Sinn einer Reise. Erleben als touristisches Motiv in der Literatur vor 1800


Bachelorarbeit, 2017

75 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Zusammenfassung

Abstract

1 Einleitung

2 Definitionen der Schlüsselwörter
2.1 Erleben und Erlebnis
2.2 Motiv und Motivation

3 Theoretische Grundlage
3.1 Theorie der Reisetriebe
3.1.1 Neugier
3.1.2 Entdeckungsdrang
3.2 Fluchttheorie
3.2.1 Modell der Konträr- und Komplementärhaltung
3.2.2 Flow

4 Untersuchungsmethode

5 Methodologisches Vorgehen
5.1 Deduktive Kategorienbildung
5.2 Deduktive Kategorienanwendung

6 Literarische Analyse
6.1 An Francesco Dionigi von Borgo San Seplocro in Paris
6.2 Robinson der Jüngere

7 Schlussbetrachtung

8 Literaturverzeichnis

9 Anhang

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Bedürfnis, Motivation und touristisches Beispiel

Tab. 2: Kennzeichen des Explorativen und Biotischen Erlebens

Tab. 3: Vier Gruppen von Reisemotiven nach Hartmann

Tab. 4: Sechs Gruppen von Reisemotiven der RA 1973, RA 1980, RA 1990

Tab. 5: Dreidimensionale Motivbündel des Haupturlaubsmotivs Erholung nach Opaschowski

Tab. 6: Sechs Gruppen von Urlaubsmotiven der RA 2000, RA 2004, RA 2009, RA 2015

Tab. 7: Kodierleitfaden der deduktiven Kategorienbildung, 1. Schritt

Tab. 8: Erweiterung des Kodierleitfadens durch theoretische Erklärungsansätze, 2. Schritt am Explorativen Erleben

Tab. 9: Erweiterung des Kodierleitfadens durch theoretische Erklärungsansätze, 2. Schritt am Biotischen Erleben

Tab. 10: Erweiterung des Kodierleitfadens durch empirische Erklärungsansätze, 3. Schritt am Explorativen Erleben

Tab. 11: Erweiterung des Kodierleitfadens durch empirische Erklärungsansätze, 3. Schritt am Biotischen Erleben

Tab. 12: Deduktives Kategoriensystem

Tab. 13: Deduktive Kategorienanwendung am Beispiel Petrarca

Tab. 14: Deduktive Kategorienanwendung am Beispiel Robinson

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Bedürfnispyramide nach Maslow

Zusammenfassung

Dass die Reisearten sehr unterschiedlich und teilweise auch einander entgegengesetzt sind, zeigt die Geschichte: im Römischen Reich gab es bereits Vergnügungsreisen, im Mittelalter vorrangig Pilgerreisen und zur Zeit des europäischen Adels Bäderreisen (POTT 2007, S. 47). Viele Forscher haben sich bereits mit der Frage, warum Menschen eigentlich reisen, auseinandergesetzt. Das ˈErlebenˈ als touristisches Motiv in der Literatur vor 1800 ist Gegenstand dieser Bachelorarbeit.

Unter Berücksichtigung der Definitionen der zentralen Schlüsselwörter Erleben und Erlebnis sowie Motiv und Motivation summiert sich eine theoretische Grundlage. Diese beinhaltet die Theorie der Reisetriebe sowie die Fluchttheorie. Neben den Schlüsselwörtern Neugier und Entdeckungsdrang, welche Kennzeichen der Theorie der Reisetriebe sind, wird das Modell der Konträr- und Komplementärhaltung sowie das Konzept des Flows als Teile der Fluchttheorie näher erläutert. Die Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring stellt die Untersuchungsmethode. Das methodologische Vorgehen wird durch die deduktive Kategorienbildung und -anwendung verdeutlicht. Neben der theoretischen Grundlage werden empirische Erklärungsansätze zur Bildung des deduktiven Kategoriensystems herangezogen. Es ergeben sich drei Hauptkategorien, das Explorative Erleben, das Biotische Erleben sowie der Flow, und jeweilige Unterkategorien. Ein autobiographischer Brief von Petrarca aus dem Mittelalter sowie Campes Kinder- und Erziehungsbuch Robinson der Jüngere zur angenehmen und nützlichen Unterhaltung für Kinder vom Ende des 18. Jahrhunderts sind Gegenstand der Kategorienanwendung sowie der Auswertung und der Interpretation im Rahmen der literarischen Analyse. Petrarca schildert in seinem Brief seinen Aufstieg des 1.900 m hohen Bergs Mont Ventoux. Wenngleich alle Hauptkategorien bei Petrarca nachgewiesen werden, liegt der Schwerpunkt im Natur-Erleben, einer Unterkategorie des Biotischen Erlebens, sowie in der Verbindung zum Flow und seinen Unterkategorien Transzendenz sowie Verlust des Gefühls von Raum und Zeit. Durch bewusste Wahrnehmung seiner Umwelt sowie durch die Verbindung mit seiner körperlichen Aktivität, dem Bergaufstieg, gelingt Petrarca eine Projektion auf seine Innenwelt im Sinne der Transzendenz. Er erlebt dabei häufig den Verlust seines Gefühls für Raum und Zeit und verfällt des Öfteren der Selbstkommunikation. Bei Robinson dagegen liegt der Fokus ausschließlich in der Vielfalt des Explorativen Erlebens. Neben dem Kognitiven Erleben können sowohl das Spezifische Erleben als auch das Diversive Erleben nachgewiesen werden, jedoch keine weitere Hauptkategorie, weder das Biotische Erleben noch der Flow.

Abstract

History shows very different ways of travelling: e.g. in the Roman Empire, there were already journeys for amusement, in the Middle Ages pilgrimages and in the time of the European nobility bathing trips (POTT 2007, p. 47). Many researchers have dealt with the question of why people actually traveled. ˈExperienceˈ as a touristic motive in per-1800 literature is the subject of this Bachelor thesis.

The theoretical foundation is based on definitions of the central keywords: experience, motive and motivation. In addition to these keywords the Drive Reduction Theory in combination with travelling and the Escape Theory are presented in more detail: The Drive Reduction Theory in combination with travelling includes curiosity and urge to discover. The model of contrariness and complementarity as well as the concept of flow are characteristics of the Escape Theory.

The qualitative analysis of content according to Mayring is the research method. The methodological approach is illustrated by deductive category assignment and application. In addition to the theoretical basis, empirical explanations are used to form the deductive category system. There are three main categories: the explorative experience, the biotic experience and the flow, as well as their respective subcategories.

An autobiographical letter by Petrarca from the Middle Ages as well as Campes children's and educational book Robinson der Jüngere zur angenehmen und nützlichen Unterhaltung für Kinder from the end of the 18th century are the subject of the categories´ application as well as the interpretation in the context of the literary analysis. In his letter, Petrarca describes his climb of the 1.900 metres high Mont Ventoux in Provence. Although all the main categories are documented in Petrarca, the focus is on natureexperience, a subcategory of biotic experience, as well as on the connection to the flow and its subcategories of transcendence, fusion experience and loss of the feeling of space and time. Through his conscious perception of his environment, as well as the connection with his physical activity, namely the climbing of the mountain, Petrarca succeeds in a projection of his inner world in the sense of transcendence. He often experiences the loss of his feeling for space and time and frequently lapses into self-communication. In contrast, the focus of Robinson is exclusively on the exploratory experience. The cognitive experience, the specific experience and the diversity experience can be demonstrated, but none of the other two main categories, neither the biotic experience nor the flow are present in the text.

„Alle bekannten Gesellschaften initialisieren einen Wechsel von Gewöhnlichem und AußerGewöhnlichem; fast alle Menschen ergreifen die Gelegenheit, in bestimmten Abschnitten des Lebens aus der Normalität herauszutreten“ (HENNIG 1997, S. 89).

1 Einleitung

Die Geschichte, die Philosophie und die Literatur belegen: Menschen reisen. Und dies seit je her1. Doch warum? Warum reisen Menschen eigentlich? Worin liegen die Gründe und Ursprünge des Reisens? Welche Kräfte bringen Menschen dazu immer wieder in nicht-alltägliche Erfahrungswelten aufzubrechen? Und welchen Sinn hat eine Reise? Viele Forscher haben sich diese und ähnliche Fragen bereits gestellt (FREYTAG 2014, S. 12-24; FELDMANN 1993, S. IX; KULINAT 2007, S. 97; HENNIG 1997, S. 89; OPASCHOWSKI 1996, S. 33; PETERMANN 1998, S. 124-132; STEINECKE 2011, S.18). Die Forschungslandschaft ist recht unübersichtlich geworden. Viele verschiedene Theorien, Modelle und Konzepte sind in der wissenschaftlichen Tourismusforschung theoretisch entwickelt und zum Teil auch empirisch, unter anderem in Form von Reiseanalyen, untersucht worden2. Eine einzelfallübergreifende Erklärung scheint es dennoch nicht zu geben.

Die Zweckhaftigkeit des Reisens zeigt sich in Bäderreisen der Antike, in mittelalterlichen Pilgerreisen sowie in der Kavalierstour der jungen Adligen. Bis in das 18. Jahrhundert hinein unterlagen Reisen biologischen, geographischen, klimatischen oder aber wirtschaftlichen Zwängen; Reisen als Selbstzweck ist bis dahin nahezu unbekannt gewesen (ASMODI 1993, S. 584). Im modernen Alltag ist auch heute wenig Raum für ziel- und zweckloses Dasein. Eine Urlaubsreise kann heutzutage den nötigen Kontrast bieten. Das ˈErlebenˈ spielt hierbei in vielen touristischen Theorien und Modellen eine Rolle und tritt sowohl als Konzept und Motiv oder als Umschreibung eines solchen auf. Die Befreiung von Zwecken im Zusammenhang mit Reisen wird laut Hennig jedoch in der Literatur präziser dargestellt als in der wissenschaftlichen Tourismusforschung (HENNIG 1997, S. 45f.). Unter diesem Gesichtspunkt und im Hinblick auf die oben genannten einleitenden Fragestellungen soll in dieser Arbeit das ˈErlebenˈ als touristisches Motiv in der Literatur vor 1800 untersucht werden. Zur Hinführung des Themas werden eingangs die Schlüsselwörter des Untertitels definiert. Im Anschluss folgt eine theoretische Grundlage, welche einige Theorien, Modelle und Konzepte der wissenschaftlichen Tourismusforschung näher erläutert. Im vierten Kapitel wird die Untersuchungsmethode vorgestellt. Das methodologische Vorgehen erfolgt im fünften Kapitel. Im sechsten Kapitel wird das erarbeitete Kategoriensystem an zwei Werken angewandt: einem Brief von Petrarca aus dem 14. Jahrhundert und einem Kinder- und Erziehungsbuch Ende des 18. Jahrhunderts. Die Ergebnisse werden in der Schlussbetrachtung abschließend dargelegt.

2 Definitionen der Schlüsselwörter

Wie erwähnt, liegt der Fokus dieser Arbeit auf dem ˈErlebenˈ als touristisches Motiv. Zur Themenhinführung werden daher zunächst die beiden Schlüsselwörter des Untertitels, ˈErlebenˈ und ˈMotivˈ, definiert und erläutert3. Während der Begriff ˈErlebenˈ eng verknüpft ist mit dem Begriff ˈErlebnisˈ, wird der Begriff ˈMotivˈ häufig in Verbindung mit dem Begriff ˈMotivationˈ gebracht, sodass auch diese Ergänzungen näher erläutert werden.

2.1 Erleben und Erlebnis

Der Begriff ˈErlebenˈ ist neben dem Begriff ˈVerhaltenˈ ein wesentlicher Bestandteil der Definition der Psychologie (FAßNACHT 2000, o.S.). In der Tourismuspsychologie spielt das Erleben ebenfalls eine Rolle. Es ist sowohl Motiv oder Teil bzw. Umschreibung eines solchen als auch Konzept. Bereits die ersten empirischen Analysen deklarierten ˈErlebnisfaktorenˈ als eine Gruppe von Reisemotiven (vgl. HARTMANN 1962). Seit dem taucht es unter verschiedenen Bezeichnungen als Reisemotiv, Urlaubserwartung bzw. Urlaubsreisemotiv oder als Teil bzw. Umschreibung oder zur näheren Definition eines solchen in den jährlichen ReiseAnalysen4 auf (vgl. RA 1973-2016). Der aktuellen RA zufolge ist ˈNeues erlebenˈ in diesem Jahr sowie bereits seit über 15 Jahren ein eigenes Urlaubsreisemotiv (vgl. RA 2016).

Reinhard Schober5, stellt das Erleben als keinen Zustand, sondern als einen ˈProzessˈ dar. Er unterteilt diesen in acht Einzelphasen, welche er idealtypisch als „Verbindungsstück zwischen Motiv und Ziel“ ansieht (SCHOBER 1993, S. 137):

1. „Aus dem Bewusstsein nicht oder nur ungenügend befriedigter Wünsche entsteht beim Menschen (dem zukünftigen touristischen Kunden) eine Bedürfnisspannung (oder eine Motivationslage).
2. Das Individuum sucht nach einem geeigneten Ziel, um sein Bedürfnis befriedigen zu kön nen.
3. Die Wahrnehmung dieses Ziels und der damit verbundenen Erlebnismöglichkeiten schafft eine gewisse Vorfreude und allgemeine emotionale Aktivierung.
4. Nach Überwindung von Barrieren, d.h. Problemen, Schwierigkeiten, wird das Ziel erreicht, worauf sich der besondere Zustand des Erlebens einstellt.
5. Eine Intensivierung der Zielerreichung bringt das gesteigerte Erleben, „lustvolle“ Lebensge fühl mit sich.
6. In der Regel ist das typische Gefühl des Erlebens oder Erlebnishabens dann eine Zeit lang voll entfaltet, bevor
7. die Erlebnisintensität allmählich absinkt und der Zustand der (psychophysischen) Sättigung eintritt, und schließlich
8. der Organismus in seinen früheren Gleichgewichtsstand zurückgekehrt ist. Erleben ist mit der Sättigung nicht vorbei. Im Unterbewusstsein steht eine jederzeit abrufbare Bildergalerie der Urlaubserlebnisse bereit, die Urlaubserinnerung“ (SCHOBER 1993, S. 137f.).

Ausgangspunkt ist nach Schober ein Mangel, eine Unzufriedenheit. Das Individuum ist im Folgenden bemüht diesen Mangel auszugleichen und sein Bedürfnis zu befriedigen. Verschiedene Erlebnismöglichkeiten bereiten ihm dabei Vorfreude und führen zu einer emotionalen Aktivierung. Als Ziel wird ein besonderer Zustand des Erlebens, ein ˈlustvolles Lebensgefühlˈ, angesehen. Nachdem im Folgenden die Erlebnisintensität abnimmt und eine psychophysische Sättigung eintritt, leben Urlaubserlebnisse in Form der Urlaubserinnerung im Unterbewusstsein weiter (SCHOBER 1993, S. 137f.). Die psychophysische Sättigung spiegelt sich neben der Erlebnisintensität auch in der ˈerlebten Ereignislosigkeitˈ wider, welche u.a. in Form der ˈLangeweileˈ oder ˈStilleˈ sich ausdrückt (MILLER 1993, S. 232). Schober spricht in seiner Darstellung (Urlaubs-)Erleben, (Urlaubs-)Erlebnis (1993) von vier wesentlichen Erlebnisbereichen, die im Urlaub eine Rolle spielen:

1. Das ˈExplorative Erlebenˈ, welches „das suchende Informieren oder Erkunden, das spielerische Probieren, das Neugierigsein auf etwas Besonderes […] [beinhal tet und] eine Alternative zum ˈlangweiligenˈ Alltag“ darstellt (SCHOBER 1993, S. 138; eigene Hervorhebungen).
2. Das ˈSoziale Erlebenˈ, für welche „die Suche nach einem nicht zu verbindlichen Kontakt mit anderen (z.B. Familien) [charakteristisch ist], um soziale Defizite im normalen Alltag zu kompensieren, ohne daß dies aber in starke soziale Verpflich tungen ausartet“ (ebd., S. 138; eigene Hervorhebungen).
3. Das ˈBiotische Erlebenˈ umfasst „alle Formen sonst nicht vorhandener, auch un gewöhnlicher Körperreize, [wie z.B.] kalkulierte Gebirgswanderungen“ (ebd., S. 138; eigene Hervorhebungen).
4. Das ˈOptimierende Erlebenˈ wird als „ˈsekundärer Erlebnisgewinnˈ [verstanden, dessen] soziale Verstärkung eines erfolgreichen, eben: erlebnisreichen Urlaubs, durch das soziale Umfeld in der gewohnten Alltagsumgebung, in die der Urlauber wieder zurückkehrt“ (ebd., S. 138; eigene Hervorhebungen).

Das ˈErlebnisˈ ist ein Ereignis im individuellen Leben eines Menschen, welches sich vom Alltag abhebt. Schulze spricht von einer ˈErlebnisgesellschaftˈ: „Intrinsische Motive siegen über extrinsische, Innenorientierung über Außenorientierung“ (SCHULZE 2005, S. VII). Subjektive Prozesse betrachtet Schulze in seinen Untersuchungen als moderne Basismotivation einer Erlebnisorientierung. Viele sehen „ein schönes, interessantes, angenehmes, faszinierendes Leben“ als ˈSinn des Lebensˈ an (ebd., S. 22). Die ˈErlebnisorientierungˈ ist im historischen Vergleich „etwas Neuartiges“ (ebd., S. 14). Schulze deklariert sie als „die unmittelbarste Form der Suche nach Glück“ (ebd., S. 14). ˈWerte der Selbstentfaltungˈ sowie des ˈunmittelbaren Erlebens und Genießensˈ haben heute nach Schulze bei der Erlebnisorientierung den Vorrang (ebd., S. 22).

2.2 Motiv und Motivation

Der Begriff ˈMotivˈ ist eng verknüpft mit dem der ˈMotivationˈ. Das Motiv ist Bestandteil der Motivation und wird durch sie aktiviert. Schmude/Namberger verstehen das Motiv als „allgemeinen Antrieb“ (SCHMUDE und NAMBERGER 2002, S. 68). Heckhausen6 definierte das Motiv als situationsübergreifende Disposition, welches Zielzustände positiv oder negativ bewertet und Ziele demzufolge klassifiziert, welche Menschen anstreben und welche vermieden werden. Er verstand Motive als Wertungsdisposition (vgl. HECKHAUSEN 1989). Leser et al. betrachten das Motiv als „psychologischen Impuls“ (LESER et al. 1984, S. 139). Gleich begreift das Motiv als einen ˈBeweg-Grundˈ, welcher sich im Handeln widerspiegelt und Ausdruck von Regungen der Gefühle ist. Handlungsgrundlage des Bewegens ist ihm zufolge eine Emotion: „Wir bewegen uns körperlich, weil uns seelisch etwas bewegt - und umgekehrt“ (GLEICH 1998, S. 190). In enger Verknüpfung mit Motivationszuständen werden Emotionen als grundlegende Antriebskräfte des Menschen und wesentlicher Bestandteil der Motivation angesehen (KULINAT 2007, S. 98). ˈVitalitätˈ versteht Reiss7 beispielsweise als positive Emotion, ˈRuhelosigkeitˈ als negative.

Die Motivation wird als ein zielorientierter, kognitiver Prozess angesehen, welcher zunächst durch ein bestimmtes Verhalten aktiviert wird. Sie beschreibt folglich eine Gesamtheit der Bedingungen, die zu einer Handlung führen kann. Sie wird u.a. als „Impuls für eine einzelne Aktivität“ aufgefasst (SCHMUDE und NAMBERGER 2002, S. 68). Unterschieden wird zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation. Kennzeichen einer intrinsischen Motivation ist, dass die ˈPersonˈ „von innen heraus“ motiviert ist, während bei der extrinsischen Motivation die ˈSituationˈ und äußere Einflüsse ausschlaggebend sind. Person und Situation führen dem Grundmodell kognitiver Motivationstheorien zufolge zuerst zur Motivation, später dann zur Handlung, zum Ergebnis und zu den Folgen. Motive, Ziele, Erwartungen und Bewertungen kennzeichnen dabei die Person, Anreize, Gelegenheiten, gesellschaftliche Bedingungen und Veränderungen die Situation (POTT 2007, S. 49; SCHMUDE und NAMBERGER 2002, S. 70; KULINAT 2007, S. 98; KRAUß 1993, S. 85; HECKHAUSEN 1980, S. 29). Bei der Motivation handelt es sich folglich um einen Zustand, in welchem persönliche Motive durch situative Anreize angeregt werden (vgl. RHEINBERG 2002; vgl. HECKHAUSEN 1989). Reiss fasst intrinsisch motivierte ˈpsychologische Bedürfnisseˈ als treibende Kraft für die Psyche des Menschen auf und betitelt diese als Grundbedürfnisse (REISS 2009, S. 41f.). Jeder Mensch schreibt diesen psychologischen Bedürfnissen jedoch unterschiedliche Prioritäten zu. Einige Grundbedürfnisse, wie z.B. Essen oder körperliche Aktivität, müssen befriedigt werden um zu überleben, während andere, wie z.B. Neugier dafür da sind, dass wir „das Leben als sinnvoll empfinden“ (REISS 2009, S. 43).

Abraham H. Maslow8 stellt die Hierarchie von Motiven in seiner entworfenen Bedürfnispy- ramide dar (vgl. Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Bedürfnispyramide nach Maslow(eigne Darstellung)

In dieser Bedürfnispyramide spiegelt sich die Persönlichkeitsentwicklung wider, welche die physiologischen Bedürfnisse als Fundament, Sicherheit als zweite, soziale Bedürfnisse als dritte, Selbstachtung als vierte und Selbstverwirklichung als fünfte und höchste Position betrachtet. Neben Kaspers fünf Motivationsgruppen (1993) stellt Freyer (1995) für jede Stufe der Bedürfnispyramide ein touristische Beispiele dar (vgl. Tab. 1).

Tab. 1: Bedürfnis, Motivation und touristisches Beispiel (eigne Darstellung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3 Theoretische Grundlage

Forschungsberichte von Expeditionen großer Entdeckungsreisen des 15. und 16. Jahrhunderts machten einen Anfang für den Weg zur modernen Geographie als wissenschaftliche Disziplin. Fortan wurde sowohl die Natur als auch der Mensch in seiner vorhandenen räumlichen Vielfalt betrachtet, erfasst und typisiert (FREYTAG 2014, S. 12-24). Neben der quantitativen Erschließung von Strukturen und Prozessen im messbaren Raum (ˈspaceˈ) ist die Räumlichkeit und somit die Wahrnehmung von Orten und ihre symbolische Bedeutung (ˈplaceˈ) Gegenstand der räumlichen Vielfalt. Die inzwischen etwa 60 Jahre alte Tourismusgeographie untersucht neben der Raum- auch die Motiv- und Verhaltensdimension von Reisenden (vgl. FELDMANN 1993; KULINAT 2007; FREYTAG 2014; OPASCHOWSKI 1996; ebd. 1999; STEINECKE 2011).

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, haben sich viele Forscher mit verschiedenen Theorien, Modellen, Ansätzen und Konzepten auseinandergesetzt. Anzumerken ist hierbei, dass die Termini, ˈTheorieˈ, ˈAnsatzˈ, ˈKonzeptˈ und ˈModellˈ, nicht immer einheitlich verwendet werden. Häufig werden Theorien auch als Konzepte und diese wiederum auch als Motive aufgefasst. Zu beachten ist außerdem, dass in der Literatur die Begriffe ˈReiseˈ, ˈReisenˈ und ˈUrlaubˈ teilweise synonym verwendet werden.

Während Hennig, Kulinat, Opaschowski und Steinecke sich vornehmlich mit Theorien und Modellen auseinandersetzen, welche das ˈWarumˈ hinter den Reisemotiven versuchen zu ergründen, erläutern Hahn/Kagelmann 24 theoretische Konzepte, unter anderem das bereits in 2.1 vorgestellte Konzept (Urlaubs-)Erleben, (Urlaubs-)Erlebnis von Schober (HAHN und KAGELMANN 1993, S. 119-236; HENNING 1997, S. 72-101; KULINAT 2007, S. 97f; PETERMANN 1998, S. 124-132; SCHOBER 1993, S. 137-140; STEINECKE 2011, S.18, 46f.).

Im Folgenden werden die Theorien, Modelle und Konzepte vorgestellt, welche sich auf zwei der vier von Schober definierten Erlebnisbereiche (1993), das Explorative und das Biotische Erleben, beziehen lassen. Die wichtigsten Kennzeichen werden in der Tab. 2 dargestellt.

Tab. 2: Kennzeichen des Explorativen und Biotischen Erlebens (eigne Darstellung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Als Grundlage einer Reise wird das Reisemotiv angesehen, welches wiederum zu einer Reiseentscheidung führt (BRAUN 1989, S. 15-23; HOPFINGER 2002, S. 142; OPASCHOWSKI 1996, S. 33; STEINECKE 2002, S. 141). Hopfinger betitelt ˈReisemotiveˈ auch als ˈReisebeweggründeˈ. Demnach ist ein Reisemotiv ein „Beweggrund eines Reiseverhaltens, der als auslösende, richtungsgebende und antreibende Zielvorstellung bewusst oder unbewusst wirken kann. Im Allgemeinen haben Reisende ein Bündel von Beweggründen hinsichtlich ihrer Reise […]“ (HOPFINGER 2002, S. 142). Ottmar L. Braun9 beschäftigt sich seit seiner Dissertation 1989 mit Reisemotiven. Er versteht unter einem ˈReisemotivˈ:

„die Gesamtheit der individuellen Beweggründe, die dem Reisen zugrunde liegen. Psychologisch gesehen handelt es sich um Bedürfnisse, Strebungen, Wünsche, Erwartungen, die Menschen veranlassen, eine Reise ins Auge zu fassen bzw. zu unternehmen. Wie andere Motive auch sind sie individuell verschieden strukturiert und von der sozio-kulturellen Umgebung beeinflußt“ (BRAUN 1993, S. 199).

3.1 Theorie der Reisetriebe

Im Zusammenhang mit der Theorie der Reisetriebe wird Plinius der Ältere10 häufig zitiert: „Die menschliche Natur ist reiselustig und nach Neuem begierig!“ (PLINIUS o.J., zit. in OPASCHOWSKI 1999, S. 66). Opaschowski verweist zur Erläuterung der elementaren Grundzüge auf „innere Unruhe und Bewegungsdrang, die Flucht vor dem Alltag und Gewohnten sowie den Wunsch nach der Fremde und Ferne, nach Unbekanntem und Neuen“ (OPASCHOWSKI 1999, S. 41; ebd. 1996, S. 33). Angetrieben wird ihm zufolge der Mensch durch den „Wunsch nach Wechsel und Bewegung, Unrast und Abenteuerlust“ (ebd. 1999, S. 41; ebd. 1996, S. 33). Diese seien die „heimlichen Triebfedern für die unheimliche Lust am Reisen und Unterwegssein“ (ebd. 1999, S. 41). Die ˈBegierdeˈ selbst ist definiert als „auf Genuss und Befriedigung, auf Erfüllung eines Wunsches, auf Besitz gerichtetes, leidenschaftliches Verlangen“ (BIBLIOGRAPHISCHES INSTITUT GMBH o.J.b, o.S.). Sowohl die Begierde nach Neuem, welche auch als Neugier zu verstehen ist, als auch innere Unruhe und Bewegungsdrang, die Flucht vor dem Alltag und Gewohnten sowie der Wunsch nach der Fremde und Ferne, nach Unbekanntem und Neuen, sprechen Schobers Exploratives Erleben aufgrund einer Übereinstimmung in den Schlüsselwörtern an, sodass sich die Theorie der Reisetheorie zur näheren Untersuchung qualifiziert.

Die Theorie der Reisetriebe, auch bekannt unter ˈReisen als anthropologische Konstanteˈ, basiert auf dem inkorrekt gebrauchten Ausdruck des ˈNomadismusˈ, welcher als ˈWander- und Urtriebˈ des Menschen in dieser Theorie angesehen wird. Dokumente der Geschichte belegen Völkerwanderungen und Kreuzzüge sowie mittelalterliche Pilgerrei- sen, Reisen von Händlern, Handwerksgesellen und Nomaden. Eng verknüpft ist der Be- griff Nomadismus mit den Begriffen ˈNeugierˈ und ˈEntdeckungsdrangˈ, welche in den folgenden beiden Unterpunkten erläutert werden. Ungeachtet bei dieser Theorie bleiben jedoch soziale Prägungen. Aufgrund seiner Eindimensionalität wird dieser theoretische Ansatz von einigen kritisch betrachtet (HENNIG 1997, S. 38-39; KULINAT 2007, S. 98ff.; PETERMANN 1998, S. 124-132; POTT 2007, S. 49; STEINECKE 2010, S. 30; ebd. 2011, S. 47). Maslows Bedürfnispyramide wird im Zusammenhang mit der Theorie der Reisetriebe ebenfalls häufig zitiert. Verwiesen wird dabei auf die Entwicklung der elementaren, menschlichen Grundbedürfnisse bis hin zur Selbstverwirklichung. Gemäß der Bedürfnishierarchie entspricht die Selbstverwirklichung Unabhängigkeit, Freude sowie Glück und ist mit dem touristischen Beispiel, dem Reisen als Selbstzweck, mit Vergnügen, Freude und ˈSonnenlustˈ gleichzusetzen (vgl. 2.2; HENNIG 1997, S. 38-39; KULINAT 2007, S. 100; PETERMANN 1998, S. 124-132; STEINECKE 2006, S. 47).

3.1.1 Neugier

Im Mittelalter wurde die ˈNeugierˈ noch als ˈcuriositasˈ bezeichnet. Sie gilt seitens der Kirche „als Grenzüberschreitung und oberflächliche Zerstreuung“ (GLEICH 1998, S. 88). Sie versuchte „den Menschen in die Ferne zu ziehen“ (MARTENS 1986, S. 41).

„Hauptzweck der Schöpfung war für das Mittelalter das Seelenheil des Menschen, und was der Mensch für sein Seelenheil wissen mußte, lag ihm in der doppelten Offenbarung durch die Heilige Schrift und durch das Buch der Natur immer schon vor Augen. Was er darüber hinaus noch wissen wollte, war für sein Seelenheil nicht nur gleichgültig, sondern sogar schädlich, denn es zog die Aufmerksamkeit von Gott und der eigentlichen Bestimmung des Menschen ab und lenkte sie stattdessen auf irdische Nichtigkeiten“ (LOHMEIER 1979, S. 2).

Bis ins Hochmittelalter galt die ˈcuriositasˈ als sündhaft (STAGL 1992, S. 141). Sie wurde als „eine Tochter der Acedia, der schweifenden Unruhe des Geistes im Zeichen der Sünde“ gesehen (MARTENS 1986, S. 41)11. Seit dem Ende des Spätmittelalters und Beginn der Frühen Neuzeit wird die theoretische Neugierde und die damit verbundenen Ortveränderungen jedoch positiver gesehen. Heute wird sie als „menschlicher Wissensdrang“ verstanden (GLEICH 1998, S. 88). Sie stellt sowohl ein Interesse an Wissen und somit auch an Bildung als auch ein Interesse an Neuem und an neuen Eindrücken dar. Während im Mittelalter das Reisen aus Neugier noch als zweifelhaft galt, wurde das Reisen aus Neugier während der Renaissance im 15. und 16. Jahrhundert immer mehr zu einem legitimen Motiv. Die zweifelhafte Neugier des Mittelalters wandelte sich zu einem ˈEntdeckungsdrangˈ. Der Reisende galt fortan als „Entdecker der Welt und als Sammler und Lieferant von Tatsachen“ (LEED 1993, S. 194).

Die Neugier bzw. Neugierde wird im Folgenden hauptsächlich von Psychologen weiter untersucht. Sie wird zunächst als eine „exploratorische Motivation“ und „Instinkt“ angesehen, welcher mit einem „Antrieb, neue Reize zu erkunden“ verknüpft ist (REISS 2009, S. 58f.). Später wird Neugier als ein ˈBedürfnis nach Kognitionˈ angesehen. Dieses ist, nach Reiss, eines der 16 psychologischen Bedürfnisse, welche jeder Mensch in sich trägt; „ein Grundbedürfnis […], das dem Leben einen Sinn verleiht“ (REISS 2009, S. 43). Differenziert wird zwischen zwei Neugierverhalten; einem spezifischen und einem diversiven. Während neuartige Reize in der Umwelt Ursache für ein spezifisches Neugierverhalten sein können, gelten reizarme, monotone Situationen, wie z.B. ˈLangeweileˈ als Auslöser für diversives Neugierverhalten (SCHMALT und LANGENS 2009, S. 173). ˈLangeweileˈ und ˈVerwirrungˈ werden daher als negative Emotionen der ˈNeugierˈ definiert, ˈErstaunenˈ bzw. ˈStaunenˈ als positive. ˈIdeenˈ gelten für die ˈNeugierˈ als intrinsische Wertvorstellung (KELLER 1981, S. 142f; REISS 2009, S. 48, 55).

3.1.2 Entdeckungsdrang

Wie bereits erwähnt, galt Neugier im Mittelalter noch als zweifelhaft. Erst mit der Renaissance im 15. und 16. Jahrhundert wandelte sich die Bedeutung zum positiv konnotierten ˈEntdeckungsdrangˈ bzw. ˈEntdeckerdrangˈ. Synonyme sind ˈErlebnisdrangˈ und ˈForschungsdrangˈ. Kennzeichen sind zum Teil anspruchsvolle Aufgaben und selbst gesteckten Ziele, welche bis zur Selbstverwirklichung reichen (SCHNELL 2016, S. 80). Als ˈErlebnisdrangˈ gehört er zur psychischen Motivation (vgl. KASPAR 1993).

3.2 Fluchttheorie

Die bei Opaschowski bereits angesprochene „Flucht vor dem Alltag und Gewohnten“ bietet dem Menschen neben einem Ausstieg aus dem Alltag auch die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung (OPASCHOWSKI 1999, S. 41; ebd. 1996, S. 33). Reisen werden daher von einigen Forschern als eine Flucht aus den Zwängen eines von ihnen als unwirtschaftlich geschilderten monotonen Alltags angesehen. Sie verweisen auf gesuchte Gegensätze, welche im Kontrast zum Alltag stehen (KULINAT 2007, S. 99; HENNIG 1997, S. 72-102).

Das Modell der Konträr- und Komplementärhaltung, welches u.a. von Opaschowski, Steinecke und Petermann in Bezug auf die ˈFluchttheorieˈ zitiert wird, wird im Folgenden zum besseren Verständnis dieser Theorie kurz dargestellt (OPASCHOWSKI 1996, S. 99; PETERMANN 1998, S. 124-132; STEINECKE 2011, S. 46). Beispiele der angesprochenen

Gegensätze bieten die Theorie der nicht-alltäglichen Welten mit der ˈIdee der Metamor- phoseˈ sowie die Konzepte ˈAuthentizitätˈ und ˈFlowˈ. Während nicht-alltägliche Welten in Form von Fest und Ritual als ˈgesellschaftliche Ventilfunktionˈ angesehen werden und dem Urlauber bzw. Reisenden die Möglichkeit bieten in eine andere soziale Rolle zu schlüpfen, weist das Konzept Authentizität auf die Echtheit von Erfahrungen und Erlebnissen hin. Traditionen, wie z.B. Volksfeste, spielen hierbei eine große Rolle12. Der Flow kann eine besondere Art einer Flucht darstellen. Das Konzept wird unter 3.2.2 dargestellt.

3.2.1 Modell der Konträr- und Komplementärhaltung

Kennzeichen der Konträrhaltung ist die ˈWeg-von-Motivationˈ, während die Komplementärhaltung durch die ˈHin-zu-Motivationˈ charakterisiert wird (STEINECKE 2011, S. 46f.; PETERMANN 1998, S. 125ff.). Merkmale der Konträrhaltung sind der „Wunsch nach Abwechslung“ und „Reisemotive wie Entspannung, Ablenkung, Freiheit und Kontrast zum Alltag“ (STEINECKE 2011, S. 46, PETERMANN 1998, S. 125ff.). Die Konträrhaltung spiegelt sich im Berufsalltag wider, welcher sowohl von physischer als auch psychischer Beanspruchung, Frustration und Entfremdung der Arbeitssituation gekennzeichnet ist (STEINECKE 2011, S. 46f; vgl. ENZENSBERGER, H.M. 1964; PETERMANN 1998, S. 125ff.; PRAHL, H.-W. & A. STEINECKE 1979, S. 239-241). „Die Suche nach etwas“ steht hierbei im Vordergrund (OPASCHOWSKI 1996, S. 101). Hierbei handelt es sich um einen Grenzübertritt, welcher sich aus dem Gewohnten, dem Alltag, hin zum Ungewohnten, dem Neuen, vollzieht. Nach Opaschowski liegt den angesprochenen Grenzübertritten ein Verlangen zugrunde, welches den Wunsch äußert, der eigenen Zeit und Umwelt zu entfliehen. In der Abwendung vom Alltag liegt zudem die Sehnsucht nach Neuem (OPASCHWOSKI 1996, S. 34, 258; PETERMANN 1998, S. 125ff.). Den Mangel, der der Konträrhaltung zugrunde liegt, versucht die Komplementärhaltung aufzufangen. Ihr Kennzeichen ist die „Möglichkeit zur Selbstverwirklichung“, welche bereits in Maslows Bedürfnispyramide unter 2.2 erläutert wurde (STEINECKE 2011, S. 47).

Während Steinecke die Konträr- und Komplementärhaltung als ein stark vereinfachtes Modell der touristischen Motivstruktur beschreibt, kritisieren Sozialpsychologen diesen dichotomischen Ansatz. Nach ihnen hat die Urlaubsreisemotivation einen komplexeren und mehrdimensionalen Charakter (RUDINGER und SCHMITZ-SCHERZER 1975, S. 4-17; STEINECKE 2006, S. 46f.).

3.2.2 Flow

Im Alltag ist der Mensch häufig seelisch und vor allem auch körperlich unterfordert. Oft fehlt ihm die Möglichkeit zur Selbstbetätigung. Eine Reise kann ihm dagegen den nötigen Freiraum verschaffen sich und seinen Körper in einer begrenzten Zeit herauszufordern. Indem er bewusst auf gewohnten Komfort verzichtet und sich eigene Ziele setzt, ergibt sich für ihn die Möglichkeit des psychischen und physischen Erlebens (ANFT und HEß 1993, S. 354; AUFMUTH 1989, S. 18-55; STEINECKE 2006, S. 49). Der Flow kann somit bewusst auf einer Reise angestrebt werden als auch Nebenprodukt sein. Die Auseinandersetzung mit der Verbindung von Körper und Sinnen spielt bereits in den Pilgerreisen seit dem Mittelalter eine Rolle. Der persönliche Heilsgewinn und der Drang den Spuren ihres Erlösers zu folgen, sind Motive der Pilger, die sich auf die Reise zu ˈHeiligen Ortenˈ begeben (HERBERS 1986, S. 23, 31ff.; WOLF 1989, S. 83).

In den 60er Jahren stellt Knebel die Theorie auf, wonach der Mensch mit optischen und akustischen Reizen so überflutet wird, dass er als Ausweg das Ausweichen auf ˈGebiete kinästhetischer Empfindungenˈ anstrebt (KNEBEL 1960, S. 99). Einer anderen Theorie zufolge, sehne sich der Mensch nach ˈBewegungsempfindungenˈ. Opaschowskis Ansicht zufolge bietet z.B. das Autofahren eine Möglichkeit rauschartige Zustände auszulösen. Neben dem Nervenkitzel, dem ˈThrillˈ, kann das Gefühl eigener Macht und teilweise auch Grenzenlosigkeit erlebt werden. Hierbei kann eine Sucht nach neuen Bewegungsgefühlen als Ausgleich und Ventil für sinnliche Reizüberflutungen auftreten (OPASCHOWSKI 1999, S. 51, 237). Edensor verfolgt unter dem Titel Embodied Tourism eine Perspektive auf den Tourismus, welche ebenfalls den Körper und seine Sinne in den Fokus stellt (EDENSOR 2009, S. 308). Tätigkeiten wie Bergsteigen und Klettern zählen neben einfachen Wanderungen, Gleitschirmspringen, Wildwasserschwimmen, Bungee-Springen, Schachspielen, Operieren und Programmieren zu solchen, die, sobald sie ausgeführt werden, das Potential haben Genuss zu induzieren. Kennzeichen dieses Genusses ist hierbei, dass der Handelnde so stark auf seine Tätigkeit konzentriert ist, dass er sein Zeitgefühl verliert und Denken und Handeln zu einer Einheit verschmelzen. Mihaly Csikszentmihalyi13 spricht vom ˈFlowˈ. Der Begriff des Flows entstammt einem Bericht eines Bergsteigers, der sich über seine innere Befriedigung und das Gefühl der Kontinuität während des Kletterns wie folgt äußert:

„Der Zweck dieses Fließens ist, im Fließen zu bleiben, nicht Höhepunkte oder utopische Ziele zu suchen, sondern im ˈflowˈ zu bleiben. Es ist keine Aufwärtsbewegung, sondern ein kontinuierliches Fließen; aufwärts klettert man nur, um den ˈflowˈ in Gang zu halten. Es gibt keine andere Begründung für das Klettern, als das Klettern selbst; es ist eine Selbstkommunikation“ (CSIKSZENTMIHALYI 1985, S. 73).

Im Deutschen sprechen viele Forscher von einem ˈFlow-Erlebnisˈ. Es handelt sich hierbei folglich um eine Form von intrinsischer Motivation, bei der sich entsprechende Erfolgsund Glückserlebnisse einstellen. Nach extremer körperlicher Anstrengung und Belastung werden die Sinne des Handelnden besonders angeregt. Denken und Handeln verschmelzen im Folgenden zu einer Einheit, zu einem Genuss. Hierbei fluten Endorphine den Körper (ANFT 1993, S. 141f., BRAUN 1993, S. 205; GLEICH 1998, S. 192; HENNIG 1997, S. 111; MUNDT 2013, S. 137; STEINECKE 2011, S.48, 127). Das Gefühl der Freude, Begeisterung, die starke Konzentration auf relevante Reize, die Tätigkeit als Herausforderung, das Gleichgewicht von Anforderung und Können, die Kontrolle, die Prozesshaftigkeit, die Bewegung im Fluss, der Verlust des Gefühls für Zeit und Raum, das seltene Vergessen der Alltagssorgen sowie die Transzendenz, Verschmelzungserfahrung als auch der Wunsch nach Wiederholung sieht Anft als ˈFlow-Erlebniskomponentenˈ (ANFT 1993, S. 142).

In seltenen Fällen steigert sich diese völlige Hingabe bis zur Erfahrung von ˈsinnlicher Transzendenzˈ. Selbstkommunikation kann auf diese Weise in besonderer Art erfahren werden. Die Spannungsfelder zwischen Natur- und Gemeinschaftserlebnis, Erholung und Risiko, Stimulierung und ˈThrillˈ sowie das Zeiterleben in der Steigerung des physiologischen und psychologischen Stresserlebens spielen hierbei eine Rolle (AnFT und HEß 1993, S. 351f.; LEED 1993, S. 91; MILLER 1993, S. 232; STEINECKE 2006, S. 49).

Das ˈZeiterlebenˈ kann dabei auf emotionaler Ebene subjektiv erlebt werden, z.B. in Form des Flows oder aber auch der Langeweile. Während der Flow Einfluss auf die objektive Dauer wie z.B. den Tag-und-Nacht-Rhythmus oder einen von der Aktivität bestimmten Rhythmus hat, kennzeichnet Langeweile das innere Erleben. Sie wird vom Individuum bezogen auf das innere Erleben als ˈleere Zeitˈ und äußerlich als ˈleeres Geschehenˈ sowie ˈals das Ergebnis von Ereignislosigkeitˈ angesehen (MILLER 1993, S. 232) 14.

4 Untersuchungsmethode

Die Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2000) ist ein Verfahren zur systematischen Textanalyse, welche regelgeleitet und nachvollziehbar Materialien auf eine Fragestellung hin interpretiert und auswertet. Das zentrale Instrument zur Darstellung des Materials ist ein Kategoriensystem. Hierbei wird zwischen deduktiver Kategorienanwendung und induktiver Kategorienentwicklung je nach Ausrichtungsschwerpunkt differenziert. Diese beiden Verfahren können sowohl einzeln angewandt als auch kombiniert werden, sodass sich auch mehrere Kategoriensysteme ergeben können. Der Begriff „kategoriengeleitete Textanalyse“, so Mayring selbst, sei daher zutreffender (MAYRING 2010, S. 13).

Mayrings vorgeschlagene Arbeitsschritte dienen dabei grundsätzlich als Hilfestellung,

sollten aber gegebenenfalls angepasst werden (vgl. MAYRING 2007):

1. Festlegung des Materials
2. Analyse der Entstehungssituation
3. Formale Charakteristika des Materials
4. Richtung der Analyse bestimmen
5. Theoriegeleitete Differenzierung der Fragestellung
6. Bestimmung der Analysetechniken, Festlegung des konkreten Ablaufmodells
7. Definition der Analyseeinheiten
8. Analyseschritte mittels des Kategoriensystems: Zusammenfassung, Explikation, Strukturierung; Rücküberprüfung des Kategoriensystems an Theorie und Material
9. Interpretation der Ergebnisse in Richtung der Fragestellung; Anwendung der inhaltsanalytischen Gütekriterien

Bei der Beschreibung des Ausgangsmaterials empfiehlt Mayring die Entstehungssituation zu analysieren sowie formale Charakteristika miteinzubeziehen (vgl. Arbeitsschritt 1-3). Bei der Bestimmung der Richtung der Analyse werden der Fokus der Inhaltsanalyse festlegt sowie eine Fragestellung herausgearbeitet (vgl. Arbeitsschritt 4-5). Im Folgenden wird die zur Kategorienbildung notwendige Analysetechnik bestimmt.

Bei der deduktiven Kategorienbildung liegen schon vorher festgelegte, theoretisch begründete Auswertungsaspekte im Vordergrund. Entsprechend der ˈStrukturierungˈ als Analysetechnik erfolgen zunächst die Definitionen der Kategorien, die Bestimmung von Ankerbeispielen sowie das Aufstellen von Kodierregeln auf Basis einer theoretischen Grundlage. Im Anschluss wird dieses vorab gebildete Kategoriensystem dann ˈvon oben nach untenˈ am Material angewandt, sodass dieses Verfahren auch als ein ˈtop-downˈProzess angesehen wird.

Bei der induktiven Kategorienentwicklung werden die Kategorien ˈvon unten nach obenˈ, also ˈbottom-upˈ, entwickelt. Hierbei stehen die ˈZusammenfassungˈ und die ˈExplikationˈ als Analysetechniken zur Wahl. Durch Paraphrasierung wird das Material zusammengefasst und Kategorien aus dem Sinngehalt der Textstellen abgeleitet. Eine Kategorienbildung erfolgt erst am Ende.

Im Falle einer Kombination beider Verfahren, kann sowohl zunächst deduktiv als auch induktiv gearbeitet werden, ehe das jeweils andere Verfahren angeschlossen wird. Mayring empfiehlt in jedem Fall ein konkretes Ablaufmodell festzulegen (vgl. Arbeitsschritt 6). Zur Definition der Analyseeinheiten stehen die drei angesprochenen Verfahren zur Wahl: die Strukturierung, die Explikation sowie die Zusammenfassung. Alle drei Verfahren kön- nen auch gleichzeitig Bestandteil einer einzigen Inhaltsanalyse sein, sie schließen sich gegenseitig nicht aus und können frei kombiniert werden. Bei der ˈStrukturierungˈ sollen bestimmte Aspekte aus dem Material herausgefiltert und ein Kategoriensystem mit Kategorien, Ankerbeispielen (konkrete Textstellen, die eine Kategorie prototypisch beschreiben) und Kodierregeln (dienen der eindeutigen Zuordnung von Textstellen) erstellt werden. Hierzu werden die Kategorien von der Theorie abgeleitet und definiert. Die ˈExplikationˈ wird als Verfahren herangezogen um unverständliche Textstellen zu erklären. Hierzu wird zusätzliches Material, entweder aus benachbarten Textstellen (enge Explikation), oder aus anderen Quellen (weite Explikation) herangezogen. Die ˈZusammenfassungˈ hat eine Reduktion des Materials unter Erhaltung der wesentlichen Aspekte als Ziel. Selektionskriterien, welche vorab auf Grundlage der Fragestellung und der Literaturanalyse erstellt wurden, werden bei der Analyse des Textmaterials berücksichtigt. Hierbei werden inhaltstragende Textstellen paraphrasiert. Paraphrasen entstehen durch Kürzung des Inhalts, ausschmückende Textphrasen entfallen dabei. Durch Reduktion werden die Paraphrasen schließlich zu Kategorien zusammengefasst. Die Bezeichnung der Kategorie ist dabei meist ein Begriff oder Wort und entstammt oft dem Text (vgl. Arbeitsschritt 7).

Im Anschluss erfolgt eine iterative Überarbeitung des jeweiligen Kategoriensystems, sodass eine Nachvollziehbarkeit gegeben ist (vgl. Arbeitsschritt 8). Im Falle der Kombination des deduktiven und induktiven Verfahrens stellt die Anwendung der jeweils kombinierten Methode ebenfalls eine solche Überarbeitung des jeweiligen Kategoriensystems dar. Textstellen, die sich nicht in das bisher erhobene Kategoriensystem einordnen lassen, erfordern die Bildung von neuen Kategorien (vgl. induktive Kategorienentwicklung). Abschließend erfolgt unter Anwendung des Kategoriensystems und unter Berücksichtigung der Theorie und Fragestellung bzw. der Literaturanalyse und Fragestellung die Auswertung und Interpretation des Materials (vgl. Arbeitsschritt 9). Hierbei werden die inhaltsanalytischen Gütekriterien, wie Objektivität, Reliabilität und Validität berücksichtigt (vgl. MAYRING 2000; ebd. 2007; RAMSENTHALER 2013, S. 23-42).

[...]


1 siehe Anhang: Kurzer Abriss über die Entwicklung des Reisens in der Literatur

2 siehe Anhang: Motivgenese

3 siehe Anhang: Definitionen zu den Schlüsselwörtern ˈSinnˈ und ˈReiseˈ

4 ReiseAnalyse im Folgenden abgekürzt: RA

5 Diplom-Psychologe und Inhaber des Instituts für Verhaltensanalyse in München (*1976)

6 deutscher Psychologe und Hochschullehrer(1926-1988)

7 emeritierter Professor für Psychologie und Psychiatrie der Ohio State University (*1947)

8 Begründer der humanistischen Psychologie (1908-1970)

9 deutsch-luxemburgischer Journalist und Professor für Psychologie (*1944)

10 römischer Historiker (etwa 23-79 n. Chr.)

11 ˈMemorabiliaˈ, ˈinsigniaˈ, ˈcuriosaˈ, ˈvisu ac scitu dignaˈ, das ˈMerkwürdigeˈ, ˈ uffallendeˈ, ˈKurioseˈ,

ˈSehens-ˈ und ˈWissenswerteˈ, gelten bis dato als „Phänomene, die sich durch ihre Besonderheit aus dem Erfahrungsraum abhoben und sich der ufmerksamkeit aufdrängten“ (STAGL 1992, S. 146).

12 Nähere Information zur Theorie der nicht-alltäglichen Welt und dem Konzept Authentizität: siehe Anhang

13 US-amerikanischer Psychologe (*1934)

14 Nähere Informationen zum Zeiterleben siehe Anhang.

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Sinn einer Reise. Erleben als touristisches Motiv in der Literatur vor 1800
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Mathematisch-Naturwissenschaftlichen-Fakultät)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
75
Katalognummer
V371938
ISBN (eBook)
9783668497825
ISBN (Buch)
9783668497832
Dateigröße
1540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erleben, Erlebnis, Motiv, Motivation, Theorie der Reisetriebe, Neugier, Entdeckungsdrang, Fluchttheorie, Modell der Konträr- und Komplementärhaltung, Flow, Deduktive Kategorienbildung, Deduktive Kategorienanwendung, Literarische Analyse, Petrarca, Robinson der Jüngere
Arbeit zitieren
Erla Schweitzer (Autor), 2017, Sinn einer Reise. Erleben als touristisches Motiv in der Literatur vor 1800, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371938

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