Zeitgenössische Kapitalismuskritiken


Seminararbeit, 2000
23 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

Einstieg in das Thema

Gibt es unterschiedliche Formen von Kapitalismuskritik, und woraufhin kann man sie einordnen?

Von den Folgen früherer kapitalismuskritischer Ansätze

Wie kapitalismuskritisch waren die östlichen Reformversuche angelegt?

Vom Ungenügen heutiger Kapitalismuskritik im Beschränken auf unmittelbare Systemprobleme

Kapitalismuskritische Elemente in der heutigen Rezeption

Das ökologische Kritikmuster am Kapitalismus

Sozialpsychologische Kapitalismuskritik

Schlußbetrachtungen

Literaturliste

Einstieg in das Thema

Wußten viele nach dem Umbruch 1989 ganz genau, der Kapitalismus wäre am „Siegen“, und überhaupt sei irgendwie die Weltgeschichte jetzt in ihre „eigentliche Bestimmung“ gekommen, so müssen diese vermeintlichen Sicherheiten spätestens zehn Jahre danach immer gründlicher hinterfragt werden. Vor diesem Horizont das Thema zeitgenössische Kapitalismuskritiken zu behandeln, setzt zunächst einmal voraus, auf allzu traditionsgemäße feindbildorientierte Entgegensetzung der verschiedenen Positionen zu verzichten und dafür herauszuarbeiten, an welchen Punkten Kapitalismuskritik jedoch berechtigte Fragen aufwirft. Dabei sehe ich drei Schwerpunkte, die jeweils verknüpft sind mit einer Vielzahl anderer Problemfaktoren. Da geht es um das Grundprinzip, daß ein Pol auf Kosten des anderen entwickelt wird, um die Frage, ob eine in sich unendliche Kapitaldynamik auf einem endlichen Planeten die ökologische Stabilität gefährdet und ob kapitaldominante gesellschaftliche Strukturen die sozialpsychologische Verfaßtheit der Gesellschaft deformieren bzw. in ihren produktiven Entwicklungspotentialen behindern. Meine Absicht ist es, diese unterschiedlichen Aspekte von Kapitalismuskritik in einer Art Panoramasicht zusammenzufassen. Dabei sind der Ausgangspunkt die Kritikansätze von verschiedenen Autoren, hervorgehoben seien hier nur Rudolf Bahro und Erich Fromm. Ziel ist es aufzuzeigen, daß diese Kritiken Anlaß sein sollten, darüber nachzudenken, ob der heute herrschende Marktfundamentalismus, wie etwa Michael Brie ausführt[i], nicht zurückgedrängt werden müßte. Darüber hinaus sind aber auch Anfragen an zukünftige gesellschaftliche Alternativen erforderlich. Diese werden durch das Ausmaß der ökologischen Weltkrise geradezu erzwungen, wenn man sich nicht einem neuartigen totalitären System preisgeben will, gespeist z.B. aus Weltbürgerkrieg und Verteilungsdiktaten für Produkte. Es ist darüber hinaus also zu zeigen, daß auch der Kapitalismus in seiner bisherigen Form hochgradig gefährdet ist. Insbesondere zivilisatorische Kapitalismuskritik könnte auch eine Warnfunktion haben, wobei man jedoch darauf hinweisen muß, daß diese Frage dann nur ein Strukturelement der Gesamtproblematik von politisch-kulturell erforderlichen Veränderungen ist. Zu Beginn seien jedoch zunächst einige Überlegungen zur Systematisierung und Einordnung von Kapitalismuskritik vorgeschaltet. So abstrakt und andeutungsweise diese Überlegungen auf ihren Ausgang hin angelegt sind, mögen sie doch darauf aufmerksam machen, unsere Wahrnehmungs- und Wissensstruktur zur Aufarbeitung dieses Themas ist außerordentlich beschränkt und es wäre womöglich notwendig, eine neue Landkarte zu zeichnen. Die wäre zumindest insofern hilfreich, als sie uns vielleicht Aufschlüsse darüber gäbe, wo wir weite „weiße Gebiete“ vorliegen haben in der heutigen Art von Kapitalismuskritik. Es ist kaum zu übersehen, bei den verschiedenen Autoren finden wir immer nur partielle Kritikhinweise, ein systematisiertes Herangehen sucht man dagegen vergeblich.

Gibt es unterschiedliche Formen von Kapitalismuskritik, und woraufhin kann man sie einordnen?

Können wir einen Modus finden, nach dem wir Kapitalismuskritiken etwa in ihren unterschiedlichen Zielen entsprechend zuordnen können? Oder brächte solch eine Zuteilung Raster ins Spiel, die ebenso überwunden sein sollten, wie viele der antiquierten Kontroversen im Zeitalter des Ost-West-Konfliktes? Kann man etwa eine Scheidung vornehmen in eine Richtung, die darauf orientiert, den Kapitalismus in seinen Funktionsprinzipien zu verbessern, ihn zu zivilisieren und jene extremen Auswüchse, die offenbar auftreten können, abzuwenden? Die Aufgabe ist hier, über Reformen zu einer qualitativ verbesserten Gesellschaftsverfassung zu gelangen. Diese Option kann bis zu jener Konzeption reichen, die die Kapitaldominanz Schritt um Schritt zurückdrängen möchte. Den Gegenpol dieser Richtung, wie sich schon zeigt, die Übergänge sind fließend, mag man dann in einer nichtkapitalistischen Gesellschaftsordnung suchen wollen. Der Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privatkapitalistischen Aneignung eines erheblichen Teils ihrer Ergebnisse wäre darin idealtypisch gelöst. Offenbar führt eine solche Polarisierung jedoch zu einer völlig eindimensionalen Betrachtung des Problems, das ohnehin von dem Focus Kapitalismuskritik her mit einem sehr beschränkten Ausschnitt der Sache belastet ist. Es fehlt in diesem Modell eine Gewichtung der ehemaligen Systeme des Ostblocks, wenn sie denn als diese Alternative nichtkapitalistischer Entwicklung keineswegs in Anschlag gebracht werden können. Zudem ist in diese Sichtweise auch eine sehr eurozentrische Herangehensweise eingebaut.

Man nehme nur von Frantz Fanon „Die Verdammten dieser Erde“ und versetze sich in die Aufgabe der Dekolonisierung hinein, die er beschreibt. Das ergibt eine völlig veränderte Konfiguration als wenn man aus der Erfahrungswelt in einem reichen Industrieland sich unserem Problem zuwendet. Wir werden uns ohnehin zu fragen haben, wird der neue russische „Mafiakapitalismus“ kritisiert, betrachten wir die Folgen des Welthandelsabkommens etwa in Indien oder Kenia, wo im Gefolge amerikanische und europäische Argarmultis mit hoch subventionierten Landwirtschaftsprodukten den dortigen Markt zerstören und die Konsequenz dann ist ein unaufhaltsames Bauernsterben und der Verlust der landwirtschaftlichen Eigenversorgung des Landes. Betrachten wir Kapitalismuskritik aus dem Blickwinkel des geschädigten indischen Bauern oder einer Textilarbeiterin in Guatemala, die 14 Stunden am Tag hart arbeiten muß für einen Hungerlohn unter widrigsten Bedingungen.

Die Frage, ob die Kritik auf eine Reform des Bestehenden oder eine Gesellschaftsalternative bezogen ist, mag ein nicht unerheblicher Gegenstand sein, im Ganzen gesehen macht es aber nur einen kleinen Teil des Koordinatensystems aus, daß wir zu betrachten hätten. Daß man in den Slums irgendeiner der vielen dramatisch expandierenden Megastädte im Trikont eher den Bedarf nach einer gesellschaftlichen Alternative entdecken kann als etwa bei einem mittelständischen Unternehmer in Deutschland, der schwarze Zahlen schreibt und über ein üppiges Einkommen verfügt, ist evident. Es bleibt aber für beide Optionen, auf was hin soll Gesellschaft verändert bzw. bewahrt werden? Da gibt es nicht nur ein Unterscheidungsraster in Schwarz und Weiß. Unzählig viele Optionen können, zunächst erst mal gedacht als Möglichkeit, angesteuert werden, auch wenn gewiß nicht jede in die engere Auswahl käme.

Von den Folgen früherer kapitalismuskritischer Ansätze

Jedoch findet Kapitalismuskritik heute nicht in einem geschichtsfreien Raum statt, über viele Jahrzehnte gab es und in einigen Ländern gibt es immer noch die sogenannten realsozialistischen Systeme, die in ihrer ideologischen Selbstdarstellung beanspruchten, die kapitalistische Form überwunden zu haben. Der dort etablierte Staatsmonopolismus war allerdings keineswegs frei von der Kapitaldynamik, nicht zuletzt weil eine nachholende Entwicklung das Ziel der gesellschaftlichen Perspektive markierte. In der materiellen Basis wurde das westliche Modell nachgebaut. Das sogenannte gesellschaftliche Eigentum hob den Werktätigen keineswegs in eine Position, die die Überwindung einer Gesellschaft bedeutet hätte, in der die Umverteilung zu ungunsten der Arbeitenden aufgehoben gewesen wäre. Der Werktätige war nicht Eigentümer der Produktionsmittel, so sehr die offizielle Propaganda darauf insistierte. Den staatlichen Instanzen oblag, darüber zu entscheiden, wie der erwirtschaftete Mehrwert zu verwenden sei, die Entfremdung des Arbeiters von seiner Produktionstätigkeit erwies sich als nicht aufgehoben.

Jene „sozialistischen“ Systeme waren eingerahmt in eine polizeistaatliche von der Politbürokratie ausgehende Herrschaft mit pyramidaler Stufung. Das bedeutete einen eklatanten Rückfall, was die zivilisatorischen Errungenschaften betrifft, in bezug auf die Staaten mit westlichem Entwicklungsweg. Besonders in ihren barbarischen Perioden, ob nun in der SU der Stalinzeit oder in China mit Maos großem Sprung, den nachfolgenden drei bitteren Jahren und der Kulturrevolution mit ihren millionenfachen Opfern zeigt sich dann die außerordentliche Destruktivität dieser angeblichen Alternative. Natürlich finden wir diese Extremsituationen im spätstalinistischen Stadium nicht mehr, aber der Freiheitsgrad im Politischen ist nach wie vor stark begrenzt.

Wie kapitalismuskritisch waren die östlichen Reformversuche angelegt?

Mehrfach gab es den Versuch, sich aus der stalinistisch-staatsmonopolistischen Entwicklungsfalle zu befreien. Da ist in allererster Linie der Prager Frühling in der Tschechoslowakei 1968 zu nennen, der wohl der konsequenteste Versuch war, Kapitalismuskritik in eine produktive neue Gesellschaftsformation zu gießen. Wolfgang Leonhard und Rudolf Bahro haben dazu aus dem Rückblick der neunziger Jahre sehr kontroverse Auffassungen vertreten, ob dieser Versuch zu einer Rekapitalisierung oder zu einer Alternative geführt hätte. Ohne den Piratenakt des Einmarsches der Sowjetunion wären beide Optionen denkbar gewesen. Es ist zweifellos so, daß man damit hätte rechnen müssen, schon aufgrund des übermächtigen ökonomischen Drucks der westlichen Mächte, daß es zu einer Rekapitalisierung hätte kommen können in einem jahrelangen Erosionsprozeß. Daraus nun allerdings zu schließen, dies hätte zwangsläufig so sein müssen, wie Rudolf Bahro[ii] meint, scheint mir nicht gerechtfertigt. Vielmehr habe ich nach dem Material, das mir zur Kenntnis vorliegt, eher den Eindruck, es hätte sich eine neuartige Mischform von Gesellschaft herausbilden können, in der die Kapitaldominanz zumindest zurückgedrängt ist. Gerade dieser Aspekt ist, glaube ich, von zentraler Bedeutung, wenn man erneut kapitalismuskritisch nach gesellschaftlichen Reformen fragt. Erinnert sei auch noch mal an die sowjetische Perestroika ab 1985, die als eine Fortführung der revolutionären Potenz von 1917 in ihrem ideellen Ursprung konzipiert war.[iii] Es schien keineswegs ausgemacht, daß dieser politische Reformprozeß vollständig abstürzt und in eine neue Variation politischer Diktatur mündet, so ungünstig auch die Ausgangsbedingungen gewesen sein mögen. Zugleich zeigt dieser tragische Verlauf, daß auch künftige kapitalismuskritische Versuche einer viel tiefgründigeren Analyse im Vorlauf bedürfen, und das gilt wohl auch für sozialdemokratisch motivierte Anläufe.

Vom Ungenügen heutiger Kapitalismuskritik im Beschränken auf unmittelbare Systemprobleme

Die eben genannten Hinweise mögen noch mal darauf aufmerksam machen, gesellschaftliche Alternativzustände, die in der Frage nach Kapitalismuskritik immer auch mitgemeint sind, kann man nicht bipolar mit jeweils etwas landesspezifischen Ausprägungen begreifen. Sie können auch nicht auf die Perspektive sogenannter „Dritter Wege“ verengt werden, da diese als ein Mittelweg zwischen zwei Polen definiert werden, die aus der Eindimensionalität, die vorhin angedeutet wurde, sich nicht wirklich befreit. Gesellschaften haben sehr viele konstituierende Elemente vom Steuersystem, dem kulturellen Fundament, über die staatspolitischen Aufbauten bis hin zur Eigentumsordnung. All diese Faktoren können in bezug auf die kapitalistischen oder nichtkapitalistischen Strukturen hin sehr verschieden beschaffen sein. So sind viele in unterschiedlicher Weise kapitalistische Systemvarianten möglich wie auch ganz unterschiedliche Gesellschaftsformen, in denen die Kapitaldynamik nicht das Zentralgestirn der Entwicklungsmodi darstellt. Mitunter mögen wir dann auch feststellen, unser Begriffssystem, mit dem wir etwas als kapitalistisch oder nichtkapitalistisch qualifizieren, ist völlig unterentwickelt und die bisher gebrauchte Dualität nicht haltbar. Auf diese Multipolarität nimmt Kapitalismuskritik heutzutage kaum Bezug. Sie beschränkt sich auf einen sehr kleinen Ausschnitt des Problems. In ihrer Fixierung auf meist unmittelbare Systemprobleme liegt ihre Begrenzung, die sie überwinden müßte. Nun mag man das unter dem Gesichtspunkt der machtechnischen Durchführbarkeit in Frage stellen, nur ist das gerade auch ein Filtersystem im Nachdenken darüber, weshalb man gut daran tut, diese Ebene zwar nicht zu ignorieren, aber sie im ersten Schritt zurückzustellen. Mir geht es also darum, eine weite Offenheit in der möglichen Ausgestaltung gesellschaftlicher Systeme zu bewahren, weil erst diese vielgestaltige Variationsbreite, die in aller Regel mit unseren monokausalen Denkansätzen aus­geklammert wird, die Möglichkeit eröffnet, über die historisch gewachsenen Systemstrukturen, die bis heute in Erscheinung getreten sind, hinauszudenken, neue Elemente zu entdecken, veränderte Kombinationen von gesellschaftlichen Struktur­elementen zu erproben usw.. Erst innerhalb dieser Auseinandersetzung kommen wir zu einer aperspektivischen bzw. integralen Sicht (Jean Gebser) auf Kapitalismuskritik. Zuvor haben wir es mit Vorprodukten zu tun.

[...]


[i] Michael Brie; Kapitalismus total. Eine Auseinandersetzung mit dem herrschenden Marktfundamentalismus, Berliner Zeitung, 5.4.2000

[ii] in: Rudolf Bahro; Das Buch zur Befreiung aus dem Untergang der DDR (noch unveröffentlicht)

[iii] vgl. in: Michail S. Gorbatschow; Umgestaltung und neues Denken für unser Land und für die ganze Welt, Berlin,1987

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Zeitgenössische Kapitalismuskritiken
Hochschule
Freie Universität Berlin  (OSI)
Veranstaltung
Wirtschaft und Soziales
Note
2,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
23
Katalognummer
V3719
ISBN (eBook)
9783638123013
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit ist interessanter als die Note, aber unkonventionell geschrieben. Weitere Veröffentlichungen vom Autor www.umweltdebatte.de
Schlagworte
Kapitalismus, Sozialpsychologie, Ökologie, Gesellschaftskritik
Arbeit zitieren
Marko Ferst (Autor), 2000, Zeitgenössische Kapitalismuskritiken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3719

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