„[S]o bestuend ich gerner hundert man / strites den aine vrovwen […]“ sagt Dietrich von Bern in der Fassung E2 des ‚Eckenliedes‘. Sowohl in dieser als auch in der Handschrift E7 und im Druck e1 kommt der Held auf seinem Weg nach Jochgrimm jedoch nicht um den Kampf mit weiblichen Familienangehörigen Eckes herum, die Rache für den Tod ihrer Verwandten an Dietrich verüben wollen. Ob es sich bei diesen um Riesinnen oder wilde Frauen handelt, ist in der Wissenschaft umstritten. Beide Gattungen sind einander sehr ähnlich und Habiger-Tuczay zufolge wurden sie im ‚Eckenlied‘ miteinander vermischt. Im Folgenden werden die betreffenden Frauengestalten überwiegend als Riesinnen bezeichnet, dennoch wurde auch die Sekundärliteratur zum Thema wilde Frau einbezogen.
In E2 bekommt Dietrich es sowohl mit Eckes Mutter Birkhilt als auch mit deren Tochter Uodelgart zu tun, während ihn in e1 Eckes Tante Rütze angreift. Diese drei Riesinnen, die allesamt mit ausgerissenen Bäumen auf Dietrich losgehen, sind einander sehr ähnlich. Die in E7 auftretende Riesenkönigin Rachin, ebenfalls eine Tante Eckes, die sich in einer wertvollen Rüstung und mit Schwert und Stange in den Kampf gegen Dietrich begibt, hebt sich stark von den drei anderen ab. Allen Vieren ist gemeinsam, dass sie nicht der Idealvorstellung von Frauen in der mittelalterlichen Literatur entsprechen. Sie scheinen entweiblicht. Im Folgenden soll untersucht werden, inwiefern man bei Birkhilt, Uodelgart, Rütze und Rachin tatsächlich von einer Entweiblichung sprechen kann und welche Funktionen sich daraus für die Riesinnen im ‚Eckenlied‘ ergeben.
Zunächst werden Birkhilt, Uodelgart und Rütze als Gruppe der Baumkämpferinnen zusammengefasst betrachtet. Ihr Aussehen und ihr Charakter werden daraufhin analysiert, inwiefern sie dadurch unweiblich wirken, und ihre Funktion im Text wird herausgearbeitet.
Anschließend werden auch Rachins äußere sowie charakterliche Merkmale in Bezug auf ihre Entweiblichung analysiert, wobei auch auf die Unterschiede zwischen ihr und den Baumkämpferinnen eingegangen wird. Ihre Rolle als kämpfende Frau wird eingehender betrachtet, bevor abschließend auch ihre Funktion im ‚Eckenlied‘ aufgezeigt wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Baumkämpferinnen
2.1 Äußerliche Merkmale
2.2 Charaktereigenschaften
2.3 Funktion
3 Rachin
3.1 Äußerliche Merkmale
3.2 Charaktereigenschaften
3.3 Rachin als Kämpferin
3.4 Funktion
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung weiblicher Figuren im 'Eckenlied' unter der zentralen Forschungsfrage, inwiefern bei den untersuchten Riesinnen von einer Entweiblichung gesprochen werden kann und welche narrativen Funktionen sich daraus ergeben. Dabei wird analysiert, wie diese Figuren als Antagonistinnen für den Helden Dietrich von Bern fungieren und inwieweit sie normativen Vorstellungen von Weiblichkeit entgegenstehen.
- Analyse der 'Baumkämpferinnen' Birkhilt, Uodelgart und Rütze hinsichtlich Aussehen und Verhalten.
- Untersuchung der ambivalenten Darstellung der Riesenkönigin Rachin.
- Diskussion des Begriffs der Entweiblichung im Kontext mittelalterlicher Literatur.
- Funktionsbestimmung der Riesinnen als notwendige, bekämpfbare Antagonisten.
- Einordnung der Figuren in gesellschaftliche Normen und patriarchalische Strukturen.
Auszug aus dem Buch
2.1 Äußerliche Merkmale
Birkhilt, Uodelgart und Rütze zeichnen sich durch ihre enorme Körpergröße aus. [K]ein weib ward nie von leng so hoch (e1 185,11)4 wie Rütze. Birkhilt was gar ungefuege (E2 228,12) und auch Uodelgart wird als die vil ungefuege (E2 241,7) bezeichnet. Ungevuege lässt sich mit ‚übermässig groß und schwer, riesig, plump, stark, heftig‘5 übersetzen und ist Boyer zufolge ein typischer Begriff, um Riesen zu beschreiben.6 Ihre Größe erlaubt es den Riesinnen, über Bäume zu springen. Wenn sie sich auf den Weg machen, um Rache an Dietrich zu nehmen, gehen Birkhilt und Uodelgart nicht wie es sich für das Idealbild der höfischen Dame gehört „leicht und leise, gemessen und langsam mit kleinen Schritten“7, sondern springen úber die grossen ronen (E2 233,5) bzw. úber stok und ronen (E2 241,5). Uodelgart hat ain fraislichen gank (E2 241,4) und die bom ir sigen alle nach (E2 241,2) und auch der Gang von Birkhilt ist gar vraislichen (E2 233,4), also ‚Gefahr und Verderben bringend, Schrecken erregend, furchtbar‘.8 Boyer zufolge bewirken die Adjektive ungefuege und vraislich eine Dämonisierung der Riesinnen und lassen sie monströs erscheinen.9 Uodelgart wird sogar ungehúre (E2 241,3) genannt, nach Boyer die Bezeichnung für Monster schlechthin, die Uodelgart einen Status zwischen den Geschlechtern verleiht.10
Die Wortwahl bei ihrer Beschreibung lässt die Riesinnen hässlich erscheinen, denn ungefuege, vraislich und ungehúre sind typische Begriffe zum Ausdruck von Hässlichkeit.11 Da ein Wort mit der Bedeutung von ‚hässlich‘ im Sinne von ‚das Gegenteil von schön‘ im Mittelhochdeutschen nicht existierte,12 drückte man Hässlichkeit nämlich stattdessen wie Michel schreibt „entweder durch die Negation des Gegenteils […] oder durch das Missfallen begleitende Gefühl der Angst oder des Ekels und Abscheus […]“13 aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage nach der Entweiblichung der Riesinnen im 'Eckenlied' vor und definiert das methodische Vorgehen bei der Analyse der Frauengestalten.
2 Die Baumkämpferinnen: Dieses Kapitel analysiert Birkhilt, Uodelgart und Rütze als Gruppe, wobei ihre physischen Merkmale, ihr unweibliches Verhalten und ihre Rolle als rachegetriebene Antagonisten im Vordergrund stehen.
2.1 Äußerliche Merkmale: Hier wird untersucht, wie durch Adjektive wie 'ungefuege' oder 'vraislich' eine Dämonisierung und Hässlichkeit der Baumkämpferinnen konstruiert wird.
2.2 Charaktereigenschaften: Die Analyse konzentriert sich auf den unbändiger Zorn und die Rachemotivation der Figuren, die ihre Abweichung vom höfischen Ideal untermauern.
2.3 Funktion: Zusammenfassend wird dargelegt, dass die Riesinnen als 'anderweltliche Monster' fungieren, um Dietrich als Helden zu legitimieren und das Erzählgefüge auszuschmücken.
3 Rachin: Dieses Kapitel widmet sich der gesonderten Betrachtung der Riesenkönigin Rachin und ihrer ambivalenten Darstellung zwischen Mann und Frau.
3.1 Äußerliche Merkmale: Der Fokus liegt auf der Rüstung und den Waffen Rachins, die sowohl ihre Stärke als auch eine komplexe Geschlechter-Symbolik transportieren.
3.2 Charaktereigenschaften: Es wird diskutiert, warum Rachin einerseits als edle Königin erscheint, andererseits jedoch männliche Verhaltensweisen an den Tag legt.
3.3 Rachin als Kämpferin: Das Kapitel untersucht Rachins explizite Rolle als Kriegerin und die damit einhergehende Kritik an der Vernachlässigung ihrer mütterlichen und sozialen Pflichten.
3.4 Funktion: Abschließend wird begründet, warum Rachin als Repräsentantin einer Bedrohung gesellschaftlicher Normen sterben muss, um die Ordnung wiederherzustellen.
Schlüsselwörter
Eckenlied, Dietrich von Bern, Riesinnen, Entweiblichung, Mittelalterliche Literatur, Gender, Baumkämpferinnen, Rachin, Hässlichkeit, Monstrosität, Rachemotiv, Höfisches Frauenideal, Literarische Analyse, Antagonisten, Patriarchat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Darstellung weiblicher Riesengestalten im mittelhochdeutschen 'Eckenlied' und analysiert, wie diese durch bestimmte Attribute als entweiblichte Monster charakterisiert werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören das mittelalterliche Weiblichkeitsideal, die Monstrosität als narratologisches Mittel, die Rolle von Riesen in der Epik und die Funktion von Antagonisten in Heldenepen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es zu ergründen, ob und in welcher Form man bei den Riesinnen im 'Eckenlied' von einer Entweiblichung sprechen kann und welche Funktion dieser Prozess für die Handlung des Epos hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text des 'Eckenliedes' unter Berücksichtigung der Sekundärliteratur zu den Themen 'wilde Frau', 'Riese' und 'mittelalterliches Frauenbild' auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der 'Baumkämpferinnen' (Birkhilt, Uodelgart, Rütze) und die separate Untersuchung der Riesenkönigin Rachin, wobei jeweils Äußerlichkeiten, Charakter und textuelle Funktionen betrachtet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich besonders durch Begriffe wie Eckenlied, Entweiblichung, Riesinnen, Höfisches Frauenideal und literarische Antagonisten beschreiben.
Wie unterscheidet sich Rachin von den sogenannten Baumkämpferinnen?
Während die Baumkämpferinnen primär als hässliche, monströse Wesen dargestellt werden, weist Rachin eine ambivalentere Charakterisierung auf, die Elemente einer edlen Königin mit maskulinen Attributen und Verhaltensweisen verbindet.
Warum ist das Rachemotiv für die Handlung so bedeutend?
Das Rachemotiv dient als narrative Triebfeder, die den Kampf zwischen den Riesinnen und Dietrich erst ermöglicht, da es die Figuren dazu zwingt, aktiv gegen den Helden vorzugehen.
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- Anne Zeiß (Author), 2017, Monströse Weiber oder weibliche Monster? Die Riesinnen im "Eckenlied", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371723