehr rekonstruierbar sind, folgt die allgemeine Vorstellung, man müsse den gehabten Traum sozusagen bei seinem letztem Zipfel packen, um ihn vor dem Vergessen zu bewahren, so Lindner.[31]

[...]


[1] Vgl. Lemke, Anja: Berliner Kindheit um neunzehnhundert. In: Benjamin-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, hrsg. von Burkhardt Lindner. Stuttgart und Weimar: Metzler 2006, hier S. 654.

[2] Ebd.

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. ebd.

[6] Walter Benjamin: Berliner Kindheit um 1900. 5. Auflage. Frankfurt am Main, 2016.

[7] Vgl. Lemke: Berliner Kindheit. Vgl. S. 654

[8] Vgl. ebd., S. 656

[9] Ebd.

[10] Vgl. ebd.

[11] Werner, Nadine: Archäologie des Erinnerns. Sigmund Freud in Walter Benjamins ,,Berliner Kindheit“. Göttingen 2015, Wallstein Verlag. S. 9.

[12] Ebd, S. 13.

[13] Vgl. ebd. S. 14.

[14] Ebd. S. 16.

[15] Stüssi, Anna: Erinnerung an die Zukunft. Walter Benjamins ,,Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“. Hrsg. v. H. Neumann, K. Stackmann, E. Theodor Sehrt, W. Killy u. A. Schöne. Band 266. Göttingen 1977, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht. S. 25.

[16] Ebd. S. 25, Z. 36-38.

[17] Ebd. S. 95.

[18] Engelhardt, Dietrich: Traum im Wandel- Geschichte und Kultur. In: Schlaf &Traum. Neurobiologie, Psychologie, Therapie. Hrsg. v. M. H. Wiegand, F. v. Spreti & H. Förstl. Stuttgart 2006, Schattauer Verlag. Vgl. S. 6.

[19] Reck, Hans- Ulrich: Traum Enzyklopädie. München 2010, Verlag Wilhelm Fink. S. 83, Z. 16-19.

[20] Ebd. S. 83.

[21] Ebd. S. 107.

[22] Vgl. ebd. S. 127.

[23] Tögel, Christfried: Träume-Phantasie und Wirklichkeit. Berlin 1987, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften. S. 107, Z. 1-4.

[24] Ebd. S. 107.

[25] Vgl. Reck: Traum Enzyklopädie. S. 109.

[26] Schneider, Manfred: Träume. In: Benjamin Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Hrsg. v. Lindner, Burkhardt. Stuttgart 2006, Verlag J. B. Metzler. Vgl. S. 674.

[27] Dieckhoff, Reiner: Mythos und Moderne. Über die verborgene Mystik in den Schriften Walter Benjamins. Band. 8. Köln 1987, Janus Presse. S. 79, Z. 16-18.

[28] Vgl. Schneider: Träume. S. 676.

[29] Vgl. Dieckhoff: Mythos und Moderne. S. 79, Z. 20-23.

[30] Ebd. S. 80, Z. 14-18.

[31] Vgl. Walter Benjamin: Träume: S. 138.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Träume bei Walter Benjmin
Untertitel
Über die Beziehung zwischen Traum und Erinnerung in der "Berliner Kindheit um 1900"
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V371722
ISBN (eBook)
9783668499539
ISBN (Buch)
9783668499546
Dateigröße
599 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erinnerung bei Walter Benjamin, Träume, Prophezeiungen, Berliner Kindheit um 1900
Arbeit zitieren
Anna S. (Autor), 2016, Träume bei Walter Benjmin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371722

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