Biografisches Arbeiten - ein interventionsgerontologisches Konzept für die Arbeit mit demenziell erkrankten alten Menschen in der ambulanten Pflegepraxis?


Hausarbeit, 2005

34 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die demografische Entwicklung als Impuls für neue Herausforderungen
1.1 Die demografische Revolution
1.2 Folgen für Gesellschaft und pflegerische Versorgung.

2. Gerontologie als wertvolle Quelle für die Pflege - praxis
2.1 Definition und Ziele.
2.2 Schnittstellen zu Pflegewissenschaft und -praxis

3. Erläuterungen wichtiger Begriffe
3.1 Lebenserfahrung
3.2 Biografie
3.3 Autobiografisches Erinnern

4. Biografisches Arbeiten
4.1 Begriffsklärung
4.2 Biografiearbeit in der Pflegepraxis
4.2.1 Chancen.
4.2.2 Risiken
4.3 Der biografieorientierte Pflegeprozess.

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Biografiearbeit ist eine von der Pflege heutzutage weitgehend anerkannte Methode, die es den Pflegenden erleichtert, einen Zugang zu den pflegebedürftigen Menschen zu finden, besonders im Falle von demenziellen Erkrankungen.

Ziel dieser Hausarbeit ist die Darstellung des Konzeptes „Biografiearbeit“ im Zusammenhang mit der ambulanten Pflege von demenziell erkrankten alten Menschen. Der Hauptfokus liegt dabei allerdings auf dem Konzept des biografischen Arbeitens selbst.

Die Arbeit besteht aus vier Hauptkapiteln. Im ersten Teil werden zunächst die aktuelle Lage sowie Perspektiven hinsichtlich Altersverteilung in der Bevölkerung und die sich daraus ergebenden Folgen für Gesellschaft und Pflege skizziert. Im Zuge dessen wird außerdem versucht, eine Brücke zur besonderen Situation der ambulanten Pflege demenziell Erkrankter zu schlagen. Als Ergebnis dieses Kapitels soll schließlich deutlich werden, warum die Pflege zunehmend auf wirkungsvolle Methoden zur Versorgung alter Menschen angewiesen sein wird.

Im zweiten Abschnitt geht es um das Zusammenspiel der „Disziplinen“ Gerontologie und Pflege. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Biografiearbeit seine Wurzeln in der Gerontologie hat, wird in diesem Kapitel erläutert, warum eine Verquickung von Gerontologie und Pflege für beide Seiten sinnvoll und auch notwendig ist.

Im dritten Kapitel werden dann die Begriffe „Lebenserfahrung“, „Biografie“ und „autobiografisches Erinnern“ erläutert, da sie im Kontext der Biografiearbeit von besonderer Relevanz sind.

Im vierten Kapitel wird schließlich das biografische Arbeiten vorgestellt. Nach einleitender Klärung des Begriffes „Biografiearbeit“ werden sowohl Chancen als auch Risiken des Konzeptes für die Pflegepraxis erläutert. Abschließend wird anhand des Pflegeprozesses dargestellt, wie Biografiearbeit in die praktische Pflege integriert werden kann.

1. Die demografische Entwicklung als Impuls für neue Herausforderungen

1.1 Die demografische Revolution

Das Phänomen „Alter“ ist weltweit zu einem zentralen Thema avanciert, sowohl im Allgemeinen als auch in unterschiedlichen Wissenschafts-disziplinen und -feldern. Der Hauptgrund dafür ist die als „demografische Revolution“ bezeichnete Entwicklung des stetigen Anstiegs der Lebenserwartung bei gleichzeitiger Stagnation der Geburtenraten, welche den Anteil älterer Menschen in den Gesellschaften gegenüber dem der jüngeren immer mehr ansteigen lässt. Den weltweit größten Fortschritt haben dabei die so genannten entwickelten Länder, zu denen auch die Bundesrepublik Deutschland gehört, zu verzeichnen. (Statistisches Bundesamt, 2003a; Wahl & Heyl, 2004).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt (2003a)

1.2 Folgen für Gesellschaft und pflegerische Versorgung

Die Folgen der demografischen Entwicklungen betreffen sowohl die alten Menschen individuell als auch die gesamte Gesellschaft und insbesondere die sozialen Versorgungssysteme.

Für die alten Menschen selbst scheint die hohe Lebenserwartung zwei Gesichter zu haben[1]. So kann das Erreichen eines hohen Lebensalters mit völlig neuen Möglichkeiten und Chancen verbunden sein, sofern es gelingt, die negativen Begleiterscheinungen des Alters in Schach zu halten. Wahl und Heyl (2004) beschreiben in diesem Kontext, dass alte Menschen heute wie selbstverständlich große Reisen unternehmen oder technische Geräte bedienen und sprechen sogar von einer „viel versprechenden Kultur der späten Lebensphase“.

Auf der anderen Seite kann das Alter allerdings auch ein anderes Gesicht haben und Probleme generieren, die zu einem deutlichen Verlust der Lebensqualität führen. Hiervon betroffen sind besonders die Hochaltrigen, also Menschen über etwa 80 Jahre. Zu diesen Problemen zählt, neben dem allgemeinen Verlust körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit, besonders der signifikante Anstieg des Risikos für demenzielle Erkrankungen. Diese führen durch fortschreitende Hirnleistungsstörungen zu einer Abnahme des Gedächtnisses und des Denkvermögens, zu Orientierungsstörungen sowie zu Verhaltensstörungen und Persönlichkeits-veränderungen. Als weitere Konsequenz folgt dann der Verlust der Alltagskompetenz verbunden mit einem hohen Maß an Pflegebedürftigkeit (Falk, 2004; Wahl & Heyl, 2004).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA, 2003)

Auseinandersetzungen mit dem Thema „Alter“ finden auch auf der gesellschaftlichen und sozialpolitischen Ebene statt. Als besonders problematisch wird dabei die zunehmende Belastung des gesetzlichen Rentensystems bewertet. Lampert und Althammer (2001) weisen zum Beispiel darauf hin, dass die Rentnerquote in Deutschland, also der Quotient aus der Zahl der Rentenempfänger und der Zahl der Beitragsversicherten, in Zukunft so sehr steigen wird, dass die gesetzliche Rente nur noch durch ein sinkendes Rentenniveau oder/und steigende Beitragssätze am Leben gehalten werden kann, so dass eine Beibehaltung des bisherigen Systems zwangsläufig zu einer empfundenen Ausbeutung der jungen Generation und damit zu einem Bruch des Vertrauensverhältnisses zwischen den Generation führen wird („Generationenkonflikt“).

Die Pflege wird sich zukünftig mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine Zunahme der Anzahl älterer Pflegebedürftiger einstellen müssen (Statistisches Bundesamt, 2003b). In diesem Zusammenhang rechnet das KDA (2003) mit einer Zunahme der Anzahl von Menschen mit Demenz um 500.000 bis zum Jahr 2030. Die Hauptprobleme werden dann ebenfalls in der Knappheit finanzieller und personeller Ressourcen verortet sein (Wahl & Heyl, 2004).

Für die ambulante Pflege stellt dies eine besondere Herausforderung dar. Eines der Hauptziele der gesetzlichen Pflegeversicherung ist die Förderung der häuslichen Pflege und Pflegebereitschaft der Angehörigen, damit den Pflegebedürftigen ein möglichst langes Verbleiben in ihrer häuslichen Umgebung ermöglicht wird („ambulant vor stationär“)[2] (§3 SGB XI). Gemäß Wahl und Heyl (2004) sind fortgeschrittene Demenzen und damit einhergehende Pflegebedürftigkeit die wichtigsten Gründe für Übersiedelungen pflegebedürftiger Menschen in Pflegeheime. Letztlich unterstreicht dies die Notwendigkeit dafür, wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Altersforschung als wirksame Konzepte bzw. „Werkzeuge“, besonders für den Umgang mit Dementen, in die ambulante Pflegepraxis zu transferieren. Diese sollten sowohl den professionell Pflegenden, aber auch den pflegenden Angehörigen zur Verfügung stehen, die einen nicht unwesentlichen Teil der häuslichen Pflege leisten und durch die Versorgung ihrer demenziell erkrankten Angehörigen besonderen Belastungen ausgesetzt sind (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – BMFSFJ, 2002).

2. Gerontologie als wertvolle Quelle für die Pflegepraxis

2.1 Definition und Ziele

Gerontologie, die Lehre vom alten Menschen, setzt sich wissenschaftlich mit den Fragen des Alters und des Alterns auseinander. Zu ihren Hauptaufgaben zählen insbesondere die Beschreibung und Erklärung von typischen, mit dem Prozess des Alterns einhergehenden Phänomenen, deren Beeinflussung sowie die Vorhersage über die zukünftige Stabilität der gewonnenen Erkenntnisse (Wahl & Tesch- Römer, 2000; Wahl & Heyl, 2004). Die Definition von Baltes und Baltes versucht, die genannten Zielsetzungen und Aufgaben zu systematisieren. Dabei werden auch besondere Kontextfaktoren, wie zum Beispiel die Umwelt, als relevante Faktoren berücksichtigt: „Gerontologie beschäftigt sich mit der Beschreibung, Erklärung und Modifikation von körperlichen, psychischen, sozialen, historischen und kulturellen Aspekten des Alterns und des Alters, einschließlich der Analyse von altersrelevanten und alterskonstituierenden Umwelten und sozialen Institutionen.“ (Baltes & Baltes, 1992, zitiert in Wahl & Heyl, 2004, S. 35)

Nachdem in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts zunächst ein „Defizitbild des Alters“ in der Gerontologie vorherrschend war, hat sich dieser Trend seit den 70er und 80er Jahren in Richtung aktiver Beeinflussung des Alterungsprozesses geändert. Im Zuge dessen hat sich die so genannte „Interventionsgerontologie“[3] herausgebildet, welche die praktische Anwendung gerontologischen Wissens in den Vordergrund stellt. Ihre Grundlage ist die Überzeugung, dass sich der Verlauf des Alterns beeinflussen und sich dadurch die Lebenssituation und -qualität für die alten Menschen nachhaltig verbessern lässt (Wahl & Tesch-Römer, 2000; Wahl & Heyl, 2004).

2.2 Schnittstellen zu Pflegewissenschaft und -praxis

Nach Meinung von Brandenburg (2003b) kann der Gerontologie ein interdisziplinärer Charakter[4] konstatiert werden, da sie stets versucht, eine umfassende Betrachtung des alten Menschen und des Alterns vorzunehmen, also auch aus den Perspektiven unterschiedlicher anderer Disziplinen, zum Beispiel der Medizin, der Psychologie oder der Soziologie.

Die Schnittstelle zur Pflegewissenschaft, welche sich in erster Linie mit dem Phänomen „Pflege“ befasst und wissenschaftliche Erkenntnisse für die Pflegepraxis liefern soll (Mayer, 2001), ist laut einer Analyse von Brandenburg (2003a) eng. Den Grund hierfür sieht er im Wesentlichen darin, dass Gerontologie und Pflegewissenschaft jeweils einen eigenen Forschungsgegenstand haben, den sie mit eigenen Methoden bearbeiten. Ferner sieht er zwei direkte Überschneidungsbereiche:

1. Auf pflegewissenschaftlicher Seite der Bereich pflegerischer Fragen der Versorgung älterer Menschen. Hierzu weist Brandenburg auf bisherige pflegewissenschaftliche Veröffentlichungen hin, die sich unter anderem mit Kommunikationsstrukturen zwischen Pflegenden und demenziell erkrankten älteren Menschen befassen.
2. Auf gerontologischer Seite der Bereich der Pflegesituation, Feststellung des Pflegebedarfs und das Problemfeld pflegende Angehörige.

Höhmann (2003) spricht sich vor dem Hintergrund dessen, dass Pflege und Gerontologie, trotz grundsätzlicher Unterschiede, sich bei der pflegerischen Versorgung alter Menschen dennoch treffen, für eine „Verschränkung“ gerontologischer und pflegerischer Orientierungen aus. Ihrer Meinung nach ist in komplexen Pflegesituationen der „Blick über den Tellerrand“ der jeweiligen Disziplinen besonders wichtig. In diesem Zusammenhang bescheinigt sie der Pflege eine vorwiegend medizin-, krankheits- und organbezogene Perspektive. Die gerontologische Perspektive ist dagegen eher lebensweltbezogen, so dass sich beide Bereiche bei der pflegerischen Versorgung alter Menschen gut ergänzen würden.

Interessant für die Pflegepraxis ist außerdem ein Strukturmodell zur Einbettung der „Angewandten Gerontologie“ von Wahl und Tesch-Römer (2000)[5]. Es sieht die Pflege, neben anderen in der Versorgung von alten Menschen tätigen Berufsgruppen, als einen so genannten „Interventionsagenten“, der Erkenntnisse interventionsgerontologischer Grundlagenforschung in der Praxis anwendet.

Als Fazit dieses Kapitels kann gesagt werden, dass sowohl im Bereich Wissenschaft als auch in der Praxis gewisse Überschneidungen von Gerontologie und Pflege existieren. Obwohl beide „Disziplinen“ ihren eigenen Fokus haben, ist eine gegenseitige „Befruchtung“ dennoch äußerst sinnvoll. So kann die Pflegepraxis in komplexen Pflegesituationen mit alten Menschen, wie etwa bei der häuslichen Pflege demenziell Erkrankter, wesentlich von gerontologischer Forschung im Sinne einer Umsetzung interventionsgerontologischer Konzepte, wie zum Beispiel dem der Biografiearbeit, profitieren. Als „Interventionsagent“ ist sie sogar fester Bestandteil gerontologischer Interventionen.

[...]


[1] In der Literatur ist häufig von der so genannten „Janusköpfigkeit“ oder vom „Janusgesicht“ des Alters die Rede (Wahl & Heyl, 2004; Wahl & Tesch-Römer, 2000).

[2] Nach Erhebungen des Statistischem Bundesamtes (2003c) wurden 2001 70% der insgesamt 2,04 Millionen Pflegebedürftigen zu Hause gepflegt. Von diesen ca. 1,44 Millionen waren 45% 80 Jahre und älter. Des Weiteren wurden 1,0 Millionen ausschließlich von ihren Angehörigen und die restlichen 435000 von ambulanten Pflegediensten versorgt.

[3] Wahl und Tesch-Römer (2000) sprechen von „Angewandter Gerontologie“, weil diese Bezeichnung ihrer Meinung nach auch potentiell interventionsrelevante Befunde und Erkenntnisse berücksichtigt.

[4] Im Gegensatz zur weniger intensiven Multidisziplinarität bedeutet Interdisziplinarität nicht bloß organisatorische Forschungskoordination, sondern auch, dass die einzelnen Disziplinen ihre Befunde letztlich aufeinander beziehen, vor dem Hintergrund verschiedener theoretischer Ansätze diskutieren und zur Grundlage der Beschreibung von Altersformen machen (Brandenburg, 2003b).

[5] Siehe Abbildung 1 im Anhang.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Biografisches Arbeiten - ein interventionsgerontologisches Konzept für die Arbeit mit demenziell erkrankten alten Menschen in der ambulanten Pflegepraxis?
Hochschule
Hochschule Bremen
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
34
Katalognummer
V37190
ISBN (eBook)
9783638366076
Dateigröße
3524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Biografisches, Arbeiten, Konzept, Arbeit, Menschen, Pflegepraxis
Arbeit zitieren
Klaus Reiners (Autor), 2005, Biografisches Arbeiten - ein interventionsgerontologisches Konzept für die Arbeit mit demenziell erkrankten alten Menschen in der ambulanten Pflegepraxis?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37190

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