Peer-Groups der heutigen Jugendkultur im Lebensraum Deutschland. Sozialpsychologische und sozialpädagogische Ansätze


Essay, 2016

21 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

1 Einleitung

„Soziale Beziehungen stellen für jeden Menschen zentrale Beziehungssysteme dar, die sowohl im Hinblick auf Integration in die (Teil – )Gesellschaft als auch vor dem Hintergrund von Anerkennung, Wohlbefinden und reflexiver Selbstvergewisserung eine wichtige Rolle einnehmen. Mit zunehmenden Alter, spätestens ab Beginn der Lebensphase Jugend, haben dabei soziale Beziehungen zu Gleichaltrigen eine entscheidende Bedeutung, [...] bezogen auf die (kulturelle) Lebensführung und soziale Orientierung.“ (Harring, Böhm – Kasper, Rohlfs, Palentien 2010, S. 9) Persönlich habe ich in keiner Phase meines Lebens angezweifelt, im falschen Freundeskreis zu verkehren. Aus Sicht meiner Mutter war dies jedoch stellenweise anders. Wenige Freunde von mir empfand sie als „überflüssig“ und äußerte ihre Bedenken bezüglich meines Umgangs mit ihnen. Als Mädchen, ab dem dreizehnten Lebensjahr, war ihre Meinung, bezüglich der Wahl meiner Freunde, für mich nicht mehr relevant und es begann ein gewisser Abnabelungsprozess von meinen Eltern. Rückblickend hatte meine Mutter mit ihren Vorbehalten stellenweise Recht. Diese Meinung vertrete ich, neun Jahre später, auch. Heute denke ich darüber nach, wie es „früher“ dazu kommen konnte, dass ich die Ratschläge meiner nächsten Bezugsperson so missachtete und meine Freunde auf gleiche Stufe, wenn nicht situationsbedingt darüber hinaus, stellen konnte. Zusätzlich mache ich mir immer mehr Gedanken über die Aussage „Du warst früher nicht anders!“. Ich glaube, dass ich andere Wertvorstellungen hatte als die Mehrheit der Jugendlichen der heutigen Zeit. Oft frage ich mich, welcher soziale Wandel geschehen ist und inwieweit sich die Jugendlichen innerhalb weniger Jahre in ihrem Sein und ihrer Einstellung zu ihrem Leben geändert haben. Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschieden, über folgendes Thema in meiner Studienarbeit zu schreiben: „ Peer – Groups der heutigen Jugendkultur im Lebensraum Deutschland“. Mit zunehmendem Alter höre ich die Menschen immer häufiger über die „heutige“ Jugend schimpfen. Folglich möchte ich erörtern, welche Prozesse bis dato im Lebenswandel von jungen Menschen eintreten und wie sich diese im Vergleich zu damals verändert haben. Zu Beginn dieser Studienarbeit werde ich die themenbezogenen Begrifflichkeiten definieren, um ein Grundverständnis der gesamten Thematik zu erlangen. Da es viele verschiedene Peer – Groups gibt, ist eine detaillierte Klassifizierung dieser schwierig. Der Begriff „Peer – Groups“ beinhaltet, zu deutsch, das Wort „Gruppe“. Demnach befasse ich mich mit den gruppendynamischen Prozessen und wie diese auf die Charakterentwicklung von Jugendlichen auswirken. Abschließend erörtere ich den Zusammenhang zwischen der vorliegenden Thematik und der Sozialen Arbeit. Peer – Groups gibt es auf der ganzen Welt. Um den vorgegebenen inhaltlichen Rahmen der Studienarbeit nicht zu überschreiten, werde ich mich jedoch nur mit den Peer – Groups im Lebensraum Deutschland befassen. Mein Ziel ist es, mehr Wissen über aktuelle Peer – Groups zu erlangen, um mein Verständnis für meine Klienten zu erweitern und auszubauen. Denn auch wie meine Jugend akzeptiert und mehr oder minder von den Erwachsenen um mich herum toleriert wurde, möchte ich eine gewisse Akzeptanz für das Verhalten meiner Klienten erlangen. Zudem möchte ich ergründen, inwieweit sich die Jugend im Bezug auf früher zu heute verändert hat. Ich möchte erörtern, welche Faktoren für diesen Wandel ausschlaggebend waren und wie diese auf die jungen Menschen gewirkt haben. Ich persönlich bin der Meinung, dass sich die Jugend mit ihren Werte und Normvorstellungen gewandelt hat. Ob ins Positive oder Negative mutmaße ich mir nicht an zu beurteilen. Ich verwende für die in dieser Arbeit beschriebene Personengruppe Wörter wie „Jugendliche“, „junge Menschen“ oder „Heranwachsende“. Somit handelt sich um Personen, welche sich nach § 7 der Begriffsbestimmung des achten Sozialgesetzbuches (SGB VIII) im 14. bis 27. Lebensjahr befinden.

2 Definitionen der themenbezogenen Begrifflichkeiten

2.1 Peer – Groups

Ursprünglich stammt der amerikanische Begriff „peer“ aus dem Lateinischen und kann nicht original ins Deutsche übersetzt werden. Er definiert sich über das lateinische Wort „par“, welches übersetzt „gleich“ bedeutet. Somit sind Synonyme zu dem vorliegenden Begriff der „Peer – Group“, im sozial – wissenschaftlichen Kontext auch Wörter wie Clique, informelle Gruppe, Gleichaltrige, Jugendkulturen, zeitweilig auch Freundeskreis oder unlängst Netzwerk Gleichaltriger. Eine Peer – Group wird im wesentlichen als Gruppe definiert, in welcher sich gleichaltrige Kinder oder Jugendliche zusammenschließen – die Gleichaltrigengruppe. Meist entstehen diese im Umfeld von Bildungsinstitutionen. Sie kommen freiwillig zustande und entziehen sich mit zunehmenden Alter dem Einfluss der Erziehungsberechtigten. Den Mittelpunkt dieser Gruppen bilden gruppenspezifische Freizeitaktivitäten und Interessen im Rahmen von face – to – face – , zu deutsch Angesicht zu Angesicht, Beziehungen. Im Verlauf des Jugendalters nimmt die Bedeutung des informellen Sozialkontextes, welcher durch die Peer – Groups ausgelöst und gelebt wird, immer mehr zu. Meist nimmt dieser Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung, auf das soziale Lernen sowie die Verselbstständigung gegenüber dem Elternhaus. Demzufolge kann die Ausgliederung aus Freundschaftskreisen und Cliquen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung Heranwachsender haben. Den Peers kommt als Unterstützungsressource, angesichts der zunehmend komplexeren sozialen Umwelt, eine beachtliche Bedeutung zu. Allerdings werden den Peer – Groups auch deviante und riskante Verhaltensweisen von Jugendlichen zugeschrieben. Angefangen vom Konsum legaler und illegaler Drogen, über Rechtsextremismus bis hin zu Kriminalität und Gewalt. In Peer – Groups finden Selektionsabläufe nach Ethnizität, Bildungsniveau und Schichtzugehörigkeiten statt, welche somit Dimensionen sozialer Ungleichheit reproduzieren (vgl. Ecarius, Eulenbach, Fuchs, Walgenbach 2011, S. 113). Peer – Groups hat es im Laufe der Geschichte schon immer gegeben. Sie sind kein noch nie da gewesenes Phänomen und nicht abhängig von einer Epoche. Das pädagogisch definierte Muster stabiler, fester und langfristiger Gruppenangehörigkeiten überholte sich sozialgeschichtlich immer bemerkbarer. Während sich die Jugendforschung damals immer intensiver für informelle Gesellungsformen der Jugendlichen interessierte und deren Bedeutung für junge Menschen erforschte und untersuchte, zeigte der Wandel der Zeit den Trend, wie die pädagogische und allgemeine Öffentlichkeit nur auf deren eventuellen Gefährdungspotentiale eingeht ( vgl. Krafeld 2004, S. 87). Dabei kann eine Peer – Group einem Heranwachsenden viel Positives geben. Im Bereich der Psyche trägt sie zur Identitätsfindung bei, schafft ein Zugehörigkeitsgefühl, ermöglicht Stabilisierung, Orientierung und Sicherheit, kann Gefühle der Einsamkeit kompensieren und entwickelt ein realistisches Selbstbild aufgrund von Reflexion. Auch sozial fördert sie junge Menschen im Bereich der Kontaktknüpfung, der Unterstützung und Hilfeleistung bei Freunden beziehungsweise Gruppenangehörigen, des Erlernens von Rollenzugehörigkeiten und der persönlichen Stellung in einem sozialen Gefüge, der Kontaktaufnahme zu dem anderen Geschlecht, der Abnabelung vom Elternhaus oder Auseinandersetzungen mit den Strukturen der Gesellschaft und der Infragestellung von Autoritäten (Krüger, Köhler, Zschach 2010, S. 15).

2.2 Gruppendynamik bei Jugendlichen und deren lebensbetreffenden Prozesse

Der Begriff der „Gruppendynamik“ wurde erstmals von Kurt Lewin, einem einflussreichen Psychologe, im Jahre 1939 geprägt. Der Begriff beschreibt einen Prozess der sozialen Interaktion von Individuen, mit sozialen Einflüssen aufeinander, der Kohäsion (dem „Wir – Gefühl“) und der Zusammenarbeit in einer Gruppe. Dabei verfolgt die Gruppe ein gemeinsames Ziel, auf welches zielführend hingearbeitet wird. Gruppen durchlaufen Entwicklungen und weisen in unterschiedlichen Phasen bestimmte Merkmale auf durch die sie definiert werden können (vgl. König, Schattenhofer 2006, S. 6). Eine Gruppe wird im sozialpsychologischen Sinne als eine Anzahl von Menschen verstanden welche miteinander in Beziehung stehen. Diese werden durch folgende Merkmale charakterisiert:

- Die Anzahl der Personen gibt Auskunft über eine Gruppe. Als „relative Kleinheit“ wird eine Gruppe, bestehend aus drei bis circa 25 Personen, definiert.
- Dem unmittelbaren Kontakt, von Angesicht zu Angesicht, zwischen Gruppenmitgliedern, nicht etwa durch Telefon, Briefe oder anderen Medien.
- Die Verwirklichung gemeinsamer Werte und Ziele der Gruppenmitglieder.
- Funktionen, Rollen und Positionen, welche die Gruppenprozesse und das Gruppenverhalten der Mitglieder steuern.

Durch Gruppendynamik werden Arten psychologisch beschreibbarer Veränderungen, sogenannte Lokomotionen, hervorgerufen. Diese Lokomotionen können darin existent sein, dass Personen sich näher kommen durch Angleichung von Meinung oder Haltung, Kommunikation, Zielannäherung oder gemeinsamer Hindernisbewältigung. Weiterhin wird der Begriff der Gruppendynamik innerhalb der Sozialpsychologie verwendet. Hierbei werden verschiedene Anliegen bezüglich Gruppen erforscht, wie beispielsweise die vorliegenden und ablaufenden Prozesse, die Entstehung ihrer Entwicklungsgesetze oder die Interdependenzen zwischen Gruppenmitgliedern und der Beziehung zwischen einzelnen Mitgliedern (vgl. Rechtien 2007, S. 5 – 6). Eine Gruppe ist demnach eine Zusammensetzung verschiedener Individuen welche das gleiche Ziel verfolgen. Um dieses zu erreichen, wirken Personen miteinander und arbeiten gemeinsam an einem Problem. In den Gruppen entstehen somit Prozesse, welche der Zielerfüllung dienen aber auch den einzelnen Beteiligten. Rollen werden herausgebildet, Führungspositionen erschaffen und Charaktere bewusst oder unbewusst deklariert. So funktionieren auch die Peer – Groups. In diesen individuellen und besonderen Gruppenkonstellationen werden die Persönlichkeiten der Heranwachsenden enorm beeinflusst und verändern sich demnach. Diese Vorgänge sind unter anderem milieauspezifisch und von der Ortsansässigkeit abhängig.

2.3 Die Jugendkultur des 21. Jahrhunderts

Der deutsche Reformpädagoge Gustav Wyneken prägte den Begriff der „Jugendkultur“ als eine führende Person der Jugendbewegung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Kultur beschreibt den gesamten Bereich zwischenmenschlicher Verhaltensformen und Lebensweisen, die kultiviertes und soziales Leben ermöglichen. Als Jugend wird die Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsensein definiert. Jugendkultur versteht perspektivisch bezogen auf die allgemeine Kulturbezeichnung, dass spezifische Formen und Inhalte der geistigen und materiellen Kultur junger Menschen ausgebildet werden. Dies bildet einen Ausdruck von eigenem Lebensgefühl, Werthaltungen und Eigenständigkeit. Die jugendliche Kultur erfasst alle Lebensgebiete. Jugendliche haben unverwechselbare Formen des Umgangs oder Vergnügens. Zudem besitzen sie ihre eigene Moral, Mode, Musik, Literatur und Sprache. Somit spaltete sich die Jugendkultur von der offiziellen – hegemonialen – Kultur ab. Gerade in den eben benannten Gebieten unterscheiden sich die Jugendkulturen von früher mit jenen von heute. Erheblichen Beitrag dazu leistet die ständige technische und wirtschaftliche Modernisierung und der damit verbundene gesellschaftliche Wandel. Sinngemäß und beispielhaft ausgedrückt hatte ein in der Kriegszeit lebender Jugendlicher andere Lebensschwerpunkte und – inhalte, als jener der Gegenwart (vgl. Schäfer 1989, S. 136 – 138). Die Entwicklung von Jugendlichen stellt nicht nur einen innerpsychischen, organischen Reifungsprozess dar. Sie hängt grundlegend von Sozialisationseinflüssen, von sozialökologischen Kontexten und Rollenerwartungen und – anforderungen der Gesellschaft ab. Veränderte Lebensbedingungen schaffen veränderte Heranwachsende. Somit fanden im Laufe der Geschichte und Zeit Veränderungen des Zusammenlebens in allen gesellschaftlichen Lebensbereichen statt. Die Jugendkultur wurde dabei von mehreren Faktoren getroffen und transformierte ihre Anhänger somit automatisch beispielsweise aufgrund von:

- Beschleunigung, Automatisierung, Digitalisierung, Technisierung, Ästhetisierung des Alltags und Virtualisierung;
- zunehmende Abgrenzung von Lebensbereichen;
- neue Lebens – und Zeitrhythmen durch Mobilitätsanforderungen in verschiedenen und vielen Lebensbereichen (Beispielsweise: Beruf, Beziehung, Familie, Freundschaften);
- Flexibilisierung der Arbeitszeiten, Zunahme der Optionalitäten und Erwartungen an die Freizeit, andererseits auch Hektik, Stress und Zeitnot;
- zunehmende Kommunikations – und Verkehrsdichte online und offline;
- Entsinnlichung der Rationalisierung, des Lebens und der Technokratisierung der Lebensverhältnisse;
- weltweite Differenzierung und Expansion der Waren -, Geld -, Konsum -, Arbeits – und Freizeitmärkte;
- Flexibilisierung und Deregulierung der nationalen Arbeitsmärkte und des nationalen Sozialstaates;
- Verwissenschaftlichung, Internationalisierung, Virtualisierung, Mediatisierung und Kommerzialisierung von Alltagserfahrungen;
- Entritualisierung und Entinstitutionalisierung von Lebenslaufübergängen, Biografien und Lebensmilieus;
- Untergrabung soziokultureller, traditionelle Kollektive, Bindekräften und Gemeinschaften und die Wendung zu wählbaren posttraditionalen Gemeinschaften, welche eine strukturelle Labilität aufzeigen;
- Ortslosigkeit von Arbeit, Kapital und Vergesellschaftung;
- Fragilität der sozialen Beziehungen
- individualisierte und pluralistische Lebensstile und Lebensformen;
- wachsende Wertschätzung von kollektiven Erlebnissen der Sport – und Musikkultur

Die fortschreitende individualisierte Gesellschaft produziert Zuwächse, Ansprüche und Optionen (Freiheit, Sinnerfüllung, Autonomie, Selbstentfaltung, Gerechtigkeit) und erschwert somit parallel ihre Verwirklichung. Individualisierung meint die Aufweichung, ja sogar Auflösung sowie die Ablösung industriegesellschaftlicher konventioneller Lebensformen durch Dritte, in welchen die Einzelnen ihre Biografien im Mittelpunkt ihres eigenen Lebens tendenziell selbst inszenieren, herstellen und zusammenschustern müssen. Jedoch stellt die Globalisierung und Individualisierung auch gleichzeitig immer eine Verschärfung sozialer Ungleichheit dar. Die paradoxen Resultate der Moderne haben gleichzeitig dazu geführt, dass die multioptionalen Gestaltungsfreiheiten und Wahlmöglichkeiten der Subjekte nur in ausgewählten und bestimmten sozialen Kontexten zustande kommen (ökonomische, ressourcenabhängige und kulturelle Kompetenzen). Die Zeit verändert und somit werden aus den – überwiegend auf gemeinsame Lebenslagen beruhenden – vornehmlich sozialmilieuspezifischen, ortsbezogenen Jugendkulturen, jene, welche sich zu medial vermittelnden überwiegend individualitätsbezogenen, globalen, weltumfassenden Jugendkulturen entwickeln. Möchte man also im 21. Jahrhundert ein umfassendes Bild der Jugend thematisieren und schildern, ist es nicht umgänglich, neben empirisch nachgewiesenen Veränderungen der Jugendlichen im gesundheitlich – körperlichen, geistig – seelischen und sozialen Bereich, auch die demographischen Veränderungen zu beleuchten und erörtern. Die heutige Jugend ist gesamtgesellschaftlich betrachtet zu einer Minderheit reduziert und die Kontakte der Älteren zu den Jüngeren nehmen immer mehr ab (vgl. Ferchhoff 2007, S. 11 – 18).

3 Die heutigen Jugendgruppen im Raum Deutschland, deren Zugehörigkeit in Peer – Groups und wirkende Milieufaktoren

Die zuvor vorgenommene Darlegung und Erörterung der Begrifflichkeiten, welche diese Thematik betreffen, zeigte bereits eine entscheidende Verbundenheit zueinander. Dies meint, dass in Peer – Groups gruppendynamische Prozesse geschehen, welche die Jugend von früher als auch die heutige betreffen. In einer qualitativen Grundlagenstudie vom SINUS – Institut, einem deutschen Markt – und Sozialforschungsinstitut, wurden die Lebenswelten von Jugendlichen untersucht. Die Sinus – Jugendstudie, aus dem Jahr 2007 und 2012, gibt in Verbindung mit der Shell – Jugendstudie, aus dem 2002 und 2010, einen interessanten und wissenswerten Einblick der Lebenswelt von Jugendlichen des 21. Jahrhunderts. Die Sinus – Studie nimmt die Vielfalt von Lebenswelten der Jugendlichen auf und untersucht sie in besonderer Tiefenschärfe in ihren sozialen und kulturellen Strukturen. Sie zeigt die, für die hoch entwickelte Gesellschaft typisch gewordene Entwicklung großer soziokultureller Unterschiede von Jugend. Im letzten Jahrhundert hat sich die Lebensphase Jugend nicht nur neu herausgebildet, sondern ist auch immer weiter gewachsen. Ein wesentlicher Grund dieser Veränderungen waren die Entwicklungen am Arbeitsmarkt und damit verbunden die Veränderung im Bildungssystem. Die steigenden Qualifikationsanforderungen verlängern die in Schulen und Hochschulen verbrachte Zeit von jungen Menschen. Folglich ist mehr „Jugend“ in der Lebensgestaltung denkbar und möglich. Für Heranwachsende ist es kennzeichnend, dass sie nicht in der vollen beruflichen Verantwortung stehen. Allerdings ergibt sich für Jugendliche die Möglichkeit, in anderen gesellschaftlichen Bereichen ohne Einschränkungen zu partizipieren. Das gilt für den Freizeit – und Mediensektor, den Konsumwarenmarkt und die sozialen, privaten Beziehungen. Dabei stellt sich die zentrale Schwierigkeit der Persönlichkeitsentwicklung in Verbindung mit der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben in den Weg junger Menschen. Denn ein Jugendlicher wird erst dann zu einem Gesellschaftsmitglied, wenn er alle sozialen Anforderungen, welche an ihn gestellt worden, erfüllt. Dabei stellt jede Kultur über den Entwurf ihrer sozialen Umwelten und Institutionen sowie in Form von sozialen Normen, Werten und Mustern bestimmte Mitgliedschaftsentwürfe bereit. Das sind Wünsche, Vorstellungen, Merkmale und Erwartungen, die für eine aktive Beteiligung an der Gesellschaft als unerlässlich erachtet werden. Werden diese übernommen und gelebt, kann von einer „sozialer Integration“ gesprochen werden. Nach dieser Integration streben Individuen, wenn sie ein sozial integriertes Gesellschaftsmitglied sein möchten – so auch Jugendliche die Anschluss bei ihren Altersgenossen suchen. Junge Menschen stehen heute unter dem Druck, sich ihre eigene Persönlichkeitsstruktur anzueignen, welche sie in die Position versetzt, auf die unsicheren Gesellschaftsvorgaben zu reagieren. Sie müssen sich auf rasch wechselnde kulturelle, soziale, ökologische und ökonomische Bedingungen mit einem erheblichen Ausmaß von biografischem Management einrichten und einstellen. Hierfür eignen sie sich eine große Virtuosität des Verhaltens und eine hohe Problemverarbeitungskompetenz an. Sie stehen vor der Herausforderung, bereits in jungen Jahren einen eigenen Lebensplan zu definieren und einen eigenen Lebensstil zu entwickeln. Es ist charakteristisch für Jugendliche, mit der Widersprüchlichkeit der sozialen Erwartungen umgehen zu können und die eigene Selbstdefinition auf diesen Sachverhalt auszurichten (vgl. Calmbach, Thomas, Borchard, Flaig 2012, S. 6 – 10). Dokumentationen der aktuellen Sinus – Studie legen zugrunde: Jugendliche sind in soziologischer Perspektive Pioniere in der Entwicklung einer Lebensführung, die auf die jeweils neuesten kulturellen, ökonomischen und sozialen Veränderungen der Gesellschaft reagiert. Die traditionellen Formen der Lebensgestaltung der älteren Generation werden von ihnen nicht eins zu eins übernommen, weil sie die Antwort auf anders gelagerte Lebensbedingungen darstellen als die heutigen. Die offenen und in sich spannungsreichen Lebensanforderungen der Gegenwart machen eine reflexive Handlungssteuerung notwendig, und genau diese Ausrichtung der Lebensführung wird von den meisten Jugendlichen bevorzugt. Jeder einzelne Jugendliche ist in diesem Sinne die selbstverantwortliche Planungsinstanz des eigenen Lebens, ausgestattet mit großen Freiheitsgraden der Gestaltung – aber auch unter dem Druck stehend, die Freiheitsgrade tatsächlich ausschöpfen zu können. Jeder Jugendliche muss sich individuell mit den Anforderungen an die Lebensgestaltung auseinandersetzen und findet dafür auch ganz persönliche Wege und Lösungen. Alles das sind Komponenten, die für die Lebensführung auch im Erwachsenenalter immer wichtiger werden und mit dazu beitragen, dass sich diese Lebensphasen stärker als in früheren historischen Epochen miteinander verschränken.“ (Calmbach, Thomas, Borchard, Flaig 2012, S. 10) In einer hochindividualisierten Gesellschaft sind lebensweltorientierte Zugänge unverzichtbar. Denn soziale Zugehörigkeit wird heute nicht nur allein von schichtspezifischen Besonderheiten und Merkmalen geprägt, sondern vielmehr von gemeinsamen Lebensstilen, Weltorientierungen und ästhetischen Präferenzen. Jugendliche bewältigen ihren Alltag, sehen die Erfüllung von Hoffnung und dem Lebenssinn, durchstehen Sorgen und Ängste, erfüllen ihre Sehnsüchte immer vor dem Hintergrund komplexer und unsicherer gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Diese Rahmenbedienungen lauten: Leistungs – und Bildungsdruck, Wohlstandspolarisierung, Eigenverantwortung, Wandel des Arbeitsmarktes, Sozialisation in Eigenregie, Entstandardisierung von Lebensläufen, Entgrenzung von Jugend, Digitalisierung und multikulturelle Vielfalt. Um über diese Rahmenbedingungen einen besseren Überblick und ein gewisses Grundverständnis zu erlangen werden diese folglich aufgeführt:

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Peer-Groups der heutigen Jugendkultur im Lebensraum Deutschland. Sozialpsychologische und sozialpädagogische Ansätze
Note
2,3
Jahr
2016
Seiten
21
Katalognummer
V371726
ISBN (eBook)
9783668498501
ISBN (Buch)
9783668498518
Dateigröße
794 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Peer-Group, Jugend, Jugendkultur, Sozialpsychologie, Soziale Arbeit, Charakterentwicklung
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Peer-Groups der heutigen Jugendkultur im Lebensraum Deutschland. Sozialpsychologische und sozialpädagogische Ansätze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371726

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