Die Inklusion von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft der Islamischen Republik Iran


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
18 Seiten

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einleitung

2. Historischer Abriss der Sozialpolitik im Iran
2.1 Land und Geografie
2.2 Die soziale Struktur
2.3 Erziehungs- und Schulsystem

3. Umgang mit Behinderung im alten Persien
3.1 Wahrnehmung von Behinderung vor der Islamisierung
3.2 Behinderte im vormodernen Iran
3.3 Pastor Christoffel – Wurzel der modernen Behindertenarbeit im Iran

4. Islam und Wohlfahrt
4.1 Der nationale Ansatz der Wohlfahrtspflege

5. Die UN-Behindertenrechtekonvention
5.1 Die Grundsätze der UN-BRK
5.2 Die Anwendung der UN-Konvention im Iran

6. Zusammenfassung

7. Literatur

8. Netzquellen

1. Einleitung

Die Thematik der vorliegenden Arbeit geht auf einen Impuls aus der mittleren Leitungsebene der von mir mitgeführten Organisation zurück. Im Zuge einer Restrukturierungs- und Standortbestimmungsdiskussion wurde der Vorschlag entwickelt, sich über Formen der Arbeit und des Umgangs mit Behinderten in einer Gesellschaft am Rande der Staatengemeinschaft zu informieren. Aufgrund der Möglichkeiten des dadurch angestoßenen innerorganisationellen Dialoges wurde ein Weg für die Berücksichtigung von Vorstellungen und Anregungen aus der mittleren Leitungsebene geöffnet.[1] Mittels privater Kontakte wurden Stellen der Islamischen Republik Iran angesprochen. Diese galt 2015 noch als Pariastaat und war international mit Sanktionen belegt. Zunächst wurde ein informeller Austausch aktiviert. In der Folge kam es zu Besuchen von Iranischen Delegationen in Einrichtungen der Organisation in Berlin.

Nun findet eine Bestandsaufnahme der Situation vor Ort im Iran und der dortigen systemischen und strukturellen Voraussetzungen statt.

Im Besonderen soll in der Arbeit ein Blick auf die Situation von Menschen mit Behinderung in der Islamischen Republik Iran vor dem Hintergrund der UNBRK geworfen werden.

Zunächst betrachtet ein historischer Exkurs die Entwicklung der Sozialpolitik und Behindertenfürsorge Persiens und des Iran. Hernach wird der gegenwärtige Stand der Wohlfahrt beleuchtet. Seit der Einführung einer Islamischen Verfassung in der Republik Iran im Jahre 1979 hat sich die Sozialpolitik grundlegend in Richtung einer institutionalisierten Wohlfahrt geändert. In der zuvor praktizierten säkularen Staatsorganisation war Wohlfahrt oftmals mit privater und nichtstaatlicher Fürsorge verbunden.

Vor dem Hintergrund der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention durch die Islamische Republik Iran am 23.10.2009, nur ein halbes Jahr nach der Bundesrepublik, soll der Versuch unternommen werden, den gegenwärtigen Stand der Umsetzung zu ermitteln. Gesellschaftliche Veränderungsprozesse können von "oben" oder "unten" angestoßen werden. Im vorliegenden Fall ist ein Prozess durch supranationalen Anlass in Gang gesetzt worden und erfährt durch staatliche Institutionen Lenkung.

2. Historischer Abriss der Sozialpolitik im Iran

2.1 Land und Geografie

Der Iran, das frühere Persien, ist ein vorderasiatischer Staat, der seine längste Grenze von 1609 Kilometern mit dem Nachbarstaat Irak teilt. Weitere Anrainerstaaten sind die Türkei, Armenien, Aserbaidschan, Turkmenistan, Afghanistan sowie Pakistan.[2]

Die Bevölkerungszahl hat sich seit der Revolution von 1979 mehr als verdoppelt und liegt bei aktuell 75 Millionen Menschen, wovon fast die Hälfte unter 18 Jahren ist.[3]

Das Gros der Bevölkerung Irans (ca. 66%) ist indogermanischen Ursprungs und spricht Farsi (Neupersisch). Rund 25% der Stämme und Volksgruppen sprechen Türkisch, dies sind vor allem Aserbaidschaner und Turkmenen, Schahsawan, Afschar, Qaschqai und Chamsa. 5% der Bevölkerung sind Kurden und 4% Arabischsprachige Stämme.[4] Weitere Volksgruppen mit teilweise anderen Sprachen und Dialekten sind als nichtmuslimische Minderheit die Christen mit einem Anteil von rd. 300.000 Mitgliedern. Unter ihnen sind die Armenier die größte, älteste und bedeutendste Gruppe gefolgt von den Assyrern. Nach den Christen, stellen die Juden mit ca. 70.000 und die Zoroastrier (monotheistische Religion aus der Epoche Zarathustras) mit 30.000 Anhängern die nächstgrößeren Minderheiten dar.[5]

Insgesamt sind 98,8% der Iraner Moslems von denen wiederum 91% Schiiten und 7% Sunniten sowie 1% anderen islamischen Schulen folgen.[6]

2.2 Die soziale Struktur

Seit alters her wurde die traditionelle Sozialstruktur im Iran im Wesentlichen von der Elite des Landes (bestehend aus der Familie des Schahs, dem Hofstaat, den Großgrundbesitzern, den Familien der Fernhändler, den großen Stammesführern und den führenden Geistlichen) und der Masse der besitzlosen Pächter, Landarbeiter und Bediensteten bestimmt.[7] Die dazwischenliegende dünne Mittelschicht (Händler, Handwerker, Vorsteher, Beamte) erhob sich nur wenig über die unterste Schicht und war weit entfernt von der Elite. Die soziale Stellung hing von der Geburt und nicht von individuellen Fähigkeiten oder Leistungen ab. Dieses traditionelle Gefüge verschob sich im Zeitraum der letzten hundert Jahre durch die Industrialisierung erheblich.

Eine neu entstandene Arbeiterklasse konnte ihre Position selbst bestimmen und erzeugte eine wachsende Mobilität in die neue gesellschaftliche Mittelschicht.[8]

In der traditionellen iranischen Gesellschaft spielt die Familie als Grundeinheit des sozialen Zusammenlebens seit jeher eine herausragende Rolle.[9] Sie bietet dem einzelnen Sicherheit, definiert seine soziale Position, verleiht ihm Identität und fördert sein berufliches Fortkommen. Als patriarchalisches Familienoberhaupt fungiert der älteste Mann, der nach seinem Verständnis für das Wohl der Familie sorgt.[10] Dieser vom Alter bestimmten Autoritätsstufung ordnen sich alle nachfolgenden Männer unter. Die Töchter spielen keine Rolle. Von der Frau wurde erwartet, dass sie sich auf die Pflichten der Haushaltsführung und der Kindererziehung beschränkt. Die Schwiegertochter muss sich der Autorität der Mutter ihres Mannes fügen. Kinderlosigkeit gilt als Makel und ist oft Scheidungsgrund oder Anlass für eine Zweitfrau.[11]

Die Größe der Familie war ein entscheidender Faktor für die wirtschaftliche und soziale Stellung, daher stand Kinderreichtum in hohem Ansehen. Ein Aspekt der wirtschaftlichen und sozialen Existenzsicherung sowie derer weiteren Verbesserung ist die Heiratspolitik.[12] Kinder werden noch immer ehelich versprochen und ab etwa 12 Jahren verheiratet. Nach dem bis 1979 geltenden Gesetz war ein Mindestalter von 18 Jahren bei Frauen und von 21 Jahren bei Männern für die Eheschließung erforderlich. Den neuen nachrevolutionären islamischen Normen zufolge wird jedoch auch ein Alter von nur noch neun Jahren bei Mädchen und 15 Jahren bei Jungen akzeptiert.[13]

2.3 Erziehungs- und Schulsystem

Seit Jahrhunderten sorgten traditionelle Koranschulen (Maktab) und die weiterbildenden religiösen Schulen (Madrasa) für die Erziehung und Bildung im Iran.[14] Dort wird jahrelang das Repetieren und Rezitieren von Koranversen eingeübt, bevor es später teilweise zu diskursiven Auslegungsübungen und Interpretationen kommt. Daneben gelten auch Schreiben und Mathematik zu den Unterrichtsinhalten. Sie haben ihre Funktion bis in die Gegenwart beibehalten und erfahren seit 1979 wieder besondere staatliche Aufmerksamkeit und Zuwendung.[15]

Der steigende Bedarf an Führungskräften in Armee und Verwaltung war Anlass ab 1851 eine Erweiterung des Erziehungs- und Bildungswesens einzuleiten.[16]

Erste Primar- und Sekundarschulen wurden Ende des 19. Jahrhunderts auf private Initiative hin gegründet. Ein Großteil waren christliche Missionsschulen, die zwar europäische Bildungseinflüsse nach Persien transportierten, in ihren Missionsbestrebungen aber überwiegend erfolglos blieben. Um 1900 gab es etwa 117 Missionsschulen im Lande, eine Vielzahl davon allein in Teheran.[17]

Das Bildungsgrundgesetz von 1911 sah den Aufbau einer staatlichen Schulorganisation nach französischem Vorbild mit einer Schulpflicht für Kinder ab dem siebten Lebensjahr im ganzen Land vor.[18] Der hoffnungsvolle Beginn geriet aber bald ins Stocken. Erst ab 1964 wurde das Modell eines neuen Schulsystems vorgelegt.

Es sah eine fünfjährige Grundschule und eine dreijährige Lenkungsperiode mit dem Ziel der Eignungsprüfung vor. Mit dieser achtjährigen Schulform sollte der Schüler in den für ihn geeigneten Weg der weiteren Schulbildung oder kurzfristigen Berufsausbildung gelenkt werden.[19]

Artikel 11 des Schulpflichtgesetzes legte die Gründung von Sonderschulen für behinderte Kinder fest. Zur Organisation der Sonderschule ist durch das Ministerium für Sonderpädagogik (MSP) von einer teilintegrierten Sonderschule die Rede, die eingerichtet werden soll, wenn die Gründung einer reinen Sonderschule nicht möglich ist.[20]

Heute gilt eine neunjährige Schulpflicht, bestehend aus Grundschule und Mittelstufe, sowie einer optionalen zweiten Sekundarstufe. Vorschulerziehung oder Kindergärten waren lange gemeinhin unüblich und lediglich in einigen Metropolen anzutreffen. Dort werden sie vor allem von Ausländern und deren Betrieben, bzw. Organisationen beansprucht und auch unterhalten.[21] Erst seit den achtziger Jahren ist eine signifikante Zunahme zu verzeichnen. So hat sich die Anzahl von Kindergärten mit Vorschulprogramm seit 1973 von 267 Einrichtungen auf 7.382 im Schuljahr 2000/01 vervielfacht.[22]

3. Umgang mit Behinderung im alten Persien

3.1 Wahrnehmung von Behinderung vor der Islamisierung

Zu den ältesten Dokumenten zählt ein erhaltener Teil der AVESTA, des heiligen Buches Zarathustras, des Religionsstifters und Propheten der Perser. Dieses datiert aus der Zeit um 600 v. Chr. und fordert darin die Menschen dazu auf, ihre Frauen und Kinder zu bilden, Gerechtigkeit zu üben, durch physische Ertüchtigung Krankheiten zu vermeiden aber auch mit Bedürftigen und Behinderten menschlich umzugehen.[23]

Viele der damals ausgeübten kulturellen und gesellschaftlichen Traditionen gehen auf hellenistische Einflüsse durch und nach den Auseinandersetzungen mit Sparta, Athen und den anderen Stadtstaaten zurück. Die Epoche der Eroberungen unter Alexander dem Großen und den Diadochen brachte einen weiteren Transfer von europäischen Impulsen in den Orient.

Mit dem Angriff der Araber auf Persien ab 651 und der darauf folgenden Herrschaft wurden fast alle iranischen Bibliotheken in Brand gesetzt und der gesammelte geistige Schatz der Perserreiche ausgelöscht. Dies ist ein Grund für den Mangel an Dokumenten über Bildung und Behinderung aus der vorislamischen Zeit.

3.2 Behinderte im vormodernen Iran

Die Einstellung der iranischen Gesellschaft zur Behinderung war, nach der Islamisierung ab 634 n. Chr. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, vom islamischen Glauben und den sozioökonomischen Bedingungen der Familie abhängig. Die Situation der Behinderten hat sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht wesentlich geändert.

Fürsorge für Behinderte hängt vom Wohlstand einer Gesellschaft ab. Wenn eine Gesellschaft nicht im Stande ist, sich selbst zu ernähren, wird sie diese Fürsorge nicht staatlich organisieren. Bestehen auch keine moralisch-ethischen Grundlagen dazu, etwa aus philosophischen oder religiösen Motiven, bleibt die Fürsorge auf einzelne verantwortungsvolle Individuen beschränkt.[24]

[...]


[1] vgl. Merchel, J.: Organisationsgestaltung in der Sozialen Arbeit. Grundlagen und Konzepte zur Reflexion, Gestaltung und Veränderung von Organisationen, S. 41

[2] vgl. Botschaft der Islamischen Republik Iran (Hg.): Islamische Republik Iran, S. 10

[3] vgl. Botschaft der Islamischen Republik Iran (Hg.): Islamische Republik Iran, S. 17

[4] vgl. Afrooz, A.: Education and Special Education in Cross-Cultural Perspective, The Islamic Republic of Iran, in: Peters, S.-J. (Hg.): Education and Disability in Cross-Cultural Perspective, S. 94

[5] vgl. Amirpur, K, Witzke, R.: Schauplatz Iran, S. 30f

[6] vgl. Botschaft der Islamischen Republik Iran (Hg.): Islamische Republik Iran, S. 10ff

[7] vgl. Ebert, H.-G., Fürting, H., Müller, H.-G.: Die Islamische Republik Iran, S. 11

[8] vgl. Ebert, H.-G., Fürting, H., Müller, H.-G.: Die Islamische Republik Iran, S. 47f

[9] vgl. Afrooz, A.: Education and Special Education in Cross-Cultural Perspective, The Islamic Republic of Iran, in: Peters, S.-J. (Hg.): Education and Disability in Cross-Cultural Perspective, S. 98

[10] vgl. Afrooz, A.: Education and Special Education in Cross-Cultural Perspective, The Islamic Republic of Iran, in: Peters, S.-J. (Hg.): Education and Disability in Cross-Cultural Perspective, S. 99

[11] vgl. Amirpur, K, Witzke, R.: Schauplatz Iran, S.18

[12] vgl. Amirpur, K, Witzke, R.: Schauplatz Iran, S. 21

[13] vgl. Amirpur, K, Witzke, R.: Schauplatz Iran, S. 20

[14] vgl. Rafat, S.: Das iranische Bildungssystem in der Dynastie Pahlawi und der Islamischen Republik, S. 27ff

[15] vgl. Afrooz, A.: Education and Special Education in Cross-Cultural Perspective, The Islamic Republic of Iran, in: Peters, S.-J. (Hg.): Education and Disability in Cross-Cultural Perspective, S. 102

[16] vgl. Afrooz, A.: Education and Special Education in Cross-Cultural Perspective, The Islamic Republic of Iran, in: Peters, S.-J. (Hg.): Education and Disability in Cross-Cultural Perspective, S. 102

[17] vgl. Rafat, S.: Das iranische Bildungssystem in der Dynastie Pahlawi und der Islamischen Republik, S. 34f

[18] vgl. Rafat, S.: Das iranische Bildungssystem in der Dynastie Pahlawi und der Islamischen Republik, S. 48

[19] vgl. Rafat, S.: Das iranische Bildungssystem in der Dynastie Pahlawi und der Islamischen Republik, S. 49

[20] vgl. Amirpur, K, Witzke, R.: Schauplatz Iran, S.19

[21] vgl. Afrooz, A.: Education and Special Education in Cross-Cultural Perspective, The Islamic Republic of Iran, in: Peters, S.-J. (Hg.): Education and Disability in Cross-Cultural Perspective, S. 103

[22] vgl. Rafat, S.: Das iranische Bildungssystem in der Dynastie Pahlawi und der Islamischen Republik, S. 157

[23] vgl. Rafat, S.: Das iranische Bildungssystem in der Dynastie Pahlawi und der Islamischen Republik, S. 17ff

[24] vgl. Rahimi, M.: Das soziale Sicherungssystem im Iran. Sozioökonomische und kulturelle Evolution, Transformation und Evaluation, S. 65

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Inklusion von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft der Islamischen Republik Iran
Hochschule
Donau-Universität Krems - Universität für Weiterbildung
Veranstaltung
Management von Sozialeinrichtungen
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V371802
ISBN (eBook)
9783668499706
ISBN (Buch)
9783668499713
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
inklusion, menschen, behinderung, gesellschaft, republik, iran, sozialpolitik, Islam, Wohlfahrt
Arbeit zitieren
MSc Urs Zelle (Autor), 2016, Die Inklusion von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft der Islamischen Republik Iran, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371802

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