Darstellung toter Körper in den Medien am Beispiel der Aylan-Fotografie


Hausarbeit, 2017

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Das Bild „Aylan“ (Beschreibung)

3. Politischer Kontext: Aylan

4. Die Wirkung der Medien
4.1 Besonderheit der Fotografie

5. Die Rolle der neuen Öffentlichkeit - Eine kollektive Verdrängung
5.1 Die Medien als Bindeglied der Sphären
5.2 Die Fotografie als Übermittler des Todes

6. Nachträgliche Überlegungen & Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

„Ich wollte den stummen Schrei des Jungen hörbar machen“, erklärt die Fotografin Nilüfer Demir in einem Presseinterview (Cigdem 2015). Gemeint ist die im September 2015 auf „Twitter“ erschienene Fotografie eines toten Flüchtlingskindes am Strand vom türkischen Bodrum. „Aylan", der Name dieses Jungen, wird schon kurz darauf zum Symbol für weitere Schicksale ernannt, die im Zusammenhang mit der bestehenden Flüchtlingsbewegung in Erscheinung treten. Publiziert wurde das Foto zunächst unter dem Hashtag „#KiyiyaVuranInsanlik“, was übersetzt in etwa „Menschheit an die Küste gespült“ bedeutet. Zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften entscheiden sich letztendlich dazu, das Bild zu drucken und lösen damit Diskussionen darüber aus, ob solche Fotografien zur Veranschaulichung der Flüchtlingsthematik überhaupt gezeigt werden dürfen. Letztendlich bewertet der Presserat alle eingegangen Beschwerden als „unbegründet" (vgl. Osthessen News 2015). Die Aufnahmen des Kindes seien „nicht unangemessen sensationell und nicht entwürdigend“ (ebd.). Zudem stehe „das Foto symbolisch für das Leid und die Gefahren, denen sich die Flüchtlinge auf ihrem beschwerlichen Weg nach Europa aussetzen“ (Sonja Álvarez 2015).

Wie ist es möglich, dass in einer Zeit, in der der Tod längst durch die Übermittlung von Massenmedien in jede Privatsphäre Einzug erhält, eine solche Darstellung immer noch für Diskussionen sorgt? Genau bei dieser Frage soll die folgende Arbeit anknüpfen. Es soll im Folgenden zunächst darauf eingegangen werden, wie die Medien auf die Rezipienten wirken und vor allem welche besondere Funktion dabei die Fotografie übernimmt. Diese Untersuchung soll sich in Bezug auf das Aylan Beispiel in erster Linie auf die visuellen Darstellung des Todes beziehen. Dabei soll vor allem auch die Funktion der Medien als Bindeglied zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre herausgestellt werden, um die Fotografie als Übermittler der Totenbilder begreifen zu können. Auf der Grundlage dieser Untersuchung soll zudem ersichtlich werden, wie sich Wirklichkeit und Abbildung zueinander verhalten und vor allem wie der tote Körper zum Gegenstand der medialen Inszenierung wird.

2. Das Bild „Aylan“ (Beschreibung)

Um das Phänomen überhaupt untersuchen zu können, soll zunächst eine kurze Beschreibung der Aylan-Fotografie erfolgen. Doch bereits bei der Suche, das „ursprüngliche“ Bild zu finden, ergeben sich die ersten Schwierigkeiten. Im Internet kursieren eine Vielzahl unterschiedlicher Fotografien, die den toten Aylan abbilden. Zu Beginn von einem einzigen Bild ausgegangen, wird nun ersichtlich, dass es sich um eine Bilderreihe handelt. Um einen klaren analytischen Bezugspunkt festlegen zu können, viel die Entscheidung auf eine Fotografie, die nachweislich von der Fotografien Nilüfer Demir stammt. Sie war es, die über Twitter als Urheberin dieser Abbildung erstmals auftrat. Dabei sei hinzufügen, dass das ursprünglich „getwitterte“ Bild bereits entfernt wurde und damit nicht mehr rückführbar ist. Das nun beschriebene Bild ist unteranderem in dem Sammelwerk „100 Photographis: The Most Influential Images of All Time“ erschienen und wird zusätzlich im Anhang dieser Arbeit abgebildet.

Die vorliegende Fotografie ist in der Normalperspektive abgebildet und erscheint in einem 4:3 Format. Die abgebildete Landschaft im Hintergrund zeigt eine Dünung des Meeres. Vom linken Bildrand aus erstreck sich das Wasser fast über die gesamte Bildfläche. Lediglich am Horizont des oberen Bildrandes ist ein verschmutzter Strand zu erkennen. Im rechten, unteren Winkel ist ebenso ein kleiner Strandabschnitt sichtbar. Durch den eher blass und trübe wirkenden Farbton, wird schnell ersichtlich, dass es sich hier nicht um einen Badestrand an einem sonnigen Tag handeln kann. Während der Mittelgrund des Bildes eher undefiniert bleibt, erstreckt sich das gesamte wesentliche Geschehen auf den Vordergrund. Rechts im Bild befindet sich ein uniformierter Mann, der eine beschriftete Warnweste trägt. Diese ist für den Betrachter gut ersichtlich, da die Person mit dem Rücken zu ihm positioniert ist. Aufgrund seiner Körperhaltung und dem nur schwer erkennbaren Notizblock in seiner Hand, lässt sich vermuten, dass er das Geschehen schriftlich festhalten will. Sein Blick ist dabei nach unten, in Richtung des Blocks, gerichtet. Links von dem uniformierten Mann, etwa in der Mitte im Bild positioniert, liegt ein Person auf dem Boden. Neben dem etwas in den Vordergrund gerückten Mann, wirkt diese fast schon winzig und unscheinbar. Anhand des erkennbaren körperlichen Erscheinungsbild und der direkten Relation zum Mann in der rechten Bildhälfte, wird deutlich, dass es sich bei der Person um ein Kleinkind handelt (in der fortlaufenden Beschreibung werde ich es aufgrund des vorhandenen Hintergrundwissens zur Thematik und des Schreibstil wegen als „Jungen“ definieren). Der Junge ist waagerecht auf dem Bauch liegend zum Betrachter positioniert, sodass der Kopf in Richtung des Meeres und seine Füße in Richtung des Mannes zeigen. Das Gesicht ist zum Betrachter hin gewendet, kann aber dennoch nicht ganz eingesehen werden, da die eine Gesichtshälfte im Sand verborgen bleibt. Seine schwarzen Haare, das rotes T-Shirt, die blaue Hose und seine schwarzen Turnschuhe sind völlig durchnässt.

Die Positionierung des Kindes erinnert beinahe an einen schlafenden Zustand. Doch die Ausrichtung seines Oberkörpers in Richtung des Meeres und das Wasser der brechenden Wellen, welches bereits seinen Kopf erreicht hat, lassen eine andere Situation vermuten. Verstärkt durch die Anwesenheit des uniformierten Mannes.

3. Politischer Kontext: Aylan

Wenn wir von der Wirkungsmacht des Bildes sprechen, sollte gleichsam der historische und politische Kontext betrachtet werden in dem die Fotografie entstanden ist und schließlich an den Rezipienten getragen wird. Es öffnet sich zunächst die Frage, wie es überhaupt zu solch einem Bild, zu solch einer Situation kommen konnte. Die Betrachtung einer (Presse-)Fotografie steh in ihrer Wirkungsweise, unabhängig davon ob sie mit einem Nebentext erscheint, immer im Zusammenhang mit ihrer Entstehungsweise und ihren Rahmenbedingungen.

Es sind Meldungen wie „Mehr als 700 Menschen ertrinken im Mittelmeer“ (ZEIT ONLINE 2015), die den Leser bereits im April 2015 erreichen. Die genannte Überschrift bezieht sich auf einen Artikel, der von einem Schiffsunglück berichtet, bei dem hunderte Flüchtlinge ums Leben kamen. Diese Katastrophe ist zur Zeit der Veröffentlichung längst kein Einzelfall mehr, wenn man den gesamten historischen Zeitraum der Flüchtlingsbewegungen betrachtet, auch nicht innerhalb der „Flüchtlingskrise in Europa“ die zu Beginn dieses Jahres ihren Aufschwung erfuhr. Das politische Handeln der EU gerät zu diesem Zeitpunkt in starke Kritik. Das auftretende Massensterben an den europäischen Ausgrenzen wird nun nicht mehr nur als Folge des Wegschauens begriffen, sondern impliziert zugleich den Vorwurf einer vorsätzlichen Tötung durch die immer stärker werdende Abschottung der einzelnen Staaten.

Das Sterben von geflüchteten Menschen auf ihrem Weg in ein sicheres Land kann nicht als „neues Phänomen“ bezeichnet werden. Schon seit Jahren ertrinken sie bei ihrem Fluchtversuch im Mittelmeer oder erfrieren in den Bergen zwischen Ungarn und der Ukraine. Allein im vorherigen Jahr 2014, wurden Ende September bereits 3000 tote Flüchtlinge verzeichnet (vgl. ZEIT ONLINE 2014). Doch erst im April 2015, als innerhalb weniger Tage mehr als 1400 Flüchtlinge ertranken (vgl. Blickle 2015), wird auch die bereite Öffentlichkeit (erneut) aufmerksam. Insgesamt waren es 3771 Menschen die im Jahr 2015 auf dem Weg über das Mittelmeer nach Europa ihre Leben ließen (vgl. SPIEGEL ONLINE 2016). Einer von ihren war der kleine Junge Aylan.

4. Die Wirkung der Medien

Es stellt sich diesbezüglich zunächst die Frage, wie wir, vor allem auch im politischen und historischen Kontext, die Bilder von toten Körpern auf uns wirken lassen. Sprich die unterschiedlichen Effekte, die sie auf uns als Rezipienten haben können. Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag, beschäftigt sich in ihrem Essay „Das Leiden anderer betrachten“ (Sontag 2003) im speziellen mit der Fotografie des Krieges. Dabei versucht sie vor allem theoretische Überlegungen mit moralisch-soziologischen Gedanken zu verknüpfen. Ich wähle diesen Vergleich, da es sich bei den vorliegenden Fotografien, sowie auch bei den von ihr behandelten Kriegsfotografien um Abbildungen von toten Körpern und des Leidens handelt. Zudem kann die Bilderserie von Aylan als Dokumentation einer Katastrophe, die in Folge einer „kriegerischen“ Unruhe im Herkunftsland entstanden ist, begriffen werden. In dem zweiten Abschnitt ihres Essays untersucht sie die unterschiedliche Wirkung der Fotografien auf den Betrachter und deren Entwicklung. Dabei leitet die Autorin zudem auch die Bedeutung solcher Darstellungen von der heutigen Gesellschaft ab. Nach Sontag sind die Reporter zunächst die Berufstouristen, die dafür zuständig sind, die Katastrophen die sich in einem anderen Land ereignen an den Zuschauer zu bringen (vgl. Sontag 2003, 25). Die Reaktion des Rezipienten auf das abgebildete Unheil im Bild sind Mitleid, Empörung, Sensationskitzel oder Zustimmung (vgl. Sontag 2003, 25). Es wird schnell deutlich, dass die Frage nach dem Umgang mit der ansteigenden Flut von Informationen über das/die Leiden (hier des Krieges) nicht erst mit der Erscheinung der Fotografien toter Flüchtlingskinder entstanden ist. Die Darstellung von Tod und Leid reicht zurück bis in die unzähligen Darstellungen der Passion Christi in der Malerei und Bildhauerei bzw. wahrscheinlich noch weit darüber hinaus. Auch sie haben bereits die Funktion und die Fähigkeit „ […] zu berühren und erregen, belehren und Beispiele zu geben […]“ (Sontag 2003, 49). Jedoch sind, nebst der Wirkungsmacht von Malerei und Bildhauerei, vor allem mit der Fotografie neue Dimensionen aufgekommen. Die eben beschreiben Malereien „ […] liegen jenseits dessen, wogegen man sich empören oder was man bekämpfen könnte.“ (Sontag 2003, 50). Wenn wir die Diskussionen und Kritiken rund um die Aylan-Fotografie betrachten, ist es genau das Gefühl, was bei dem Rezipienten unmittelbar beim Betrachten des Bildes aufkommt. Wir sind empört über die Zustände, die aus der Flüchtlingsbewegung resultierten und über die Unfähigkeit der europäischen Staaten, diese zu bekämpfen. Wir werfen ihnen sogar die fahrlässige Tötung vor (vgl. Popp 2015). Im ersten Impuls versuchen die Rezipient durch Kommentare und Verbreitung des Bildes über diverse Internet-Portale auf die Katastrophe zu reagieren, vermutlich auch um das Gefühl zubekommen, dem Leid und dem Tod entgegenzuwirken. Ein interessanter Vergleich scheint dabei beispielsweise Goltzius’ Werk „Der Drache verschlingt die Gefährten des Kadmos“ aus dem Jahre 1588, in welchem ein Drache das Gesicht eines Mannes zerreisst, mit einem Foto aus dem ersten Weltkrieg, auf dem einen Veteranen das Gesicht weggeschossen wird. In früheren Leidensdarstellung basiert der erfundene Schock auf einer Symbolsprache und einen mythologischen Hintergrund und wird bewusst ausgedrückt. In der Fotografie des Krieges findet sich lediglich der reelle Schock wieder. Susan Sontag geht davon aus, dass sich in die Erschütterung, die beim Betrachten der eben genannten Fotografie aufkommt, zusätzlich ein Gefühl der Beschämung einmischt und geht dabei auf die Fähigkeit des Entgegenwirken ein. Demnach haben vielleicht

„[…]nur jene Menschen das Recht, Bilder eines so extremen Leidens zu betrachten, die für seine Linderung etwas tun können - etwa die Chirurgen des Militärhospitals, in dem die Aufnahme gemacht wurde, oder Menschen, die aus ihr etwas lernen könnten. Wir anderen sind, ob wir wollen oder nicht, Voyeure“(Sontag 2003, 51).

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Darstellung toter Körper in den Medien am Beispiel der Aylan-Fotografie
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
24
Katalognummer
V371792
ISBN (eBook)
9783668499683
ISBN (Buch)
9783668499690
Dateigröße
637 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, körper, medien, beispiel, aylan-fotografie
Arbeit zitieren
Carsten Schecker (Autor), 2017, Darstellung toter Körper in den Medien am Beispiel der Aylan-Fotografie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371792

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