Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage der Zukunft des Nationalstaates in einem Kontext der Entwicklung von supranationalen Konstellationen und immer bedeutsamer werdenden internationalen Phänomenen. Wird der souveräne Nationalstaat die Wirkungen der globalisierten Weltgesellschaft überstehen können, oder wird er sich dabei auflösen? Wie reagiert der Nationalstaat auf das Phänomen der Globalisierung? Verliert er an Relevanz oder passt er sich an?
Moderne Phänomene, allen voran die Globalisierung, setzen eine neue Wahrnehmung der Staatssouveränität durch. Diese bringt die Schwächen eines absoluten Ansatzes der Staatssouveränität zum Ausdruck. Nun stellt sich die Frage, ob sich der souveräne Nationalstaat dem Ende seiner Allmacht oder sogar seiner Existenz nähert.
Diese rhetorische Frage zu formulieren scheint eine unsinnige Aufgabe zu sein, dennoch ist sie in dreierlei Hinsicht grundlegend: Erstens resümiert die Frage die Beobachtungen über negative Auswirkungen der Globalisierung auf die Souveränität des Nationalstaates; von daher setzt sie die Notwendigkeit durch, die Staatssouveränität neu zu denken. Zweitens ermöglicht sie, die Widerstands- und Anpassungsfähigkeit des souveränen Staates gegenüber den neuen Phänomenen zu hinterfragen. Drittens zwingt sie dazu, die Frage der Zukunft des Nationalstaates, die kontroverse Debatten auslöst, früher oder später endgültig zu beantworten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Steht die Zukunft des Nationalstaates in Frage?
2.1. Prägende Merkmale und Tendenzen der staatlichen Transformation
2.1.1. Die Entnationalisierung der Staatlichkeit
2.1.2. Die Entstaatlichung politischer Regime
2.1.3. Die Internationalisierung des Nationalstaates
3. Ist der sich auflösende Nationalstaat eine Illusion?
3.1. Der Nationalstaat: ein Beobachtungs- und Analyseobjekt
3.1.1. Governance: relativierende Perspektive der Staatszentriertheit
3.1.2. Der Nationalstaat und die Anderen: zur Ko-Produktion von Staatlichkeit
3.2. Stärkung der Nationalstaaten durch die Globalisierung
3.2.1. Die Regulative Supervision
3.2.2. Die Internationalisierung von Politik
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auswirkungen der Globalisierung auf den souveränen Nationalstaat. Im Kern steht die Forschungsfrage, ob der Nationalstaat im Zuge der globalisierten Weltgesellschaft an Relevanz verliert und sich auflöst, oder ob er einen Transformationsprozess durchläuft, der seine Handlungsfähigkeit innerhalb neuer Strukturen sichert.
- Die drei zentralen Entwicklungstendenzen: Entnationalisierung, Entstaatlichung und Internationalisierung.
- Die kritische Analyse der Souveränität des westphälischen Staates im Kontext globaler Märkte.
- Die Rolle der „Governance“ als neuer Steuerungsansatz jenseits klassischer staatlicher Hierarchien.
- Die positiven Effekte der Globalisierung auf die Autonomie und Kapazität nationaler Regierungen.
- Der Vergleich zwischen „Government“ (Zentralstaat) und „Governance“ (transnationales Regieren).
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Governance: relativierende Perspektive der Staatszentriertheit
Bei dem Governancebegriff wird der Eindruck vermittelt, der Staatsbegriff werde verdunkelt. Der Begriff der Governance erinnert daran, dass der Staat ein Akteur in einer Arena ist, in der viele andere Akteure zur Produktion der Staatlichkeit beitragen können. Angesichts der Beteiligung von gesellschaftlichen Akteuren an der Formulierung und Implementierung politischer Orientierungen, fällt die klassische Vorstellung vom hierarchisch intervenierenden Staat weg, Steuerungssubjekt und Steuerungsobjekt lassen sich dabei nicht mehr eindeutig unterscheiden (Mayntz 2004:4). Ausgehend von dieser Betrachtung erweist sich der Staatszentrismus – die Beschreibung des Staates als Herrschaftsmonopolist als schlechter Punkt um die Metamorphosen des Staates in einer zunehmend globalisierten Welt wahrzunehmen. Wenn sich heute der Vorzug des Governance-Ansatzes dadurch rechtfertigen kann, dass besondere Formen der Politik, das kollektive Handeln in der modernen Gesellschaft durch ihn besser verstanden werden können als durch das Konzept des Staates oder des Regierungssystems, dann kann sich der Begriff im engeren Sinne als ein Gegenbegriff zu hierarchischer Steuerung verstehen.
In diesem Sinne wird der Staat als Akteur allerdings nicht abgeschafft, sondern er entwickelt sich als Gouvernanceakteur unter anderen, er ist in nicht-hierarchische Regelungsstruktur eingebunden, die auf die Kooperation mit nicht-staatlichen Akteuren zielt (Folke Schuppert 2013:40; Vgl. Bretthauer 2008:124-138). Folke Schuppert postuliert weiterhin, dass wenn der Governancebegriff nicht mit Entstaatlichung gleichzusetzen sei, sondern die Überwindung einer verengenden Staatszentriertheit darstelle, soll der folgende Satz zur Geltung gebracht: „the King is dead- Long live the extended Royal Family“. Der letzte Teil dieses Satzes deutet auf einen Paradigmenwechsel hin, d.h. der Staat läuft eine Mutation vom „Herrschaftsmonpolist“ zum „Herrschaftsmanager“ durch. Semantisch betrachtet, bedeutet dies, dass der zuvor alleinige Besitzer des Gewaltmonopols in der neuen Welt gesellig ist. Er bekomme eine von ihm gesuchte Gesellschaft. Diese führe zu mehr oder weniger harmonischen Geselligkeitsformen (Folke Schuppert 2013:41).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die historische Entstehung des westphälischen Systems der Souveränität ein und leitet zur Fragestellung über, wie sich der Staat unter dem Einfluss der Globalisierung verändert.
2. Steht die Zukunft des Nationalstaates in Frage?: Hier werden die drei Kernprozesse der Transformation – Entnationalisierung, Entstaatlichung und Internationalisierung – analysiert, die den Nationalstaat unter Druck setzen.
3. Ist der sich auflösende Nationalstaat eine Illusion?: Das Kapitel hinterfragt die Untergangsthese und beleuchtet Ansätze, die den Nationalstaat als handlungsfähigen Akteur in neuen Governance-Strukturen definieren.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass der Nationalstaat nicht verschwindet, sondern sich durch einen Paradigmenwechsel vom keynesianischen Interventionsstaat zum regulativen Akteur an die globale Welt anpasst.
Schlüsselwörter
Nationalstaat, Globalisierung, Souveränität, Staatlichkeit, Transformation, Governance, Entnationalisierung, Entstaatlichung, Internationalisierung, westphälisches System, Regulative Supervision, Politische Autonomie, Weltgesellschaft, Politikfeld, Handlungsspielraum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Einfluss der Globalisierung auf den Nationalstaat und analysiert, ob dieser als politisches Modell ausgedient hat oder ob er sich durch Transformation an die neuen Bedingungen anpassen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind der Wandel der Staatssouveränität, die Verschiebung von zentralem Regieren hin zu Governance-Strukturen sowie die Auswirkungen der wirtschaftlichen und politischen Internationalisierung auf nationale Regierungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, ob der souveräne Nationalstaat an den Wirkungen der globalisierten Weltgesellschaft zerbricht oder ob er an Relevanz behält, indem er seine Strukturen transformiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Literaturanalyse, die verschiedene Ansätze der Politikwissenschaft und Staatstheorie (u.a. von Michael Zürn, Bob Jessop und Jürgen Habermas) gegenüberstellt und synthetisiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Transformationsprozessen wie Entnationalisierung und Entstaatlichung sowie die Analyse, wie Nationalstaaten durch internationale Kooperation und regulative Supervision neue Autonomie gewinnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Souveränitätsverlust, Transformation, Multi-Level-Governance und die Dynamik zwischen Staat und globalen Märkten charakterisiert.
Was bedeutet der Begriff "DRIS" in diesem Kontext?
DRIS steht für die vier Säulen des souveränen Staates aus dem westphälischen System: Territorialstaat, Rechtsstaat, Interventionsstaat und demokratischer Staat, deren Substanz durch die Globalisierung erodiert.
Wie wird das Konzept "Governance" im Vergleich zum klassischen "Government" definiert?
Während "Government" für zentrale hierarchische Steuerung steht, beschreibt "Governance" eine nicht-hierarchische Kooperation zwischen dem Staat und verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren zur gemeinsamen Produktion von Staatlichkeit.
Welche Bedeutung hat das Beispiel der EU in der Arbeit?
Die EU dient als zentrales Anschauungsobjekt für die Verlagerung von Souveränität auf supranationale Ebene, was einerseits die nationale Handlungsfähigkeit einschränkt, andererseits aber neue Formen des Regierens ermöglicht.
- Arbeit zitieren
- Augustin Claude Bomba (Autor:in), 2015, Auflösung oder Transformation? Der Nationalstaat in globalisierter Weltgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371935